Pro­fes­sor Ste­fan Kolev vom Lud­wig-Erhard-Forum bei der IHK-Vollversammlung

“Um-Indus­tria­li­sie­rung” statt “Deindus­tria­li­sie­rung”

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Um-Industrialisierung
Unser Foto zeigt den bayerischen Finanz- und Heimatsstaatsekretär Martin Schöffel im Interview mit Matthias Will. Foto: Thorsten Ochs / Ochsenfoto
Opti­mis­mus statt Tris­tesse: Dazu hat Pro­fes­sor Dr. Ste­fan Kolev die ober­frän­ki­schen Unter­neh­mer bei der Voll­ver­samm­lung der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer in Hof auf­ge­ru­fen. Sein Rezept gegen die Kri­sen der Zeit: Auf­ste­hen und sich immer wie­der neu erfin­den, offen und expe­ri­men­tier­freu­dig sein.

Ste­fan Kolev ist Pro­fes­sor an der West­säch­si­schen Hoch­schu­le Zwi­ckau, lei­tet das Lud­wig-Erhard-Forum für Wirt­schaft und Gesell­schaft und berät Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Kathe­ri­na Rei­che. Wegen einer Coro­na-Infek­ti­on konn­te er nicht per­sön­lich vor Ort sein, son­dern wur­de per Video zugeschaltet.


Zehn Punk­te für mehr Resilienz

Unter dem Titel Agen­da des Auf­bruchs stellt Kolev im öffent­li­chen Teil der Voll­ver­samm­lung den Zehn-Punk­te-Plan für ein resi­li­en­tes Deutsch­land vor, den er zusam­men mit dem Volks­wirt Mar­kus K. Brun­ner­mei­er von der US-ame­ri­ka­ni­schen Prince­ton Uni­ver­si­ty ver­fasst und vor kur­zem ver­öf­fent­licht hatte.

Von Deindus­tria­li­sie­rung ist dar­in nicht die Rede, jedoch von “Um-Indus­tria­li­sie­rung”. Kolev: „Vie­le Arbeits­plät­ze könn­ten nur über­le­ben, wenn man sie in gänz­lich neue For­men gießt.” Eine gro­ße Rol­le wer­de dabei die künst­li­che Intel­li­genz spie­len, macht der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler deut­lich. Doch dazu müss­ten erst ein­mal Netz­wer­ke ent­ste­hen, um gemein­sa­me KI-Kom­pe­ten­zen zu ent­wi­ckeln. Dabei kom­me auch die IHK-For­de­rung nach dem lebens­lan­gen Ler­nen wie­der ins Spiel. Ste­fan Kolev: Andern­falls wird uns der Wett­be­werb überholen.


For­de­rung: Kei­ne Aus­nah­men mehr von der Ausnahme

Als leis­tungs­feind­lich kri­ti­siert der Red­ner das der­zei­ti­ge Steu­er­sys­tem. „Da muss sich ver­dammt viel ändern”, macht er deut­lich. „Wir brau­chen kon­kre­te Reform­vor­schlä­ge zu Einkommen‑, Körperschaft‑, Gewer­be- und Erb­schaft­steu­er.” Eine wei­te­re kon­kre­te For­de­rung ist die nach einem ganz kon­se­quen­ten Sub­ven­ti­ons­ab­bau. Kolev wen­det sich gegen Über­re­gu­lie­rung auf euro­päi­scher Ebe­ne und spricht sich für eine Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung durch eine neue Art von Geset­zen aus: Geset­ze, in denen es kei­ne Aus­nah­men mehr von der Aus­nah­me geben dür­fe. Zudem spricht er sich bei der Ener­gie­po­li­tik für Tech­no­lo­gie­of­fen­heit aus anstel­le einer Steue­rung durch Verbote.


KI statt Kettensäge

Nicht unge­scho­ren kommt dabei auch der nach Mei­nung des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers auf­ge­bläh­te Staats­ap­pa­rat davon. Mit KI las­se sich die­ser auf ein Nor­mal­maß redu­zie­ren, so Kolev: „Ver­wal­tungs­re­form durch KI statt Ket­ten­sä­gen-Rhe­to­rik!” Die Men­schen dürf­ten aber auch kei­ne “Voll­kas­ko” mehr vom Staat erwar­ten. Um die­se und vie­le ande­re Punk­te umzu­set­zen, brau­che es kei­ne Revo­lu­ti­on. Aller­dings sei es schon höchs­te Eisen­bahn, denn: sehr viel Zeit haben wir nicht, mahnt Kolev. Außer­dem müs­se sich die Ver­tei­di­gung von einer Waf­fen- zu einer Fähig­keits­be­schaf­fung entwickeln.


Akti­en­ren­te: Zustim­mung mit Vorbehalt

Mit der geplan­ten Akti­en­ren­te ent­steht eine neue, kapi­tal­ge­deck­te drit­te Säu­le der Alters­vor­sor­ge. Sie soll das Ren­ten­sys­tem sta­bi­li­sie­ren und für jün­ge­re Gene­ra­tio­nen attrak­ti­ver machen. Kolev begrüßt den Schritt, moniert aber, dass Deutsch­land dafür viel zu lan­ge gebraucht habe. Offen sei noch, wel­che Ren­di­te die Akti­en­ren­te künf­tig abwirft und wie stark die Anla­ge­richt­li­ni­en regu­liert wer­den: Wir wer­den sehen.


Staats­se­kre­tär Mar­tin Schöf­fel: Lob für das Ber­li­ner Reformpaket

Vie­le Din­ge gehen aber nicht von heu­te auf mor­gen, hat­te zuvor Hei­mat- und Finanz­staats­se­kre­tär Mar­tin Schöf­fel gewarnt. Er macht dabei aber auch deut­lich, dass vie­les so nicht blei­ben kön­ne und spricht eben­falls von über­zo­ge­nen Regeln des Sozi­al­staa­tes und von einer über­bor­den­den Büro­kra­tie. Für das Reform­pa­ket der Bun­des­re­gie­rung hat­te Schöf­fel, den Mode­ra­tor Mat­thi­as Will zuvor als zweit­wich­tigs­ten Hüter der baye­ri­schen Finan­zen bezeich­ne­te, vie­le loben­de Wor­te übrig. Ber­lin hat ein gro­ßes Paket auf dem Weg gebracht., sagt Schöf­fel und nennt dabei bei­spiel­haft die Ren­ten­re­form, die Reform der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung und vor allem die Abschaf­fung des Bür­ger­gel­des. Unter ande­rem durch die High-Tech-Agen­da, Erleich­te­run­gen für die Kom­mu­nen und Ver­ein­fa­chun­gen bei Exis­tenz­grün­dun­gen, tra­ge der Frei­staat einen zusätz­li­chen Bei­trag zu den Refor­men bei.


Ober­fran­ken über­durch­schnitt­lich betroffen

Dr. Micha­el Waas­ner, Prä­si­dent der IHK für Ober­fran­ken Bay­reuth, hat ein­gangs dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Ober­fran­ken als indus­trie­star­ke Regi­on von den aktu­ell sehr schwie­ri­gen Rah­men­be­din­gun­gen beson­ders betrof­fen sei. „Seit dem Jahr 2019 sind rund 15.000 Indus­trie­ar­beits­plät­ze ver­lo­ren gegan­gen. Ein deut­li­ches Alarm­si­gnal“, macht Dr. Waas­ner deut­lich. „Dar­auf muss die Poli­tik reagieren.”

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