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Eugen Gomringer

PRO MERITIS SCIENTIAE ET LITTERARUM

Eugen Gom­rin­ger ausgezeichnet

Eugen Gom­rin­ger, Schrift­stel­ler und Erfin­der der Kon­kre­ten Poe­sie, erhält den PRO MERITIS SCIENTIAE ET LITTERARUM des Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums für Wis­sen­schaft und Kunst für sei­nen Ver­dienst um die Kultur.

Mehr­mals jähr­lich ver­leiht das Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­ri­um für Wis­sen­schaft und Kunst die Aus­zeich­nung PRO MERITIS SCIENTIAE ET LITTERARUM. Der Preis geht an Per­so­nen, die sich um Wis­sen­schaft und Kunst ver­dient gemacht haben. Den ers­ten PRO MERITIS des Jah­res 2022 erhält der Schrift­stel­ler Eugen Gom­rin­ger, der als Begrün­der der Kon­kre­ten Poe­sie gilt.

Wis­sen­schafts- und Kunst­mi­nis­ter Bernd Sibler sag­te in der Begrün­dung, die er durch Micha­el Abra­ham, Bür­ger­meis­ter von Rehau, Gom­rin­gers Wohn­ort, über­mit­teln ließ: „Sie haben mit der Kon­kre­ten Poe­sie Lite­ra­tur­ge­schich­te geschrie­ben. Bei Ihnen wird die Spra­che zum künst­le­ri­schen Bau­stoff. Durch die beson­de­re Anord­nung der Buch­sta­ben und Wör­ter ent­steht eine eige­ne künst­le­ri­sche Realität.

Ihr Werk „Kon­stel­la­tio­nen“ ist aus dem Kanon der moder­nen Lyrik nicht mehr weg­zu­den­ken. Seit über 70 Jah­ren set­zen Sie sich für die Ästhe­tik und Ver­mitt­lung der Kon­kre­ten Lyrik wie der Kon­struk­ti­ven Kunst ein. „Die Kon­stel­la­tio­nen“ haben sich in das kol­lek­ti­ve ästhe­ti­sche Bewusst­sein ein­ge­schrie­ben. Da ent­steht eine beson­de­re sinn­li­che Anmu­tung in genia­ler Mischung aus Frei­heit und for­ma­ler Stren­ge. Wer sie anschau­en und hören durf­te, wird sie nicht vergessen.“

Für den Aus­ge­zeich­ne­ten selbst kommt mit dem Preis zusam­men, was zusam­men gehört: „Ich neh­me die Aus­zeich­nung ger­ne ent­ge­gen, vor allem, weil es eine Aus­zeich­nung ist, die zutrifft. Ich füh­le mich damit in mei­ner bestän­di­gen Arbeit für die Kon­kre­te Poe­sie und die Kon­kre­te Idee bestä­tigt“, so Eugen Gomringer.

Auch sei­ne Toch­ter Nora Gom­rin­ger, als Direk­to­rin des Inter­na­tio­na­len Künst­ler­hau­ses Vil­la Con­cordia in Bam­berg nicht unbe­kannt, nahm die Nach­richt von der Aus­zeich­nung ihres Vaters mit Wohl­wol­len auf.

„Unse­re „Linie“, also die sei­ner Kin­der, ist: Freu­de für den Hoch­be­tag­ten, der natür­lich alle Aus­zeich­nun­gen, die sei­ne beson­de­re Erfin­dung der Kon­kre­ten Poe­sie her­vor­he­ben, ver­dient hat! Denn in der Tat kann die­se Inno­va­ti­on, die­se moder­ne und zugleich nun bereits his­to­ri­sche Form der Lyrik ein­fach immer wei­ter begeis­tern, irri­tie­ren und für poe­ti­schen Gedan­ken öff­nen, wie es nicht jede lyri­sche Spra­che vermag.“

Ein Leben für die Kon­kre­te Poesie

In sei­ner Lau­da­tio für den am 20. Janu­ar 97 Jah­re alt gewor­de­nen Eugen Gom­rin­ger fuhr Bernd Sibler fort: „Durch Ihr fort­wäh­ren­des und nicht nach­las­sen­des Enga­ge­ment berei­chern Sie die baye­ri­sche Kunst­sze­ne. So viel­schich­tig und umfang­reich wie Ihr Werk ist auch Ihr Leben.“

Und tat­säch­lich: Eugen Gom­rin­gers Sta­tio­nen sind zahl­reich. Als Sohn eines Schwei­zers und einer Boli­via­ne­rin kam er in Boli­vi­en zur Welt und wuchs bei sei­nen Groß­el­tern in der Schweiz auf. Er war Sekre­tär des Malers Max Bill und begrün­de­te die Zeit­schrift „Spi­ra­le“ und die „gom­rin­ger press“. Er gab die Buch­rei­he „kon­kre­te poe­sie – poe­sia con­cre­ta“ her­aus und hat­te er die Lei­tung des Schwei­zer Werk­bun­des inne. Gom­rin­ger war Kul­tur­be­auf­trag­ter der Fir­ma Rosen­thal in Selb, Wer­be­tex­ter der Schwei­zer Waren­haus­ket­te ABM und 13 Jah­re lang Pro­fes­sor für Theo­rie der Ästhe­tik an der Staat­li­chen Kunst­aka­de­mie Düsseldorf.

Neue Auf­merk­sam­keit erhielt Eugen Gom­rin­ger in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit Aus­stel­lun­gen wie „Gom­rin­ger & Gom­rin­ger“ über ihn und sei­ne Toch­ter 2016. 2010 hat­te er gemein­sam mit Nora Gom­rin­ger eine Poe­tik-Dozen­tur an der Uni­ver­si­tät Koblenz-Land­au inne. Neben dem PRO MERI­TIS-Preis hat Gom­rin­ger auch den Baye­ri­schen Ver­dienst­or­den (2008) und den Rai­ner-Maria-Ril­ke-Preis (2009) gewonnen.

„Ave­ni­das“ sorgt für Aufregung

2017 geriet er in unwür­di­ge Schlag­zei­len. Stu­die­ren­de der Ber­li­ner Ali­ce Salo­mon Hoch­schu­le nah­men, in den ers­ten Anzei­chen des­sen, was heu­te oft unter dem (Kampf-) Begriff Can­cel Cul­tu­re zusam­men­ge­fasst wird, Anstoß an sei­nem Gedicht „Ave­ni­das“. Die­ser acht­zei­li­ge Schlüs­sel­text der Kon­kre­ten Poe­sie stand in weit­hin sicht­ba­ren Let­tern an der Fas­sa­de der Uni­ver­si­tät zu lesen. Die Stu­die­ren­den emp­fan­den ihn als sexis­tisch und woll­ten ihn ent­fer­nen las­sen. Mitt­ler­wei­le wur­de der Text tat­säch­lich durch ein ande­res Gedicht ersetzt. Dies geschah aller­dings tur­nus­mä­ßig und nicht „als Vor­gang einer Säu­be­rung“, wie Eugen Gom­rin­ger die Absich­ten der Stu­die­ren­den damals beschrieb oder als Opfe­rung der Auto­no­mie eines Kunst­werks, wie es Nora Gom­rin­ger ausdrückte.

2020 bau­te Eugen Gom­rin­ger in Rehau mit sei­ner im Dezem­ber 2020 ver­stor­be­nen Frau Dr. phil. Nor­trud Gom­rin­ger ein Archiv und umfäng­li­che Samm­lun­gen auf, sodass dort das „insti­tut für kon­struk­ti­ve kunst und kon­kre­te poe­sie“ (ikkp) ent­ste­hen konnte.