Arbeits­ge­mein­schaft chro­nisch-kran­ker und behin­der­ter Men­schen e. V.

ARGE: 30-jäh­ri­ges Jubiläum

5 Min. zu lesen
ARGE
Der Inklusions-Aktivist Raúl Krauthausen bei seinem Vortrag im Hegel-Saal, daneben eine Gebärdendolmetscherin und im Hintergrund die KUFA-Band Sleeping Anne, Foto: Volker Hoffmann
Die Arbeits­ge­mein­schaft chro­nisch-kran­ker und behin­der­ter Men­schen e.V. – kurz ARGE – ver­tritt in Bam­berg die Belan­ge von Men­schen, deren Leben durch kör­per­li­che Beein­träch­ti­gun­gen oder Krank­heit ein­ge­schränkt ist. Seit der Grün­dung im Jahr 1992 hat der Ver­ein bereits eini­ge For­de­run­gen gegen­über der Stadt und dem Land­kreis Bam­berg in Sachen Bar­rie­re­frei­heit umset­zen kön­nen – eini­ges bleibt aber auch noch zu tun. Am 3. Sep­tem­ber fei­er­te die ARGE ihr 30-jäh­ri­ges Jubiläum.

Einen Hot­spot der Behin­der­ten­un­freund­lich­keit und Bar­rie­re­un­frei­heit macht die ARGE seit ihrer Grün­dung vor 30 Jah­ren im Dom­platz bezie­hungs­wei­se der Alten Hof­hal­tung aus. Das Gebäu­de-Ensem­ble und die alte Bau­sub­stanz sind schön, für Leu­te, die auf einen Roll­stuhl oder Rol­la­tor ange­wie­sen sind, aber nur aus der Fer­ne genießbar. 

ARGE
Rudolf Zahn, Foto: S. Quenzer

Der Grund: Das eben­falls alte, aber des­we­gen auch aus einer Zeit als an Bar­rie­re­frei­heit noch nicht zu den­ken war stam­men­de Kopf­stein­pflas­ter. „Das Kopf­stein­pflas­ter ist grau­sam“, sagt Rudolf Zahn, 1. Vor­sit­zen­der der ARGE und von Geburt an quer­schnitts­ge­lähmt. „In der Alten Hof­hal­tung gibt es, dafür haben wir uns ein­ge­setzt, zwar schon eine Behin­der­ten­toi­let­te, aber was nutzt mir die, wenn ich mit dem Roll­stuhl nicht hin­kom­me.“ Die bar­rie­re­freie Pflas­te­rung in der Alten Hof­hal­tung zu den Toi­let­ten wur­de erst im Mai 2021 fer­tig­ge­stellt – aber der Hin­ter­ein­gang zur Alten Hof­hal­tung ist immer noch holp­rig und nicht bar­rie­re­frei zu erreichen.

Die Bepflas­te­rung der Bam­ber­ger Stra­ßen und Plät­ze mag zeit­lich noch etwas wei­ter zurück­lie­gen als die Anfän­ge der ARGE – die herr­schen­de Geis­tes­hal­tung, soll hei­ßen das poli­tisch oder gesell­schaft­lich herr­schen­de Des­in­ter­es­se an den Belan­gen behin­der­ter Men­schen, war zum jewei­li­gen Zeit­punkt aber sicher­lich ähn­lich ausgeprägt.

„Als wir uns 1992 gegrün­det haben war die Situa­ti­on Behin­der­ter und chro­nisch Kran­ker in Bam­berg viel schlech­ter als heu­te. Es gab nir­gends Bar­rie­re­frei­heit und die Not­wen­dig­keit dazu hat man von städ­ti­scher Sei­te aus auch nicht gesehen.“

Heu­te ist das anders. Die Stadt hat mit Nico­le Orf eine Behin­der­ten­be­auf­trag­te und ein Amt für Inklu­si­on und mit der ARGE eine Inter­es­sen­ver­tre­tung, die For­de­run­gen nach Bar­rie­re­frei­heit der Stadt gegen­über ein­bringt und dabei auf offe­ne Ohren stößt, wenn auch nicht immer offe­ne Kas­sen, und deren Mit­glie­der durch­aus auf Erfolg ihrer Anlie­gen hof­fen können.

Zie­le der ARGE

Etwa 25 Selbst­hil­fe­grup­pen haben sich der ARGE im Lauf der Zeit ange­schlos­sen. Die ober­frän­ki­sche Bezirks­grup­pe des Baye­ri­schen Blin­den- und Seh­be­hin­der­ten­bunds, der För­der­kreis gool­kids, die Selbst­hil­fe­grup­pe für Arm- und Bein­am­pu­tier­te, die Pro­sta­ta­krebs-Selbst­hil­fe­grup­pe oder die ört­li­che Nie­der­las­sung der Deut­schen Par­kin­son-Ver­ei­ni­gung sind nur eini­ge Beispiele.

„Unser Ziel“, sagt Rudolf Zahn, „ist nicht nur mehr Bar­rie­re­frei­heit in der Stadt und im Land­kreis zu schaf­fen. Wir fas­sen auch die For­de­run­gen der uns ange­schlos­se­nen Selbst­hil­fe­grup­pen zusam­men, um sie der Stadt gebün­delt vor­le­gen zu kön­nen. In unse­ren Sit­zun­gen bespre­chen wir, was mög­lich ist, stel­len For­de­run­gen an die Stadt zusam­men und krie­gen dann Rück­mel­dung, was gemacht wer­den kann. So muss nicht, wie frü­her, jede Grup­pe für sich kämp­fen. Wir kön­nen geschlos­sen auf­tre­ten und haben so grö­ße­re Chan­cen auf Erfolg.“

Die erwähn­te Behin­der­ten­toi­let­te in der Alten Hof­hal­tung ist einer davon – die Umset­zung von fla­cher gepflas­ter­tem Unter­grund an ande­re Stel­le der Stadt ein wei­te­rer. An den Sei­ten­rän­dern der Fuß­gän­ger­zo­ne zwi­schen Lan­ger Stra­ße und Max­platz wur­den so auf Betrei­ben der ARGE rechts und links eben­mä­ßi­ge­re Asphalt­strei­fen eingezogen.

Die­ser Unter­grund erleich­tert Men­schen in Roll­stüh­len und an Rol­la­to­ren, oder auch an Kin­der­wä­gen, das Vor­an­kom­men und bie­tet ihnen eine Alter­na­ti­ve zur beschwer­li­chen Buckel­pis­ten­fahrt über das Kopfsteinpflaster.

„Die­se Strei­fen haben wir in Koope­ra­ti­on mit der Stadt erstel­len las­sen. Die alte Bepflas­te­rung schaut schön aus und wir möch­ten uns nicht an Bam­bergs Bau­kul­tur ver­grei­fen. Aber es braucht einen Mit­tel­weg zwi­schen ihr und der nöti­gen Bar­rie­re­frei­heit. Es sol­len näm­lich alle die Mög­lich­keit haben, das kul­tu­rel­le Leben der Stadt genie­ßen und an ihm teil­ha­ben zu können.“

Bar­rie­re­frei­heit in meh­re­re Rich­tun­gen gedacht

Bar­rie­re­frei­heit müs­se aber in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen gedacht wer­den, so Rudolf Zahn, und nicht nur an den Bedürf­nis­sen geh­be­hin­der­ter Men­schen fest­ge­macht wer­den. „Der Blin­den- und Seh­be­hin­der­ten­bund, eines unse­rer Mit­glie­der, hat ande­re For­de­run­gen an Bar­rie­re­frei­heit als Rollstuhlfahrer.“

So setzt sich die ARGE auch für die Ein­rich­tung von Induk­ti­ons­an­la­gen in öffent­li­chen Gebäu­den ein. Das sind tech­ni­sche Vor­rich­tun­gen, die Audio­si­gna­le an schwer­hö­ri­ge Men­schen bezie­hungs­wei­se an ihre Hör­ge­rä­te über­tra­gen. Auch wur­den, zum Bei­spiel im Bam­ber­ger Bahn­hofs­ge­bäu­de, Füh­rungs­strei­fen instal­liert. Die­se kön­nen Seh­be­hin­der­te zur Ori­en­tie­rung mit ihrem Blin­den­stock ertasten.

Wie­der ande­re For­de­run­gen haben chro­nisch Kran­ke. Zum Bei­spiel geht es der Bam­ber­ger Kon­takt­per­son der Deut­schen Gesell­schaft für Mus­kel­kran­ke (DGM) neben dem Aus­bau der Bar­rie­re­frei­heit vor allem um die För­de­rung der Erfor­schung von mus­ku­lä­ren Erkran­kun­gen, durch die Betrof­fe­ne manch­mal auf Roll­stuhl, Auf­zug in der Woh­nung oder Assis­tenz ange­wie­sen sind.

Auch auf die Ver­ein­fa­chung des Zugangs zu Infor­ma­tio­nen über der­ar­ti­ge Erkran­kun­gen für Ange­hö­ri­ge der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten pocht die DGM.

Die Regio­nal­grup­pe des Lan­des­ver­bands Nie­re Bay­ern setzt sich ihrer­seits für eine bes­se­re Ver­sor­gung von Dia­ly­se­pa­ti­en­tin­nen und ‑pati­en­ten ein. Auch oder vor allem die För­de­rung der Bereit­schaft zur Organ­spen­de ist dem Ver­band wichtig.

Die Deut­sche Mul­ti­ple Skle­ro­se Gesell­schaft ist in Bam­berg eben­falls ver­tre­ten und Mit­glied der ARGE. Ihre Wün­sche an Bar­rie­re­frei­heit und Lebens­er­leich­te­rung bezie­hen sich auf den Aus­bau von Behandlungs‑, Bera­tungs- und Beglei­tungs­an­ge­bo­ten für Betrof­fe­ne und ihre Angehörigen.

Lob­by­ar­beit

Ins­ge­samt gibt es in Bam­berg über 1000 chro­nisch Kran­ke und Behin­der­te. Nicht alle davon haben sich einer Selbst­hil­fe­grup­pe ange­schlos­sen oder neh­men die Ange­bo­te die­ser Orga­ni­sa­tio­nen in Anspruch. Und nicht alle der hie­si­gen Selbst­hil­fe­grup­pen oder Ver­ei­ni­gun­gen Betrof­fe­ner haben sich der ARGE ange­schlos­sen, „aber wir wer­ben um sie“, sagt Rudolf Zahn.

Der Vor­teil der Gemein­schaft und des gemein­schaft­li­chen Vor­ge­hens, das habe die Erfah­rung gezeigt, lie­ge in der bes­se­ren Aus­sicht auf Erfolg. Auch aus dem Grund, dass es noch ande­re Bewer­ber um För­de­rung gibt.

„Dadurch, dass wir mit den Behin­der­ten­be­auf­trag­ten von Stadt und Land­kreis zusam­men­ar­bei­ten, und vor allem Frau Orf Inter­es­se an unse­ren Anlie­gen hat, sind die Chan­cen, dass unse­re For­de­run­gen umge­setzt wer­den, gut. Unse­re För­der­la­ge ist eigent­lich zufrie­den­stel­lend, aber hin und wie­der fehlt es natür­lich schon an Geld und man muss Kom­pro­mis­se ein­ge­hen. Aber wir wei­chen des­halb nicht von unse­ren For­de­run­gen ab.“

Die Alte Hof­hal­tung ist auf dem Weg zu noch mehr Bar­rie­re­frei­heit, der Dom­platz steht auch auf dem Pro­gramm ent­spre­chen­der städ­te­bau­li­cher Bemü­hun­gen. Wo die ARGE eben­falls drin­gend Hand­lungs­be­darf für leich­te­re Wege für Geh­be­hin­der­te sieht, sind Bam­bergs Bus­hal­te­stel­len und der Zen­tra­le Omnibusbahnhof.

„An Bus­hal­te­stel­len machen uns hohe Bord­stei­ne und hohe Tür­rah­men der Bus­se Pro­ble­me. Außer­dem muss der ZOB drin­gend umge­baut wer­den.“ Der Grund ist auch hier wie­der die Bepflas­te­rung. In den kom­men­den Jah­ren soll außer­dem der Platz Gey­erswörth umge­baut wer­den. Eine Chan­ce für die ARGE dies­mal von vor­ne her­ein dar­auf zu drän­gen, dass ein behin­der­ten­freund­li­che­rer Boden­be­lag zum Ein­satz kommt.

30-jäh­ri­ges Jubiläum

Anfang Sep­tem­ber wur­de aber erst mal gefei­ert. Bei einem Fest­akt im Hegel-Saal der Kon­zert­hal­le beging die ARGE ihr 30-jäh­ri­ges Jubi­lä­um mit vie­len Gäs­ten. Dar­un­ter befan­den sich Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter von inzwi­schen 20 ver­schie­de­nen Bam­ber­ger Selbsthilfegruppen.

Umrahmt von der Musik von Slee­ping Anne, der inklu­si­ven Band der KUFA Bam­berg, begrüß­ten Bam­bergs 2. Bür­ger­meis­ter Jonas Glü­sen­kamp, Nico­le Orf und Rudolf Zahn das Publikum.

Ehren­gast und Inklu­si­ons-Akti­vist Raúl Kraut­hau­sen ging in sei­nem Vor­trag auf die gesell­schaft­li­che Stel­lung und Teil­ha­be von Men­schen mit Behin­de­rung und auf den Stand der Bar­rie­re­frei­heit im öffent­li­chen Leben ein. Rudolf Zahn been­de­te letzt­lich die Ver­an­stal­tung mit der Auf­for­de­rung zum wei­te­ren Ein­ste­hen für die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­rung und sag­te: „Lie­be Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger, rech­net wei­ter mit uns!“

Weiterer Artikel

Musik­schu­len für alle

Musik­schu­le bie­tet inklu­si­ve Musikgruppen

Nächster Artikel

Baye­ri­sches Lan­des­amt für Statistik

Immer mehr E‑Bikes in Bayern