Auf dem Umweg zum Abitur

Neue Stu­die nimmt Druck aus der Schulwahl

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Studie
Das Leibniz-Institut am Wilhelmsplatz, Foto: Thomas Riese
Bun­des­weit hal­ten der­zeit Kin­der der vier­ten Klas­se ihre Über­tritts­zeug­nis­se in den Hän­den und Eltern fra­gen sich, wel­che wei­ter­füh­ren­de Schu­le die rich­ti­ge Wahl für den Nach­wuchs ist. Eine aktu­el­le Aus­wer­tung von Daten des Natio­na­len Bil­dungs­pa­nels (NEPS) zeigt: Der direk­te Weg aufs Gym­na­si­um ist längst nicht die ein­zi­ge Rou­te zum Abitur. Moti­vier­te Schü­le­rin­nen und Schü­ler ent­wi­ckeln ihre Kom­pe­ten­zen auch auf ande­ren wei­ter­füh­ren­den Schu­len ähn­lich erfolg­reich wie Gleich­alt­ri­ge am Gym­na­si­um und gelan­gen viel­fach auf alter­na­ti­ven Wegen zur Hochschulreife.

Vie­le Eltern erle­ben die Ent­schei­dung für den Über­tritt auf eine wei­ter­füh­ren­de Schu­le nach Ende der Grund­schul­zeit als Wei­chen­stel­lung fürs Leben. Doch eine neue Stu­die des Leib­niz-Insti­tuts für Bil­dungs­ver­läu­fe (LIf­Bi) auf Basis von Lang­zeit­da­ten rela­ti­viert die Sor­ge, dass Kin­der ohne Gym­na­si­al­emp­feh­lung dau­er­haft schlech­te­re Bil­dungs­chan­cen hät­ten. Die zen­tra­le Erkennt­nis: Die Kom­pe­ten­zen von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit star­kem Abitur­wunsch auf Real‑, Gesamt- oder ande­ren wei­ter­füh­ren­den Schu­len ent­wi­ckeln sich weit­ge­hend par­al­lel zu denen von Gleich­alt­ri­gen auf dem Gym­na­si­um. Gleich­zei­tig ist die Wahl der wei­ter­füh­ren­den Schu­le nur ein Schritt auf einem län­ge­ren Bil­dungs­weg, der auch auf alter­na­ti­ven Pfa­den zur Hoch­schul­rei­fe füh­ren kann.

Für die Unter­su­chung ana­ly­sier­te Bil­dungs­for­scher Dr. Felix Bitt­mann Daten des Natio­na­len Bil­dungs­pa­nels (NEPS). Beglei­tet wur­den rund 1.940 Schü­le­rin­nen und Schü­ler über einen Zeit­raum von zehn Jah­ren. Im Fokus stan­den Jugend­li­che mit einem kla­ren Abitur­wunsch bereits zu Beginn der Sekun­dar­stu­fe (Klas­se 5).


Moti­va­ti­on, Unter­stüt­zung und Ori­en­tie­rung sind ausschlaggebend

Auf der Grund­la­ge objek­ti­ver Kom­pe­tenz­tes­tun­gen in Mathe­ma­tik und Lesen ent­wi­ckeln sich moti­vier­te Kin­der, also sol­che, die das Abitur anstre­ben, unab­hän­gig von der Schul­form nahe­zu par­al­lel. „In der 5., 7., 9. und 12. Klas­se sind die Ergeb­nis­se extrem ähn­lich“, erklärt Stu­di­en­au­tor Felix Bitt­mann. Ent­schei­dend sei weni­ger die Schul­form selbst als viel­mehr Moti­va­ti­on, fami­liä­re Unter­stüt­zung und gute Ori­en­tie­rung im Bil­dungs­sys­tem. Wich­tig sei laut Bitt­mann, dass die Ent­schei­dung über die Schul­wahl zu den Bedürf­nis­sen, indi­vi­du­el­len Stär­ken und dem Ent­wick­lungs­tem­po des Kin­des passt. Kon­kret: Wer nach der 4. Klas­se noch nicht reif für das Gym­na­si­um ist, pro­fi­tiert viel­leicht noch eini­ge Zeit von einer ande­ren Lern­um­ge­bung bevor der Über­tritt gut gelingt.

Am Ende zeigt sich jedoch: Beim Abitur bestehen wei­ter­hin Unter­schie­de. Schü­le­rin­nen und Schü­ler auf dem Gym­na­si­um errei­chen den Abschluss sta­tis­tisch gese­hen mit einer um 13 Pro­zent­punk­te höhe­ren Wahr­schein­lich­keit. Bitt­mann sieht das als posi­ti­ve Nach­richt, denn frü­he­re Unter­su­chun­gen hat­ten deut­lich grö­ße­re Unter­schie­de von über 20 Pro­zent­punk­ten ver­mu­ten las­sen. „Die Sor­ge, dass der zwei­te Bil­dungs­weg durch Refor­men im Schul­sys­tem nicht genü­gend gestärkt wor­den sei, rela­ti­viert sich“, so Bittmann.


Mehr Gelas­sen­heit beim Schul­über­tritt wagen

Die Stu­die deu­tet zudem dar­auf hin, dass struk­tu­rel­le Hür­den und man­geln­de Infor­ma­tio­nen eine grö­ße­re Rol­le spie­len könn­ten als Kom­pe­tenz­un­ter­schie­de. Gera­de Fami­li­en ohne eige­ne Erfah­rung im deut­schen Bil­dungs­sys­tem oder mit Migra­ti­ons­ge­schich­te hät­ten oft hohe Bil­dungs­zie­le, sto­ßen jedoch häu­fi­ger auf Hür­den ange­sichts der Kom­ple­xi­tät der Bil­dungs­we­ge. Nach der 9. oder 10. Klas­se eröff­nen sich zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten – von Fach­ober­schu­len bis zu beruf­li­chen Gym­na­si­en –, die vie­len Eltern jedoch kaum bekannt sei­en. Des­halb müss­ten Schu­len und Lehr­kräf­te die Eltern und Jugend­li­chen früh­zei­tig über Über­gän­ge und alter­na­ti­ve Bil­dungs­we­ge infor­mie­ren und sie auf die­sen beglei­ten. Dass bei­spiels­wei­se die (Fach-)Hochschulreife auch nach­träg­lich und ohne Alters­be­schrän­kung auf Fach- und Berufs­ober­schu­len erwor­ben wer­den kann, wüss­ten vie­le Eltern nicht.

Auch wenn die Ergeb­nis­se sich nur auf Fami­li­en mit sehr hohen Bil­dungs­zie­len bezie­hen und nicht auf alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler über­trag­bar sei­en, rät Bitt­mann zu mehr Gelas­sen­heit beim Schul­über­tritt: „Der Weg ist nach der 4. Klas­se nicht in Stein gemei­ßelt – und selbst wenn es nach der 10. Klas­se noch nicht klappt, gibt es heu­te vie­le Mög­lich­kei­ten, Bil­dungs­ab­schlüs­se nach­zu­ho­len”, betont der Bildungsforscher.


Über die Studie

Für die Unter­su­chung wur­den Daten des Natio­na­len Bil­dungs­pa­nels (NEPS), der größ­ten Lang­zeit-Bil­dungs­stu­die in Deutsch­land, aus­ge­wer­tet. Die Aus­wer­tung nutz­te Daten der NEPS-Start­ko­hor­te 3 und kon­zen­trier­te sich auf Fami­li­en mit hohen Bil­dungs­aspi­ra­tio­nen. Unter­schie­de im sozia­len Hin­ter­grund und in kogni­ti­ven Grund­fä­hig­kei­ten wur­den sta­tis­tisch her­aus­ge­rech­net, um die Effek­te der Schul­form mög­lichst prä­zi­se zu vergleichen.

Die Stu­die ist unter dem Titel “Less alar­ming than assu­med: New insights on diver­si­on effects in Ger­man secon­da­ry edu­ca­ti­on” in der Fach­zeit­schrift Stu­dies in Edu­ca­tio­nal Eva­lua­ti­on erschienen. 


Über das Leib­niz-Insti­tut für Bil­dungs­ver­läu­fe (LIf­Bi)

Das Leib­niz-Insti­tut für Bil­dungs­ver­läu­fe (LIf­Bi) in Bam­berg unter­sucht Bil­dungs­pro­zes­se von der Geburt bis ins hohe Erwach­se­nen­al­ter. Um die bil­dungs­wis­sen­schaft­li­che Längs­schnittforschung in Deutsch­land zu för­dern, stellt das LIf­Bi eine grund­le­gen­de, über­re­gio­nal und inter­na­tio­nal bedeut­sa­me, for­schungs­ba­sier­te Infra­struk­tur für die empi­ri­sche Bil­dungs­for­schung zur Ver­fü­gung. Kern des Insti­tuts ist das Natio­na­le Bil­dungs­pa­nel (NEPS), das am LIf­Bi behei­ma­tet ist und die Exper­ti­se eines deutsch­land­wei­ten, inter­dis­zi­pli­nä­ren Exzel­lenz­netz­werks vereint.

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