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Überstunden

Regi­on Bam­berg schiebt 3,3 Mil­lio­nen Über­stun­den – vie­le zum Nulltarif

NGG Ober­fran­ken star­tet MdB-Appell gegen Abschaf­fung vom 8‑Stun­den-Tag

Die Regi­on Bam­berg schiebt ordent­lich Über­stun­den: Rund 1,9 Mil­lio­nen Stun­den haben Beschäf­tig­te im ver­gan­ge­nen Jahr in Bam­berg zusätz­lich gear­bei­tet und im Land­kreis 1,4 Mil­lio­nen. Davon rund 1,75 Mil­lio­nen Über­stun­den zum Null­ta­rif – ohne Bezah­lung. Das geht aus dem „Arbeits­zeit-Moni­tor“ her­vor, den das Pest­el-Insti­tut im Auf­trag der Gewerk­schaft Nah­rung-Genuss-Gast­stät­ten (NGG) gemacht hat.

Allein in Hotels und Gast­stät­ten in Bam­berg leis­te­ten Köche, Kell­ne­rin­nen, Bar­kee­per & Co. im ver­gan­ge­nen Jahr rund 41.000 Über­stun­den und im Land­kreis rund 23.000. Das hat das Pest­el-Insti­tut auf Basis einer Aus­wer­tung der Bun­des­agen­tur für Arbeit ermit­telt. Die Wis­sen­schaft­ler haben dabei für die Regi­on Bam­berg bun­des­wei­te Durch­schnitts­wer­te von Arbeits­zei­ten in der Gas­tro­no­mie her­an­ge­zo­gen. Dem­nach waren 53 Pro­zent aller in Bam­berg und im Land­kreis geleis­te­ten Über­stun­den in Hotels, Restau­rants, Gast­stät­ten und Bier­gär­ten unbezahlt.

Die Gewerk­schaft warnt: Der Über­stun­den­berg dürf­te dem­nächst noch grö­ßer wer­den. Grund sei­en Plä­ne der Bun­des­re­gie­rung, die Arbeits­zeit neu zu regeln: „Schwarz-Rot will eine wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit und den 8‑Stun­den-Tag abschaf­fen. Betrie­be könn­ten von ihren Beschäf­tig­ten dann ver­lan­gen, auch zehn, elf oder in der Spit­ze sogar 12 Stun­den und 15 Minu­ten pro Tag zu arbei­ten“, sagt Rai­ner Reiß­fel­der von der NGG Oberfranken.

Die NGG Ober­fran­ken schlägt Alarm: Schon jetzt betra­ge die maxi­ma­le Arbeits­zeit 48 Stun­den pro Woche. In der Spit­ze sei­en sogar 60-Stun­den-Wochen mög­lich. „Das sind Extrem-Arbeits­wo­chen. Selbst wenn so ‚Ham­mer-Wochen‘ inner­halb eines Vier­tel­jah­res aus­ge­gli­chen wer­den müs­sen. Doch noch schlim­mer wird es, wenn die Bun­des­re­gie­rung jetzt tat­säch­lich ans Arbeits­zeit­ge­setz Hand anlegt und den 8‑Stun­den-Tag kippt. Dann wür­de näm­lich nur noch das euro­päi­sche Recht ein Wochen-Limit für die Arbeits­zeit set­zen. Und das wäre bru­tal: Arbeit­ge­ber könn­ten ihre Beschäf­tig­ten dann sogar zu 73,5‑Stunden-Wochen ver­don­nern – näm­lich zu sechs Tagen à 12 Stun­den und 15 Minu­ten im Job. Das wäre fast das dop­pel­te Wochen-Pen­sum von heu­te – und damit Arbeits­zeit-Stret­ching pur“, so Reißfelder.

Der kom­mis­sa­ri­sche Geschäfts­füh­rer der NGG Ober­fran­ken macht sei­nem Ärger Luft: „Vie­le Arbeit­ge­ber wür­den das hem­mungs­los aus­nut­zen. Es dro­hen dann völ­lig über­la­de­ne Arbeits­wo­chen, bei denen man die Stun­den, in denen man nicht schläft, fast kom­plett im Job oder auf dem Weg zur Arbeit ver­bringt. Das macht Men­schen dann aber fix und fer­tig. Außer­dem wür­de dabei ein Rie­sen­berg an Über­stun­den auf­lau­fen. Und ans Abfei­ern der Über­stun­den ist sowie­so nicht zu den­ken – bei dem Fach­kräf­te­man­gel, der eigent­lich über­all herrscht.“

Der kom­mis­sa­ri­sche Geschäfts­füh­rer der NGG Ober­fran­ken spricht von einem „Arbeits­zeit-Mono­po­ly“ der Bun­des­re­gie­rung: „Das ist wil­de Zeit-Zocke­rei. Für Beschäf­tig­te bedeu­tet das: Arbei­ten bis ans Limit – und dar­über hin­aus“, so Reiß­fel­der. Er hat dabei die Gesund­heit der Beschäf­tig­ten im Blick, aber auch die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf: „Nach acht Stun­den Arbeits­zeit steigt die Gefahr von Arbeits­un­fäl­len rasant an. XXL-Arbeits­ta­ge bedeu­ten auf Dau­er eine Belas­tung für den Kör­per und für die Psy­che: von Herz-Kreis­lauf- und Stoff­wech­sel-Erkran­kun­gen bis zum Burn­out“, so Reißfelder.


„Noch mehr Fle­xi­bi­li­tät ist gar nicht nötig“

Außer­dem im Fokus der Gewerk­schaft: Wer die Fami­lie, den Beruf und die Pfle­ge von Ange­hö­ri­gen unter einen Hut brin­gen müs­se, brau­che vor allem eines – plan­ba­re und ver­läss­li­che Arbeits­zei­ten. Und die müss­ten auch zu den Betreu­ungs­zei­ten von der Kita und vom Hort pas­sen. „Denn wer holt die Kin­der dort ab, wenn die Schicht zwölf Stun­den geht?“, fragt Reißfelder.

Die geplan­te Auf­wei­chung des 8‑Stun­den-Tages gehe in die fal­sche Rich­tung. Schon heu­te jon­glier­ten Fami­li­en zwi­schen Job, Kin­der­be­treu­ung oder der Pfle­ge von Ange­hö­ri­gen. „Län­ge­re Arbeits­ta­ge ver­schär­fen die Pro­ble­me und ver­hin­dern eine gerech­te Ver­tei­lung von Erwerbs­ar­beit, Kin­der­be­treu­ung und Pfle­ge. Denn obwohl sich vie­le Väter wün­schen, mehr Zeit mit ihren Kin­dern zu ver­brin­gen, wird durch noch län­ge­re täg­li­che Arbeits­zei­ten das Allein­ver­die­n­er­mo­dell gestärkt“, warnt Rai­ner Reiß­fel­der. Anstatt das Fach­kräf­te­po­ten­ti­al von Frau­en zu nut­zen, ver­hin­der­ten XXL-Schich­ten eine ech­te Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf.

Die NGG Ober­fran­ken nennt dazu auch Zah­len: So wer­den aktu­ell 61 Pro­zent aller Teil­zeit-Jobs in Bam­berg und 73 Pro­zent im Land­kreis von Frau­en gemacht. Die Gewerk­schaft beruft sich dabei auf Anga­ben der Arbeits­agen­tur. Reiß­fel­der appel­liert daher an die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten aus Bam­berg und der Regi­on, dem „Her­um­schrau­ben am Arbeits­zeit­ge­setz in Ber­lin einen Rie­gel vor­zu­schie­ben“. Schon jetzt sei­en fle­xi­ble Arbeits­zei­ten im Rah­men des Arbeits­zeit­ge­set­zes und durch Tarif­ver­trä­ge, die die NGG abge­schlos­sen habe, für vie­le Beschäf­tig­te All­tag. „Noch mehr Fle­xi­bi­li­tät ist gar nicht nötig“, so Reißfelder.

Außer­dem ersetz­ten 10- oder 12-Stun­den-Tage kei­ne feh­len­den Fach­kräf­te. „Gute Arbeits­be­din­gun­gen, bes­se­re Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf, sys­te­ma­ti­sche Qua­li­fi­zie­rung und mehr Aus­bil­dung. Das sind die rich­ti­gen Hebel für mehr Fach­kräf­te. Ver­schie­be­rei­en bei der Arbeits­zeit sind nichts ande­res als das Löcher­stop­fen bei einer zu dün­nen Per­so­nal­de­cke“, so Rai­ner Reißfelder.

Anfra­ge der Land­tags-Grü­nen zeigt erschre­cken­des Ausmaß

Schluss mit dem gigan­ti­schen Über­stun­den­berg bei der Poli­zei in Oberfranken

Die Land­tags-Grü­nen for­dern nach einer Anfra­ge ein Ende des Über­stun­den­bergs bei der Poli­zei in Ober­fran­ken. „Der gigan­ti­sche Über­stun­den­berg bei der Poli­zei ist ein Armuts­zeug­nis für die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung – Inne­re Sicher­heit braucht aus­rei­chen­de Finan­zie­rung. Dafür hat die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung zu sor­gen“, sagt die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Land­tags-Grü­nen, Katha­ri­na Schulze.

Ursu­la Sowa, Land­tags­ab­ge­ord­ne­te für Ober­fran­ken, kri­ti­siert: „Bei uns im Poli­zei­prä­si­di­um Ober­fran­ken­lie­gen pro Kopf 83 Über­stun­den an – und das seit Jah­ren. Das sind in Sum­me 200.572 Über­stun­den allein im Jahr 2024. Wer so wei­ter­macht, ris­kiert die Gesund­heit der Beam­tin­nen und Beam­ten und die Sicher­heit im Land.“

Hin­ter­grund ist die Aus­wer­tung der Ant­wort auf eine Grü­ne Anfra­ge zu Mehr­ar­beits­stun­den 2022 bis 2024: Der Gesamt­be­stand bleibt dau­er­haft hoch, in eini­gen Prä­si­di­en stei­gen die Über­stun­den sogar wei­ter. Gleich­zei­tig hat die Staats­re­gie­rung die Aus­zah­lung dras­tisch gekürzt – von 6,5 % der Stun­den im Jahr 2022 auf nur noch 3 % im Jahr 2024. „Damit spa­ren sich CSU und Freie Wäh­ler auf dem Rücken der Poli­zei über 60 Mil­lio­nen Euro an aus­ste­hen­den Über­stun­den­ver­gü­tun­gen – in vie­len Fäl­len liegt die Aus­zah­lung für die Über­stun­de sogar unter dem regu­lä­ren Stun­den­lohn. Das ist ein Skan­dal!“, so Flo­ri­an Siek­mann, Spre­cher für Inneres.

Ursu­la Sowa MdL: „Unse­re Poli­zei leis­tet unglaub­lich viel, ob klein ob groß, ob Volks­fest oder inter­na­tio­na­le Ver­samm­lung. Hier bei uns vor Ort wäre die Sand­ker­wa, wie sie jetzt gera­de statt­fin­det, ansons­ten nicht vorstellbar.“


„End­lich für Ent­las­tung sor­gen und fai­re Bezah­lung garan­tie­ren. Alles ande­re gefähr­det auf Dau­er unse­re Sicherheit.“

Die Land­tags-Grü­nen fordern:

  • Son­der-Aus­zah­lungs­pro­gramm für Über­stun­den mit 20 % Zuschlag auf die Stun­den­sät­ze (jähr­lich 25 Mio. Euro 2026–2029)

  • Ver­bind­li­che Abbau­zie­le für alle Polizeipräsidien

  • Kei­ne Alt­stun­de darf ver­fal­len – vol­le Aus­zah­lung oder Frei­zeit­aus­gleich bis 2029 garantieren

  • Poli­zei von fach­frem­den Auf­ga­ben befrei­en: Vor­führ­diens­te an die Jus­tiz, Pass­ersatz­be­schaf­fung an Aus­län­der­be­hör­den, Grenz­po­li­zei auf Schlei­er­fahn­dung konzentrieren

„Statt sich in Inter­views über angeb­lich zu wenig Arbeits­mo­ral in Deutsch­land zu beschwe­ren, soll­ten Mar­kus Söder und sei­ne CSU erst­mal vor der eige­nen Tür keh­ren“, so Katha­ri­na Schul­ze, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de. „Es ist ein Hohn, mehr Arbeit zu pre­di­gen, wäh­rend man es nicht schafft, den Über­stun­den­berg bei den eige­nen Staats­be­diens­te­ten abzubauen.“

Ursu­la Sowa ergänzt: „Wer die­se Leis­tung erhal­ten will, muss end­lich für Ent­las­tung sor­gen und fai­re Bezah­lung garan­tie­ren. Alles ande­re gefähr­det auf Dau­er unse­re Sicherheit.“

Bam­ber­ger Finanzskandal

Grüne/​ÖDP/​Volt wol­len unge­schwärz­ten Prüfbericht

Die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft Grü­nes Bamberg/​ÖDP/​Volt ist der Auf­fas­sung, dass alle Stadt­rats­mit­glie­der den Prüf­be­richt des Kom­mu­na­len Prü­fungs­ver­bands ohne Schwär­zun­gen erhal­ten sol­len. Eben­so sol­len ihnen auch alle Stel­lung­nah­men der Stadt­ver­wal­tung zu den Vor­wür­fen des Prüf­be­richts unge­schwärzt zuge­hen. Wie Grü­nes Bam­berg mit­teilt, wur­de dies von der grü­nen Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Ulri­ke Sän­ger sowie Hans-Gün­ter Brün­ker (Volt) und Lucas Büch­ner (ÖDP) nun so beantragt.

Bereits in den Weih­nachts­fe­ri­en sei man davon aus­ge­gan­gen, dass man die Unter­la­gen noch vor Jah­res­en­de erhal­ten wer­de. Dies sei nicht gesche­hen. Nun füh­re der Ober­bür­ger­meis­ter daten­schutz­recht­li­che Beden­ken ins Feld und wol­le nur eine geschwärz­te Ver­si­on des Berichts her­aus­ge­ben. „Der OB stützt sich mit die­ser Ein­schät­zung ledig­lich auf eine Ein­schät­zung zum Daten­schutz aus dem eige­nen Rat­haus“, sagt Ulri­ke Sän­ger. Das über­zeu­ge aber nicht. Denn genau das Rat­haus ste­he im Zen­trum der Kri­tik und sei Gegen­stand der Auf­klä­rung, des­halb kön­ne man sich auf eine Ein­schät­zung die­ser Her­kunft nicht verlassen.


Juris­ti­sche Ein­schät­zun­gen aus dem Rat­haus sei­en in die­sem Fall nicht über­zeu­gend

Frei­lich sehen Grüne/​ÖDP/​Volt im Daten­schutz und im Schutz von Per­sön­lich­keits­rech­ten ein hohes Gut und wol­len die­se gewahrt sehen. Gleich­wohl gehe es aber auch um Auf­klä­rung von Fehl­ver­hal­ten, wofür umfas­sen­de Infor­ma­tio­nen nötig sei­en. Ulri­ke Sän­ger meint daher: „Alle Stadt­rats­mit­glie­der sind der Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­tet und haben dar­auf einen Eid geschwo­ren. Dar­auf muss man sich ver­las­sen kön­nen.“ Es sei über­dies mitt­ler­wei­le eine „lächer­li­che Situa­ti­on, wenn Pressevertreter*innen inzwi­schen nahe­zu aus­nahms­los den Prüf­be­richt auf ihren Schreib­ti­schen lie­gen haben, die zur Auf­klä­rung aller Hin­ter­grün­de auf­ge­ru­fe­nen poli­ti­schen Mandatsträger*innen aber nicht.“ Sän­ger macht auch dar­auf auf­merk­sam, dass die Gerüch­te­kü­che in der jet­zi­gen Situa­ti­on ohne­hin brod­le wie noch nie, „und auch das ist dem Per­sön­lich­keits­schutz kei­nes­wegs zuträglich.“

Mit ihrem Antrag geht die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft Grü­nes Bamberg/​ÖDP/​Volt noch wei­ter. Hans-Gün­ter Brün­ker: „Um Inter­es­sen­kon­flik­te zu ver­mei­den sol­len juris­ti­sche Ein­schät­zun­gen zu dem Kom­plex Son­der­zah­lun­gen künf­tig nur noch von Jurist*innen gege­ben wer­den, die nicht in der Stadt­ver­wal­tung oder ande­ren städ­ti­schen Gre­mi­en und Ein­rich­tun­gen invol­viert sind.“

Grüne/​ÖDP/​Volt wol­len auch dem Vor­wurf auf den Grund gehen, dass für die in der ers­ten Jah­res­hälf­te 2020 gestopp­ten Son­der­zah­lun­gen Ersatz durch Mini­jobs und Bera­ter­ver­trä­ge in städ­ti­schen Unter­neh­men geschaf­fen wur­de. Sie stell­ten des­halb in allen frag­li­chen Unter­neh­men ent­spre­chen­de Anfragen.

Und in einem wei­te­ren Punkt ist man sich einig, den Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Ulri­ke Sän­ger so for­mu­liert: „Der Ober­bür­ger­meis­ter hat sich als Chef der Ver­wal­tung den Vor­wür­fen zu stel­len. Sei­ne Auf­ga­be ist es nicht, in die­sem Auf­klä­rungs­pro­zess eine füh­ren­de Rol­le ein­zu­neh­men, die­sen zu lei­ten oder zu beeinflussen.“

Herrn­le­bens Überstunde

„Als Kaba­ret­tist und poli­ti­scher Mensch steht es mir zu zu urteilen“

Mit­te Dezem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res wur­de bekannt, dass Ange­stell­ten der Rat­haus­ver­wal­tung über meh­re­re Jah­re hin­weg Über­stun­den gezahlt wur­den, die nicht geleis­tet wor­den waren. Mehr­mals pro Woche nimmt sich seit­dem Kaba­ret­tist, Pup­pen­spie­ler und Stadt­echo-Kolum­nist Flo­ri­an Herrn­le­ben auf Face­book die­ser Ent­wick­lun­gen unter dem Titel „Herrn­le­bens Über­stun­de“ an. Wir haben mit ihm über das Pro­jekt gesprochen.
Inwie­weit emp­fin­dest du im Ange­sicht von Ent­wick­lun­gen wie den aktu­el­len Freu­de über das humo­ris­tisch-kolum­nis­ti­sche Poten­zi­al, das dar­in steckt?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Ich muss zuge­ben, dass ich per­sön­lich lie­ber auf die klei­nen Miss­stän­de hin­wei­se. Die, die die Öffent­lich­keit gar nicht so wahr­nimmt, wo man Per­spek­ti­ven eröff­net, die es so viel­leicht noch gar nicht offen­sicht­lich gab. Trotz­dem bie­tet das aktu­el­le The­ma natür­lich aus­rei­chend Poten­zi­al. Freu­de hab ich an mei­nem Job, aber nicht an Missständen.

Inwie­weit ärgerst du dich über sol­che Machenschaften?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Mich ärgert tat­säch­lich, dass ich seit vie­len Jah­ren auf Unge­reimt­hei­ten hin­ge­wie­sen habe. Auf der Büh­ne, aber auch pri­vat. Hät­te ich das nicht, wäre es ein gro­ßes The­ma wie vie­le ande­re auch. Dass mich ein­zel­ne Stadt­rä­te als jeman­den bezeich­net haben, der „ewi­gen Ver­mu­tun­gen“ hin­ter­her­hum­pelt, offen­sicht­lich nur um gut­gläu­big ihren Dunst­kreis zu schüt­zen, wie­der ande­re mich ange­lo­gen haben, um selbst Pro­fit zu schla­gen, das ärgert mich wirk­lich. Man krönt die – nen­nen wir es von mir aus – „Machen­schaf­ten“ durch Unehrlichkeit.

Gibt es schon Reak­tio­nen aus dem Rat­haus auf die „Über­stun­de“?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Ja, natür­lich. Aber nicht von ganz oben oder denen, die es betrifft. Dass vie­le Rat­haus­mit­ar­bei­ter der mitt­le­ren und unte­ren Ebe­ne heim­lich, aber sehr ger­ne mei­ne Ver­laut­ba­run­gen lesen, weiß ich.

Wie sehen die Reak­tio­nen in den sozia­len Medi­en aus?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Durch­weg posi­tiv. Es ist ja auch ein Auf­re­ger­the­ma, das Reak­tio­nen pro­vo­ziert. Ich lass die Prot­ago­nis­ten aus dem Rat­haus leben, in dem Sinn, dass ich sie „ran­ho­le“ und zu rea­len Per­so­nen mache. Am Ende steckt hin­ter mei­ner „Wort­witz­kas­ka­de“, wie es ein Leser bei Face­book so nett bezeich­ne­te, neben Auf­klä­rung auch Unter­hal­tung. An sich sind Lohn­ab­rech­nun­gen ein tro­cke­nes The­ma, das aber durch mei­ne Auf­be­rei­tung in die Brei­te getra­gen wird.

Die Bonus­zah­lun­gen belau­fen sich auf meh­re­re 100.000 Euro – Zah­len, die für eine ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne Stadt wie Bam­berg ziem­lich hoch schei­nen. Wie tief ist der poli­ti­sche Sumpf in Bamberg?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Ich glau­be nicht, dass der Sumpf so tief ist. Es geht um viel Geld, ja. Aber mei­nem Kennt­nis­stand nach haben die aller­al­ler­meis­ten Rat­haus­mit­ar­bei­ter ja eben nicht von dem Sys­tem der Pau­scha­len und Prä­mi­en pro­fi­tiert. Über die­sen muss man in aller Deut­lich­keit eine Lan­ze bre­chen, davon ganz abge­se­hen, dass die allen Grund haben, sau­er zu sein, wenn jemand drei Büros wei­ter mit der glei­chen Ent­gelt­grup­pe für die glei­che Arbeit 1000 Euro mehr im Monat bekom­men hat.

Wie bewer­test du die der­zei­ti­ge, und zumin­dest anfäng­lich zwi­schen Unwis­sen­heit und Des­in­ter­es­se zu schwan­ken schei­nen­de, Rol­le des Stadtrats?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Ich hab alle Stadt­rä­te im Novem­ber durch eine Kolum­ne im Stadt­echo gewarnt. Nach­ge­fragt, was da los ist, haben eini­ge weni­ge. Die meis­ten haben es igno­riert. „Geht schon vor­bei! Ja, der Herrn­le­ben!“ Hat man sich dran gewöhnt, dass man alles ein­fach aus­sitzt? Ich wür­de in die Auf­zäh­lung noch „Über­heb­lich­keit“ ein­fü­gen. Vom Sou­ve­rän in den Stadt­rat gewählt zu wer­den, heißt nicht, auch die Wahr­heit gepach­tet zu haben. Das Ross auf dem da eini­ge zu sit­zen glau­ben, ist noch ein Ste­cken­pferd. Ich ent­schul­di­ge jedem fri­schen Stadt­rat sei­ne Unwis­sen­heit und Uner­fah­ren­heit, aber Arro­ganz – wie nach Wahl zum Klas­sen­spre­cher – tut da der Sache nicht gut.

Du schreibst, schon vor eini­gen Stadt­rä­ten von den frag­li­chen Über­stun­den gewusst zu haben. Wie schafft man es, bes­ser über Vor­gän­ge im Rat­haus infor­miert zu sein als Stadträte?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Glück, Zufall, Erfah­rung, Ver­trau­ens­wür­dig­keit? – Was weiß ich. Ich hab kei­ne Ahnung, war­um die Stadt­rä­te schlech­ter infor­miert sind. Viel­leicht infor­mie­ren sie sich schlech­ter? Scheu­klap­pen sind oft nicht dien­lich, und die braucht das Pferd, nicht der Rei­ter auf dem hohen Ross, um im Bild von vor­hin zu bleiben.

Rech­nest du mit recht­li­chen oder per­so­nel­len Kon­se­quen­zen auf die frag­li­chen Bonus­zah­lun­gen? Wenn ja, mit welchen?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Ja, alles ande­re wür­de mich schon sehr wun­dern. Als Kaba­ret­tist und poli­ti­scher Mensch steht es mir zu zu urtei­len, aber nicht zu verurteilen.

Es ist kein Geheim­nis, dass du kein Freund von Ober­bür­ger­meis­ter Star­ke bist. Wie groß ist die Hoff­nung, dass er im Gegen­satz zu ande­ren für ihn ungüns­ti­gen Ent­hül­lun­gen dies­mal nicht unge­straft davonkommt?

Flo­ri­an Herrn­le­ben: Das stimmt so nicht, das ist ein Gerücht, dass sich wahr­schein­lich des­halb ver­fes­tigt hat, weil ich nie Kaba­rett mit einem ande­ren Ober­bür­ger­meis­ter in Bam­berg machen durf­te und weil ich mit der sprach­li­chen Schär­fe sicher her­aus­ste­che. Und „Freund“ ist sowie­so ein zu gro­ßes Wort. Fakt ist, dass wir bei­de ver­su­chen, unse­ren Job mög­lichst gut zu machen, hof­fe ich doch jeden­falls. Als Kaba­ret­tist arbei­tet man sich an der Macht ab, an den poli­ti­schen Rän­dern, an der Gesell­schaft und deren Auf­fäl­lig­kei­ten. Man ver­sucht zu erklä­ren. Umso bes­ser der OB ist, umso schwe­rer hab ich’s. Letzt­lich wür­de ich eher sagen „Da haben sich zwei gefun­den“, auch wenn er mich wahr­schein­lich nicht gesucht hat. Mei­ne ein­zi­ge, wirk­li­che Hoff­nung ist, dass es sau­ber auf­ge­klärt wird, und dass dann auch die­je­ni­gen gera­de dafür ste­hen, die es zu ver­ant­wor­ten haben. Ein­mal ohne Geschwur­bel und etwas demü­ti­ger als bis­her oft.

Bam­ber­ger Finanzskandal

Gra­der stellt Vor­ge­hens­wei­se bei Auf­klä­rung vor

Schon vor Weih­nach­ten hat­te die Stadt­rats­frak­ti­on Grü­nes Bam­berg eine „lücken­lo­se und umfas­sen­de Auf­klä­rung“ zu den Vor­wür­fen der ille­ga­len Son­der­zah­lun­gen im Rat­haus gefor­dert. Nun legt Grü­nen-Stadt­rat Wolf­gang Gra­der, der als Vor­sit­zen­der des städ­ti­schen Rech­nungs­prü­fungs­aus­schus­ses dabei eine füh­ren­de Rol­le spielt, dar, wie er vor­ge­hen will.

Finanz­skan­dal soll Start­schuss für Neu­start sein

Der Rech­nungs­prü­fungs­aus­schuss ist ein Kon­troll­gre­mi­um für die Ver­wal­tung, das des­halb nicht dem Ver­wal­tungs­chef, also dem Ober­bür­ger­meis­ter, unter­steht, son­dern einem Stadt­rats­mit­glied, meist einer Ver­tre­te­rin /​einem Ver­tre­ter der größ­ten Frak­ti­on.
Für Ende Janu­ar hat Wolf­gang Gra­der nun eine ver­mut­lich zwei­tä­gi­ge Sit­zung des Aus­schus­ses anbe­raumt. Die­se wird im ers­ten Teil öffent­lich sein, das heißt Bürger*innen sind als Publi­kum zuge­las­sen. In die­sem Teil wer­den die Prüf­ab­läu­fe des umstrit­te­nen Prüf­be­richts des Kom­mu­na­len Prüf­ver­bands über die Jah­re 2011 bis 2017 vor­ge­stellt, eben­so wie Grund­la­gen über die kom­mu­na­le Rech­nungs­prü­fung all­ge­mein. Der zwei­te Teil der Sit­zung ist, wie in der baye­ri­schen Gemein­de­ord­nung vor­ge­se­hen, nicht mehr öffent­lich, da es in die­sem Teil um Infor­ma­tio­nen zu den mit den Son­der­zah­lun­gen in Zusam­men­hang ste­hen­den Per­so­nen geht. An die­sem Teil kön­nen jedoch über die sie­ben Aus­schuss­mit­glie­der hin­aus auch alle ande­ren Stadträt*innen teil­neh­men. Zur Unter­stüt­zung sol­len auch Sach­ver­stän­di­ge ein­ge­la­den wer­den, die den ehren­amt­li­chen Mandatsträger*innen bei der Auf­klä­rung mit Fach­wis­sen zur Sei­te stehen.

Dass dies nur der Auf­takt einer gan­zen Rei­he von Sit­zun­gen sein wird, die der Rech­nungs­prü­fungs­aus­schuss in die­ser Form noch absol­vie­ren wird, davon geht Wolf­gang Gra­der aus. „Wir müs­sen den Vor­wür­fen auf den Grund gehen. Das braucht Zeit, Ener­gie und Geduld. Aber auf die lan­ge Bank wird nichts gescho­ben“, so der Grü­nen-Stadt­rat. Sein Ziel dabei ist nicht nur der Blick in die Ver­gan­gen­heit: „Wir müs­sen auch Leh­ren zie­hen und neue, sau­be­re Grund­la­gen für eine zukunfts­fä­hi­ge Per­so­nal­po­li­tik schaf­fen. Die­se Affä­re soll der Start­schuss für einen Neu­start sein.“

Gra­der mahnt zur Besonnenheit

Die zen­tra­len Fra­gen, denen sich der Rech­nungs­prü­fungs­aus­schuss stel­len muss, umreißt er so: „Wo haben sich unkor­rek­te Struk­tu­ren gefes­tigt? Wer trägt für Fehl­ver­hal­ten die Ver­ant­wor­tung? Han­delt es sich um Ein­zel­feh­ler oder um sys­te­mi­sche Feh­ler? Wo hat das Kon­troll­sys­tem ver­sagt? Ins­be­son­de­re wie konn­te es dazu kom­men, dass Bean­stan­dun­gen im Jahr 2013 kei­ne Fol­gen hat­ten? Wie ist dies künf­tig zu ver­hin­dern?“ Die wei­te­re Prüf­tä­tig­keit des Rech­nungs­prü­fungs­aus­schus­ses soll nach Gra­d­ers Wor­ten auch Vor­fäl­le jen­seits der schon bekann­ten Stich­pro­ben des Prüf­be­richts umfassen.

Dabei mahnt Gra­der aber auch zu unpar­tei­ischer Sorg­falt und zur Beson­nen­heit: „Der Rech­nungs­prü­fungs­aus­schuss ist kei­ne Inqui­si­ti­on und sein Instru­ment ist nicht die Brech­stan­ge!“ Des­halb ist es ihm sehr wich­tig zu beto­nen, „dass auch die Stel­lung­nah­me der Ver­wal­tung ein wich­ti­ger Bestand­teil des Ver­fah­rens zur Auf­klä­rung ist. Der Rech­nungs­prü­fungs­aus­schuss muss bei­de Sei­ten hören und ernst neh­men, erst dann kann er sich ein kla­res Bild machen und Kon­se­quen­zen zie­hen. Das ist ein wich­ti­ges und unab­ding­ba­res Rechtsstaatsprinzip.“

Gra­der warnt aus die­sem Grund davor, aus Sen­sa­ti­ons­lüs­tern­heit all­zu leicht­fer­tig mit dem wich­ti­gen Rechts­gut des Daten- und Per­sön­lich­keits­schut­zes umzu­ge­hen. „Es gibt hier auch eine gro­ße Ver­ant­wor­tung des Stadt­rats gegen­über den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern der Ver­wal­tung.“ Aus sei­ner Sicht haben die Stadt­rats­mit­glie­der vor allem die Auf­ga­be, die poli­ti­sche Dimen­si­on der Affä­re aus­zu­leuch­ten, Leh­ren für die Zukunft zu zie­hen und dabei durch­aus auch selbst­kri­tisch zu sein, sowie das Con­trol­ling zu ver­bes­sern, um mög­li­che miss­bräuch­li­che Struk­tu­ren zu verhindern.

Unge­setz­li­che Überstundenpauschalen

Volt for­dert Aufklärung

Hans-Gün­ter Brün­ker, Stadt­rat für Volt, for­dert in einem meh­re­re Punk­te umfas­sen­den Plan die Auf­klä­rung der kürz­lich bekannt­ge­wor­de­nen unge­setz­li­chen Zah­lun­gen von Über­stun­den­pau­scha­len in der Stadtverwaltung.

Aus einem Bericht des kom­mu­na­len Prü­fungs­ver­ban­des geht her­vor, dass die Stadt Bam­berg im Zeit­raum von 2011 bis 2017 tarif­wid­rig und ohne gesetz­li­che Grund­la­ge min­des­tens 450.000 Euro für nicht geleis­te­te Über­stun­den an Rat­haus­mit­ar­bei­ten­de gezahlt hat. Wer die­se Zah­lun­gen ver­an­lasst hat und an wen sie gegan­gen sind, ist noch nicht klar. Ober­bür­ger­meis­ter Star­ke hat ers­te Unter­su­chungs­er­geb­nis­se für Ende Janu­ar angekündigt.

Hans-Gün­ter Brün­ker, Bam­ber­ger Stadt­rat der Par­tei Volt, die sich in einer Stadt­rats­ko­ope­ra­ti­on mit SPD, Grü­nen und ÖDP befin­det, hat die Nach­richt über die Zah­lun­gen nach eige­ner Aus­sa­ge mit Ent­set­zen und Ver­wun­de­rung zur Kennt­nis genom­men. „Es sind schon deut­li­che Sum­men, die da geflos­sen sind, und die­se Pra­xis der tarif­wid­ri­gen Über­stun­den­zah­lun­gen wur­de anschei­nend bereits 2013 bemän­gelt und bis min­des­tens 2017 nicht eingestellt.”

Bei der Auf­klä­rung des Falls for­dert er, meh­re­re Punk­te zu beach­ten. Eine rück­halt­lo­se Zusam­men­ar­beit mit der Staats­an­walt­schaft müs­se genau­so gege­ben sein wie die Ver­öf­fent­li­chung aller Tei­le des Rech­nungs­prü­fungs­be­rich­tes, die unter Wah­rung des Daten­schut­zes ver­öf­fent­licht wer­den kön­nen. Auch eine bal­di­ge Sit­zung des Rech­nungs­prü­fungs­aus­schus­ses unter Betei­li­gung aller Stadt­rats­mit­glie­der und nach Mög­lich­keit auch unter Betei­li­gung der Öffent­lich­keit for­dert der Stadtrat.

Beson­de­res Augen­merk sol­le außer­dem auf der Fra­ge lie­gen, ob es auch nach 2017 frag­wür­di­ge Zah­lun­gen in der Ver­wal­tung gab oder den begüns­tig­ten Per­so­nen auf ande­rem Wege Vor­tei­le zuteil­wur­den. Außer­dem müs­se über­prüft wer­den, ob die Pra­xis der Bezah­lung frag­wür­di­ger Über­stun­den inzwi­schen ein­ge­stellt wor­den ist. Und schluss­end­lich gel­te es zu klä­ren, wer ver­ant­wort­lich ist und wel­che struk­tu­rel­len Hin­ter­grün­de zu die­ser Pra­xis geführt haben.

„Neben man­geln­den Kon­troll­mög­lich­kei­ten lag mit­un­ter viel­leicht auch ein man­geln­der Kon­troll­wil­le durch den Stadt­rat vor. Es scheint auch, dass zu viel Macht in den Hän­den ein­zel­ner kon­zen­triert ist”, sagt Brün­ker. Die Chan­cen auf Auf­klä­rung sieht er als durch­aus gege­ben. Aber: „Es besteht die Gefahr, dass es am Schluss heißt‚ die Über­stun­den sei­en selbst­ver­ständ­lich geleis­tet, nur lei­der nicht erfasst wor­den, und dass dann jemand auf unter­ge­ord­ne­ter Ebe­ne dafür zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wird. Sol­che Bau­ern­op­fer soll­ten wir ver­hin­dern. Damit wäre dann viel­leicht dem Recht Rech­nung getra­gen, aber kei­ne Auf­klä­rung geleistet.”