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Tschechien

Stark gefähr­de­te Nagetierart

Tier­gar­ten wil­dert Zie­sel in Tsche­chi­en aus

Neue Hei­mat für zehn Euro­päi­sche Zie­sel (Sper­mo­phi­lus citel­lus) aus dem Tier­gar­ten der Stadt Nürn­berg: Sie wur­den Ende Juli gemein­sam mit vie­len wei­te­ren Zie­seln aus euro­päi­schen Zoos in Tsche­chi­en ausgewildert.

Ursprüng­lich war die Nage­tier­art in wei­ten Tei­len Euro­pas ver­brei­tet – auch in Deutsch­land. Inzwi­schen kom­men Zie­sel nur noch in klei­nen Gebie­ten Mit­tel- und Ost­eu­ro­pas vor. Die Welt­na­tur­schutz­uni­on stuft die Art als „stark gefähr­det“ ein, in Deutsch­land gilt sie als „aus­ge­stor­ben“. Die zehn Zie­sel aus Nürn­berg, sechs Männ­chen und vier Weib­chen, sind im Tier­gar­ten gebo­ren und auf­ge­wach­sen. Kur­ze Zeit vor der Aus­wil­de­rung kamen sie in ein Zwi­schen­quar­tier im Tier­gar­ten. Emi­ly Huck und Vera Mei­den­bau­er, die der­zeit ihre Aus­bil­dung zur Tier­pfle­ge­rin in Nürn­berg absol­vie­ren, brach­ten die Tie­re dann in einer Trans­port­box nach Tsche­chi­en – zusam­men mit acht wei­te­ren Zie­seln aus dem Opel-Zoo Kron­berg im Tau­nus. Am Aus­wil­de­rungs­ge­biet ange­kom­men, setz­ten sie die Zie­sel in vor­be­rei­te­te Höh­len, die unter ande­rem mit Son­nen­blu­men­ker­nen, Mais­kör­nern und Apfel­stü­cken gefüllt waren. „Die Höh­len haben wir anschlie­ßend mit einer PET-Fla­sche so ver­schlos­sen, dass Tie­re noch Licht und Luft bekom­men, sich aber erst­mal her­aus­gra­ben müs­sen. Denn wenn die Zie­sel den ers­ten Gang eigen­stän­dig gra­ben, erhöht sich die Wahr­schein­lich­keit, dass sie orts­treu blei­ben und eine stär­ke­re Bin­dung zum Aus­wil­de­rungs­ort ent­wi­ckeln“, erklärt Emi­ly Huck. Die­se Metho­de hat sich in der Ver­gan­gen­heit bewährt.

Nach­dem die ange­hen­den Tier­pfle­ge­rin­nen die Nürn­ber­ger und Kron­ber­ger Zie­sel aus­ge­wil­dert hat­ten, unter­stütz­ten sie bei einer wei­te­ren Aus­wil­de­rung in einem angren­zen­den Gebiet. „Dabei haben wir eine ande­re Metho­de ken­nen­ge­lernt und gemein­sam mit den Pro­jekt­ver­ant­wort­li­chen soge­nann­te Aus­wil­de­rungs­ge­he­ge ange­legt. In die­sen ein­ge­zäun­ten Gehe­gen fin­den die Zie­sel Unter­schlupf­mög­lich­kei­ten und Fut­ter, müs­sen sich aber – eben­so wie bei der ers­ten Vor­ge­hens­wei­se – zunächst her­aus­gra­ben. Es war sehr inter­es­sant, bei­de Metho­den ken­nen­zu­ler­nen“, sagt Vera Meidenbauer.


Pro­jekt mit vie­len Partnern

Ins­ge­samt wur­den im Juli 115 Zie­sel in Tsche­chi­en aus­ge­wil­dert. Sie stam­men aus neun ver­schie­de­nen Zoos und Zucht­sta­tio­nen in Tsche­chi­en, Schwe­den, der Schweiz und Deutsch­land, dar­un­ter dem Tier­gar­ten Nürn­berg und dem Opel-Zoo Kron­berg im Tau­nus. 60 Tie­re, dar­un­ter die Nach­zuch­ten aus dem Tier­gar­ten, wur­den etwa 80 Kilo­me­ter nord­west­lich von Prag in ein Land­schafts­schutz­ge­biet nahe des Bergs Milá gebracht. Sie sol­len sich hier mit bestehen­den Kolo­nien ver­net­zen und so zum Auf­bau einer über­le­bens­fä­hi­gen Popu­la­ti­on bei­tra­gen. In die­sem Gebiet leben bereits an zwei Stand­or­ten Euro­päi­sche Zie­sel, wäh­rend an einem drit­ten eine neue Popu­la­ti­on ent­ste­hen soll. Zu deren Auf­bau und Sta­bi­li­sie­rung wer­den hier wie­der­holt Zie­sel aus­ge­wil­dert – so lan­ge, bis sich die Popu­la­tio­nen wie­der selbst erhal­ten können.

„Damit sich die Tie­re best­mög­lich an den Lebens­raum und mög­li­che kli­ma­ti­sche Ände­run­gen anpas­sen kön­nen, braucht es eine hohe gene­ti­sche Viel­falt. Je mehr Zie­sel aus unter­schied­li­chen Ein­rich­tun­gen aus­ge­wil­dert wer­den, des­to anpas­sungs­fä­hi­ger, robus­ter und sta­bi­ler die Popu­la­ti­on“, erklärt Bio­lo­gin und Kura­to­rin Dia­na Koch. Für Vera Mei­den­bau­er und Emi­ly Huck war die Aus­wil­de­rung auch aus einem ande­ren Grund etwas ganz beson­ders: „Es ist nicht selbst­ver­ständ­lich, dass wir als Aus­zu­bil­den­de eine sol­che Akti­on eigen­stän­dig über­neh­men dür­fen. Wir tra­gen die Ver­ant­wor­tung dafür, dass die Tie­re wohl­be­hal­ten am Aus­wil­de­rungs­ort ankom­men“, sagt Emi­ly. Vera ergänzt: „Aus­wil­de­run­gen sind nicht all­täg­lich und ein Höhe­punkt unse­rer Arbeit. Umso schö­ner ist es, dass wir die­se Erfah­rung schon wäh­rend unse­rer Aus­bil­dung machen durf­ten und auf die­se Wei­se viel dazu ler­nen konn­ten. Es ist zudem ein Zei­chen von Wert­schät­zung und Ver­trau­en, das uns ent­ge­gen­ge­bracht wird.“


Seit vie­len Jah­ren an Zie­sel-Aus­wil­de­rung beteiligt

Die Aus­wil­de­rungs­ak­ti­on, die nun schon das sieb­te Jahr in Fol­ge statt­fand, wur­de vom Muse­um Kar­l­o­vy Vary und der Agen­tura ochra­ny pøí­ro­dy a kra­ji­ny ÈR (Agen­tur für Natur- und Land­schafts­schutz der Tsche­chi­schen Repu­blik) initi­iert. Sie ist Teil eines natio­na­len Akti­ons­plans für die vom Aus­ster­ben bedroh­te Tier­art in Tsche­chi­en, zu dem auch Bemü­hun­gen zum Erhalt geeig­ne­ter Lebens­räu­me gehö­ren. Tro­cke­ne, nied­ri­ge Step­pen­gras­land­schaf­ten sind ide­al für Euro­päi­sche Zie­sel, die lan­ge Zeit als land­wirt­schaft­li­che Schäd­lin­ge gal­ten. Die zuneh­men­de Zer­stö­rung von Feld­rän­dern und Wei­den, die Zusam­men­le­gung klei­ner Fel­der zu gro­ßen Mono­kul­tu­ren und ein dra­ma­ti­scher Ver­lust an Flä­chen mit kur­zem Gras führ­ten jedoch in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zu einem Ein­bruch der Ziesel-Bestände.

Seit 2014 hat der Tier­gar­ten ins­ge­samt rund 140 Zie­sel aus­ge­wil­dert. Pro­jek­te wie die­se müs­sen lang­fris­tig ange­legt wer­den – beson­ders bei Arten wie den Zie­seln, die in der Nah­rungs­ket­te wei­ter unten ste­hen, und die von Natur aus regel­mä­ßig gefres­sen wer­den. Aus­wil­de­run­gen haben auch das Ziel, genau die­se natür­li­chen Pro­zes­se wiederherzustellen.

Unter Umstän­den ist zukünf­tig auch eine Ein­wan­de­rung von Zie­seln nach Deutsch­land mög­lich. Dort kam die Tier­art noch bis in die 1980er Jah­re im Erz­ge­bir­ge vor. Zie­sel sind klei­ne, etwa 200 bis 400 Gramm schwe­re Nage­tie­re. Im Tier­gar­ten Nürn­berg sind sie unter ande­rem im Medi­ter­ra­ne­um zu sehen. Dane­ben gibt es wei­te­re Kolo­nien rund um den Kin­der­zoo und die Nas­horn­an­la­ge. Durch die­se ver­schie­de­nen Kolo­nien kann der Tier­gar­ten mehr Nach­zuch­ten für die Wie­der­an­sie­de­lung zur Ver­fü­gung stellen.


In meh­re­ren Aus­wil­de­rungs­pro­jek­ten engagiert

Neben den Zie­seln betei­ligt sich der Tier­gar­ten auch mit ande­ren Arten regel­mä­ßig an Aus­wil­de­rungs­ak­tio­nen. In den letz­ten Jah­ren hat er bei­spiels­wei­se Alpen­stein­bö­cke in Öster­reich, Wald­rap­pe in Spa­ni­en, Bart­gei­er in Berch­tes­ga­den und Süd­frank­reich oder Luch­se in Sach­sen, Thü­rin­gen und Baden-Würt­tem­berg ausgewildert.

Stu­die der Uni­ver­si­tät Bamberg

Ost­baye­ri­sche Unter­neh­men: mehr Home­of­fice, weni­ger tsche­chi­sche Arbeitskräfte?

Bereits zum zwei­ten Mal inner­halb von zwölf Mona­ten sind die Gren­zen zu Tsche­chi­en geschlos­sen wor­den, um die Coro­na-Pan­de­mie bes­ser kon­trol­lie­ren zu kön­nen. Ein For­schungs­pro­jekt der Uni­ver­si­tät Bam­berg beschäf­tigt sich mit den Grenz­schlie­ßun­gen zum Nach­bar­land Tschechien.

„Es zeich­net sich eine Trans­for­ma­ti­on der Wirt­schaft in der Grenz­re­gi­on ab, und zen­tra­le Errun­gen­schaf­ten der ver­gan­ge­nen 30 Jah­re sind durch die Grenz­schlie­ßun­gen in Gefahr“, meint Patrick Reit­in­ger, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der Pro­fes­sur für His­to­ri­sche Geo­gra­phie der Uni­ver­si­tät Bam­berg. Er lei­tet ein For­schungs­pro­jekt, das seit Juli 2020 die Aus­wir­kun­gen der ers­ten Grenz­schlie­ßung auf die Wirt­schaft in der baye­risch-tsche­chi­schen Grenz­re­gi­on am Bei­spiel des Land­krei­ses Wun­sie­del unter­sucht. Nun soll auch die zwei­te Grenz­schlie­ßung Teil der For­schung wer­den. Bei der Unter­su­chung neh­men Reit­in­ger und sein Pro­jekt­part­ner Dr. Lukáš Novot­ný, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät in Aus­sig in Nord­böh­men, vor allem zwei Ziel­grup­pen in den Blick: Unter­neh­men und die Akteu­rin­nen und Akteu­re der Wirtschaftsförderung.

Die Grenz­schlie­ßun­gen haben Aus­wir­kun­gen auf zukünf­ti­ge Unternehmensstrategien

Die Unter­neh­men auf deut­scher Sei­te, die vie­le Pend­le­rin­nen und Pend­ler aus Tsche­chi­en beschäf­ti­gen, sind beson­ders von den Grenz­schlie­ßun­gen betrof­fen. „Es zeich­nen sich zwei Rich­tun­gen ab, in die sich die Unter­neh­men nun ent­wi­ckeln, um mit aktu­el­len und mög­li­cher­wei­se zukünf­ti­gen Grenz­schlie­ßun­gen umzu­ge­hen“, meint Patrick Reit­in­ger. Eini­ge Unter­neh­men sei­en dazu in der Lage, sich die Digi­ta­li­sie­rung zunut­ze zu machen und alter­na­ti­ve For­men des Arbei­tens, wie etwa Home­of­fice, einzusetzen.

Patrick Reit­in­ger lei­tet das For­schungs­pro­jekt, das die Aus­wir­kun­gen der Grenz­schlie­ßung auf die Wirt­schaft in der baye­risch-tsche­chi­schen Grenz­re­gi­on unter­sucht. Foto: Patrick Reitinger 

„Ande­re Unter­neh­men, die auf die Anwe­sen­heit ihrer Mit­ar­bei­ten­den ange­wie­sen sind, über­le­gen den Anteil tsche­chi­scher Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer auf lan­ge Sicht zu redu­zie­ren und sich somit von Pend­le­rin­nen und Pend­lern aus Tsche­chi­en unab­hän­gi­ger zu machen“, so Reit­in­ger. Oft­mals sei es aber nicht mög­lich, die Arbeits­plät­ze mit Per­so­nal aus der Regi­on zu besetzen.


Wirt­schafts­för­de­rung als Kom­mu­ni­ka­to­rin in der Pandemie

Die Akteu­rin­nen und Akteu­re der Wirt­schafts­för­de­rung im Land­kreis Wun­sie­del sehen sich mit einem ande­ren Pro­blem kon­fron­tiert. „Gera­de wäh­rend der ers­ten Grenz­schlie­ßung im März und April 2020, die von tsche­chi­scher Sei­te aus ver­an­lasst wur­de, lief die Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Regie­rungs­ebe­ne zwi­schen Prag und Mün­chen nicht opti­mal und die betrof­fe­nen Unter­neh­men wur­den unzu­rei­chend infor­miert“, erklärt Reit­in­ger. Und das, obwohl sich gera­de in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ein guter Draht zwi­schen den bei­den Regie­run­gen ent­wi­ckelt habe. „Der Wirt­schafts­för­de­rung im Land­kreis Wun­sie­del kommt jetzt eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­funk­ti­on zu“, meint Reit­in­ger. „Seit der Pan­de­mie über­nimmt sie eine Art Covid-19-Bera­tung, bei der sie Infor­ma­tio­nen für die Unter­neh­men bün­delt und ver­sucht, Pro­zes­se zu organisieren.”


Offe­ne Gren­zen sind für Bay­ern und Tsche­chi­en eigent­lich selbstverständlich

Seit dem Ende des Kal­ten Krie­ges und ver­stärkt noch seit dem Bei­tritt Tsche­chi­ens zur Euro­päi­schen Uni­on im Jahr 2004 ist die baye­risch-tsche­chi­sche Grenz­re­gi­on offe­ne Gren­zen gewohnt und hat sich die­sen Umstand in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren immer stär­ker zunut­ze gemacht. „Bei­de Grenz­re­gio­nen wer­den als wirt­schaft­li­che Peri­phe­rie wahr­ge­nom­men. Durch Koope­ra­tio­nen über die Gren­ze hin­weg, konn­ten sowohl West­böh­men als auch Ost­bay­ern wirt­schaft­lich enorm auf­ho­len“, sagt Patrick Reit­in­ger. „Die Coro­na-Pan­de­mie ist mit den Grenz­schlie­ßun­gen ein har­ter Schlag für die Unter­neh­men, die auf offe­ne Gren­zen, wie sie in den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jahr­zehn­ten selbst­ver­ständ­lich waren, ange­wie­sen sind.“


Befra­gung von rund 2.000 Unter­neh­men ist der nächs­te Schritt des Projekts

Das Pro­jekt „Trans­na­tio­na­le Resi­li­en­z­stra­te­gien – Tsche­chi­sche Arbeits­mi­gra­ti­on und regio­na­le Wirt­schafts­för­de­rung in Ost­bay­ern nach Covid 19“ wur­de ursprüng­lich mit 9.000 Euro von der Baye­risch-Tsche­chi­schen Hoch­schul­agen­tur aus Mit­teln des Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen und für Hei­mat geför­dert und ord­net die pan­de­mie­be­ding­ten Ent­wick­lun­gen in der Grenz­re­gi­on in einen grö­ße­ren his­to­risch-geo­gra­phi­schen Zusam­men­hang ein. Im Rah­men der Son­der­aus­schrei­bung des Pro­gramms „Baye­risch-tsche­chi­sche aka­de­mi­sche Pro­jek­te 2020 zur Covid-19-Pan­de­mie und deren Fol­gen“ war der Abschluss des For­schungs­pro­jek­tes eigent­lich für Okto­ber 2020 vor­ge­se­hen. Weil die Pan­de­mie jedoch noch immer aktu­ell ist, wird das Pro­jekt fort­ge­setzt und auch die zwei­te Grenz­schlie­ßung unter­sucht. Die Fort­set­zung der Stu­die ist durch die Ein­bet­tung in das grö­ße­re Pro­jekt „Manage­ment of Cross­bor­der Rura­li­ty | Bava­ria Bohe­mia 1990 2020“, in dem unter­sucht wird, wie die Regi­on in den letz­ten 30 Jah­ren grenz­über­schrei­tend mit den Chan­cen und Her­aus­for­de­run­gen länd­li­cher Ent­wick­lungs­pro­zes­se umge­gan­gen ist, finan­zi­ell gewähr­leis­tet. Der nächs­te Schritt ist jetzt die quan­ti­ta­ti­ve Befra­gung von rund 2.000 Unter­neh­men aus dem Land­kreis Wun­sie­del. „Die Publi­ka­ti­on ers­ter Ergeb­nis­se ist für den Früh­som­mer 2021 geplant“, sagt Reitinger.