Oberfränkische Wirtschaftskammern bezeichnen Stimmung als alarmierend
Oberfranken braucht Taten, keine Ankündigungen
Der Wirtschaftsstandort Oberfranken steht am Scheideweg. Daher müsse die Regierung endlich zu einem echten Befreiungsschlag ansetzen, so die Präsidenten der IHK für Oberfranken Bayreuth, der HWK für Oberfranken und der IHK zu Coburg, Dr. Michael Waasner, Matthias Graßmann und Dr. Andreas Engel. Ohne Befreiungsschlag komme die Wirtschaft nicht aus der Krise, die Unternehmen warteten auf den versprochenen Wachstumsbooster.
Im April 2024 hatten die oberfränkischen Wirtschaftskammern gemeinsam im Rahmen einer Pressekonferenz in Kasendorf „Wirtschaft@Politik“ die Dringlichkeit von wirtschaftspolitischen Reformen unterstrichen. „Zwei Jahre später ist die politische Bilanz absolut ernüchternd. Wir erkennen weiterhin keinen Willen zu großen, strukturellen zukunftsorientierten Reformen“, resümiert der Präsident der HWK für Oberfranken, Matthias Graßmann. Das Handwerk bleibe zwar stabil, die Stimmung aber sei absolut alarmierend. Dr. Michael Waasner, Präsident der IHK für Oberfranken Bayreuth ergänzt: „Die Lage ist mehr als ernst. Seit 2019 sind im Verarbeitenden Gewerbe, also in der Industrie und im Produzierenden Handwerk, in Oberfranken 11.500 Arbeitsplätze verlorengegangen.“ Nur noch 125.000 Menschen arbeiten in diesem Bereich – so wenige wie nie zuvor.
Die drei Wirtschaftskammern vertreten rund 77.000 Unternehmen aus Industrie, Handwerk, Handel, Tourismus und Dienstleistungen. Sie fordern von der Bundesregierung endlich einen klaren Kurs für den Standort Deutschland. Dr. Andreas Engel, Präsident der IHK zu Coburg, bringt es auf den Punkt: „Auf Seiten der Politik dürfte es längst kein Erkenntnisproblem mehr geben, dass höchster Handlungsdruck herrscht, und es wurden ja auch Reformen und Entlastungen angekündigt – aber passiert ist viel zu wenig.“
Bürokratie lähmt Betriebe
Bürokratie, Energie & Rohstoffe, Infrastruktur, Fachkräftesicherung, Steuern & Abgaben und Planungssicherheit – 2026 bestimmen noch die gleichen Schlagworte die Diskussion, die die Wirtschaftskammern 2024 verstärkt in den Fokus gerückt haben. Dr. Engel: „Wir haben keine Zeit mehr für weitere Stolperschritte im Klein-Klein – unser Standort braucht tiefgreifende Reformen zur Verbesserung der Standortqualität, und zwar schnellstmöglich!“
Gerade die jüngsten Diskussionen – Abschaffung des Anspruchs auf Teilzeitarbeit („Lifestyle-Teilzeit“), Erhöhung der Erbschaftssteuer, Kürzungen des Leistungskatalogs bei der gesetzlichen Krankenkasse, Einbeziehung weiterer Einkünfte in die Beitragsrechnung – würden nur weiter das Klima vergiften. „Außerdem wird so jeder mögliche Reformansatz sofort zerredet. Dieses Vorgehen ist der schwierigen Lage absolut nicht angemessen“, kritisiert Graßmann.
„Wir brauchen eine Agenda 2030 und keine Politik unkoordinierter Einzelmaßnahmen. Mit einem solchen Masterplan sollen Investitionen, Arbeitsvolumen und Produktivität dauerhaft gestärkt werden”, macht Dr. Waasner deutlich. „Es kann doch nicht sein, dass schulterzuckend zur Kenntnis genommen wird, dass durch die De-Industrialisierung die Basis unseres Wohlstands schleichend erodiert, dass Investitionen immer weiter gekürzt werden, dass der Jobabbau an Tempo gewinnt“, so Dr. Engel.
Auch bei den weiteren Stichworten aus der Pressekonferenz 2024 „Wirtschaft@Politik“ sehen die oberfränkischen Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammer für Oberfranken kaum Bewegung. Bürokratie bleibt ein großes Hindernis. „Es gibt viele Ankündigungen, aber kaum echte Erleichterungen“, kritisiert Graßmann. Selbst einfache Maßnahmen wie die Abschaffung der Bonpflicht wurden nicht umgesetzt. Die Folge: Unternehmen verlieren Zeit und Geld durch unnötige Vorschriften – und zudem längst die Geduld.
Infrastruktur: Hier zeige sich schon jetzt, dass nur Teile des sogenannten Sondervermögens für Infrastrukturmaßnahmen tatsächlich sachgerecht ausgegeben werden. Graßmann weiter: „Planungssicherheit? Beim Heizungsgesetz etwa zeigt sich, wie wenig die Politik auf die Wirtschaft hört.“
„Die Stimmung unter unseren Betrieben ist schlecht. Dies ändert sich nur, wenn die Politik ihre dringlichsten Hausaufgaben macht und die Regierung als entschlossene Einheit auftritt“, so Dr. Waasner. Als Fazit formuliert er eine eindeutige Botschaft: „Der Herbst ist vorbei, einen Herbst der Reformen habe ich nicht wahrgenommen. Was wir wirklich brauchen, ist kein Frühling der Diskussionen, kein Frühling der Dampfplauderei und erst recht kein Frühling neuer Vorschriften, sondern ein Frühling der Taten!“ Die Politik müsse jetzt handeln, damit Oberfranken und ganz Deutschland wieder auf Kurs kommen.
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Internet: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht
Wirtschaftskammern und Polizei: Cybersicherheit wichtiger denn je zuvor
Die Gefahren für Unternehmen durch Cyberkriminalität standen im Fokus der Jubiläumsveranstaltung “Zehn Jahre Cyber-Incident-Response-Team (CIRT) Oberfranken” im Schloss Thurnau mit rund 200 Teilnehmern. Mehrere Unternehmer schildern eindrucksvoll, was ein Cyberangriff auf ein Unternehmen auslösen kann, wie die IHK für Oberfranken mitteilt.
Der Zusammenschluss der drei oberfränkischen Wirtschaftskammern IHK für Oberfranken Bayreuth, IHK zu Coburg, Handwerkskammer für Oberfranken sowie der oberfränkischen Polizei zielt darauf ab, den Unternehmen im Regierungsbezirk präventiv, informativ und beratend zur Seite zu stehen. Im Schadensfall soll es vor allem darum gehen, als Netzwerk zu agieren und für das betroffene Unternehmen schnell den richtigen Ansprechpartner zu finden.
Was so ein Cyberangriff anrichten kann, schilderten bei der Veranstaltung in Thurnau eindrucksvoll Kilian Stürmer vom gleichnamigen Unternehmen in Hallstadt, Philipp Herpich von Startpunkt Digital (Hof) und Michael Ziebis von der Konzeptbau GmbH aus Bayreuth. “Es fühlt sich fürchterlich an“, so Stürmer. Alles habe stillgestanden, 300 Mitarbeiter hätten nichts mehr tun können. In Herpichs Unternehmen sei schnell klar gewesen, dass es sich um einen Sicherheitsvorfall handele. Doch wie die Angreifer ins System gekommen sind, das sei bis heute nicht hundertprozentig geklärt. Auch Michael Ziebis bestätigte: “Alle Daten waren verschlüsselt, wir konnten nichts retten.“
Wie Angreifer ins System kommen, führte Marco di Filippo vom IT-Unternehmen whitelisthackers GmbH aus Bamberg live vor. Er ist seit über 20 Jahren im IT-Consulting tätig, sein Spezialgebiet sind organisatorische und technische IT-Sicherheitsprüfungen und ‑konzepte. “Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, aber ich kann es dem Angreifer schwer machen”, versicherte er. Di Filippo gab zu bedenken, dass die Kriminellen nicht gezielt nach Unternehmen, sondern gezielt nach Sicherheitslücken suchen. Di Filippo: “Deshalb kann es auch jeden treffen.”
Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Cyberangriffs zu werden, bezifferte di Filippo auf 1:2. Demgegenüber stehe die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden bei 1:250.000. Konkret warnte der Fachmann davor, Passwörter mehrfach zu benutzen und über Jahre unverändert zu lassen. Drei von vier Nutzern machten aber genau diesen Fehler.
Kriminalität der Zukunft
Die Polizei sei fest entschlossen, digitale Bedrohungen nicht nur zu erkennen, sondern auch zu bekämpfen, so der oberfränkische Polizeivizepräsident Ulrich Rothdauscher. Dazu hatte er eigens das mobile digitale Forensik-Labor “PALADIN” zur Veranstaltung mitgebracht. Das Fahrzeug, ein auf den ersten Blick unscheinbarer Mercedes Sprinter, kommt vor Ort zum Einsatz, um Spuren und Hinweise bei Computern schneller zu verwerten.
Der Polizeivizepräsident rief dazu auf, die Mitarbeiter in den Betrieben zu sensibilisieren und ein Bewusstsein für die Gefahren zu schaffen. Längst nicht mehr nur große Unternehmen seien betroffen. Es könne jedes Unternehmen in jeder Branche treffen. “Cyberangriffe sind die Kriminalität der Zukunft. Unser Ziel ist es, den Blick für diese Bedrohungen zu schärfen“, so Rothdauscher. “Die Frage ist nicht ob, sondern wann es einen trifft.“
Einen konkreten Tipp hatte Kilian Stürmer von Stürmer Maschinenbau noch für alle Unternehmerinnen und Unternehmer: Er setzt auf die 3–2‑1-Regelung. Das bedeutet: Drei Kopien sollte es von sämtlichen Daten geben, auf zwei unterschiedliche Medien, von denen eine außer Haus aufbewahrt wird.