Stadtecho Bam­berg – Fragebogen

Das Stadtecho fragt – Vic­to­ria Weich antwortet

10 Min. zu lesen
Victoria Weich, Foto: ETA Hoffmann Theater
In jeder Aus­ga­be des Stadtechos legen wir einer Bam­ber­ger Per­sön­lich­keit einen Fra­ge­bo­gen vor. Dies­mal hat Vic­to­ria Weich die Fra­gen beant­wor­tet. Ab der Spiel­zeit 2021/​/​2022 ist sie Lei­ten­de Dra­ma­tur­gin am ETA Hoff­mann Theater.

Frau Weich, was braucht gutes Theater?

Ein poli­tisch geschärf­tes und dem Uner­klär­li­chen zuge­wand­tes Bewusst­sein. Die Lie­be zur Schau­spiel­kunst und zur Lite­ra­tur. Einen Platz in der Stadt. Talen­te. Geld.


Was mögen Sie am Theater?

Dass Schrei­ne­rin­nen, Schlos­ser, Mas­ken­bild­ner, Male­rin­nen, Schau­spie­ler und Regis­seu­rin­nen unter einem Dach und für eine gemein­sa­me Sache arbei­ten. Dass wir das Publi­kum mit unse­rer Kunst erfreu­en, berüh­ren, wütend machen oder zur Refle­xi­on auf­for­dern dür­fen und damit ein Teil einer leben­di­gen Gesell­schaft sind. Dass ich mich in mei­nem Beruf um lite­ra­ri­sche, künst­le­ri­sche, phi­lo­so­phi­sche, sozia­le, poli­ti­sche, musi­ka­li­sche und emo­tio­na­le Inhal­te küm­mern darf – das macht mich demü­tig und glück­lich. Dass es hier mal inten­siv, laut und wild zugeht, wir nach­denk­lich, prä­zi­se und für uns sein kön­nen. Die Auf­re­gung vor Pre­mie­ren! Das Stim­men­ge­wirr im Foy­er! Das Gefühl, mit der Kunst und an der Welt gemein­sam ler­nen zu können.


Wel­ches Buch haben Sie zuletzt nicht zu Ende gelesen?

Vor „Unend­li­cher Spaß“ von David Fos­ter Wal­lace habe ich nach einem Drit­tel kapi­tu­liert; bis heu­te schaue ich mit Reue auf den Buch­rü­cken in mei­nem Regal und muss mit lau­ter losen Enden der Erzäh­lung leben. Nor­ma­ler­wei­se bin ich aber streng und lese zu Ende.


Zah­len Sie gern Rundfunkgebühren?

Ja, unbe­dingt. Pri­vat wie beruf­lich bin ich ange­wie­sen auf unab­hän­gi­ge Bericht­erstat­tung und zum Bei­spiel Fea­tures über das Leben am ande­ren Ende der Welt.


Töten Sie Insekten?

Nur wenn sie mich sehr stö­ren. Spin­nen und ande­re Krab­bel­tie­re tra­ge ich nach drau­ßen, Mücken und Mot­ten müs­sen dran glauben.


Darf man in Ihrem Schlaf­zim­mer rauchen?

Ver­bo­ten ist bei mir sehr wenig.


Wie vie­le Apps sind auf Ihrem Smart­pho­ne? Wel­che benut­zen Sie am meisten?

63, das Meis­te – und Meist­ge­nutz­te – ist Orga­ni­sa­to­ri­sches wie die DB App, Mails, natür­lich diver­se Mes­sen­ger und Instagram.


Wovon waren Sie zuletzt überrascht?

Beim CSD in Bam­berg waren dop­pelt so vie­le Men­schen wie ange­dacht – ist das nicht eine tol­le Überraschung?


Was ist Ihr größ­ter Wunsch?

Selbst­stän­dig und inte­ger han­deln und gleich­zei­tig lang­fris­ti­ge, tie­fe Bezie­hun­gen hal­ten zu können.


Wie sieht ein per­fek­ter Tag für Sie aus?

Früh auf­wa­chen, lesen und allein sein, wäh­rend alles noch schläft. Viel­leicht schwim­men, fla­nie­ren oder in die Natur gucken. Abends ein rau­schen­des Din­ner mit Freund*innen, ein fas­zi­nie­ren­der Thea­ter­abend, und im Moment ganz drin­gend: nachts in einen Club oder eine voll­ge­stopf­te Bar.


Wor­über haben Sie sich zuletzt geärgert?

Oh, über Armin Laschet. Dass die CDU sich öffent­lich dazu bekennt, mit der AfD einer Mei­nung zu sein, er null Kon­se­quen­zen erfährt, wäh­rend Anna­le­na Baer­bock kaum zu Inhal­ten kommt, weil sie von einem Dreck in den nächs­ten gezo­gen wird. Miso­gy­nie at its best.


Wovor haben Sie Angst?

Ich habe Angst vor Wis­sen­schafts­feind­lich­keit im Dis­kurs, vor dem Ver­lust der Fähig­keit zur Dia­lek­tik; dass wir Men­schen die Erde und das gesell­schaft­li­che Gefü­ge zer­stö­ren, weil lebens­feind­li­che, kapi­ta­lis­ti­sche Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den. Vor Kunstfeindlichkeit.


Wel­chen Luxus leis­ten Sie sich?

Ich über­le­ge nicht mehr, ob ich mir die­ses oder jenes Buch leis­ten kann – ich kau­fe es ein­fach. In der Mit­tags­pau­se ins Hain­bad gehen ist Luxus, geho­ben Essen­ge­hen auch. Und mir radi­kal Zeit neh­men für wich­ti­ge Men­schen ist – in die­sem Job – manch­mal Luxus, der aber sein muss.


Haben Sie ein Lieblingsgeräusch?

Eine lau­fen­de Spül­ma­schi­ne, die Schrit­te der Per­son im Trep­pen­haus, auf die man war­tet, das Öff­nen von Klettverschluss.


Wann haben Sie zuletzt geflirtet?

Letz­te Woche mit mei­ner Lieblingsbäckerin.


Wann und war­um hat­ten Sie zum letz­ten Mal Ärger mit der Polizei?

Ich ken­ne die Poli­zei haupt­säch­lich von Demons­tra­tio­nen. Fried­lich in Köln bei „bunt statt braun“ oder Tanz­de­mos stan­den wir behelm­ten und berit­te­nen Polizist*innen gegen­über, das hat sich teil­wei­se ange­spannt ange­fühlt; staat­lich aus­ge­führ­te Gewalt wur­de kör­per­li­cher erfahr­bar, aber Ärger hat­te ich zum Glück nicht.

Was war Ihr schöns­ter Theatermoment?

Unser Ensem­ble (bei Pre­mie­ren beson­ders) auf der Büh­ne zu sehen, ist immer wie­der ein schöns­ter Moment, der mich stolz macht. Jeder Thea­ter­mo­ment birgt die Mög­lich­keit, mich neu zu fas­zi­nie­ren – das ist ein Geschenk. 


Mit wel­cher gro­ßen Thea­ter­re­gis­seu­rin oder wel­chem gro­ßen Thea­ter­re­gis­seur kön­nen Sie gar nichts anfangen?

„Gro­ße“ Thea­ter­re­gis­seu­re – es sind ja dann doch bis dato vie­le Män­ner – haben ihre Büh­nen­spra­che gefun­den und kön­nen an sehr gut aus­ge­stat­te­ten Häu­sern mit fas­zi­nie­ren­den Künstler*innen arbei­ten. Das ist kein Garant für gutes Thea­ter, aber der Respekt und die Bewun­de­rung über­wie­gen bei mir trotz­dem. Cas­torf fin­det nach bewähr­tem Prin­zip kein Ende in ewi­gen Erzähl­schlei­fen, die mich irgend­wann lang­wei­len. Dafür gibt es viel­leicht die eine Schau­spie­le­rin, die an die Ram­pe tritt, und mir mit ihrer Stim­me und ihrer Sprach­be­hand­lung die Schu­he aus­zieht. Mir hat mal eine klu­ge Kol­le­gin gera­ten, wenn ich nicht wis­se, was ich mit dem Abend anfan­gen soll, kön­ne ich doch ganz genau beob­ach­ten, was wer wie macht. Das kann dazu füh­ren, dass ich eine Auf­füh­rung dann trotz­dem nicht lei­den kann. Aber mit dem Abend eine Über­le­gung, eine Beob­ach­tung oder eine Hal­tung zu üben, das fin­de ich für mich selbst immer erstrebenswert.


Was ist Ihre schlech­tes­te Angewohnheit?

Zuwei­len befällt mich die inne­re Bes­ser­wis­se­rin. Ich bin mir zum Bei­spiel sehr sicher, dass ich weiß, wie Möh­ren zu schnei­den sind, oder ab und zu wie über­haupt die Din­ge lau­fen sol­len. Mit die­ser Möh­ren­schnitt­dik­ta­to­rin möch­ten Sie sicher nicht kochen!


Wel­che Feh­ler ent­schul­di­gen Sie am ehesten?

Ein­ge­stan­de­ne Feh­ler eh, und sonst: Die meis­ten Din­ge, die schief­lau­fen, sind mul­ti­fak­to­ri­ell schief gelau­fen, also muss ich dem Miss­lun­ge­nen wohl auch bei mir selbst auf den Grund gehen.


Ihre Lieb­lings­tu­gend?

Groß­zü­gig­keit, vor allem im Miteinander.


Ihr Haupt­cha­rak­ter­zug?

Begeis­te­rungs­fä­hig­keit oder Ernst­haf­tig­keit, abwech­selnd und gleichzeitig.


Was mögen Sie an sich gar nicht?

Naja, die Möh­ren­schnitt­dik­ta­to­rin, die könn­te sich mal entspannen!


Haben Sie ein Vorbild?

Caro­lin Emcke wegen ihrer ver­söhn­li­chen und gleich­zei­tig ent­schie­de­nen Analysen.


Was lesen Sie gerade?

„Minis­te­ri­um der Träu­me“ von Hen­g­ameh Yag­hoo­bi­fa­rah, „Schreib­tisch mit Aus­sicht“ mit Tex­ten von diver­sen Schrift­stel­le­rin­nen, die mich beglei­ten: Siri Hust­ve­dt, Joan Didion, Ele­na Fer­ran­te und Elfri­de Jelinek.


Wel­che Musik hören Sie nur heimlich?

Das gibt´s nichts zu ver­heim­li­chen, ich habe auch manch­mal mit Schla­gern und Köl­schem Lied­gut Spaß!


Was ist Ihr liebs­tes Smalltalk-Thema?

Klatsch und Tratsch aus der Gla­mour­welt. Aber lei­der bin ich immer viel zu schlecht dar­über informiert.


Mit wem wür­den Sie ger­ne eine Nacht durchzechen?

Sus­an Sontag.


Wovon haben Sie kei­ne Ahnung?

Oh, von vie­lem! Ich fin­de vor allem ärger­lich, dass ich kei­ne Ahnung von Geld­an­la­gen, Autos und Tür­kisch habe.


Was fin­den Sie langweilig?

Inzwi­schen: Spazierengehen!


Was ist Ihre Vor­stel­lung von Hölle?

Wenn es einen spi­ri­tu­el­len Welt­zu­sam­men­hang gibt, gibt es defi­ni­tiv kei­ne Höl­le. Auf der Erde ist es für man­che und manch­mal schlimm genug.


Wie glau­ben Sie, wür­de Ihr Pen­dant von vor zehn Jah­ren auf Ihr heu­ti­ges Ich reagieren?

Über­rascht, dass zehn Jah­re so viel aus­ma­chen. Glück­lich, dass ich mich geoutet habe. Erleich­tert, dass Erwach­sen­sein heißt, dass man unab­hän­gi­ger wird. Berührt, dass die Freund­schaf­ten gehal­ten haben. Ein biss­chen stolz, dass ich am Thea­ter gelan­det bin.


Ich kann nicht leben ohne…

Ande­re.


Sind Sie Tän­ze­rin oder Steherin?

Tän­ze­rin!


Wel­ches Pro­blem wer­den Sie in die­sem Leben nicht mehr in den Griff bekommen?

Ich wäre ja schön blöd, wenn ich jetzt schon kapi­tu­lie­ren würde…


Das Stadtecho gibt eine Run­de aus.
Was trin­ken Sie?

Ist es die ersehn­te Bar? Dann einen Whis­ky Sour.


Vic­to­ria Weich, Lei­ten­de Dra­ma­tur­gin am ETA Hoff­mann Thea­ter, Juli 2021.


https://theater.bamberg.de/

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