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Porosity Playground

Aus­stel­lung „Poro­si­ty Play­ground“ im Kesselhaus

„Wir tra­gen kei­ne fer­ti­gen Kunst­wer­ke in den Ausstellungsraum“

Ange­führt von Kura­to­rin und Bild­haue­rin Not­bur­ga Karl zeigt eine namen­lo­se Kunst-Grup­pe noch bis Mit­te Novem­ber ihre Aus­stel­lung „Poro­si­ty Play­ground“ im Bam­ber­ger Kes­sel­haus. Das Beson­de­re: Kei­ne Aus­stel­lung ist wie die ande­re, denn die Kunst­wer­ke ent­ste­hen als Reak­ti­on auf den jewei­li­gen Aus­stel­lungs­ort erst vor Ort.

Seit 24. Okto­ber zei­gen Not­bur­ga Karl, Tho­mas Trinkl, Son­ja Engel­hard, Car­los de Abreu, Prav­do­liub Iva­nov und das Duo Dan Dry­er (Astrid Piethan und Jörg Koslow­ski) Skulp­tu­ren, Instal­la­tio­nen und Male­rei im Kes­sel­haus. In ihren Wer­ken neh­men die Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus ihrer Sicht über­kom­me­ne Wahr­neh­mungs- und Inter­pre­ta­ti­ons­me­cha­nis­men ins Visier und hin­ter­fra­gen das Zusam­men­spiel zwi­schen Werk, Mate­ria­li­tät und Ausstellungsort.

Anfang Sep­tem­ber haben wir Not­bur­ga Karl zum Inter­view über die Aus­stel­lung „Poro­si­ty play­ground“ getrof­fen, als im Sin­ne der Her­an­ge­hens­wei­se noch nicht ganz klar war, was zu sehen sein würde.


Frau Karl, wel­che Bedeu­tung hat der Titel der Aus­stel­lung „Poro­si­ty Playground“?

Not­bur­ga Karl: Poro­si­ty, also Durch­läs­sig­keit, etwas Porö­ses, kann sich auf meh­re­re Din­ge bezie­hen: Die Durch­läs­sig­keit im Kopf, also das, was bewusst geschieht, wenn man Kunst betrach­tet: Man stellt sich eine Mate­ria­li­tät vor oder eine fil­tern­de, fra­gi­le Zustands­form oder auch etwas im über­tra­ge­nen Sinn einen Über­gangs­zu­stand, der durch­läs­sig aber doch fil­ternd ist. Auch etwas, das mit einem nicht-visu­el­len Zugang zu tun hat. Davon aus­ge­hend kann die Art und Wei­se, Kunst zu sehen oder zu machen durch­läs­sig oder flie­ßend sein, was Inter­pre­ta­ti­on oder Bedeu­tungs­zu­wei­sung angeht. Play­ground spie­gelt unser Ansin­nen, uns als Künst­le­rin­nen und Künst­ler immer mit gro­ßer Offen­heit und Locker­heit auf Din­ge ein­zu­las­sen. Ein Möglichkeitsraum.


Was mei­nen Sie mit „nicht-visu­el­ler Zugang“?

Not­bur­ga Karl: Wir sind im All­tag dar­auf getrimmt, zu deco­die­ren. Eine rote Ampel bedeu­tet ste­hen­blei­ben, eine grü­ne Ampel los­ge­hen. Ob rot auch etwas ande­res in uns aus­lö­sen kann, Emo­tio­nen zum Bei­spiel, spielt dabei kei­ne Rol­le. Es hat sich ein­ge­schli­chen, dass wir so auch Kunst betrach­ten. Man schaut hin, denkt, man weiß Bescheid und schaut wie­der weg. Das geht bei unse­ren Arbei­ten nicht. Es braucht eine Zeit des Ein­las­sens, eine Art Bewusst­wer­dungs­pro­zess, damit sich die Behaup­tung, die wir in den Wer­ken for­mu­lie­ren, erhär­ten. Nur weil ein Raum wie das Kes­sel­haus ein Ort der Kunst ist, heißt das noch nicht, dass alles, was dort gemacht wird auto­ma­tisch auch Kunst ist. Uns inter­es­sie­ren auch exis­ten­zi­el­le Fra­gen wie: Was macht Kunst, wie kann sie sich eine Form oder Visua­li­tät geben – und was bedeu­tet das kon­kret fürs Kes­sel­haus, mit sei­ner star­ken Archi­tek­tur und sei­ner Geschich­te? Wir ver­su­chen, den Kunst­ort sozu­sa­gen auf null zurück­zu­set­zen, um ihn dann mit unse­ren Wer­ken in sei­nen Bedeu­tun­gen neu zu besetzen.


Sie gehen also davon aus, dass das Publi­kum die­se theo­re­ti­sche Sei­te der Aus­stel­lung durch­aus wahr­neh­men und nicht, wie beschrie­ben, hin und wie­der weg­schau­en wird?

Not­bur­ga Karl: Ja, das Publi­kum wird mer­ken, dass es beim Betre­ten der Aus­stel­lung viel­leicht auch erst­mal in ein Vaku­um tritt, in dem es sich des­ori­en­tiert füh­len könn­te, weil die mit­ge­brach­te Her­an­ge­hens­wei­se an Kunst und die bis­he­ri­ge Art und Wei­se, Kunst zu betrach­ten, nicht sofort greifen.


Ist es Teil des Ansin­nens der Aus­stel­lung, das Publi­kum zu des­ori­en­tie­ren oder viel­leicht sogar zu überfordern?

Not­bur­ga Karl: Ich fin­de es inter­es­sant, dass Sie des­ori­en­tie­ren mit über­for­dern gleich­set­zen. Eine neue oder ande­re Ori­en­tie­rung muss nicht auto­ma­tisch nega­tiv bewer­tet sein. Klar, es ist ein Ver­las­sen der Kom­fort­zo­ne. Viel­leicht ist es bes­ser, die mög­li­che Reak­ti­on des Publi­kums eher als ver­hal­tend oder zurück­tre­tend zu bezeich­nen. Des­ori­en­tie­ren klingt eher aggres­siv, so als ob wir die Leu­ten vor den Kopf sto­ßen oder sie in ihrer etwai­gen Unwis­sen­heit bloß­stel­len wol­len wür­den. Das wol­len wir nicht. Wir wol­len, dass die Leu­te von der Aus­stel­lung etwas haben. Wir haben der Aus­stel­lung viel­leicht eine ande­re Ver­füh­rungs­kunst gege­ben als die übli­chen Her­an­ge­hens­wei­sen bei Kunst­be­trach­tung – ein Aha-Erleb­nis, das sich viel­leicht auch erst zeit­ver­setzt einstellt.


Trotz­dem möch­te die Aus­stel­lung aber nicht so sehr mit Schau­wer­ten für die Sin­ne beein­dru­cken, als mit ihrer abs­trak­ten Theorie?

Not­bur­ga Karl: Eigent­lich hof­fen wir schon, die Leu­te auch auf der ästhe­ti­schen Ebe­ne zu errei­chen. In Kunst geht es immer auch um die Form. Wir wer­den zum Bei­spiel mit sowas wie Akus­tik oder Licht arbei­ten, was den Raum auch füllt und ihn sinn­lich wir­ken lässt. Wir wol­len den Raum nicht durch unse­re gro­ße Kunst­ges­te bekämp­fen, son­dern ihm eine neue Wir­kung und beglei­ten­de Kom­men­tie­rung verleihen.


Ein Teil die­ses Pro­gramms besteht dar­in, dass Sie als Künst­le­rin­nen und Künst­ler sich oft von kon­kre­ten Aus­stel­lungs­si­tua­tio­nen zu neu­en Arbei­ten inspi­rie­ren lassen.

Not­bur­ga Karl: Ja, das zeich­net unse­re Arbeits­wei­se aus. Wir neh­men den Raum nicht nur als aus­tausch­ba­ren Behäl­ter für Kunst wahr, son­dern ver­su­chen, ihm gerecht zu wer­den und las­sen uns von sei­ner Beschaf­fen­heit zu Wer­ken her­aus­for­dern. Dar­um gibt es auch die gan­ze Band­brei­te künst­le­ri­scher Dar­stel­lungs­for­men – bild­haue­risch, male­risch, instal­la­tiv, mul­ti­me­di­al, kon­zep­tu­ell und vie­les mehr.


Haben schon alle an der Aus­stel­lung Betei­lig­ten das Kes­sel­haus und die Beschaf­fen­heit sei­ner Aus­stel­lungs­flä­che gese­hen? Haben die Betei­lig­ten in die­sem Sin­ne schon ent­schie­den, was sie vor Ort enste­hen las­sen und aus­stel­len werden?

Not­bur­ga Karl: Alle Betei­lig­ten haben sich den Raum schon ver­ge­gen­wär­tigt. Was aus­ge­stellt wird, kann ich aber noch nicht sagen. Es ist ja nicht so, dass wir fer­ti­ge Kunst­wer­ke ein­fach so in den Aus­stel­lungs­raum hin­ein­tra­gen. Der Raum spricht gera­de bei drei­di­men­sio­na­len Arbei­ten immer mit. Vie­le uns­rer Wer­ke ent­ste­hen im Raum und mit dem Raum. Nicht alles passt in so einen Raum. Es gibt Arbei­ten und Ent­wür­fe im Vor­feld, die in Bezug auf den tat­säch­li­chen Ort aber dann erst über­prüft wer­den müssen.


Was macht das Kes­sel­haus für die­se Aus­stel­lung und die­se Art aus­zu­stel­len interessant?

Not­bur­ga Karl: Auf der einen Sei­te ist das ganz klar sei­ne Mate­ria­li­tät. Dazu rech­ne ich nicht nur den Beton, son­dern auch das Licht, die Stim­mung und Spu­ren vor­he­ri­ger Aus­stel­lun­gen oder Benut­zung. Und auf der ande­ren Sei­te spielt auch die Geschich­te des Kes­sel­hau­ses für die künst­le­ri­sche Annä­he­rung eine gro­ße Rol­le. Die Tat­sa­che, dass dort ein­mal die Heiz­kes­sel für das neben­an gele­ge­ne ehe­ma­li­ge Kran­ken­haus waren, ver­leiht dem heu­ti­gen Kes­sel­haus gleich eine gewis­se Aus­sa­ge. Die­ser his­to­ri­sche Hin­ter­grund, der in die­sem Raum mit­spricht, wirkt sich auf das aus, was man in ihn rein­trägt. Man könn­te sich also als Bild­haue­rin oder Bild­hau­er mit Dampf beschäf­ti­gen, dem ande­ren Aggre­gats­zu­stand von Was­ser. Die­ser Raum aller­dings bringt den Kon­text der nicht mehr sicht­ba­ren Kes­sel sofort ins Spiel. Ein ande­rer Raum wür­de das nicht.


Wis­sen Sie schon grund­sätz­lich, wie Sie sich dem Raum nähern werden?

Not­bur­ga Karl: Mei­ne Vor­stel­lun­gen gehen immer wie­der von Licht­si­tua­tio­nen aus, ich wer­de wohl mit Licht arbei­ten. Ein wan­dern­der Licht­ke­gel viel­leicht, der die Ober­flä­che strei­chelt. Jeden­falls wird es wohl mit der Decke zu tun haben. Haben Sie schon mal hoch geschaut? Sie hat einen selt­sam gleich­mä­ßi­gen Teint. Wir alle wer­den jeweils ande­re Sphä­ren des Rau­mes auf­grei­fen. Wenn ich zum Bei­spiel von der Decke nicht los­kom­me, immer wie­der hoch­schaue, muss ich damit wohl was machen. Außer­dem steht noch der Boden in all sei­ner Dop­pel­bö­dig­keit zu Ver­fü­gung oder die von oben hän­gen­den Dop­pel-Trich­ter und ihr bestim­men­des Volu­men, oder die Glas­fas­sa­de, oder Rost. Wir suchen nach Cha­rak­te­ris­ti­ka des Raums, und suchen nach groß­zü­gi­gen Ant­wor­ten auf die vor­ge­ge­be­ne Situation.


Was ist der Reiz an die­ser Herangehensweise?

Not­bur­ga Karl: Wahr­schein­lich ist es die Lust auf das Unge­wis­se, die in neu­en Kon­tex­ten wie Aus­stel­lungs­räu­men oder der Gefal­len dar­an, Gren­zen immer wie­der neu zu erfah­ren, zu the­ma­ti­sie­ren und zu ver­schie­ben. Das ist übri­gens ein grund­sätz­li­cher Anspruch, den wir aus der Avant­guar­de geerbt haben. Auch wol­len wir den Kon­text Kunst und ihre Aus­drucks­wei­sen immer wie­der von grund­auf infra­ge stel­len, um dann zu ihr hof­fent­lich zurück­zu­fin­den, um zu sagen, dass es immer noch sinn­voll ist, Kunst zu machen und sie in Räu­me zu stel­len. Wenn wir es hin­be­kä­men, dass das Kes­sel­haus für alle, die es schon ken­nen, ein ande­rer Ort wird, wo man sich auch mal ganz ande­res sich den­ken getraut, dann hät­ten wir schon was geschafft.


Wie sahen die Publi­kums­re­ak­tio­nen an den vor­he­ri­gen Orten, an denen Sie aus­stell­ten, aus?

Not­bur­ga Karl: Inter­es­siert, offen und dank­bar, weil es in der Aus­stel­lung ja tat­säch­lich so einen Ver­schie­be-Effekt in der Wahr­neh­mung geben kann – wenn man sich dar­auf ein­lässt, und weil es zugleich einen Kunst­dis­kurs gibt, in dem wir etwas bei­steu­ern. Wir sind auch sehr gesprächs­be­reit und ver­füg­bar. Die Aus­stel­lung wird Bam­berg auch zugu­te kommen.


War­um?

Not­bur­ga Karl: Wenn man Kunst anschaut, erfährt man ja nicht nur etwas über das Werk, son­dern auch etwas über sich. Ent­we­der fin­det man etwas von sich dar­in bestä­tigt oder infra­ge gestellt. Die Aus­stel­lung und ihre Her­an­ge­hens­wei­se ist viel­leicht etwas, das in Bam­berg noch nicht so oft zu sehen gewe­sen ist oder gemacht wur­de. In Bam­berg hat sich durch die Men­ge an ehr­wür­di­ger, alter Kunst – die ja übri­gens nicht immer alt war, son­dern kurz sehr zeit­ge­nös­sisch – bei vie­len das Bedürf­nis nach Bewah­ren aus­ge­löst. Was in der Spra­che der Kunst ver­han­delt wird, was in ihren Kon­text hin­ein­ge­dacht wer­den kann oder soll, ist aber in stän­di­ger Ver­än­de­rung und immer im Über­gang. Dadurch sind die Wer­ke, die wir aus­stel­len, erst­mal wie im Modus von Behaup­tun­gen oder Fra­gen zu ver­ste­hen, und sie sind noch nicht so aner­kannt bezie­hungs­wei­se abge­si­chert wie die Din­ge, die es in Anti­qui­tä­ten­lä­den gibt. Die größ­te Fra­ge betrifft übri­gens auch das Kes­sel­haus selbst und sein Poten­ti­al für Bamberg.


In der Aus­stel­lung wer­den neben Ihrem Bei­trag Wer­ke von Tho­mas Trinkl, Son­ja Engel­hard, Car­los de Abreu, Prav­do­liub Iva­nov und des Duos Dan Dry­er zu sehen sein. Nach wel­chen Kri­te­ri­en haben Sie als Kura­to­rin die aus­tel­len­den Künst­le­rin­nen und Künst­ler ausgewählt?

Not­bur­ga Karl: Für die­se Her­an­ge­hens­wei­se, die uns ver­bin­det, also so mit Räu­men zu arbei­ten, braucht es Gemein­sam­kei­ten in der Fra­ge­stel­lung, in der Suche, in der Lust am Betre­ten von unge­si­cher­tem Ter­rain – anhand sol­cher Gemein­sam­kei­ten habe ich aus­ge­wählt. Wir woll­ten auch Prav­do­liub Iva­nov aus Sofia dabei haben; er ist zu die­ser Zeit Inter­na­tio­na­ler Gast­pro­fes­sur für Diver­si­ty an der Uni­ver­si­tät Bam­berg. Ich als ver­ant­wort­li­che Kura­to­rin brau­che außer­dem noch das Bewusst­sein, mich dar­auf ver­las­sen zu kön­nen, dass die Wer­ke, die wir sehen wer­den, inter­es­sant sein wer­den, trotz der Unsi­cher­heit, die im Vor­feld besteht und die her­aus­for­dernd sein kann.


Ist es ein Trend in den aus­stel­len­den Küns­ten, die Rol­le der Künst­le­rin­nen und Künst­ler und ihrer Wer­ke zu redu­zie­ren und mehr die Inter­ak­ti­on zu beto­nen, mit dem Publi­kum oder, wie in die­sem Fall, dem Ausstellungsort?

Not­bur­ga Karl: Es gibt wohl eine Ent­wick­lung hin zu mehr Per­for­ma­ti­vi­tät und Kom­bi­na­ti­ons­for­men in den Küns­ten. Viel­leicht hängt es auch mit der prag­ma­ti­schen Fra­ge zusam­men, wo die gan­zen Wer­ken gela­gert wer­den sol­len, wenn sie so nicht oder nicht mehr gezeigt wer­den. Aber das Prin­zip des Rela­tio­na­len – also wie man sich zu was in Bezie­hung setzt – ist ins­ge­samt ein gro­ßes The­ma. Viel­leicht ist es eine Kon­se­quenz dar­aus, nicht so sehr von anfass­ba­ren Gren­zen aus­zu­ge­hen, son­dern mehr von Bezie­hungs­räu­men. Das ist für mich immer noch Bild­haue­rei. Es hat dann mög­li­cher­wei­se den Effekt, dass man die ein­zel­nen Künst­le­rin­nen und Künst­ler dahin­ter nicht mehr so deut­lich iden­ti­fi­zie­ren kann. Das ändert aber an deren Prä­senz und Ein­fluss nichts.

Aus­stel­lung „Poro­si­ty
Play­ground“

24. Okto­ber bis 28. November

Kes­sel­haus

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