Tier­schutz­ver­ein Bamberg

Der Wunsch nach einem Haus­tier ist gestiegen

10 Min. zu lesen
Hät­te die Pan­de­mie nicht zu erheb­li­chen wirt­schaft­li­chen Ver­lus­ten geführt, könn­ten der Tier­schutz­ver­ein Bam­berg und das Tier­heim Berg­an­za auf ruhi­ge Mona­te zurück­bli­cken. In Lock­down-Zei­ten sind einer­seits so weni­ge Tie­re aus­ge­setzt oder beim Tier­heim abge­ge­ben wor­den wie sel­ten zuvor. Ande­rer­seits stie­gen die Anfra­gen aus der Bevöl­ke­rung, ein Tier auf­zu­neh­men. Unter ande­rem über die Zusam­men­hän­ge von sozia­len Beschrän­kun­gen und Tier­lie­be und die Tat­sa­che, dass Haus­tie­re nicht zu jedem pas­sen, haben wir mit Jür­gen Horn, dem 1. Vor­sit­zen­den des Tier­schutz­ver­eins Bam­berg, gesprochen.

Herr Horn, wel­che Aus­wir­kun­gen hat die Coro­na-Pan­de­mie auf die Arbeit des Bam­ber­ger Tier­heims und des Tierschutzvereins?

Jür­gen Horn: Zunächst ein­mal bedeu­te­te die Pan­de­mie, dass wir ein Hygie­nekon­zept erar­bei­ten und für des­sen Ein­hal­tung sor­gen muss­ten. Dann hat­ten wir kei­ne nor­ma­len Öff­nungs­zei­ten mehr, was uns befürch­ten ließ, dass unse­re Schütz­lin­ge nun wesent­lich län­ger bei uns blei­ben müss­ten. Doch konn­ten wir sehr schnell fest­stel­len, dass die Nach­fra­ge in der Bevöl­ke­rung nach einem Haus­tier deut­lich gestie­gen ist. Wer kei­ne, oder nur sehr weni­ge Kon­tak­te zu ande­ren Men­schen hat, schätzt ein Haus­tier umso mehr. Was jedoch sich sehr nega­tiv aus­wirk­te war, dass wir auch kei­ne Fes­te und Sonn­tags­öff­nun­gen mehr hat­ten. Das bedeu­tet letzt­end­lich einen fünf­stel­li­gen Ver­lust auf unse­rer Ein­nah­men-Sei­te. Ein wei­te­res Pro­blem war, dass wir wäh­rend des Lock­downs kei­ne Aus­lands­hun­de auf­neh­men konn­ten, da die Trans­por­te nicht mög­lich waren. Auch Vor- und Nach­kon­trol­len wur­den schwie­rig. Umso erfreu­li­cher war jedoch die enor­me Spen­den­be­reit­schaft vie­ler Tier­freun­de, denen ich im Namen der gesam­ten Vor­stand­schaft und Beleg­schaft herz­lich danke!


Der Zweck des Tier­schutz­ver­eins besteht in der För­de­rung des Tier­schut­zes. Kön­nen Sie ein­schät­zen, wie sich das gesell­schaft­li­che Bewusst­sein für Tier­wohl und Tier­schutz in den letz­ten Jah­ren ent­wi­ckelt hat? Trügt der Anschein, dass es zuge­nom­men hat, oder liegt immer noch viel im Argen?

Jür­gen Horn: Zwangs­läu­fig habe ich als Vor­sit­zen­der die­ses Ver­eins natür­lich eher mit Tier­freun­den zu tun. Ich habe aber schon den deut­li­chen Ein­druck, dass bei einer sehr gro­ßen Mehr­heit unse­rer Bevöl­ke­rung sich das Gespür für die Bedürf­nis­se der Tie­re deut­lich erhöht hat. Was ich jedoch sehr bedau­re, ist, dass Vor­ga­ben aus der Poli­tik dem nur sehr zöger­lich und vor allem viel zu lang­sam Rech­nung tragen.

Für mich ist es unbe­greif­lich, wie lan­ge es dau­ert, allein so etwas Schreck­li­ches wie das Küken-Schred­dern zu ver­bie­ten, um nur ein Bei­spiel zu nen­nen. Und wei­te­re Bei­spie­le gäbe es noch unend­lich viel mehr.
Ins­ge­samt jedoch steigt das Bewusst­sein in der Bevöl­ke­rung. Lei­der gibt es aber immer noch vie­le Miss­stän­de hin­ter ver­schlos­se­nen Türen, wie wir bei so man­chen Ret­tungs­ein­sät­zen mit den Amts­tier­ärz­ten fest­stel­len muss­ten. Das größ­te Pro­blem dürf­te der stark zuge­nom­me­ne Han­del mit Wel­pen, soge­nann­ten Wühl­ti­sch­wel­pen, sein. Hier beto­nen wir immer wie­der, dass es fal­sche Tier­lie­be ist, wenn man so ein armes Geschöpf kauft, damit es ihm bes­ser geht. Jeder ver­kauf­te Wel­pe bedeu­tet, dass ille­ga­le Händ­ler wei­te­re Wel­pen unter schlimms­ten Bedin­gun­gen nachzüchten.

Jür­gen Horn, 1. Vor­sit­zen­der des Tier­schutz­ver­eins Bamberg

Kön­nen Sie all die­se Tie­re in ange­mes­se­nem Umfang ver­sor­gen oder hät­ten Sie ger­ne mehr Per­so­nal oder Infrastruktur?

Jür­gen Horn: Im Moment haben wir es eini­ger­ma­ßen ruhig. Das erlaubt uns der­zeit, so man­che klei­ne Reno­vie­rungs­ar­bei­ten wie Strei­chen und der­glei­chen durch­zu­füh­ren. Auch kön­nen so eini­ge Über­stun­den abge­baut wer­den, die in der sehr tier­star­ken Zeit von Sep­tem­ber bis Mit­te Novem­ber auf­ge­lau­fen waren. Ins­ge­samt ist das Tier­heim per­so­nell mei­nes Erach­tens gut und ange­mes­sen aus­ge­stat­tet. Natür­lich müs­sen wir uns an die­ser Stel­le auch bei den vie­len ehren­amt­li­chen Hel­fern herz­lich bedan­ken. Ohne sie müss­te das Per­so­nal deut­lich auf­ge­stockt wer­den, was das Tier­heim auf Dau­er finan­zi­ell nicht stem­men könn­te. Bei die­ser Gele­gen­heit ein Auf­ruf: ein ehren­amt­li­cher Hun­de­trai­ner wäre eine tol­le Unter­stüt­zung. Wir hät­ten sogar die Mög­lich­keit, die­sem einen rich­ti­gen Trai­nings­platz auch für sei­ne eige­nen Kun­den zur Ver­fü­gung zu stellen.


Wie haben sich sozia­le Beschrän­kun­gen der Pan­de­mie­be­kämp­fung auf die Tier­ver­mitt­lung aus­ge­wirkt? Haben sich ver­mehrt Men­schen mit dem Wunsch, ein Tier auf­zu­neh­men, um zuhau­se nicht immer allein zu sein, son­dern zumin­dest tie­ri­sche Gesell­schaft zu haben, an Sie gewendet?

Jür­gen Horn: Wie ich es ein­gangs schon erwähnt habe, ist für sol­che Men­schen der Wunsch nach einem Haus­tier zum Lie­ben deut­lich gestie­gen. Auch aus ande­ren Tier­hei­men hören wir immer wie­der die Aus­sa­ge, wir könn­ten viel mehr ver­mit­teln als wir haben. Nichts­des­to­trotz ist den­noch bei jeder Ver­mitt­lung ein aus­gie­bi­ges Ver­mitt­lungs-Gespräch Vor­aus­set­zung. Nicht jeder Mensch passt zu jedem Tier. Unser erfah­re­nes Per­so­nal muss auch manch­mal nein sagen oder ein ande­res Tier emp­feh­len, denn letzt­end­lich steht für uns das Tier­wohl an ers­ter Stel­le und auch den Men­schen ist ja nicht gehol­fen, wenn sie nach kur­zer Zeit mer­ken, dass es mit die­sem Tier nicht gut geht. Lei­der gibt es gehäuft unver­nünf­ti­ge Leu­te, die nur an sich, aber nicht ans Tier den­ken: Es gibt tat­säch­lich ernst­ge­mein­te Anfra­gen für „Leih­tie­re“ für die Zeit des Home­of­fice. Das geht gar nicht!


Inwie­weit kann die Anwe­sen­heit eines Haus­tiers posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen gegen Ein­sam­keits­ge­füh­le haben?

Jür­gen Horn: Der Mensch ist nun ein­mal ein sozia­les Wesen. Nie­man­dem tut es gut, nur allei­ne zuhau­se her­um­zu­hän­gen. Zum einen for­dert ein Tier Ver­sor­gungs­auf­ga­ben und damit ein­her­ge­hend auch, dass der Mensch mehr­mals täg­lich in Bewe­gung kom­men muss. Ganz beson­ders natür­lich mit Hun­den. Zum andern gibt einem ein Tier unend­lich viel Lie­be und Geborgenheit.


Wie hat sich die Zahl ent­lau­fe­ner oder aus­ge­setz­ter Tie­re in den letz­ten Mona­ten entwickelt?

Jür­gen Horn: Wir hat­ten in die­sem Som­mer kei­ne aus­ge­setz­ten Hun­de und auch weni­ger ent­lau­fe­ne Hun­de, was vor allem an Sil­ves­ter erstaunt hat. Bei unse­ren Mit­ar­bei­tern hat­te in den Vor­jah­ren am 1.Januar das Tele­fon nicht still­ge­stan­den. Die­ses Jahr war kein ein­zi­ger Hund ent­lau­fen. Nur ein stil­les Sil­ves­ter ist ein gutes Sil­ves­ter – bel­len die Hunde!


Wel­che sind die häu­figs­ten Grün­de, aus denen Haus­tier­hal­ter ein Tier aus­set­zen oder es im Tier­heim abgeben?

Jür­gen Horn: Das kön­nen sehr unter­schied­li­che Grün­de sein. Wenn Men­schen aus gesund­heit­li­chen Grün­den ins Kran­ken­haus oder Alters­heim gehen, haben sie in den sel­tens­ten Fäl­len die Mög­lich­keit, ihr Tier mit­zu­neh­men. Dies sind, neben dem Tod des Herr­chens oder Frau­chens, oft die trau­rigs­ten Fäl­le. Aber auch Fäl­le von plötz­li­cher Armut, All­er­gien, Zeit­man­gel durch beruf­li­che Ver­än­de­rung oder auch die Ein­sicht, dass man dem Tier kei­ne art­ge­rech­te Hal­tung zugu­te­kom­men las­sen kann und vie­les mehr, kön­nen der­ar­ti­ge Grün­de sein. Mich per­sön­lich ärgern vor allem die­je­ni­gen, die ihren ver­zo­ge­nen Kin­dern zum Geburts­tag oder zu Weih­nach­ten ein Tier geschenkt haben, aber jetzt in Urlaub wol­len und mer­ken, dass das mit einem Tier etwas umständ­li­cher ist und es des­we­gen aus­set­zen oder, wenn das Tier Glück hat, im Tier­heim abgeben.


Wie lässt es sich errei­chen, dass Hal­ter, die ihr Tier nicht mehr haben möch­ten, die­ses nicht aus­set­zen, son­dern sich damit an Sie wenden?

Jür­gen Horn: Im Gegen­satz zu manch ande­ren Tier­hei­men ver­lan­gen wir kei­ne Abga­be­ge­büh­ren. Der Abge­ben­de muss also nicht fürch­ten, hier noch­mal zur Kas­se gebe­ten zu wer­den. Auch wer­den sei­ne Abga­be­grün­de von uns nicht über­prüft. So hat im Land­kreis Bam­berg, das ist unser Zustän­dig­keits­be­reich, kein Tier­be­sit­zer auch nur den faden­schei­nigs­ten Grund ein Tier aus­zu­set­zen. Im Gegen­teil: Wer dabei erwischt wird, muss mit einer Anzei­ge wegen Ver­sto­ßes gegen das Tier­schutz­ge­setz rech­nen und das kann durch­aus sehr teu­er wer­den. Unse­re Mit­ar­bei­ter sind ange­hal­ten, kei­ne Vor­wür­fe zu machen, wenn das Tier abge­ge­ben wird. Wich­tig ist eine recht­zei­ti­ge Kon­takt­auf­nah­me zu uns, dann kön­nen wir hel­fen, Pro­ble­me zu lösen bezie­hungs­wei­se Lösun­gen für die Tie­re zu fin­den, und gege­be­nen­falls auch das Tier direkt zu vermitteln.

Tier­schutz­ver­ein Bam­berg e.V. /​Tier­heim Berganza

Rot­ho­fer Weg 30
Tele­fon: 09 51 /​/​700 927–0

http://tierheim-bamberg.de/

Weiterer Artikel

Die Suche beginnt

Ober­frän­ki­sches Wort des Jah­res 2021

Nächster Artikel

Charles-Bukow­ski-Gesell­schaft

101 Jah­re Dir­ty Old Man