Mar­tin Bey­er und Syl­via Michel im Interview

LÜCKE – Aus der Echo­kam­mer in den Wir-Raum

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LÜCKE
Blick ins Studio im Galeriehaus Nord Nürnberg, Foto: Kueffner, Hanisch
Ende Juni star­te­te im Kes­sel­haus Bam­berg die Kunst­aus­stel­lung LÜCKE mit Wer­ken von Kari­na Kueff­ner, Lud­wig Hanisch und Mar­tin Bey­er. Wir haben mit dem Kura­tor Mar­tin Bey­er und Syl­via Michel, der Vor­sit­zen­den des Kunst­ver­eins Bam­berg e.V., gesprochen.

Vor weni­gen Jah­ren stand der Schrift­stel­ler Mar­tin Bey­er im Bam­ber­ger Kes­sel­haus vor der all­seits bekann­ten Aus­spa­rung im Boden. Er hat­te sich bereits zuvor lite­ra­risch mit dem asso­zia­ti­ons­rei­chen The­ma der Lücke aus­ein­an­der­ge­setzt, und nun war da die­se Lücke im Raum. Wenn ein krea­ti­ver Kopf mit dem pas­sen­den Gedan­ken am pas­sen­den Ort ist, ent­steht oft etwas Neu­es. In die­sem Fall ent­stand die Idee zur Aus­stel­lung „LÜCKE”.

Eigent­lich hat die Lücke einen eher schlech­ten Ruf. Es gibt die Lücke im Lebens­lauf, die im Vor­stel­lungs­ge­spräch kri­ti­sche Fra­gen nach sich zieht. In sozia­len Netz­wer­ken gibt es durch die stän­di­ge Ver­füg­bar­keit kaum ein­mal eine Infor­ma­ti­ons­lü­cke, kei­ne Zeit zum Durch­at­men. Eine Lücke im Mau­er­werk kann sich nicht nur aus denk­mal­schutz­recht­li­chen Belan­gen zu einem Pro­blem ent­wi­ckeln. Aber es gibt auch die ande­re Sei­te der Medaille.

Denn „…in die­sen Lücken, den Ris­sen, Nischen, Ecken und Win­keln, auch in der Stil­le, fin­det sich oft das, was künst­le­risch beson­ders beach­tens­wert sein kann“, so Mar­tin Bey­er. Für ihn lau­ert hier das Ver­que­re, Wild-Wuchern­de und das Über­se­he­ne. Aus die­sen und ähn­li­chen Betrach­tun­gen speist sich Idee in die­ser Ausstellung.

Mar­tin Bey­er Foto: Lisa Doneff
Von der Idee zur Realisierung

Der Kunst­ver­ein Bam­berg e.V. stand der Idee von Anfang an auf­ge­schlos­sen gegen­über. Die Vor­sit­zen­de des Kunst­ver­eins, Syl­via Michel, erin­nert sich ger­ne an die Zusam­men­ar­beit mit Mar­tin Bey­er im Jahr 2022 zurück. Sie beschreibt sie als ein für alle Betei­lig­ten inspi­rie­ren­des Erleb­nis. Bereits damals kura­tier­te Bey­er eine Aus­stel­lung der Künst­le­rin Ire­ne Wedell im Kesselhaus.

Als Akteu­re für die Aus­stel­lung LÜCKE hat­te Bey­er dann auch sofort die Künst­le­rin Kari­na Kueff­ner und den Künst­ler Lud­wig Hanisch im Sinn.

Kari­na Kueff­ner ist eine in Nürn­berg täti­ge bil­den­de Künst­le­rin. Sie stu­dier­te Tex­til­de­sign an der Hoch­schu­le in Hof und an der Kunst­uni­ver­si­tät Linz. Anschlie­ßend absol­vier­te sie ein Stu­di­um der Frei­en Male­rei an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Nürn­berg. Ihre Arbei­ten sind oft groß­for­ma­ti­ge, teils raum­grei­fen­de Wer­ke die mit Mus­tern, For­men und Mate­ra­li­tät spie­len. So ver­wen­det sie bei­spiels­wei­se geschnit­te­ne Kle­be­fo­li­en, die sie mit tex­ti­len Web­tech­ni­ken zusammenfügt. 

Die Wer­ke, die expli­zit für die Bam­ber­ger Aus­stel­lung ent­wor­fen wer­den, sol­len mit den archi­tek­to­ni­schen Struk­tu­ren des Kes­sel­hau­ses inter­agie­ren. Die Über­set­zung die­ser Struk­tu­ren in unge­wöhn­li­che Mate­ria­li­en sol­len die­se sicht­bar und erfahr­bar machen. Die Kunst­wer­ke sol­len also eine inten­si­ve­re Wahr­neh­mung des Rau­mes in sei­ner Lücken­haf­tig­keit ermög­li­chen, indem ein­zel­ne Struk­tu­ren des Kes­sel­hau­ses in geweb­te Mus­ter­flä­chen oder groß­for­ma­ti­ge, prä­gnan­te Ein­zel­for­men umge­wan­delt werden.

Kari­na Kueff­ners „pat­tern dra­wing (cross)“, Foto: hwgn.de

Der eben­falls in Nürn­berg leben­de Künst­ler Lud­wig Hanisch ergänzt die tra­di­tio­nel­len, tex­til gefer­tig­ten Wer­ke von Kueff­ner mit sei­nen von digi­ta­len Wel­ten beein­fluss­ten Arbei­ten. Hanisch lässt sich von Com­pu­ter­spie­len inspi­rie­ren und über­trägt die fik­ti­ve Welt der Games in den rea­len Raum. Sei­ne Wer­ke ver­bin­den digi­ta­le Ästhe­tik mit tra­di­tio­nel­len künst­le­ri­schen Tech­ni­ken, wodurch eine inter­es­san­te Dyna­mik zwi­schen die­sen bei­den Wel­ten ent­steht. Er ver­wen­det dafür Moti­ve aus der digi­ta­len Welt wie Pixel, Blö­cke oder Spiel­cha­rak­te­re. Für das Kes­sel­haus plant Hanisch, dem Aus­stel­lungs­raum einen spie­le­ri­schen Cha­rak­ter zu ver­lei­hen – ähn­lich einem Com­pu­ter­spiel. Er wird unter ande­rem Blö­cke ver­wen­den, die mit Gra­fi­ken und Tex­tu­ren bedruckt sind, die vom Innen­raum des Kes­sel­hau­ses inspi­riert sind – so zum Bei­spiel mit Stein­bo­den- oder Zie­gel­tex­tu­ren. Dadurch sol­len die Blö­cke wir­ken, als wären sie Teil der Bau­sub­stanz des Kesselhauses.


Exklu­si­ve Kunst­wer­ke für die Aus­stel­lung im Kesselhaus

In ihren Arbei­ten beschäf­ti­gen sich bei­de Künst­ler mit dem Prin­zip des Ras­ters und dem Pixel. Gemein­sam bil­den sie das Künst­ler­duo #patt­ern­to­pi­xel. Kueff­ners Tex­til­mus­ter basie­ren auf dem Prin­zip der Wie­der­ho­lung und die­nen als Grund­la­ge für ihre Instal­la­tio­nen. Die­ser pixel­ar­ti­ge Look ist wie­der­um die Basis für Hanischs „gami­fi­zier­te“ Male­rei. Aus­ge­hend von Kueff­ners Mus­tern ent­wi­ckelt Hanisch „Ava­tare“, die wie Cha­rak­te­re aus digi­ta­len Wel­ten wir­ken. Ihre Zusam­men­ar­beit kon­zen­triert sich auf Edi­tio­nen ein­zig­ar­ti­ger Male­rei­en und Zeich­nun­gen sowie auf pro­jekt­be­zo­ge­ne künst­le­ri­sche Instal­la­tio­nen. Für das Kes­sel­haus wird eine exklu­si­ve Rei­he von Zeich­nun­gen und Male­rei­en ent­ste­hen, die inhalt­lich und for­mal Bezug auf die Aus­stel­lung nehmen.

Auch der Initia­tor und Kura­tor der Aus­stel­lung, Mar­tin Bey­er, wird nicht nur einen orga­ni­sa­to­ri­schen, son­dern auch einen künst­le­ri­schen Bei­trag leis­ten. Der Schrift­stel­ler lebt in Bam­berg und konn­te bereits mit meh­re­ren Roma­nen Erfol­ge fei­ern („Und ich war da“, „Tan­te Hele­ne und das Buch der Krei­se“, bei­de erschie­nen im Ull­stein Ver­lag). Er war Fina­list beim Inge­borg-Bach­mann-Preis 2019 und mode­riert mit Nora Gom­rin­ger die Vil­la Wild. Es liegt also Nahe, dass der Schrift­stel­ler die Lücke mit Wor­ten erfahr­bar macht. 

Kari­na Kueff­ner, Foto: Lucre­zia Zanardi

Sein Bei­trag zur Aus­stel­lung wird aus groß­flä­chi­gen Text­flä­chen sowie klei­nen, ver­steck­ten Text­ele­men­ten bestehen. Dar­über hin­aus wird von ihm ein län­ge­rer Pro­sa­text ent­ste­hen, der die Aus­stel­lung und die Ver­an­stal­tun­gen beglei­ten wird.

Sym­bio­se aus Raum und Kunstwerken

Da die Idee zur Aus­stel­lung von den archi­tek­to­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten des Kes­sel­hau­ses stammt, ist es nahe­lie­gend, dass der Raum Teil der Aus­stel­lung sein soll. Bey­er geht es dar­um, mit dem Kes­sel­haus als Ort in einen Dia­log zu tre­ten. So wer­den alle betei­lig­ten Künst­ler ihre Arbei­ten direkt für den und gelei­tet vom Raum fer­ti­gen. Kueff­ner wird die archi­tek­to­ni­schen Mus­ter des Rau­mes auf­grei­fen und dar­aus groß­for­ma­ti­ge, wand­fül­len­de Pat­tern fer­ti­gen. Hanisch digi­ta­li­siert vor­han­den Raum­ele­men­te, etwa das Mau­er­werk, und führt es wie­der in Male­rei zurück. Bey­ers Tex­te selbst, fin­den in den Zwi­schen­räu­men, Lücken und Aus­spa­run­gen des Kes­sel­hau­ses ihren Platz.

Mit sei­ner Aus­stel­lung möch­te Bey­er Lücken für neue Gedan­ken, Erfah­run­gen und Begeg­nun­gen öff­nen. Für ihn wäre die Aus­stel­lung ein Erfolg, wenn sie den Begriff der Lücke bei den Besu­chern ver­än­dern wür­de. Der Lücke soll die nega­ti­ve Asso­zia­ti­on genom­men und durch eine viel­schich­ti­ge­re Wort­be­deu­tung ersetzt wer­den. Syl­via Michel vom Kunst­ver­ein wünscht sich, dass die Aus­stel­lung Raum für das Unvoll­stän­di­ge und Fra­gi­le schafft – sowohl als künst­le­ri­sches Pro­jekt aber auch als Spie­gel gesell­schaft­li­cher Prozesse.

Syli­va Michel (unten, links) folg­te Anfang April als Vor­sit­zen­de des Kunst­ver­eins Bam­berg auf Dr. Bar­ba­ra Kah­le, Foto: Hel­mut Ölschlegel

Die Lücke soll nicht nur als Defi­zit ver­stan­den wer­den, son­dern als Mög­lich­keit zur Refle­xi­on, zum Dia­log und zur Teil­ha­be. Zur Teil­ha­be und zum Dia­log bie­ten sich bei­spiels­wei­se die zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen an, die die Aus­stel­lung beglei­ten. Denn ein wich­ti­ger Bestand­teil der Aus­stel­lung, da sind sich Michel und Bey­er einig, ist die geplan­te umfang­rei­che Ver­an­stal­tungs­rei­he rund um das The­ma Lücke.

Ver­an­stal­tun­gen als wich­ti­ger Bestand­teil der Ausstellung

Der Auf­takt der Ver­an­stal­tun­gen war die Ver­nis­sa­ge, die mit einem Vor­trag der ehe­ma­li­gen Vor­sit­zen­den des Kunst­ver­eins Dr. Bar­ba­ra Kah­le began­gen wur­de. Ein wei­te­rer Höhe­punkt ist die Koope­ra­ti­on mit den Bergan­za-Preis­trä­gern Jochen Neu­r­a­th und sei­nem nonoi­se Ensem­ble. Im Janu­ar 2025 führ­ten sie in der Bam­ber­ger Johan­nis­ka­pel­le bereits erfolg­reich das Stück echo­es of an exhi­bi­ti­on auf. Die­ses Werk wird nun in einer auf 24 Stun­den erwei­ter­ten Ver­si­on im Kes­sel­haus im Rah­men der Aus­stel­lung prä­sen­tiert. Mit redu­zier­ter, mini­ma­ler Klang­lich­keit the­ma­ti­siert es die Stil­le und das Bestre­ben unse­res Gehirns, den schein­ba­ren Man­gel an Infor­ma­tio­nen durch Ima­gi­na­ti­on aus­zu­glei­chen. Lei­se Klän­ge, dezen­te Geräu­sche und Wor­te wer­den aus dem Kes­sel­haus einen Klang­raum erschaf­fen. Die Besu­cher kön­nen, je nach Belie­ben, jeder­zeit kom­men und gehen. Die 24-stün­di­ge Auf­füh­rung und der Dia­log mit den Kunst­wer­ken soll das Ereig­nis zu einem beson­de­ren Erleb­nis für Publi­kum und Mit­wir­ken­de machen. Des Wei­te­ren sind eine Art-and-Sci­ence-Slam und eine musi­ka­li­sche Lesung mit Anto­nia Haus­mann und Mar­tin Bey­er geplant. Für Kin­der und erwach­se­ne Besu­cher wer­den zudem unter dem Mot­to „LÜCKENZEIT“ Work­shops mit den Künst­lern angeboten.

Das kul­tur­in­ter­es­sier­te Publi­kum in Bam­berg darf sich erneut über eine auf­wän­di­ge und durch­dach­te Aus­stel­lung mit umfang­rei­chem Rah­men­pro­gramm im Kes­sel­haus freu­en. Der Schrift­stel­ler und Kura­tor Mar­tin Bey­er, der in Zusam­men­ar­beit mit dem Kunst­ver­ein Bam­berg e.V. ein wei­te­res Ereig­nis orga­ni­siert, trägt dazu bei, das kul­tu­rel­le Leben in Bam­berg zu bereichern.

Für Syl­via Michel wäre die „Aus­stel­lung ein Erfolg, wenn sie als offe­ner Denk- und Begeg­nungs­raum funk­tio­niert – wenn Besucher*innen nicht nur Kunst betrach­ten, son­dern sich ein­ge­la­den füh­len, mit­zu­den­ken, Fra­gen zu stel­len und sich ein­zu­brin­gen. Erfolg heißt hier nicht Reich­wei­te allein, son­dern Reso­nanz: wenn unter­schied­li­che Men­schen ins Gespräch kom­men, wenn Lücken nicht als Lee­re, son­dern als Impuls erlebt wer­den – dann hat die Aus­stel­lung ihr Ziel erreicht.“ Die Aus­stel­lung im Kes­sel­haus Bam­berg läuft bis zum 2. August 2025. Das Pro­gramm ist unter www.kunstverein-bamberg.de zu finden.

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