Sei Was­ser, mein Freund

Kung Fu-Groß­meis­ter Andre­as Hoffmann

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Andreas Hoffmann
Andreas Hoffman (rechts) und Weng Chun-Lehrer Danny Fischer, Foto: Jana Caso Villavicencio
Andre­as Hoff­mann war meh­re­re Jah­re lang der ein­zi­ge west­li­che Schü­ler des Hong­kon­ger Kung Fu-Groß­meis­ters Wai Yan und half, den Kung Fu-Stil Weng Chun vor dem Aus­ster­ben zu ret­ten. Seit 1995 ist er selbst Groß­meis­ter die­ses Kampf­sports. Heu­te betreibt er eine Kung Fu-Schu­le in Bam­berg und hat mehr als 300 Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Ein Besuch in der Mem­mels­dor­fer Straße.

Die Durch­drin­gung der Lebens­ge­stal­tung durch die geis­ti­gen Maß­ga­ben des Weng Chun schlägt sich bei Andre­as Hoff­mann schon in der Gestal­tung sei­ner Arbeits­stät­te nie­der. Links neben dem Ein­gang sei­nes Kung Fu-Zen­trums im Bam­ber­ger Nor­den wach­sen Bam­bus­pflan­zen in die Höhe, rechts dane­ben ruht die Sta­tue eines lächeln­den Buddhas.

Im Innern, im Vor­raum zur Trai­nings­hal­le, legen sich cha­rak­te­ris­ti­sche Flö­ten- und Lau­ten­klän­ge über sehr vie­le asia­tisch anmu­ten­de Deko­ra­ti­ons- und Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de wie einen wei­te­ren Bud­dha oder den Kopf eines chi­ne­si­schen Parade-Drachens.

Das Asia­ti­sche habe ihn schon als Jugend­li­cher fas­zi­niert, sagt Mat­thi­as Hoff­mann, 55 Jah­re alt und gebür­tig aus Stutt­gart. Eine regel­rech­te Sehn­sucht nach den Län­dern des fer­nen Ostens sei in ihm schon im Teen­ager­al­ter ent­stan­den. Anfangs war die­se Sehn­sucht noch dif­fus und bezog sich oft auf Bruce Lee-Fil­me. Erst als er mit Kampf­sport, nament­lich mit korea­ni­schem Tae­kwon­do, phil­ip­pi­ni­schem Stock­kampf und dann Kung Fu, begann, kon­kre­ti­sier­te und erfüll­te sich die Leidenschaft.

„Es war schon sehr früh mein gro­ßer Traum, die asia­ti­schen Län­der zu berei­sen“, sagt Andre­as Hoff­mann. „Als Bud­dhist glau­be ich an frü­he­re Leben. In einem davon muss ich wahr­schein­lich mit dem asia­ti­schen Kul­tur­kreis zu tun gehabt haben.“

Heu­te, als älte­rer Mensch, der bei­na­he fünf Jahr­zehn­te asia­ti­sche Kampf­kunst betrei­be, was in sei­nem Fall auch fünf Jahr­zehn­te aus­ein­an­der­set­zen mit der geis­ti­gen Sei­te des Sports bedeu­te, wis­se er, woher sei­ne Fas­zi­na­ti­on von Anfang an auch her­rüh­ren habe können.

„Kung Fu lehrt nicht nur Kampf­sport. Es lehrt auch eine tief Natür­lich­keit zu emp­fin­den, im All­tag immer freud­voll, lie­be­voll und enthu­si­as­tisch zu sein. Auch wenn Hin­der­nis­se im Leben kom­men, trotz­dem einen Zugang zu sei­nen inne­ren Freu­den und sei­ner inne­ren Kraft zu hal­ten.“ Nicht umsonst hei­ße der Name des Kung Fu-Stils Weng Chun, dem sich Andre­as Hoff­mann ver­schrie­ben hat, über­setzt „ewi­ger Frühling“.

Andreas Hoffmann
Andre­as Hoff­mann und Wai Yan, Zei­tungs­au­schnitt Tages­zei­tung Hong­kong 1988, Foto: Privat
Weg zum Großmeister

Die Anfän­ge des Kung Fu-Stils Weng Chun lie­gen in den Shao­lin-Mönchs-Tem­peln Süd­chi­nas, in der Nähe von Hong­kong. Die Kampf­mön­che ent­wi­ckel­ten den Stil, um sich vor Angrif­fen von Pira­ten und Räu­bern zu schüt­zen. Nach dem 2. Welt­krieg flo­hen vie­le Kung Fu-Meis­ter jedoch nach Hong­kong, um den Säu­be­rungs­ak­tio­nen der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on zu entgehen.

„Mein spä­te­rer Leh­rer Wai Yan“, sagt Andre­as Hoff­mann, „hat die ers­te Weng Chun-Schu­le in Hong­kong eröff­net. In Chi­na war es meh­re­re Jahr­zehn­te lang ver­bo­ten, Selbst­ver­tei­di­gung zu trai­nie­ren. Die Kämp­fer lie­ßen sich meis­tens nicht kom­man­die­ren und sind im Sin­ne der geis­ti­gen Sei­te des Kung Fu außer­dem ange­hal­ten, Unfrei­heit zu bekämp­fen.“
Anfang der 1980er Jah­re hat­te sich die poli­ti­sche Situa­ti­on etwas ver­bes­sert. In die­ser Zeit ermög­lich­te es eine Erb­schaft Andre­as Hoff­mann, Chi­na zu berei­sen und mit 18 Jah­ren in Hong­kong Weng Chun zu ler­nen. Rück­bli­ckend eine glück­li­che Fügung für den Stil.

Ver­fol­gung, Ver­trei­bung und Nach­wuchs­man­gel beim Lehr­per­so­nal hat­ten dafür gesorgt, dass Weng Chun bei­na­he ver­schwun­den oder gar aus­ge­stor­ben war. Und da jeder, der sich in die­sem Stil aus­bil­den las­sen möch­te, spä­ter einen poten­zi­el­len Leh­rer abge­ben könn­te, bekam sogar ein wei­ßer Aus­län­der, der eines Tages unge­fragt in Hong­kong auf­tauch­te, um sich aus­bil­den zu las­sen, die­se Chan­ce. „Wai Yan, war sehr offen mir gegen­über. Er zeig­te sich sehr herz­lich, wo ich doch auch von soweit her gekom­men war.“

Meh­re­re Jah­re, in denen Andre­as Hoff­mann jedoch der ein­zi­ge west­li­che Schü­ler Wai Yans war, dau­er­te das Trai­ning. Dann reich­ten sei­ne Fähig­keit und Rei­fe aus, sich Meis­ter nen­nen zu dür­fen. Das war 1986. 1991 eröff­ne­te er sein Kung Fu-Zen­trum in Bam­berg. Ein Päd­ago­gik­stu­di­um, das er neben dem der Kampf­kunst betrieb, hat­te ihn einst in die Stadt ver­schla­gen. Vier wei­te­re Jah­re des Pen­delns zwi­schen Bam­berg un Hong­kong ver­gin­gen, bevor 1995 der Groß­meis­ter­ti­tel zu win­ken begann.

Groß­meis­ter Hoffmann

Die Bedeu­tung des Titels geht jedoch über die Fähig­kei­ten des indi­vi­du­el­len Trä­gers, und sei­en sie noch so aus­ge­prägt, hin­aus. „Es ist ein sehr lan­ger Weg bis dahin. Einer­seits wird man dann aus­er­ko­ren, ande­rer­seits muss man den Wunsch und die Fähig­keit haben, Groß­meis­ter zu wer­den. Das bedeu­tet, dass der Groß­meis­ter­ti­tel nicht dazu da ist, dass ihn jeder machen kann. Wenn jemand Weng Chun haupt­säch­lich der sport­li­chen Sei­te wegen macht, sich aber nicht für die phi­lo­so­phisch-geis­ti­ge Leh­re dar­in inter­es­siert, ist es schon okay, aber Groß­meis­ter wird er so nicht. Die­sen Titel bekom­men nur die­je­ni­gen, die den Stil bewah­ren. Das sind die Leu­te, die ihr gan­zes Leben dem Kampf­sport wid­men und all sei­ne Berei­che schätzen.“

So sei ihm in Chi­na einst die Auf­ga­be über­tra­gen wor­den, das Über­le­ben die­ses Kung Fu-Stils sicher­zu­stel­len und irgend­wann sei­ner­seits einen Groß­meis­ter zu ernen­nen. Vie­le Weng Chun-Wett­kämp­fe habe er in sei­ner Lauf­bahn zwar nicht absol­viert, sich vor­nehm­lich aufs Trai­nie­ren kon­zen­triert, aber sein größ­ter Kampf sei ohne­hin der gewe­sen, „Weng Chun vor dem Aus­ster­ben zu retten.“

Weng Chun

Was ist Weng Chun? Bruce Lee, einer der berühm­tes­ten Kung Fu-Kämp­fer und Haupt­dar­stel­ler vie­ler Kung Fu-Fil­me, ant­wor­te­te ein­mal auf die Inter­view-Fra­ge nach dem Wesen des Kampf­sports recht blu­mig: „Lee­re dei­nen Geist, sei form­los, gestalt­los – wie Was­ser. Tut man Was­ser in eine Tas­se, wird es die Tas­se. Tut man Was­ser in eine Fla­sche, wird es die Fla­sche. Tut man es in eine Tee­kan­ne, wird es die Tee­kan­ne. Was­ser kann flie­ßen oder es kann zer­schmet­tern. Sei Was­ser, mein Freund.“

Nicht starr sol­le man sein, son­dern wand­lungs­fä­hig, denn alles ist flie­ßend. Jede Ver­tei­di­gung kann ein Angriff sein, jeder Angriff eine Ver­tei­di­gung. Wie bei vie­len ande­ren Kampf­sport­ar­ten, wird auch beim Weng Chun viel Wert auf Ener­gie-Effi­zi­enz gelegt. Das heißt, Kraft oder Schwung des Geg­ners wer­den abge­fan­gen und gegen ihn genutzt, um sie ins Lee­re lau­fen zu las­sen und ihn aus dem Tritt oder Gleich­ge­wicht zu brin­gen. Trit­te, Schlä­ge, Wür­fe, Hebel-oder Wür­ge­grif­fe gehen naht­los inein­an­der über, es wird oben und unten gleich­zei­tig gekämpft. Oder verteidigt.

„Aber“, sagt Andre­as Hoff­mann, „die mön­chi­sche Shao­lin-Tra­di­ti­on ver­langt, dass man alle Wesen, im Kampf und im All­tag, schützt. Man muss auf­pas­sen, dass sich der Geg­ner nicht ver­letzt, wenn man ihn bei­spiels­wei­se zu Boden schmet­tert. Mit Weng Chun kann man jeman­den über­wäl­ti­gen, ohne ihn zu schä­di­gen.“ Des­we­gen habe er auch ziem­lich vie­le Schü­ler aus dem Sicher­heits­be­reich oder von der Polizei.

Sei­nen eige­nen Stil beschreibt Hoff­mann aller­dings, ganz sei­ner cha­rak­ter­li­chen Ver­an­la­gung ent­spre­chend, als eher sanft. „Ich bin einer, der den Geg­ner kom­men lässt, um ihn zu locken, dass er einen Feh­ler macht. Ich bin kein aggres­si­ver Mensch und mag eher die wei­che­re Art des Kämp­fens. Aber auch hier ist alles flie­ßend. Ist man zu aggres­siv, macht man schnell Feh­ler, ist man zu lang­sam, kann man leicht den Moment ver­pas­sen anzu­grei­fen. Aggres­si­vi­tät ist nicht nur schlecht. Alles hat Vor­tei­le und Nachteile.“

Ying und Yang

Das asia­ti­sche Ver­ständ­nis von Kampf­sport erschöpft sich eben nicht nur im Kämp­fen. Oder im Moment des Kamp­fes. Man bewegt sich, wenn man es macht wie ein Groß­meis­ter, der sein Leben und sei­ne Lebens­auf­fas­sung danach aus­rich­tet, auch immer auf einer tie­fe­ren geis­tig-spi­ri­tu­el­len Ebe­ne. „Wir den­ken Ying und Yang. Die­se bei­den Pole for­dern uns her­aus, alles als zusam­men­hän­gend zu betrach­ten. Nicht nur Angriff und Ver­tei­di­gung. Auch Kampf­kunst und All­tag. Wie kann ich mei­nen Geist so trai­nie­ren, dass er mit Schwie­rig­kei­ten umge­hen kann, egal ob auf der Kampf­mat­te oder außer­halb davon? Wie kann ich mei­nen Geist so trai­nie­ren, in jeder Situa­ti­on Kraft, Freu­de und Sinn­haf­tig­keit zu spü­ren? Auch wenn im wört­lich und im über­tra­ge­nen Sin­ne noch sovie­le Fäus­te auf mich einprasseln.“

All das sei kei­ne Pflicht im Weng Chun – für Andre­as Hoff­mann aber das Aller­wich­tigs­te. Als Groß­meis­ter und Mensch. „Weng Chun-Trai­ning schützt vor Angrif­fen, kör­per­li­chen und vor allem auch psy­chi­schen. Man hat sei­nen Raum, im Innern, in dem man mit sich selbst in Kon­takt ist. Da ist es leich­ter, mit Schwie­rig­kei­ten umzu­ge­hen und sogar Freu­de dabei zu haben. Jeder Kampf­künst­ler hat so eine Freu­de, so eine Kraft, das, was wir als ewi­gen Früh­ling bezeichnen.“

Kung Fu-Zen­trum Mem­mels­dor­fer Straße

Seit Andre­as Hoff­man 1991 sei­ne Kung Fu-/Weng Chun-Schu­le in der Mem­mels­dor­fer Stra­ße eröff­ne­te, hat er vie­le hun­dert Schü­le­rin­nen und Schü­ler trai­niert. Aktu­ell sind es etwa 300. Mit den Kung Fu-Schu­len, die lan­des­weit sei­ner Schu­le und sei­ner Groß­meis­ter-Füh­rung ange­schlos­sen sind, beläuft sich die Schü­ler­zahl sogar auf 3.000. Dar­un­ter befin­den sich auch vie­le Kinder.

„Man muss aber nicht schon als Kind anfan­gen, um gut zu wer­den“, sagt Andre­as Hoff­mann, „es ist aber hilf­reich.“ Wobei, fügt er an, was ihm in der Jugend Bruce Lee-Fil­me gewe­sen sei­en, „ist heu­te mehr der Ani­ma­ti­ons-
film Kung Fu Panda.“

Apro­pos Film. Andre­as Hoff­mans lan­ge Kar­rie­re hat zeit­wei­se auch selbst den einen oder ande­ren Schlen­ker übers Film­ge­schäft genom­men. Zwar nicht als Dar­stel­ler vor der Kame­ra, aber „ich habe ein biss­chen gehol­fen, Stunt­leu­te aus­zu­bil­den. Ein Schü­ler von mir war zum Bei­spiel beim neu­en Matrix­film als Stunt­ko­or­di­na­tor dabei.“

Im Kung Fu-Zen­trum in der Mem­mels­dor­fer Stra­ße beinhal­ten Trai­nings­ein­hei­ten indes nicht nur kör­per­li­che Übun­gen. Andre­as Hoff­mann und sei­ne Schütz­lin­ge ver­tie­fen sich auch regel­mä­ßig in die Geschich­te und die Phi­lo­so­phie des Weng Chun. Beson­de­rer kör­per­li­cher Vor­aus­set­zun­gen wie Fit­ness oder gro­ße Mus­kel­mas­se bedarf es ohne­hin kei­ner. Das kommt mit der Zeit. Genau wie men­ta­le Fähigkeiten.

„Kung Fu lernt Ruhe, Dis­zi­plin, Durch­hal­te­ver­mö­gen, aber in einer enthu­si­as­ti­schen, freud­vol­len Art. Es macht cha­rak­ter­lich stär­ker, gedul­di­ger, ent­spann­ter, dis­zi­pli­nier­ter und freigiebiger.“

Schon etwa 100 Weng Chun-Meis­ter habe er im Ein­klang mit all­dem aus­ge­bil­det. 100 Leu­te, die ihrer­seits hel­fen, Weng Chun-Kung Fu als eigen­stän­di­gen Stil zu erhal­ten. Eine Ver­pflich­tung des Groß­meis­ters besteht aber auch dar­in, für die­ses Ansin­nen irgend­wann einen Nach­fol­ger, einen neu­en Groß­meis­ter aus­zu­wäh­len. „Es gibt unter mei­nen Meis­tern schon ein paar, die die Groß­meis­ter­rol­le über­neh­men könn­ten, wenn ich mich irgend­wann zurückziehe.“

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