„Vie­le der Jüdin­nen und Juden in Bam­berg über­le­gen auszuwandern“

Patrick Nitz­sche, Bam­bergs Antisemitismusbeauftragter

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Patrick Nitzsche
Patrick Nitzsche, Foto: S. Quenzer
Auch Bam­berg hat ein Anti­se­mi­tis­mus­pro­blem. Um die­sem etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, um gegen Anti­se­mi­tis­mus zu sen­si­bi­li­sie­ren, einen Ansprech­part­ner für Betrof­fe­ne und eine Mel­de­stel­le für anti­se­mi­ti­sche Über­grif­fe zu haben, hat die Stadt Bam­berg die auf kom­mu­na­ler Ebe­ne deutsch­land­weit ein­zig­ar­ti­ge, wenn auch nur ehren­amt­li­che Stel­le des Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten geschaf­fen. Die­se füllt seit 26. Janu­ar Patrick Nitz­sche aus.

„Anti­se­mi­tis­mus ist all­ge­gen­wär­tig, auch in Bam­berg, es gibt etwa einen Vor­fall pro Woche“, sagt Patrick Nitz­sche. Der 30 Jah­re alte Geschichts­wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Bam­berg forscht seit vie­len Jah­ren zum The­ma des Anti­se­mi­tis­mus. Die stän­dig wach­sen­de Juden­feind­lich­keit – gera­de in Deutsch­land – bezeich­net er als skandalös.

Als die Stadt 2021 die Stel­le des Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten zum ers­ten Mal aus­schrieb, ging er erst ein­mal auf die jüdi­schen Gemein­den zu, um die Situa­ti­on und Bedürf­nis­se der Jüdin­nen und Juden in Bam­berg ken­nen zu ler­nen, bis er sich in der zwei­ten Aus­schrei­bungs­pha­se schließ­lich um das Amt bewarb. Im Aus­wahl­ver­fah­ren konn­te er sich vor allem mit sei­nem Ansatz, nicht nur Gedenk­ar­beit leis­ten, son­dern auch dem zeit­ge­nös­si­schen Juden­tum Öffent­lich­keit und eine Ansprech­stel­le bie­ten zu wol­len, durchsetzen.

Wir haben Patrick Nitz­sche getrof­fen und mit ihm über die Stel­le, die Mei­nung der bei­den jüdi­schen Gemein­den Bam­bergs dazu, die Gren­zen, die ihr ehren­amt­li­cher Zuschnitt auf­er­legt, Fritz Bay­er­lein und Anti­se­mi­tis­mus in Bam­berg gesprochen.

Herr Nitz­sche, Sie haben die Stel­le des Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten seit einem hal­ben Jahr inne. Wie sieht Ihr Fazit bis­her aus?

Patrick Nitz­sche: Die Zeit ist schnell ver­gan­gen und es ist viel pas­siert. Es gab mehr anti­se­mi­ti­sche Vor­fäl­le und ich hat­te öfter Kon­takt mit der Poli­zei als ich dach­te. Bis auf kör­per­li­che Angrif­fe war bis jetzt ziem­lich viel dabei. Es ist zum Bei­spiel ein anti­se­mi­ti­scher Auf­kle­ber auf­ge­taucht. Grund­le­gend läuft es mit der Stel­le aber inso­fern schon gut, dass mich Leu­te bereits anru­fen und anschrei­ben, nicht nur aus Bam­berg. Es gibt eben eine gro­ße Lücke. Wir haben Dr. Lud­wig Spaen­le, der auf bay­ern­wei­ter Ebe­ne als Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ter gute Arbeit macht, aber kom­mu­nal und regio­nal gibt es bis­lang nur mich. Ich sprin­ge also in gewis­ser Wei­se für ganz Nord­bay­ern ein.

Was hat­te es mit dem Auf­kle­ber auf sich?

Patrick Nitz­sche: Auf dem Zelt der Reli­gio­nen auf dem Mar­kus­platz wur­de die­ser bewusst ange­bracht. Dabei ging es um die soge­nann­te Neue Welt­ord­nung. Laut die­ser Ver­schwö­rungs­theo­rie pla­nen die Juden, die Welt unter ihre Kon­trol­le zu brin­gen. Es war eine Kari­ka­tur zu sehen, auf der ein grim­mig drein­bli­cken­der, ste­reo­typ mit gro­ßer Nase und ver­schla­ge­nem Blick dar­ge­stell­ter Mann über der Welt­ku­gel thront, sei­ne Fin­ger in sie gräbt, dass Blut aus­tritt, und dar­un­ter steht der Auf­ruf zu lesen, dass Nicht-Juden sich weh­ren sol­len – ähn­lich wie es im Stür­mer dar­ge­stellt wurde.

Waren sol­che Vor­fäl­le Aus­lö­ser für die Stadt Bam­berg, die Stel­le des Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten zu schaffen?

Patrick Nitz­sche: Es gab 2019 einen Anschlag, bei dem immer noch die Ermitt­lun­gen lau­fen, als auf dem Grü­nen Markt eine Jüdin schwers­tens kör­per­lich ange­grif­fen wur­de. Einer der hef­tigs­ten der­ar­ti­gen Fäl­le in Bay­ern bis­her. Das kann man bedingt als Aus­lö­ser für die Schaf­fung der Stel­le sehen. Es war aber vor allem die grü­ne Stadt­rats-Frak­ti­on, die im Rah­men des Jubi­lä­ums­jah­res „1700 Jah­re Jüdi­schen Lebens in Deutsch­land“ 2021 einen Antrag zur Schaf­fung der Stel­le ein­ge­bracht hat­te, für den es dann zu einer Mehr­heit im Stadt­rat kam.

Wel­che Mei­nung haben die bei­den jüdi­schen Bam­ber­ger Gemein­den zu der Stelle?

Patrick Nitz­sche: Vor mei­ner Bewer­bung habe ich mich, genau wie man es bei der Fra­ge, und das kann man eigent­lich nicht oft genug wie­der­ho­len, „Was ist Anti­se­mi­tis­mus?“ machen soll­te, sowohl an Mar­tin Arieh Rudolph von der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de als auch Ant­je Yael Deu­sel von der Libe­ra­len Jüdi­schen Gemein­de, also an von Anti­se­mi­tis­mus Betrof­fe­ne, gewen­det und nach­ge­fragt, wie es aus­sieht, was sie von den Plä­nen, die­se Stel­le zu schaf­fen, hal­ten. Ich selbst bin ja kei­ne Jude. Die Ant­wort war Skep­sis. Auch wenn sich das mitt­ler­wei­le geän­dert hat, mach­ten sie sich Sor­gen, dass ihnen jeman­den vor­ge­setzt wird, der ihnen dann sagt, was gut und schlecht für sie ist, oder was und was nicht Anti­se­mi­tis­mus ist.

Stell­te es ein Pro­blem dar, dass Sie kein Jude sind?

Patrick Nitz­sche: Die bei­den Gemein­den beob­ach­ten natür­lich mit Span­nung, was ich mache, aber das ist tat­säch­lich eher posi­tiv auf­ge­fasst wor­den, weil man die Bin­de­glied­funk­ti­on, die ich dann zwi­schen den bei­den Gemein­den hät­te, gut fand und weil ich dann auch nicht Mit­glied der einen oder der ande­ren Gemein­de, also auch nicht stär­ker auf einer Sei­te ver­wur­zelt wäre. Das galt aber für mei­ne Per­son, prin­zi­pi­ell ist man nicht glück­lich, wenn Nicht-Juden sol­che Funk­tio­nen innehaben.

Wie haben Sie die Aus­wahl-Kom­mis­si­on des Stadt­rats überzeugt?

Patrick Nitz­sche: Ich weiß mitt­ler­wei­le, dass es gut ankam, dass ich mei­nen Schwer­punkt nicht in ers­ter Linie nur auf Erin­ne­rungs- und Gedenk­ar­beit gelegt habe. Zumal wir da ja schon ziem­lich gute Play­er wie die Wil­ly-Aron-Gesell­schaft in der Stadt haben. Mir fehlt in Bam­berg oder eigent­lich in Deutsch­land näm­lich der Fokus auf das heu­ti­ge Juden­tum. Wenn wir Anti­se­mi­tis­mus ernst­haft bekämp­fen wol­len, muss es auch um das heu­ti­ge jüdi­sche Leben gehen. Es bringt den Juden rela­tiv wenig, wenn an ein paar Tagen im Jahr der Ver­bre­chen der Nazis gedacht wird, im Rest des Jah­res, wenn man an die­sen Tagen sein Bekennt­nis „Nie wie­der Faschis­mus“ abge­legt hat, dann aber kaum etwas geschieht. Juden muss man nicht sagen „Nie Wie­der“, wenn sie ihre hal­be Fami­lie ver­lo­ren haben. Außer­dem bedeu­tet „Nie Wie­der“ für Nicht­ju­den meist, nie wie­der Krieg zu erle­ben, für Juden aber nie wie­der aus­ge­lie­fert und hilf­los zu sein.

Woher stammt Ihre Exper­ti­se in Sachen Antisemitismus?

Patrick Nitz­sche: Ich habe seit der Ober­stu­fe am Gym­na­si­um unzäh­li­ge Bücher zu dem The­ma gekauft und gele­sen, was ich bis heu­te fort­set­ze. Über das Geschichts­stu­di­um und bewuss­te Bele­gun­gen von Semi­na­ren und Vor­le­sun­gen habe ich mich in die The­ma­tik aka­de­misch ver­tieft. Mitt­ler­wei­le unter­rich­te ich selbst dazu an der Uni in Bam­berg. Über die Jah­re und schon vor mei­ner Bestel­lung als Beauf­trag­ter habe ich mal mehr zufäl­lig, mal weni­ger zufäl­lig auch von gegen­wär­ti­gem Anti­se­mi­tis­mus Betrof­fe­ne ken­nen­ge­lernt, mich mit ihnen unter­hal­ten und ihre Geschich­ten ange­hört. Letz­te­res pas­siert, seit ich Beauf­trag­ter bin, qua Amt lei­der häu­fi­ger als erwar­tet, weil es immer mehr Vor­fäl­le gibt. Wich­tig ist, dass sie wis­sen, dass ich dafür neben der Poli­zei der Ansprech­part­ner bin und dies in unse­rer Stadt und Regi­on noch bekann­ter wird.

Ist man sich in der nicht-jüdi­schen Bevöl­ke­rung bereits bewusst, dass es die Stel­le gibt?

Patrick Nitz­sche: Wir sind ja noch am Anfang, aber ich ver­ste­cke mich nicht und gehe sehr oft auf ver­schie­de­ne Ver­an­stal­tun­gen, um in der Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men zu wer­den – nur dann kann ich wirk­lich wir­ken. Ich schrei­be auch Berich­te für die Pres­se, zum Bei­spiel anläss­lich jüdi­scher Fei­er­ta­ge, um auch hier Öffent­lich­keit zu erzeu­gen. Denn es geht auch dar­um, den Mythos zu ent­kräf­ten, dass Juden wie in einem Geheim­bund irgend­wel­che Ritua­le durch­füh­ren – man kann ja alles erklä­ren und auf­klä­ren, zum Bei­spiel über die Ursprün­ge von Ostern und Pessach.

Wie nötig ist Auf­klä­rungs­ar­beit gegen Anti­se­mi­tis­mus in Bam­berg, wie weit ist die Stadt dafür sen­si­bi­li­siert, was alles Anti­se­mi­tis­mus sein kann?

Patrick Nitz­sche: Wir hat­ten vor kur­zem mit der Euro­päi­schen Janusz Kor­c­zak Aka­de­mie einen ganz­tä­gi­gen Work­shop für die Füh­rungs­kräf­te der Bam­ber­ger Stadt­ver­wal­tung, bei dem wir gese­hen haben, dass es auch ganz oben in der Ver­wal­tung nach wie vor nötig ist, sehr weit beim The­ma aus­zu­ho­len. Und das gilt auch für Schu­len. Erwach­se­nen­bil­dung ist also genau so wich­tig wie Vor­trä­ge für Kin­der und Jugendliche.

Sie stre­ben Part­ner­schaf­ten mit Schu­len und der Uni­ver­si­tät an. Gehört dazu, Auf­klä­rung gegen Anti­se­mi­tis­mus in Lehr­plä­nen zu verankern?

Patrick Nitz­sche: Dar­über habe ich mit Kai Fisch­bach, dem Prä­si­den­ten der Uni, schon gespro­chen. Er hält das für äußerst wich­tig, zumal es in letz­ter Zeit ein paar anti­se­mi­ti­sche Vor­fäl­le an der Uni gab. Dabei han­delt es sich nicht nur um Haken­kreuz-Schmie­re­rei­en in den Toi­let­ten­räu­men. Es gab oder gibt auch pro­ble­ma­ti­sche Ansich­ten in der Leh­re. Ohne Namen zu nen­nen: In der Theo­lo­gie, ich sage auch nicht wel­che, kam auf die inter­es­siert und nicht vor­wurfs­voll gemein­te Fra­ge einer Stu­den­tin, war­um die Juden im Mit­tel­al­ter im Geld­han­del und sonst nir­gends tätig waren, die Ant­wort des Dozie­ren­den, dass sie das stin­ken­de Geld eben schon immer haben woll­ten. Wenn da nicht wider­spro­chen wird, wird sich die­se Ansicht semes­ter­wei­se wie­der­ho­len. Und auch an Schu­len baue ich auf Auf­klä­rung, und mache hier­mit den Appell an Lehr­kräf­te: Wenn Sie sich einen Pro­jekt­tag zum The­ma vor­stel­len kön­nen, dann ger­ne melden.

In Bam­berg sorgt seit eini­ger Zeit Fritz Bay­er­lein, Maler und NSDAP-Mit­glied, für Dis­kus­sio­nen. Sei­ne Gemäl­de hin­gen, bis sie ent­fernt wur­den, im Rat­haus, der nach ihm benann­te Fritz-Bay­er­lein-Weg soll umbe­nannt wer­den. Wie ste­hen Sie dazu?

Patrick Nitz­sche: Ich bin Mit­glied der Kom­mis­si­on für Stra­ßen- und Plät­ze­na­men. Eigent­lich ist die Umbe­nen­nung ein kla­rer Fall, aber ich habe auch einen Anspruch als His­to­ri­ker. Ein rei­nes Ent­fer­nen von Geschich­te oder his­to­ri­schen Zei­chen, die uns auch als Mahn­mal die­nen kön­nen, bringt uns nichts, weil im Hin­ter­grund wird wei­ter gere­det. Nur weil man etwas für unaus­sprech­lich oder unbe­nenn­bar erklärt, heißt es nicht, dass es auf­hört zu exis­tie­ren. Als His­to­ri­ker ist es mir lie­ber, wenn kon­tex­tua­li­siert und ein Bekennt­nis dazu abge­ge­ben wird, dass die­ser Mann ein Teil der Geschich­te Bam­bergs ist. So ist es ein­fa­cher, einen trans­pa­ren­ten, offe­nen und kri­ti­schen Umgang mit Geschich­te zu haben und den Fin­ger in die Wun­de zu legen.

Ich fin­de Bay­er­lein gar nicht so dra­ma­tisch, im Rat­haus­saal waren sei­ne Gemäl­de zwar schon fehl am Platz, aber es ist gut, dass zu ihm wei­ter­ge­forscht wird und es jetzt zum Bei­spiel auch eine kon­tex­tua­li­sie­ren­de Aus­stel­lung im His­to­ri­schen Muse­um gibt. Was aber zum Bei­spiel noch über­haupt nicht offen dis­ku­tiert wird, ist das Weg­mann­ufer. Bam­bergs Ober­bür­ger­meis­ter vor und nach den Nazis, Luit­pold Weg­mann, nach dem die­se Stra­ße benannt ist, hat noch 1950 gesagt, als es um die Fra­ge ging, wo Men­schen, die im Krieg Bam­berg ver­lie­ßen oder ver­schleppt wur­den und dann in die Stadt zurück­kehr­ten, unter­ge­bracht wer­den könn­ten, dass die sau­be­ren da oder dort­hin zie­hen könn­ten, wäh­rend Juden in Stäl­len unter­ge­bracht wer­den soll­ten. Sie sei­en immer noch die Haupt­wan­zen­trä­ger. Es geht mir aber auch hier nicht unbe­dingt dar­um, dass das Ufer umbe­nannt wird, son­dern dar­um dass trans­pa­rent auf­ge­klärt und dis­ku­tiert wird und dann gilt das Ufer als Mahnmal.

Ein wie­der­keh­ren­der Kri­tik­punkt an der Stel­le des Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten bezieht sich auf ihre Ehren­amt­lich­keit und die Gren­zen, die ihr so auf­er­legt wer­den. Stim­men Sie der Kri­tik zu?

Patrick Nitz­sche: Ja, sowohl per­so­nell als auch finan­zi­ell ist die Stel­le begrenzt. Ich bekom­me 433 Euro für 45 Stun­den im Monat, wie bei einem Mini­job. Pro Monat beschäf­tigt mich die Stel­le aber unge­fähr min­des­tens 100 Stun­den. Wenn ich mir da den Stun­den­lohn aus­rech­ne, kom­me ich bei zwei oder drei Euro raus. Es ist scha­de und da muss man kein Geheim­nis draus machen: Das sehen auch die jüdi­schen Gemein­den sehr kri­tisch. Die­ses ehren­amt­li­che Modell unter­gräbt, das sind nicht mei­ne Wor­te, aber ich wür­de es auch so sagen, die Ernst­haf­tig­keit der Stelle.

Auch die Ernst­haf­tig­keit der städ­ti­schen Absich­ten, mit denen man sich dem Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus stel­len will?

Patrick Nitz­sche: Ich den­ke, wenn man es ernst meint, kos­tet es, was es kos­tet. Ich berei­che­re mich hier ja nicht. Es geht dar­um, dass ich eine Arbeit machen soll, deren Anfor­de­rungs­pro­fil, so stand ja auch in der Aus­schrei­bung, letzt­end­lich die Arbeit einer Voll­zeit­stel­le ist. Es gibt so viel zu tun, dass ich auch locker die Stun­den­zahl einer Voll­zeit­stel­le errei­chen könn­te. Wir spre­chen Anfang Juni und ich habe die 45 Stun­den für den Monat bereits erfüllt. Jetzt könn­te ich theo­re­tisch heim gehen und sagen, im Juli geht es wei­ter. Das tue ich aber nicht. Mir ist die Sache zu wich­tig und es ist Not am Mann und der Frau.

Besteht die Opti­on, dass die ehren­amt­li­che Stel­le in eine fes­te Voll­zeit­stel­le umge­wan­delt wird?

Patrick Nitz­sche: Die Stel­le ist bis Janu­ar 2024 auf Ehren­amts­ba­sis befris­tet. Was danach kommt, wird dann der Stadt­rat beur­tei­len, dazu kann ich jetzt noch nichts sagen. Ich wür­de mir das für die Arbeit aber ein­fach wün­schen, damit ich mich mehr drauf kon­zen­trie­ren kann. Aber eigent­lich müss­ten es die jüdi­schen Bür­ger hier in Bam­berg beur­tei­len, ob ich es gut gemacht habe und wohin der Weg gehen könn­te. Das wäre, den­ke ich, am ange­mes­sens­ten, wenn sie mit­ent­schei­den könnten.

Wor­an misst sich der Erfolg Ihrer Arbeit?

Patrick Nitz­sche: Neben der Auf­klä­rung der Öffent­lich­keit zum Bei­spiel dar­an, dass man nicht mehr immer wie­der bei null anfan­gen muss, wenn man erklärt, was Anti­se­mi­tis­mus alles sein kann. Es wäre schön, wenn es zum Bei­spiel an Schu­len Schü­le­rin­nen und Schü­ler gäbe, die die­se Auf­klä­rung selbst in die Hand neh­men und viel­leicht in jeder Stu­fe ein Spre­cher gegen Anti­se­mi­tis­mus und für jüdi­sches Leben gewählt und so etwas als Insti­tu­ti­on in Schu­len ver­an­kert wird. Dann haben wir viel geschafft. 

Ich wür­de auch ger­ne öfter mei­ne The­men in den Medi­en plat­zie­ren dür­fen. Auch das wür­de Bestän­dig­keit rein brin­gen. Und vor allem wäre es schön, wenn wir es irgend­wann schaf­fen, wenn man sich als Jude in Bam­berg nicht ver­ste­cken muss, son­dern ein grö­ße­res Gefühl der Sicher­heit hat und man nicht bei jedem öffent­li­chen Auf­tre­ten von der Poli­zei beschützt wer­den muss. Das ist aktu­ell lei­der abso­lut not­wen­dig. Juden sol­len eine ganz natür­li­che Sicht­bar­keit haben, zum Bei­spiel wenn auf dem Weih­nachts­markt neben dem Weih­nachts­baum ein Cha­nuk­ka-Leuch­ter steht.

Wie ist das Sicher­heits­ge­fühl der jüdi­schen Gemein­de in Bamberg?

Patrick Nitz­sche: Schlecht. Wir haben lei­der, das will ich beto­nen, lei­der die Situa­ti­on, dass sehr vie­le der etwa 800 in Bam­berg leben­den Jüdin­nen und Juden, und es wer­den immer mehr, über­le­gen, nach Isra­el oder in die USA aus­zu­wan­dern. Genaue Zah­len kann ich nicht ange­ben, aber bestimmt ein Drit­tel der Gemein­de hat die­se Gedanken.

Wie vie­le Fäl­le von Anti­se­mi­tis­mus gab es 2021 in Bamberg?

Patrick Nitz­sche: Die Mel­de­stel­le RIAS, die Recher­che- und Infor­ma­ti­ons­stel­le Anti­se­mi­tis­mus, an die auch ich alle Fäl­le mel­de, hat erst vor ein paar Wochen ihren jähr­li­chen Report über Anti­se­mi­tis­mus in Bay­ern ver­öf­fent­licht. Die­ser Report gibt nicht nur blo­ße Fall­zah­len wie­der, son­dern ord­net auch ein, von wel­cher Sei­te sie kom­men. In Bay­ern wur­den 2021 knapp 450 Fäl­le regis­triert, 30 davon in Ober­fran­ken. Das ist bay­ern­weit fast eine Ver­dopp­lung im Ver­gleich zu 2020. Etwa 10 Pro­zent der Fäl­le kom­men laut RIAS von rechts, 17 Pro­zent aus dem ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Umfeld, knapp 1 Pro­zent hat isla­mi­schen oder isla­mis­ti­schen Hin­ter­grund, 1,3 Pro­zent kom­men von links und etwa 8 Pro­zent sind anti­is­rae­li­scher Anti­se­mi­tis­mus. Wobei die­se Leug­nung des Exis­tenz­rechts Isra­els am häu­figs­ten in lin­ken und isla­mi­schen Grup­pie­run­gen vorkam.

Was sind die Grün­de für die Zunahme?

Patrick Nitz­sche: Eine gro­ße Ver­ant­wor­tung zum Bei­spiel für den israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus liegt dar­in, was der all­ge­mei­ne Dis­kurs im Moment wie­der zulässt, wie etwa medi­al berich­tet wird, wenn Isra­el sich gegen Angrif­fe ver­tei­digt. Israe­li­sche Regie­rungs­po­li­tik zu kri­ti­sie­ren ist, wie bei jedem ande­ren Land auch, in Ord­nung, aber Isra­el zu dämo­ni­sie­ren oder ihm die Schuld zu geben, wenn es sich ver­tei­digt, ist falsch. Was für Jüdin­nen und Juden hier übri­gens zusätz­lich immer uner­träg­li­cher wird, ist, wenn sie auf­ge­for­dert wer­den, sich für das Vor­ge­hen der israe­li­schen Regie­rung zu recht­fer­ti­gen. Man wird zum Anwalt für das Land gemacht, obwohl man ja hier lebt. Die Gleich­set­zung von Juden mit Isra­el ist auch antisemitisch.

Wie kann man Anti­se­mi­ten errei­chen und eines bes­se­ren belehren?

Patrick Nitz­sche: Jemand, der Anti­se­mit ist, weil er Anti­se­mit sein will, der bleibt es auch. Da braucht man sich gar nicht die Zäh­ne aus­bei­ßen. Wenn es aber um Vor­ur­tei­le geht, kann man zum Bei­spiel in Schu­len ver­su­chen, die Leu­te so früh wie mög­lich zu sen­si­bi­li­sie­ren oder, was die Mehr­heits­ge­sell­schaft betrifft, die­se davon abzu­hal­ten, auf Ver­schwö­rungs­theo­rien wie die ein­gangs genann­te rein­zu­fal­len. Einen wie mich wird es erst dann nicht mehr brau­chen, wenn es kei­nen Anti­se­mi­tis­mus mehr gibt, wenn die Anti­se­mi­ten gewon­nen haben oder wenn alle Juden aus­ge­wan­dert sind.

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