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Martin Beyer

Mar­tin Bey­er und Syl­via Michel im Interview

LÜCKE – Aus der Echo­kam­mer in den Wir-Raum

Ende Juni star­te­te im Kes­sel­haus Bam­berg die Kunst­aus­stel­lung LÜCKE mit Wer­ken von Kari­na Kueff­ner, Lud­wig Hanisch und Mar­tin Bey­er. Wir haben mit dem Kura­tor Mar­tin Bey­er und Syl­via Michel, der Vor­sit­zen­den des Kunst­ver­eins Bam­berg e.V., gesprochen.

Vor weni­gen Jah­ren stand der Schrift­stel­ler Mar­tin Bey­er im Bam­ber­ger Kes­sel­haus vor der all­seits bekann­ten Aus­spa­rung im Boden. Er hat­te sich bereits zuvor lite­ra­risch mit dem asso­zia­ti­ons­rei­chen The­ma der Lücke aus­ein­an­der­ge­setzt, und nun war da die­se Lücke im Raum. Wenn ein krea­ti­ver Kopf mit dem pas­sen­den Gedan­ken am pas­sen­den Ort ist, ent­steht oft etwas Neu­es. In die­sem Fall ent­stand die Idee zur Aus­stel­lung „LÜCKE”.

Eigent­lich hat die Lücke einen eher schlech­ten Ruf. Es gibt die Lücke im Lebens­lauf, die im Vor­stel­lungs­ge­spräch kri­ti­sche Fra­gen nach sich zieht. In sozia­len Netz­wer­ken gibt es durch die stän­di­ge Ver­füg­bar­keit kaum ein­mal eine Infor­ma­ti­ons­lü­cke, kei­ne Zeit zum Durch­at­men. Eine Lücke im Mau­er­werk kann sich nicht nur aus denk­mal­schutz­recht­li­chen Belan­gen zu einem Pro­blem ent­wi­ckeln. Aber es gibt auch die ande­re Sei­te der Medaille.

Denn „…in die­sen Lücken, den Ris­sen, Nischen, Ecken und Win­keln, auch in der Stil­le, fin­det sich oft das, was künst­le­risch beson­ders beach­tens­wert sein kann“, so Mar­tin Bey­er. Für ihn lau­ert hier das Ver­que­re, Wild-Wuchern­de und das Über­se­he­ne. Aus die­sen und ähn­li­chen Betrach­tun­gen speist sich Idee in die­ser Ausstellung.

Mar­tin Bey­er Foto: Lisa Doneff
Von der Idee zur Realisierung

Der Kunst­ver­ein Bam­berg e.V. stand der Idee von Anfang an auf­ge­schlos­sen gegen­über. Die Vor­sit­zen­de des Kunst­ver­eins, Syl­via Michel, erin­nert sich ger­ne an die Zusam­men­ar­beit mit Mar­tin Bey­er im Jahr 2022 zurück. Sie beschreibt sie als ein für alle Betei­lig­ten inspi­rie­ren­des Erleb­nis. Bereits damals kura­tier­te Bey­er eine Aus­stel­lung der Künst­le­rin Ire­ne Wedell im Kesselhaus.

Als Akteu­re für die Aus­stel­lung LÜCKE hat­te Bey­er dann auch sofort die Künst­le­rin Kari­na Kueff­ner und den Künst­ler Lud­wig Hanisch im Sinn.

Kari­na Kueff­ner ist eine in Nürn­berg täti­ge bil­den­de Künst­le­rin. Sie stu­dier­te Tex­til­de­sign an der Hoch­schu­le in Hof und an der Kunst­uni­ver­si­tät Linz. Anschlie­ßend absol­vier­te sie ein Stu­di­um der Frei­en Male­rei an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Nürn­berg. Ihre Arbei­ten sind oft groß­for­ma­ti­ge, teils raum­grei­fen­de Wer­ke die mit Mus­tern, For­men und Mate­ra­li­tät spie­len. So ver­wen­det sie bei­spiels­wei­se geschnit­te­ne Kle­be­fo­li­en, die sie mit tex­ti­len Web­tech­ni­ken zusammenfügt. 

Die Wer­ke, die expli­zit für die Bam­ber­ger Aus­stel­lung ent­wor­fen wer­den, sol­len mit den archi­tek­to­ni­schen Struk­tu­ren des Kes­sel­hau­ses inter­agie­ren. Die Über­set­zung die­ser Struk­tu­ren in unge­wöhn­li­che Mate­ria­li­en sol­len die­se sicht­bar und erfahr­bar machen. Die Kunst­wer­ke sol­len also eine inten­si­ve­re Wahr­neh­mung des Rau­mes in sei­ner Lücken­haf­tig­keit ermög­li­chen, indem ein­zel­ne Struk­tu­ren des Kes­sel­hau­ses in geweb­te Mus­ter­flä­chen oder groß­for­ma­ti­ge, prä­gnan­te Ein­zel­for­men umge­wan­delt werden.

Kari­na Kueff­ners „pat­tern dra­wing (cross)“, Foto: hwgn.de

Der eben­falls in Nürn­berg leben­de Künst­ler Lud­wig Hanisch ergänzt die tra­di­tio­nel­len, tex­til gefer­tig­ten Wer­ke von Kueff­ner mit sei­nen von digi­ta­len Wel­ten beein­fluss­ten Arbei­ten. Hanisch lässt sich von Com­pu­ter­spie­len inspi­rie­ren und über­trägt die fik­ti­ve Welt der Games in den rea­len Raum. Sei­ne Wer­ke ver­bin­den digi­ta­le Ästhe­tik mit tra­di­tio­nel­len künst­le­ri­schen Tech­ni­ken, wodurch eine inter­es­san­te Dyna­mik zwi­schen die­sen bei­den Wel­ten ent­steht. Er ver­wen­det dafür Moti­ve aus der digi­ta­len Welt wie Pixel, Blö­cke oder Spiel­cha­rak­te­re. Für das Kes­sel­haus plant Hanisch, dem Aus­stel­lungs­raum einen spie­le­ri­schen Cha­rak­ter zu ver­lei­hen – ähn­lich einem Com­pu­ter­spiel. Er wird unter ande­rem Blö­cke ver­wen­den, die mit Gra­fi­ken und Tex­tu­ren bedruckt sind, die vom Innen­raum des Kes­sel­hau­ses inspi­riert sind – so zum Bei­spiel mit Stein­bo­den- oder Zie­gel­tex­tu­ren. Dadurch sol­len die Blö­cke wir­ken, als wären sie Teil der Bau­sub­stanz des Kesselhauses.


Exklu­si­ve Kunst­wer­ke für die Aus­stel­lung im Kesselhaus

In ihren Arbei­ten beschäf­ti­gen sich bei­de Künst­ler mit dem Prin­zip des Ras­ters und dem Pixel. Gemein­sam bil­den sie das Künst­ler­duo #patt­ern­to­pi­xel. Kueff­ners Tex­til­mus­ter basie­ren auf dem Prin­zip der Wie­der­ho­lung und die­nen als Grund­la­ge für ihre Instal­la­tio­nen. Die­ser pixel­ar­ti­ge Look ist wie­der­um die Basis für Hanischs „gami­fi­zier­te“ Male­rei. Aus­ge­hend von Kueff­ners Mus­tern ent­wi­ckelt Hanisch „Ava­tare“, die wie Cha­rak­te­re aus digi­ta­len Wel­ten wir­ken. Ihre Zusam­men­ar­beit kon­zen­triert sich auf Edi­tio­nen ein­zig­ar­ti­ger Male­rei­en und Zeich­nun­gen sowie auf pro­jekt­be­zo­ge­ne künst­le­ri­sche Instal­la­tio­nen. Für das Kes­sel­haus wird eine exklu­si­ve Rei­he von Zeich­nun­gen und Male­rei­en ent­ste­hen, die inhalt­lich und for­mal Bezug auf die Aus­stel­lung nehmen.

Auch der Initia­tor und Kura­tor der Aus­stel­lung, Mar­tin Bey­er, wird nicht nur einen orga­ni­sa­to­ri­schen, son­dern auch einen künst­le­ri­schen Bei­trag leis­ten. Der Schrift­stel­ler lebt in Bam­berg und konn­te bereits mit meh­re­ren Roma­nen Erfol­ge fei­ern („Und ich war da“, „Tan­te Hele­ne und das Buch der Krei­se“, bei­de erschie­nen im Ull­stein Ver­lag). Er war Fina­list beim Inge­borg-Bach­mann-Preis 2019 und mode­riert mit Nora Gom­rin­ger die Vil­la Wild. Es liegt also Nahe, dass der Schrift­stel­ler die Lücke mit Wor­ten erfahr­bar macht. 

Kari­na Kueff­ner, Foto: Lucre­zia Zanardi

Sein Bei­trag zur Aus­stel­lung wird aus groß­flä­chi­gen Text­flä­chen sowie klei­nen, ver­steck­ten Text­ele­men­ten bestehen. Dar­über hin­aus wird von ihm ein län­ge­rer Pro­sa­text ent­ste­hen, der die Aus­stel­lung und die Ver­an­stal­tun­gen beglei­ten wird.

Sym­bio­se aus Raum und Kunstwerken

Da die Idee zur Aus­stel­lung von den archi­tek­to­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten des Kes­sel­hau­ses stammt, ist es nahe­lie­gend, dass der Raum Teil der Aus­stel­lung sein soll. Bey­er geht es dar­um, mit dem Kes­sel­haus als Ort in einen Dia­log zu tre­ten. So wer­den alle betei­lig­ten Künst­ler ihre Arbei­ten direkt für den und gelei­tet vom Raum fer­ti­gen. Kueff­ner wird die archi­tek­to­ni­schen Mus­ter des Rau­mes auf­grei­fen und dar­aus groß­for­ma­ti­ge, wand­fül­len­de Pat­tern fer­ti­gen. Hanisch digi­ta­li­siert vor­han­den Raum­ele­men­te, etwa das Mau­er­werk, und führt es wie­der in Male­rei zurück. Bey­ers Tex­te selbst, fin­den in den Zwi­schen­räu­men, Lücken und Aus­spa­run­gen des Kes­sel­hau­ses ihren Platz.

Mit sei­ner Aus­stel­lung möch­te Bey­er Lücken für neue Gedan­ken, Erfah­run­gen und Begeg­nun­gen öff­nen. Für ihn wäre die Aus­stel­lung ein Erfolg, wenn sie den Begriff der Lücke bei den Besu­chern ver­än­dern wür­de. Der Lücke soll die nega­ti­ve Asso­zia­ti­on genom­men und durch eine viel­schich­ti­ge­re Wort­be­deu­tung ersetzt wer­den. Syl­via Michel vom Kunst­ver­ein wünscht sich, dass die Aus­stel­lung Raum für das Unvoll­stän­di­ge und Fra­gi­le schafft – sowohl als künst­le­ri­sches Pro­jekt aber auch als Spie­gel gesell­schaft­li­cher Prozesse.

Syli­va Michel (unten, links) folg­te Anfang April als Vor­sit­zen­de des Kunst­ver­eins Bam­berg auf Dr. Bar­ba­ra Kah­le, Foto: Hel­mut Ölschlegel

Die Lücke soll nicht nur als Defi­zit ver­stan­den wer­den, son­dern als Mög­lich­keit zur Refle­xi­on, zum Dia­log und zur Teil­ha­be. Zur Teil­ha­be und zum Dia­log bie­ten sich bei­spiels­wei­se die zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen an, die die Aus­stel­lung beglei­ten. Denn ein wich­ti­ger Bestand­teil der Aus­stel­lung, da sind sich Michel und Bey­er einig, ist die geplan­te umfang­rei­che Ver­an­stal­tungs­rei­he rund um das The­ma Lücke.

Ver­an­stal­tun­gen als wich­ti­ger Bestand­teil der Ausstellung

Der Auf­takt der Ver­an­stal­tun­gen war die Ver­nis­sa­ge, die mit einem Vor­trag der ehe­ma­li­gen Vor­sit­zen­den des Kunst­ver­eins Dr. Bar­ba­ra Kah­le began­gen wur­de. Ein wei­te­rer Höhe­punkt ist die Koope­ra­ti­on mit den Bergan­za-Preis­trä­gern Jochen Neu­r­a­th und sei­nem nonoi­se Ensem­ble. Im Janu­ar 2025 führ­ten sie in der Bam­ber­ger Johan­nis­ka­pel­le bereits erfolg­reich das Stück echo­es of an exhi­bi­ti­on auf. Die­ses Werk wird nun in einer auf 24 Stun­den erwei­ter­ten Ver­si­on im Kes­sel­haus im Rah­men der Aus­stel­lung prä­sen­tiert. Mit redu­zier­ter, mini­ma­ler Klang­lich­keit the­ma­ti­siert es die Stil­le und das Bestre­ben unse­res Gehirns, den schein­ba­ren Man­gel an Infor­ma­tio­nen durch Ima­gi­na­ti­on aus­zu­glei­chen. Lei­se Klän­ge, dezen­te Geräu­sche und Wor­te wer­den aus dem Kes­sel­haus einen Klang­raum erschaf­fen. Die Besu­cher kön­nen, je nach Belie­ben, jeder­zeit kom­men und gehen. Die 24-stün­di­ge Auf­füh­rung und der Dia­log mit den Kunst­wer­ken soll das Ereig­nis zu einem beson­de­ren Erleb­nis für Publi­kum und Mit­wir­ken­de machen. Des Wei­te­ren sind eine Art-and-Sci­ence-Slam und eine musi­ka­li­sche Lesung mit Anto­nia Haus­mann und Mar­tin Bey­er geplant. Für Kin­der und erwach­se­ne Besu­cher wer­den zudem unter dem Mot­to „LÜCKENZEIT“ Work­shops mit den Künst­lern angeboten.

Das kul­tur­in­ter­es­sier­te Publi­kum in Bam­berg darf sich erneut über eine auf­wän­di­ge und durch­dach­te Aus­stel­lung mit umfang­rei­chem Rah­men­pro­gramm im Kes­sel­haus freu­en. Der Schrift­stel­ler und Kura­tor Mar­tin Bey­er, der in Zusam­men­ar­beit mit dem Kunst­ver­ein Bam­berg e.V. ein wei­te­res Ereig­nis orga­ni­siert, trägt dazu bei, das kul­tu­rel­le Leben in Bam­berg zu bereichern.

Für Syl­via Michel wäre die „Aus­stel­lung ein Erfolg, wenn sie als offe­ner Denk- und Begeg­nungs­raum funk­tio­niert – wenn Besucher*innen nicht nur Kunst betrach­ten, son­dern sich ein­ge­la­den füh­len, mit­zu­den­ken, Fra­gen zu stel­len und sich ein­zu­brin­gen. Erfolg heißt hier nicht Reich­wei­te allein, son­dern Reso­nanz: wenn unter­schied­li­che Men­schen ins Gespräch kom­men, wenn Lücken nicht als Lee­re, son­dern als Impuls erlebt wer­den – dann hat die Aus­stel­lung ihr Ziel erreicht.“ Die Aus­stel­lung im Kes­sel­haus Bam­berg läuft bis zum 2. August 2025. Das Pro­gramm ist unter www.kunstverein-bamberg.de zu finden.

Aus dem Stadtecho

Das Stadt­echo fragt – Schrift­stel­ler Mar­tin Bey­er antwortet

In jeder Aus­ga­be des Stadt­echos legen wir einer Bam­ber­ger Per­sön­lich­keit einen Fra­ge­bo­gen vor. Für die Juni­aus­ga­be hat Schrift­stel­ler Mar­tin Bey­er die Fra­gen beantwortet.

Wel­che Aus­wir­kun­gen hat die Coro­na-Kri­se auf Ihre Arbeit als Schriftsteller?

Ich ver­su­che, so gut es geht an einem neu­en Roman zu arbei­ten. Das ist mit geschlos­se­ner Kita und durch­grü­bel­ten Näch­ten nicht leich­ter gewor­den, aber viel­leicht ist der Hin­weis wich­tig, dass Künst­ler ja nicht arbeits­los gewor­den sind, sie schrei­ben, malen, kom­po­nie­ren wei­ter. Was fehlt, sind die Auf­tritts­mög­lich­kei­ten, ist die Sicht­bar­keit, und das hat «für uns» wirt­schaft­lich natür­lich dra­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen. Damit umzu­ge­hen, ist nicht leicht.

In wel­chem Zustand befin­det sich die lite­ra­ri­sche Szene?

Das zu über­bli­cken, fällt mir schwer. Die Zeit der geschlos­se­nen Buch­lä­den ist vor­bei, das ist schon ein­mal sehr wich­tig. Und ich mer­ke, wie inten­siv an Ver­an­stal­tungs­for­ma­ten getüf­telt wird, die «coro­na-taug­lich» sind. Ich erle­be die Sze­ne als sehr erfin­de­risch, was man an der raschen Ent­wick­lung digi­ta­ler For­ma­te gemerkt hat. Für uns Schriftsteller*innen wäre es wich­tig, dass neue För­der­kon­zep­te kom­men und die bestehen­den ganz wesent­lich fle­xi­bi­li­siert werden.

Sehen Sie in der Kri­se auch Positives?

Anfangs war es ein sehr gutes Gefühl, Soli­da­ri­tät zu erle­ben und den Zusam­men­halt zu spü­ren. Unse­re Demo­kra­tie ent­schlos­sen und ent­schei­dungs­stark zu erle­ben. Und ich habe mich bei dem Gedan­ken ertappt, dass nach Coro­na tat­säch­lich vie­les anders sein könn­te, dass dann etwa popu­lis­ti­sche Kräf­te erheb­lich an Zulauf ver­lo­ren haben wer­den, denn zer­set­zen­de Kräf­te braucht momen­tan (und in Zukunft) kein Mensch. Aber der inne­re Zyni­ker in mir hat lei­der ange­fan­gen, das als nai­ven Glau­ben zu belä­cheln und ruft mir zu: Siehs­te, das Ego schlägt zurück! Ich hof­fe, er wird nicht Recht behalten.

Was braucht gute Literatur?

Sie darf ger­ne ver-rücken: die eige­ne Wahr­neh­mung, die eige­ne Posi­ti­on, das Ego. Nur beleh­ren soll­te sie dabei nicht.

Wel­ches Buch haben Sie zuletzt nicht zu Ende gelesen?

„S. – Das Schiff des The­seus“ von J. J. Abrams. Aber nicht, weil ich es nicht gut fin­de; es ist groß­ar­tig; es erfor­dert nur mehr Mit­ar­beit als ich wohl gera­de zu leis­ten im Stan­de bin.

Ihr Leben wird ver­filmt. Wel­cher Schau­spie­ler soll­te Sie spielen?

Wenn ich mit einer Zeit­ma­schi­ne arbei­ten dürf­te: Micha­el J. Fox.

Wie vie­le Apps sind auf Ihrem Smart­phone? Wel­che benut­zen Sie am meisten?

Nicht sehr vie­le. Am häu­figs­ten benut­ze ich wohl die Wet­ter­app, die App der Süd­deut­schen Zei­tung, Sport1 und Gia­na Sis­ters, das Com­pu­ter­spiel mei­ner Kindheit.

Wovon waren Sie zuletzt überrascht?

Dass ich tat­säch­lich kör­per­li­che Ent­zugs­er­schei­nun­gen habe, wenn ich für eine Zeit auf Kaf­fee verzichte.

Was ist Ihr größ­ter Wunsch?

Dass mein Sohn unbe­schwert in einem soli­da­ri­schen, demo­kra­ti­schen, plu­ra­lis­ti­schen Land auf­wach­sen kann. Aber sich das zu wün­schen, das ist sicher nicht mehr genug.

Wor­über haben Sie sich zuletzt geärgert?

Ach, über vie­les … aber es ist wie mit dem Wün­schen: Das allein wird nichts dar­an ändern. Am meis­ten ärge­re ich mich also über mich selbst, dass ich nicht noch mehr tue, mich mehr enga­gie­re, kla­re Kan­te zeige.

Haben Sie ein Lieblingsgeräusch?

Ganz ein­deu­tig: Meeresrauschen.

Wel­chen Luxus leis­ten Sie sich?

Viel zu vie­le Bücher. Und gele­gent­lich einen guten Rum.

Wovor haben Sie Angst?

Dass unser offe­nes, demo­kra­ti­sches Gesell­schafts­sys­tem kip­pen wird.

Wann haben Sie zuletzt geflirtet?

Ich hat­te als Schü­ler sehr ungu­te Flirt­erfah­run­gen. Daher habe ich es auf die­sem Gebiet nie weit gebracht, fürch­te ich. Heu­te flir­te ich also eher unbe­wusst, wenn man das über­haupt so nen­nen kann.

Ist in Ihrem Schlaf­zim­mer rau­chen erlaubt?

„Don’t smo­ke in bed!“ (Nina Simo­ne) Das ist schon so man­chem Künst­ler nicht gut bekommen.

Töten Sie Insekten?

Ich ver­su­che meis­tens mei­ne noch nicht paten­tier­te Becher­fang­me­tho­de anzu­wen­den und die Tie­re in Frei­heit zu ent­las­sen. Aber nur meis­tens, muss ich geste­hen. 

Wann und war­um hat­ten Sie zum letz­ten Mal Ärger mit der Polizei?

Als Jugend­li­cher hat­te ich ein­mal Ärger mit einem Laden­de­tek­tiv, das war viel auf­re­gen­der als mei­ne Begeg­nun­gen mit der Polizei.

Wel­che Dro­gen soll­ten Ihrer Mei­nung nach lega­li­siert werden?

Das kann ich nicht beur­tei­len. Mei­ne Dro­gen sind alle legal.

Auf wel­chen Moment Ihrer Lauf­bahn waren Sie am schlech­tes­ten vorbereitet?

Ver­mut­lich auf mei­nen Auf­tritt beim Inge­borg-Bach­mann-Wett­be­werb im ver­gan­ge­nen Jahr. Obwohl ich mich sehr gut vor­be­rei­tet hat­te. Aber dass ich mit mei­nem Text dort eine zum Teil sehr hef­ti­ge mora­li­sche Ableh­nung erfah­ren habe, damit muss­te ich erst ler­nen umzugehen.

Gibt es einen wie­der­keh­ren­den Alb­traum, der von Ihrem Beruf handelt?

Ich träu­me wirk­lich sehr oft davon, dass ich bei einer Lesung vor Publi­kum ste­he und mein Manu­skript ver­ges­sen habe.

Mit wel­cher gro­ßen Schrift­stel­le­rin, wel­chem gro­ßen Schrift­stel­ler kön­nen Sie gar nichts anfangen?

Mit Chris­ta Wolf kann ich nichts mehr anfan­gen, nach­dem ich sowohl mei­ne Diplom- als auch mei­ne Dok­tor­ar­beit über sie geschrie­ben habe. Es war dann ein­fach genug.

Bei wel­chem his­to­ri­schen Ereig­nis wären Sie gern dabei gewesen?

Mir rei­chen die Ereig­nis­se heu­te schon aus.

Was ist Ihre schlech­tes­te Angewohnheit?

Ich esse zu vie­le Süßig­kei­ten. Mei­ne Frau wür­de aber eher sagen, ich sei ein klei­nes biss­chen unordentlich.

Wel­che Feh­ler ent­schul­di­gen Sie am ehesten?

Die meis­ten. Ich bin, den­ke ich, eher nach­sich­tig als nachtragend.

Zah­len Sie ger­ne Rundfunkgebühren?

Ja. Die öffent­lich-recht­li­chen Medi­en müs­sen sich sicher wan­deln, aber sie müs­sen auch ver­tei­digt und bewahrt werden.

Ihre Lieb­lings­tu­gend?

Geduld. Als Schrift­stel­ler brau­che ich viel Geduld …

Ihr Haupt­cha­rak­ter­zug?

Dis­zi­plin.

Was mögen Sie an sich gar nicht?

Dass ich mich mit Süßig­kei­ten beloh­ne und moti­vie­re, dis­zi­pli­niert zu sein.

Haben Sie ein Vorbild?

Um nicht eine Autorin oder einen Autor zu nen­nen: Roger Federer.

Was lesen Sie gerade?

„Herr Rudi“ von Anna Her­zig. Ein tol­ler Roman über einen an Krebs erkrank­ten Gerichtsvollzieher.

Was ist Ihr Lieb­lings­buch, Lieb­lings­al­bum, Lieblingsfilm?

So vie­le vie­le vie­le! Sehr weit oben dabei jeden­falls: „Para­dies ver­lo­ren“ von Cees Noote­boom, „No Ghost­less Place“ von Rai­sed by Swans und „Pater­son“ von Jim Jarmusch.

Wel­che Musik hören Sie nur heimlich?

Mei­ne 80er-Jah­re-All-Time-Favou­ri­tes, das kann mei­ne Frau lei­der nicht ertragen.

Was war Ihre größ­te Modesünde?

Jeans­hemd und Woll­wes­te als Schü­ler, als wirk­lich nie­mand Jeans­hem­den und Woll­wes­ten trug.

Was ist Ihr liebs­tes Smalltalk-Thema?

Fuß­ball.

Was zeigt das letz­te Foto, das Sie mit Ihrem Han­dy auf­ge­nom­men haben?

Die Zahn­lü­cke mei­nes Sohnes.

Wovon haben Sie über­haupt kei­ne Ahnung?

Die Lis­te ist lang. Aber es wur­den ja die­se Online-Lern­kur­se erfun­den, da kann man sich mit den tolls­ten Sachen beschäf­ti­gen, da habe ich jetzt eine Art Flat-Rate…

Was fin­den Sie langweilig?

Über­trie­be­ne Selbstdarstellung.

Sie sind in einer Bar. Wel­ches Lied wür­de Sie dazu brin­gen zu gehen?

Ich bin da recht schmerz­frei, aber bei man­chen muss ich doch die Flucht ergrei­fen, etwa „It’s Rai­ning Men“ von den Wea­ther Girls.

Was ist Ihre Vor­stel­lung von Hölle?

In einer Zel­le zu sit­zen und „It’s Rai­nig Men“ in Dau­er­schlei­fe hören zu müssen.

Wie glau­ben Sie, wür­de Ihr Pen­dant von vor zehn Jah­ren auf Ihr heu­ti­ges Ich reagieren?

„Okay, alter Mann, das zum The­ma, wir wer­den nie in einem Rei­hen­haus wohnen.“

Was war Ihr mie­ses­ter Auftritt?

Ein ech­ter Tief­punkt war ein ver­hin­der­ter Auf­tritt: Ich soll­te ein­mal mit dem Gitar­ris­ten Gerald Kubik eine Mati­nee in einem Café in Leip­zig spie­len, im Rah­men­pro­gramm der Buch­mes­se. Dort wuss­te aber nie­mand von uns, und wir wur­den nicht ein­mal zum Früh­stück dort ein­ge­las­sen. Da ist die Künst­ler­de­pres­si­on programmiert.

Gibt es etwas, das Ihnen das Gefühl gibt, klein zu sein?

Wenn ich am Meer bin. Aber es ist ein wohl­tu­en­des Gefühl.

In wel­chen Club soll­te man unbe­dingt mal gehen?

Da es den Morph-Club nicht mehr gibt, wüss­te ich da kei­nen Rat.

Sind Sie Tän­zer oder Steher?

Ich wer­de vom Ste­her zum Tän­zer, aber nur, wenn ich auf der Tanz­flä­che nicht wei­ter auf­fal­le (min­des­tens 30 ande­re Tänzer*innen, das war frü­her immer die Richtschnur).

Was war die absur­des­te Unwahr­heit, die Sie je über sich gele­sen haben?

Ich hät­te mei­nen neu­en Roman „Und ich war da“ von vorn­her­ein im Hin­blick auf eine Ver­fil­mung geschrieben.

Wel­ches Pro­blem wer­den Sie in die­sem Leben nicht mehr in den Griff bekommen?

Ich wer­de sicher kein ver­sier­ter Hand­wer­ker mehr werden.