Baye­ri­sche Demenzstrategie

Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Oberfranken

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Patricia Reinhardt, Kerstin Hoffmann und Ute Hopperdietzel von der Fachstelle für Demenz und Pflege Oberfranken
Von links: Patricia Reinhardt, Kerstin Hoffmann und Ute Hopperdietzel von der Fachstelle für Demenz und Pflege Oberfranken, Foto: Gerd Klemenz
Auf­grund des immer höher wer­den­den Alters­durch­schnitts in Deutsch­land neh­men die Zah­len von Erkran­kun­gen, die ver­mehrt im Alter auf­tre­ten, zu: Demen­z­er­kran­kun­gen wie die Alz­hei­mer-Krank­heit ver­än­dern kogni­ti­ve, emo­tio­na­le und sozia­le Fähig­kei­ten und sind nicht heil­bar. 2013 rief das Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit und Pfle­ge die Baye­ri­sche Demenz­stra­te­gie ins Leben, um dem genann­ten Anstieg aus­rei­chend Pfle­ge-Struk­tu­ren ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen. Ein Teil die­ser Stra­te­gie sah die Erschaf­fung von Fach­stel­len für Demenz und Pfle­ge in allen baye­ri­schen Regie­rungs­be­zir­ken vor. Die Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Ober­fran­ken ist eine davon. Wir haben mit Patri­cia Rein­hardt, Geron­to­lo­gin der Fach­stel­le, über stei­gen­de Erkran­kungs­zah­len, die Gren­zen pri­va­ter Pfle­ge und die Mög­lich­kei­ten der Prä­ven­ti­on von Demen­z­er­kran­kun­gen gesprochen.
Frau Rein­hardt, wor­in besteht das Hilfs­an­ge­bot der Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Oberfranken?

Patri­cia Rein­hardt: Die Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Ober­fran­ken bie­tet pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen und ihren Ange­hö­ri­gen in unse­rer Lot­sen­funk­ti­on zum Bei­spiel Assis­tenz bei der Suche nach Bera­tungs­stel­len, inter­es­sier­ten Trä­gern von aner­kann­ten Ange­bo­ten zur Unter­stüt­zung im All­tag unter ande­rem Bera­tung im För­der­ver­fah­ren oder die Beglei­tung bei Initi­ie­rung und Umset­zung neu­er Ange­bo­te. Inter­es­sier­ten Trä­gern von Fach­stel­len für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge und Pfle­ge­stütz­punk­ten bie­ten wir stra­te­gi­sche Bera­tung zum Auf­bau und zudem regel­mä­ßi­ge Aus­tausch- und Ver­net­zungs­tref­fen. Akteu­rIn­nen des öffent­li­chen Lebens im Bereich Demenz kön­nen von uns Unter­stüt­zung bei der Durch­füh­rung von Ver­an­stal­tun­gen zum The­ma Demenz oder Infor­ma­tio­nen über Schu­lun­gen, Work­shops, wie auch regio­na­le Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen erhalten.

Die Fall­zah­len Demen­z­er­krank­ter neh­men auf­grund einer immer älter wer­den­den Gesell­schaft in Zukunft noch zu. Wie ist die Fach­stel­le dar­auf vorbereitet?

Patri­cia Rein­hardt: Etwa 24.000 Men­schen sind momen­tan ober­fran­ken­weit an Demenz erkrankt. Ein Anstieg der Anzahl demen­ti­ell Erkrank­ter im Bezirk Ober­fran­ken wird für das Jahr 2030 auf 30.000 betrof­fe­ne Per­so­nen pro­gnos­ti­ziert. Ober­fran­ken könn­te die­sen Anstieg also deut­lich zu spü­ren bekom­men, ist flä­chen­mä­ßig der kleins­te Regie­rungs­be­zirk Bay­erns und hat zudem die gerings­te Ein­woh­ner­zahl. Aller­dings leben hier ver­gleichs­wei­se vie­le älte­re Men­schen. Da Demen­z­er­kran­kun­gen zum größ­ten Teil im höhe­ren Lebens­al­ter auf­tre­ten, ist der Anteil von Men­schen mit demen­ti­el­len Ver­än­de­run­gen in Ober­fran­ken über­durch­schnitt­lich hoch.

Durch dyna­mi­sche Anpas­sung der Ange­bots­in­hal­te der Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Ober­fran­ken und Schaf­fung von blei­ben­den Struk­tu­ren im Ange­bot zur Unter­stüt­zung im All­tag, ist die Stel­le für die Zukunft gerüs­tet. Die Fach­stel­le Ober­fran­ken ist gut im Ver­bund der Fach­stel­len für Demenz und Pfle­ge in Bay­ern ein­ge­bun­den, die in enger Abspra­che mit Staats­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit und Pfle­ge und den Pfle­ge­kas­sen arbei­ten. Sie ist ein Bestand­teil der Baye­ri­schen Demenzstrategie.

Bay­ern hat ein weit ver­brei­te­tes Netz­werk an Fach­stel­len und Pfle­ge­stütz­punk­ten. Rei­chen die­se aus, um alle Kran­ken ver­sor­gen zu können?

Patri­cia Rein­hardt: Es ist wich­tig, ein flä­chen­de­cken­des Netz an Bera­tungs­struk­tu­ren zu haben. So kann die indi­vi­du­el­le Ver­sor­gungs­struk­tur für Betrof­fe­ne und deren pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge ana­ly­siert und ange­bahnt wer­den. Bei Erhalt der Fach­stel­len für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge und der bestehen­den Pfle­ge­stütz­punk­te, ist eine regio­na­le Ver­net­zung neben dem Auf­bau wei­te­rer Trä­ger­an­ge­bo­te in die­sen bei­den Berei­chen sin­nig. Ein weit ver­brei­te­tes Netz an Fach­stel­len und Pfle­ge­stütz­punk­ten, sin­gu­lär oder in Koope­ra­ti­on, sichert die Bera­tung für Betrof­fe­ne und deren Ange­hö­ri­ge. Die regio­na­len Fach­stel­len für Demenz und Pfle­ge in Bay­ern ste­hen sowohl Fach­stel­len für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge als auch Pfle­ge­stütz­punk­ten bera­tend zur Seite.

Wie vie­le Demenz­kran­ke wer­den pri­vat gepflegt?

Patri­cia Rein­hardt: Rund drei Vier­tel der an Demenz Erkrank­ten wird zu Hau­se betreut und ver­sorgt. Dazu bedarf es enga­gier­ter pfle­gen­der Ange­hö­ri­ger, die ihrer­seits auf Ent­las­tungs­struk­tu­ren Zugriff haben soll­ten. Bestehen­de Ange­bo­te zur Unter­stüt­zung im All­tag zu stär­ken und feh­len­de Ange­bo­te zu gene­rie­ren, ist ein Teil der Auf­ga­be der Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Oberfranken.

Was kön­nen Ange­hö­ri­ge von Demenz­kran­ken zu deren Pfle­ge selbst tun, was soll­ten sie pro­fes­sio­nel­len Kräf­ten über­las­sen? Wor­auf gilt es bei pri­va­ter Pfle­ge zu achten?

Patri­cia Rein­hardt: Jeder Ange­hö­ri­ge ist ein Mensch. Jeder Mensch erbringt unter­schied­li­che Leis­tun­gen. Eine pau­scha­le Aus­sa­ge ist kaum mög­lich. Den Ange­hö­ri­gen ist einer­seits zu raten, sich selbst immer im Blick zu haben. Ande­rer­seits ist es sinn­voll, sich ab Bekannt­wer­den der Dia­gno­se Demenz über bestehen­de Bera­tungs­struk­tu­ren zum The­ma „Häus­li­che Pfle­ge, Ver­sor­gung und Unter­stüt­zung bei Demenz eines Ange­hö­ri­gen“ oder prin­zi­pi­ell zur häus­li­chen Pfle­ge eines pfle­ge­be­dürf­ti­gen Ange­hö­ri­gen umfas­send auf­klä­ren zu las­sen. Ger­ne ste­hen die Mit­ar­bei­te­rin­nen der Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Ober­fran­ken hier­bei als Lot­sin­nen bereit.

Wel­che Risi­ken geht man mit pri­va­ter Pfle­ge ohne Unter­stüt­zung von außen ein?

Patri­cia Rein­hardt: Die pri­va­te Pfle­ge eines Demen­z­er­krank­ten wird dann zum per­sön­li­chen Risi­ko, wenn man sich kei­ne eige­nen Frei­räu­me schafft oder sei­ne Per­sön­lich­keit voll­stän­dig auf­gibt. So berich­ten Ange­hö­ri­ge von der Sor­ge des immer ange­bun­den Seins oder der enor­men Ein­schrän­kung in per­sön­li­chen Anlie­gen. In die­sen Fäl­len droht Über­las­tung der pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen. Damit es nicht so weit kommt, müs­sen alle Unter­stüt­zungs­maß­nah­men im häus­li­chen Umfeld bekannt sein und in Anspruch genom­men wer­den. Eine Pfle­ge-Ein­gra­dung der pfle­ge­be­dürf­ti­gen Per­son ist zur finan­zi­el­len Unter­stüt­zung von Sei­ten der Pfle­ge­kas­sen und des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums bezie­hungs­wei­se des Staats­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit und Pfle­ge Bay­ern essen­ti­ell notwendig.

Möch­ten Sie durch Ihre Unter­stüt­zung auch ver­hin­dern, dass Demenz­kran­ke an Pfle­ge- oder Alten­hei­me über­ge­ben werden?

Patri­cia Rein­hardt: Die Arbeits­auf­ga­ben der Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Ober­fran­ken wer­den von einem dyna­mi­schen Pro­zess beglei­tet. Wir bera­ten im ambu­lan­ten Set­ting. Durch den Erhalt von bezie­hungs­wei­se die Imple­men­tie­rung neu­er Ange­bo­te zur Unter­stüt­zung im All­tag, möch­ten wir einen wesent­li­chen Bei­trag dazu leis­ten, dass Betrof­fe­ne so lan­ge als mög­lich zu Hau­se leben kön­nen. Auch Bera­tungs­struk­tu­ren vor Ort die­nen dem häu­fi­gen Wunsch von Pfle­ge­be­dürf­ti­gen, und meist auch deren nahen Ange­hö­ri­gen, den Lebens­abend in bekann­tem Umfeld zu verbringen.

Was kann man zur Prä­ven­ti­on einer Demen­z­er­kran­kung tun?

Patri­cia Rein­hardt: Kurz gesagt: sich gesund ernäh­ren, viel kör­per­li­che Akti­vi­tät und Sport betrei­ben, unter­schied­lichs­te sozia­le Akti­vi­tä­ten unter­neh­men, auf gute Hör­fä­hig­keit ach­ten, spe­zi­el­les kogni­ti­ves Trai­ning anwen­den und jeg­li­che Art, sich zu bil­den, wahr­neh­men. Star­ten Sie so früh wie mög­lich. Die benann­ten Punk­te könn­ten schon als Lebens­ge­wohn­hei­ten im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter Beach­tung finden.

Wel­ches gesell­schaft­li­che Bild von Demenz­kran­ken herrscht der­zeit vor? Inwie­fern möch­ten Sie es ändern?

Patri­cia Rein­hardt: Obgleich das The­ma Demenz schon in den letz­ten Jah­ren ent­ta­bui­siert wur­de, erlebt man im All­tag immer noch, dass Demen­z­er­krank­te igno­riert, falsch ver­stan­den oder wie Kin­der behan­delt wer­den. Die Fach­stel­le für Demenz und Pfle­ge Ober­fran­ken möch­te die Gesell­schaft sen­si­bi­li­sie­ren, um Unsi­cher­hei­ten zu über­brü­cken und Tat­kräf­tig­keit zu för­dern. Somit kön­nen Demen­z­er­krank­te wie­der Teil­ha­be in der Gesell­schaft erle­ben und pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge stär­ker ent­las­tet wer­den. Las­sen wir Men­schen mit Demenz Teil der Mit­te unse­rer Gesell­schaft werden.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter:

www.demenz-pflege-oberfranken.de

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