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Deindustrialisierung

Ener­gie­wen­de-Baro­me­ter der IHK: Betrie­be ver­la­gern ins Ausland

Deindus­tria­li­sie­rung Ober­fran­kens setzt sich fort

Jedes vier­te Mit­glieds­un­ter­neh­men der IHK für Ober­fran­ken Bay­reuth ver­la­gert Kapa­zi­tä­ten ins Aus­land oder plant die­sen Schritt. In der Indus­trie ist es sogar jedes drit­te Unter­neh­men. Nach Ein­schät­zung der IHK ist dies nicht zuletzt eine Fol­ge der aktu­el­len Energiepolitik.

„Solan­ge die Ener­gie­prei­se inter­na­tio­nal zu den höchs­ten gehö­ren und unse­re Unter­neh­men durch über­bor­den­de Büro­kra­tie, lang­sa­me Pla­nungs- und Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren sowie feh­len­de Plan­bar­keit und Ver­läss­lich­keit in der Ener­gie­po­li­tik aus­ge­bremst wer­den, wird es auch kei­ne Trend­wen­de geben”, macht Dr. Micha­el Waas­ner deut­lich, Prä­si­dent der IHK für Ober­fran­ken Bayreuth.


Wett­be­werbs­fä­hig­keit unter Druck

35 Pro­zent der befrag­ten Unter­neh­men sehen ihre Wett­be­werbs­fä­hig­keit durch die Ener­gie­wen­de nega­tiv beein­flusst, 26 Pro­zent bewer­ten die Aus­wir­kun­gen positiv.

„Die hohen Aus­ga­ben für Strom und Gas brem­sen vie­le Unter­neh­men bei ihren Inves­ti­tio­nen aus“, erklärt Johan­nes Neu­pert, Ener­gie­re­fe­rent der IHK für Ober­fran­ken Bay­reuth. 28 Pro­zent der Unter­neh­men schie­ben Inves­ti­tio­nen in ihren Kern­pro­zes­se auf, 23 Pro­zent Inves­ti­tio­nen in Kli­ma­schutz­maß­nah­men, 11 Pro­zent Inves­ti­tio­nen in For­schung und Inno­va­ti­on. 43 Pro­zent der Befrag­ten sehen auf­grund der hohen Ener­gie­prei­se sogar die Wett­be­werbs­fä­hig­keit ihres Unter­neh­mens am Stand­ort Deutsch­land gefähr­det. „Was heu­te nicht inves­tiert wird, fehlt mor­gen an Sub­stanz“, so Neupert.


Spa­ren gehört längst zum Alltag

Trotz aller Belas­tun­gen zeigt die Umfra­ge auch, wie sehr der spar­sa­me Umgang mit Res­sour­cen längst zur DNA der Unter­neh­men gehört. Bei 96 Pro­zent der Unter­neh­men ist die Bedeu­tung von Ener­gie­ein­spa­run­gen im ver­gan­ge­nen Jahr gestie­gen oder min­des­tens gleich­ge­blie­ben. Effi­zi­enz ist für unse­re Betrie­be längst All­tag, nicht erst seit der aktu­el­len Debat­te, ord­net Neu­pert ein. Gleich­zei­tig spü­ren 42 Pro­zent der Unter­neh­men stär­ke­re Schwan­kun­gen bei den Ener­gie­prei­sen als noch vor einem Jahr, was Pla­nung und Kal­ku­la­ti­on erschwert.


IHK for­dert Tem­po und Verlässlichkeit

Als größ­te Hin­der­nis­se bei ihren Trans­for­ma­ti­ons­be­mü­hun­gen für mehr Kli­ma­schutz sehen die Unter­neh­men büro­kra­ti­sche Hemm­nis­se (70 Pro­zent), lang­sa­me Pla­nungs- und Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren (58 Pro­zent) und feh­len­de Plan­bar­keit und Ver­läss­lich­keit in der Ener­gie­po­li­tik (51 Pro­zent), hin­zu kom­men eine schwie­ri­ge Finan­zie­rung und hohe Ener­gie­prei­se. Jedes zehn­te Unter­neh­men wird bei sei­nen Trans­for­ma­ti­ons­be­mü­hun­gen zudem durch den Fach­kräf­te­man­gel ausgebremst.

„Wenn über zwei Drit­tel unse­rer Unter­neh­men die Büro­kra­tie und über die Hälf­te lang­sa­me Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren als größ­te Hemm­nis­se nen­nen, liegt die Ver­ant­wor­tung klar beim Staat. Genau dort muss die Poli­tik jetzt anset­zen und deut­lich schnel­ler wer­den”, macht Dr. Waas­ner deutlich.


Soll die Ener­gie­wen­de gelin­gen, muss vor allem der Staat nachlegen

Wenn Ener­gie­wen­de und Kli­ma­schutz sicher, bezahl­bar und umwelt­ver­träg­lich gestal­tet wer­den sol­len, for­dern 91 Pro­zent der Befrag­ten eine höhe­re Prio­ri­sie­rung und Ver­läss­lich­keit beim Aus­bau der Ener­gie­infra­struk­tur und 69 Pro­zent ein stär­ke­res finan­zi­el­les Enga­ge­ment des Staa­tes beim Auf­bau zukunfts­ori­en­tier­ter Infra­struk­tur. Mit Blick auf die Ener­gie­ef­fi­zi­enz set­zen 78 Pro­zent der Unter­neh­men auf Frei­wil­lig­keit und Tech­no­lo­gie­of­fen­heit als auf neue Vor­ga­ben. Unse­re Unter­neh­men wol­len kei­ne neu­en Regu­lie­run­gen. Sie wol­len ver­läss­li­che Leit­plan­ken, mehr Tech­no­lo­gie­of­fen­heit und schnel­le­re Geneh­mi­gun­gen, macht Dr. Waas­ner deutlich.


Jedes drit­te Indus­trie­un­ter­neh­men ver­la­gert Pro­duk­ti­on ins Ausland

Jedes drit­te befrag­te Indus­trie­un­ter­neh­men hat inzwi­schen nicht zuletzt auf­grund der Ener­gie­po­li­tik Kapa­zi­tä­ten ins Aus­land ver­la­gert, plant die­sen Schritt oder setzt ihn gera­de um. Zwi­schen 2019 und 2025 sind in Ober­fran­ken bereits gut 15.000 Arbeits­plät­ze in der Indus­trie ver­lo­ren gegangen.

Der IHK-Prä­si­dent warnt ein­dring­lich vor den Fol­gen: „Wenn Unter­neh­men ver­mehrt Kapa­zi­tä­ten ins Aus­land ver­la­gern, setzt sich die Deindus­tria­li­sie­rung fort. Das dür­fen wir nicht zulas­sen. Jeder wei­te­re Arbeits­platz, der in der Indus­trie ver­lo­ren geht, schwächt unse­re Regi­on auf Jah­re. EU, Bund, Land und Kom­mu­nen müs­sen des­halb jetzt han­deln, mit weni­ger Büro­kra­tie, schnel­le­ren Geneh­mi­gun­gen und ver­läss­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für Inves­ti­tio­nen. Sonst ver­lie­ren wir irgend­wann so viel Sub­stanz, dass die­ser Trend unum­kehr­bar wird”, warnt Dr. Waasner.


Hin­ter­grund

Für das Ener­gie­wen­de-Baro­me­ter 2026 hat die IHK-Orga­ni­sa­ti­on im Juni deutsch­land­weit rund 3.100 Unter­neh­men befragt, dar­un­ter auch 72 aus dem Ein­zugs­be­reich der IHK für Ober­fran­ken Bay­reuth. Das Baro­me­ter bil­det die Stim­mung der Betrie­be zur Ener­gie­wen­de und ihren wirt­schaft­li­chen Fol­gen ab. Die Befra­gung wird seit 2012 ein­mal im Jahr durchgeführt.

Pro­fes­sor Ste­fan Kolev vom Lud­wig-Erhard-Forum bei der IHK-Vollversammlung

“Um-Indus­tria­li­sie­rung” statt “Deindus­tria­li­sie­rung”

Opti­mis­mus statt Tris­tesse: Dazu hat Pro­fes­sor Dr. Ste­fan Kolev die ober­frän­ki­schen Unter­neh­mer bei der Voll­ver­samm­lung der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer in Hof auf­ge­ru­fen. Sein Rezept gegen die Kri­sen der Zeit: Auf­ste­hen und sich immer wie­der neu erfin­den, offen und expe­ri­men­tier­freu­dig sein.

Ste­fan Kolev ist Pro­fes­sor an der West­säch­si­schen Hoch­schu­le Zwi­ckau, lei­tet das Lud­wig-Erhard-Forum für Wirt­schaft und Gesell­schaft und berät Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Kathe­ri­na Rei­che. Wegen einer Coro­na-Infek­ti­on konn­te er nicht per­sön­lich vor Ort sein, son­dern wur­de per Video zugeschaltet.


Zehn Punk­te für mehr Resilienz

Unter dem Titel Agen­da des Auf­bruchs stellt Kolev im öffent­li­chen Teil der Voll­ver­samm­lung den Zehn-Punk­te-Plan für ein resi­li­en­tes Deutsch­land vor, den er zusam­men mit dem Volks­wirt Mar­kus K. Brun­ner­mei­er von der US-ame­ri­ka­ni­schen Prince­ton Uni­ver­si­ty ver­fasst und vor kur­zem ver­öf­fent­licht hatte.

Von Deindus­tria­li­sie­rung ist dar­in nicht die Rede, jedoch von “Um-Indus­tria­li­sie­rung”. Kolev: „Vie­le Arbeits­plät­ze könn­ten nur über­le­ben, wenn man sie in gänz­lich neue For­men gießt.” Eine gro­ße Rol­le wer­de dabei die künst­li­che Intel­li­genz spie­len, macht der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler deut­lich. Doch dazu müss­ten erst ein­mal Netz­wer­ke ent­ste­hen, um gemein­sa­me KI-Kom­pe­ten­zen zu ent­wi­ckeln. Dabei kom­me auch die IHK-For­de­rung nach dem lebens­lan­gen Ler­nen wie­der ins Spiel. Ste­fan Kolev: Andern­falls wird uns der Wett­be­werb überholen.


For­de­rung: Kei­ne Aus­nah­men mehr von der Ausnahme

Als leis­tungs­feind­lich kri­ti­siert der Red­ner das der­zei­ti­ge Steu­er­sys­tem. „Da muss sich ver­dammt viel ändern”, macht er deut­lich. „Wir brau­chen kon­kre­te Reform­vor­schlä­ge zu Einkommen‑, Körperschaft‑, Gewer­be- und Erb­schaft­steu­er.” Eine wei­te­re kon­kre­te For­de­rung ist die nach einem ganz kon­se­quen­ten Sub­ven­ti­ons­ab­bau. Kolev wen­det sich gegen Über­re­gu­lie­rung auf euro­päi­scher Ebe­ne und spricht sich für eine Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung durch eine neue Art von Geset­zen aus: Geset­ze, in denen es kei­ne Aus­nah­men mehr von der Aus­nah­me geben dür­fe. Zudem spricht er sich bei der Ener­gie­po­li­tik für Tech­no­lo­gie­of­fen­heit aus anstel­le einer Steue­rung durch Verbote.


KI statt Kettensäge

Nicht unge­scho­ren kommt dabei auch der nach Mei­nung des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers auf­ge­bläh­te Staats­ap­pa­rat davon. Mit KI las­se sich die­ser auf ein Nor­mal­maß redu­zie­ren, so Kolev: „Ver­wal­tungs­re­form durch KI statt Ket­ten­sä­gen-Rhe­to­rik!” Die Men­schen dürf­ten aber auch kei­ne “Voll­kas­ko” mehr vom Staat erwar­ten. Um die­se und vie­le ande­re Punk­te umzu­set­zen, brau­che es kei­ne Revo­lu­ti­on. Aller­dings sei es schon höchs­te Eisen­bahn, denn: sehr viel Zeit haben wir nicht, mahnt Kolev. Außer­dem müs­se sich die Ver­tei­di­gung von einer Waf­fen- zu einer Fähig­keits­be­schaf­fung entwickeln.


Akti­en­ren­te: Zustim­mung mit Vorbehalt

Mit der geplan­ten Akti­en­ren­te ent­steht eine neue, kapi­tal­ge­deck­te drit­te Säu­le der Alters­vor­sor­ge. Sie soll das Ren­ten­sys­tem sta­bi­li­sie­ren und für jün­ge­re Gene­ra­tio­nen attrak­ti­ver machen. Kolev begrüßt den Schritt, moniert aber, dass Deutsch­land dafür viel zu lan­ge gebraucht habe. Offen sei noch, wel­che Ren­di­te die Akti­en­ren­te künf­tig abwirft und wie stark die Anla­ge­richt­li­ni­en regu­liert wer­den: Wir wer­den sehen.


Staats­se­kre­tär Mar­tin Schöf­fel: Lob für das Ber­li­ner Reformpaket

Vie­le Din­ge gehen aber nicht von heu­te auf mor­gen, hat­te zuvor Hei­mat- und Finanz­staats­se­kre­tär Mar­tin Schöf­fel gewarnt. Er macht dabei aber auch deut­lich, dass vie­les so nicht blei­ben kön­ne und spricht eben­falls von über­zo­ge­nen Regeln des Sozi­al­staa­tes und von einer über­bor­den­den Büro­kra­tie. Für das Reform­pa­ket der Bun­des­re­gie­rung hat­te Schöf­fel, den Mode­ra­tor Mat­thi­as Will zuvor als zweit­wich­tigs­ten Hüter der baye­ri­schen Finan­zen bezeich­ne­te, vie­le loben­de Wor­te übrig. Ber­lin hat ein gro­ßes Paket auf dem Weg gebracht., sagt Schöf­fel und nennt dabei bei­spiel­haft die Ren­ten­re­form, die Reform der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung und vor allem die Abschaf­fung des Bür­ger­gel­des. Unter ande­rem durch die High-Tech-Agen­da, Erleich­te­run­gen für die Kom­mu­nen und Ver­ein­fa­chun­gen bei Exis­tenz­grün­dun­gen, tra­ge der Frei­staat einen zusätz­li­chen Bei­trag zu den Refor­men bei.


Ober­fran­ken über­durch­schnitt­lich betroffen

Dr. Micha­el Waas­ner, Prä­si­dent der IHK für Ober­fran­ken Bay­reuth, hat ein­gangs dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Ober­fran­ken als indus­trie­star­ke Regi­on von den aktu­ell sehr schwie­ri­gen Rah­men­be­din­gun­gen beson­ders betrof­fen sei. „Seit dem Jahr 2019 sind rund 15.000 Indus­trie­ar­beits­plät­ze ver­lo­ren gegan­gen. Ein deut­li­ches Alarm­si­gnal“, macht Dr. Waas­ner deut­lich. „Dar­auf muss die Poli­tik reagieren.”