Über­ra­schen­de Umsatzzahlen

Bam­ber­ger Gärtnereien

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Bamberger Gärtnereien: Das Bamberger Gärtnerviertel von oben
Das Bamberger Gärtnerviertel von oben, Foto: Lara Müller, 2017
Vor Kur­zem mel­de­te die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Bam­ber­ger Gärt­ner, dass der Groß­teil der 19 Bam­ber­ger Gärt­ne­rei­en trotz der Beschrän­kun­gen der Pan­de­mie­be­kämp­fung über­ra­schen­der­wei­se höhe­re Umsät­ze als in den Som­mer­mo­na­ten des letz­ten Jah­res ver­zeich­net. Mit Tho­mas Schmidt, dem Spre­cher der Inter­es­sen­ge­mein­schaft Bam­ber­ger Gärt­ner, haben wir über die Grün­de für die­sen Anstieg, die Zusam­men­hän­ge mit Zier­pflan­zen und über ein ste­tig wach­sen­des Bewusst­sein für regio­nal pro­du­zier­te Pro­duk­te gesprochen.
Herr Schmidt, in wel­chem Zustand befin­den sich die Bam­ber­ger Gärtnereien?

Tho­mas Schmidt: Zu Beginn hat die Coro­na-Pan­de­mie eine Schock­wel­le aus­ge­löst und zu einer gro­ßen Ver­un­si­che­rung geführt. Vor allem durch die sich oft wider­spre­chen­den Vor­ga­ben der Baye­ri­schen Lan­des­re­gie­rung – weni­ger durch die Behör­den vor Ort – wuss­ten vie­le der Bam­ber­ger Gärt­ne­rei­en nicht, was in Sachen Betriebs­füh­rung erlaubt war und was nicht. Es gab teil­wei­se ein Hin und Her mit den Bestim­mun­gen – wer darf unter wel­chen Bedin­gun­gen öff­nen und wer nicht. Natür­lich woll­te kei­ne der Gärt­ne­rei­en die Aus­brei­tung des Virus noch wei­ter begüns­ti­gen. Und was man im Nach­hin­ein auch kri­ti­sie­ren muss, war die feh­len­de Mög­lich­keit, den ver­ant­wort­li­chen Stel­len Feed­back über die Vor­ga­ben und Restrik­tio­nen zu geben, um zu sehen, wel­che Maß­nah­men sinn­voll sind.

Vor wel­che wei­te­ren Her­aus­for­de­run­gen hat die Pan­de­mie die Gärt­ne­rei­en gestellt?

Tho­mas Schmidt: Der Jah­res­ab­lauf ist durch­ein­an­der­ge­bracht wor­den. Nor­ma­ler­wei­se pro­du­zie­ren die Gärt­ne­rei­en im Win­ter und ern­ten im Früh­jahr. Dann beginnt auch die Hoch­sai­son des Ver­kaufs der Pro­duk­te. Doch die­ses Jahr hat­ten wir dabei den Worst Case als die Pan­de­mie aus­brach. Zuerst galt ein gene­rel­les Ver­kaufs­ver­bot, dann konn­te nur unter Auf­la­gen ver­kauft worden.

Gibt es Gärt­ne­rei­en, die davon irrepa­ra­blen wirt­schaft­li­chen Scha­den genom­men haben? 

Tho­mas Schmidt: Natür­lich waren die Ver­kaufs­re­strik­tio­nen erst ein­mal ein her­ber Schlag, aber, wie es sich her­aus­ge­stellt hat, hat so eine Pan­de­mie, wie alles, zwei Sei­ten: die beschrie­be­ne nega­ti­ve, aber auch eine posi­ti­ve Sei­te. Zum einen haben die Gärt­ne­rei­en rea­li­siert, wie wich­tig Kom­mu­ni­ka­ti­on ist – nicht nur mit staat­li­chen Stel­len, son­dern auch mit Medi­en und unter­ein­an­der. Wie die Regi­on hier in schlech­ten Zei­ten zusam­men­ge­hal­ten hat, hat mich sehr gefreut. Auf der ande­ren Sei­te sehen wir vor allem die Reak­ti­on der Kun­den, der Ver­brau­cher als sehr posi­tiv. Den Leu­ten ist zuneh­mend klar gewor­den, wie wich­tig regio­na­le Ver­sor­gungs­mög­lich­kei­ten sind, nicht zuletzt, weil die Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln auf über­re­gio­na­len bezie­hungs­wei­se inter­na­tio­na­len Wegen auf­grund der Pan­de­mie zeit­wei­se zurück­ge­gan­gen ist.

Bamberger Gärtnereien: Die Bamberger Gärtnerinnen und Gärtner
Die Bam­ber­ger Gärt­ne­rin­nen und Gärt­ner, Foto: Jür­gen Schraudner
Unter den Bam­ber­ger Gärt­ne­rei­en befin­den sich nicht nur Lebens­mit­tel­her­stel­ler, son­dern auch Zier­pflan­zen-Gärt­ne­rei­en. Haben die­se in den letz­ten Mona­ten einen ähn­li­chen Kun­den­an­sturm wie Bau­märk­te erlebt?

Tho­mas Schmidt: Ja. Zier­pflan­zen für das Heim, den Gar­ten oder den Bal­kon wur­den sehr stark nach­ge­fragt. Aus Gesprä­chen mit den Kun­den haben wir erfah­ren, dass Zier­pflan­zen schein­bar eine wich­ti­ge Rol­le für die Psy­che der Leu­te spie­len. Die Leu­te haben plötz­lich zum Bei­spiel viel­mehr Blu­men­sträu­ße geor­dert, um damit in die­sen schwie­ri­gen Zei­ten Fami­li­en­mit­glie­dern oder Freun­den eine Freu­de zu machen. Man kann ja kei­nen Ret­tich ver­schen­ken. Es scheint nicht nur ein Grund­be­dürf­nis nach Ernäh­rung zu bestehen, son­dern auch nach etwas Schö­nem, das die Moral stärkt. Das Gär­teln hat, glau­be ich, bei Vie­len den Coro­na-Frust kompensiert.

Fast 90 Pro­zent der Gärt­ne­rei­en geben an, dass sie im Ver­gleich zu den glei­chen Mona­ten von 2019 einen höhe­ren Umsatz haben. Wie ist die­se Ent­wick­lung zustan­de gekommen?

Tho­mas Schmidt: Die Pan­de­mie hat vie­le Kun­den dazu ver­an­lasst, sich mal wie­der oder über­haupt dar­über zu infor­mie­ren, wo man regio­nal Lebens­mit­tel ein­kau­fen kann. Regio­na­le Erzeu­gung bedeu­tet ja auch, dass die Ver­sor­gung nicht so stark auf Import, also Lie­fer­ket­ten, die in Risi­ko­ge­bie­ten begin­nen, ange­wie­sen ist. So haben sich neue Kun­den­grup­pen gebil­det, die vor­her meis­tens beim Dis­coun­ter ein­ge­kauft haben.

Ist die­ser Trend zum Ein­kau­fen von lokal erzeug­ten Lebens­mit­teln erst in Coro­na-Zei­ten ent­stan­den oder hat er sich schon vor­her angebahnt?

Tho­mas Schmidt: Es ist ein Trend, der sich in bestimm­ten Kun­den­grup­pen lang­sam schon län­ger ange­bahnt hat­te. Die Pan­de­mie hat aber neue Kun­den dazu gebracht. Es ist ein Bewusst­sein über Import, Lie­fer­ket­ten und Regio­na­li­tät ent­stan­den. Die Leu­te kau­fen bewuss­ter ein und sind bereit, beim Ein­kau­fen nicht nur den ein­fa­chen Weg zum Dis­coun­ter ein­zu­schla­gen, son­dern auch mehr Auf­wand zu trei­ben und auch noch zum Gärt­ner zu gehen. Frü­her bestand eine der Haupt­schwie­rig­kei­ten, regio­na­le Pro­duk­te zu ver­kau­fen, in einer gewis­sen Bequemlichkeit.

Wird sich die­ses Bewusst­sein halten?

Tho­mas Schmidt: Das ist schwer zu sagen, aber es flacht schon ein biss­chen ab. Wir haben aber schon den Ein­druck, dass die Leu­te ger­ne zu den Bam­ber­ger Gärt­ne­rei­en gehen, auch weil sie wis­sen, dass sie etwas Gutes tun. Also zumin­dest sind sich jetzt mehr Leu­te dar­über bewusst, dass es die Bam­ber­ger Gärt­ne­rei­en über­haupt gibt. Die­se Infor­ma­ti­on ist auf jeden Fall hängengeblieben.

Was kann die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Bam­ber­ger Gärt­ner tun, damit sich das Bewusst­sein hält?

Tho­mas Schmidt: Im Ange­sicht der heu­ti­gen Infor­ma­ti­ons­flut, der alle unter­lie­gen, ver­gisst man unheim­lich schnell. Man muss die Leu­te immer wie­der dar­auf hin­wei­sen, dar­an zu den­ken, wie wich­tig Nah­ver­sor­gung ist und dass die Gärt­ne­rei­en Fri­sche und Qua­li­tät bie­ten – und die Garan­tie, dass es auch in Pan­de­mie-Lock­down-Zei­ten die Mög­lich­keit gibt, Lebens­mit­tel ein­zu­kau­fen. Das ist eigent­lich ein gro­ßer Luxus, den die Leu­te noch gar nicht zu schät­zen wissen.

Wün­schen Sie sich mehr Unter­stüt­zung durch die Politik?

Tho­mas Schmidt: Ja, natür­lich. Wich­tig wäre zum Bei­spiel, die Pro­duk­ti­ons­um­stän­de zu erleich­tern. Run­ter­ge­bro­chen auf Bam­berg könn­te das zum Bei­spiel bedeu­ten, das Pro­blem des Park­platz­man­gels im Gärt­ner­vier­tel zu beheben.

Vor Kur­zem hat die Inter­es­sen­ge­mein­schaft der Bam­ber­ger Gärt­ner in einer Pres­se­mit­tei­lung dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Bam­ber­ger Gärt­ne­rei­en neben Kon­kur­renz­druck und feh­len­der Nach­fol­ge auch unter dem Kli­ma­wan­del lei­den wür­den. Wie macht sich die­ser vor Ort bemerkbar?

Tho­mas Schmidt: Hier haben wir zum Bei­spiel das gro­ße Pro­blem der Tro­cken­heit im Som­mer. Das heißt, dass wir einen sehr hohen Was­ser­be­darf haben, was wie­der­um bedeu­ten kann, dass die Pflan­zen durch Was­ser­man­gel unter höhe­rem Stress ste­hen, weni­ger ergie­big und anfäl­li­ger für Schäd­lings­be­fall sind. Dass ist ein Punkt, mit dem wir immer wie­der auf die Stadt zuge­hen und zum Bei­spiel nach spe­zi­el­len Was­ser­ta­ri­fen fra­gen, um Was­ser­kos­ten zu sparen.

Wie sehen die städ­ti­schen Reak­tio­nen auf sol­che Fra­gen aus?

Tho­mas Schmidt: Man ist sich des Pro­blems bewusst, aber ent­spre­chen­de Maß­nah­men sind noch nicht umge­setzt wurden.

Mehr zu den Bam­ber­ger Gärt­ne­rei­en unter: www.gaertnerstadt-bamberg.de

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