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Hip Hop

Von der Schü­ler­band zum Bam­ber­ger Aushängeschild

Bam­bäg­ga fei­ert 20jähriges Jubiläum

In die­sem Jahr fei­ert die Hip-Hop-Band Bam­bäg­ga ihr 20jähriges Bestehen. Dazu wird es im Okto­ber einen gro­ßen Jubi­lä­ums-Abend mit Kon­zert geben. Wir haben uns mit Mit­grün­der und Front­mann Jonas Ochs unter­hal­ten, der auf eini­ge Anek­do­ten aus den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten zurück­bli­cken konnte.

„Mein ers­ter Berufs­wunsch, war tat­säch­lich Müll­fah­rer“, erin­nert sich Jonas Ochs. „Mich hat das total begeis­tert, wie die Leu­te sich da hin­ten auf die­ses Tritt­brett stel­len konn­ten, mit einer Hand fest­hal­ten und dann bist du an der fri­schen Luft.“ Die­ser Kind­heits­traum erfüll­te sich zwar – zumin­dest bis­her – nicht. Den­noch merkt man Jonas Ochs an, dass er sei­nen Traum­be­ruf gefun­den hat. Und auch alle wei­te­ren Berei­che, in denen er enga­giert ist, geben ihm offen­sicht­lich Ener­gie.
Nach sei­nem Abitur absol­vier­te Jonas Ochs sei­nen Zivil­dienst bei der Lebens­hil­fe, wo nach Abschluss sei­nes Sozi­al­päd­ago­gik-Stu­di­ums dann fest anfing und jetzt das ambu­lant unter­stütz­te Woh­nen lei­tet. Zuvor hat­te er als Teen­ager mit 2 Mit­strei­tern noch zu Schul­zei­ten Bam­bäg­ga gegründet.

Die Hop-Hop-Band mit inzwi­schen ver­än­der­ter Beset­zung war und ist auch stän­dig im sozia­len Bereich aktiv, wor­aus sich auch immer Berüh­rungs­punk­te mit der Lebens­hil­fe, wo sie unter ande­rem Work­shops mit Mit­ar­bei­ten­den abhält.


Der Bäg­ga hat gerufen

Bam­bäg­ga wur­de 2005 von Jonas Ochs, Franz Blä­ser und Con­stan­tin Kern ali­as Cony MC gegrün­det, spä­ter stieß DJ Migh­ty Mike dazu.
Cony MC ist mitt­ler­wei­le Trai­ner im Nach­wuchs bei Alba Ber­lin, den­noch wei­ter­hin Teil der Band, zu der als drit­tes Mit­glied seit 15 Jah­ren David Ochs ali­as DJ Adam gehört, der wie sein Bru­der bei der Lebens­hil­fe arbei­tet, er ist bei Inte­gra Mensch zustän­dig für den Bereich „aus­ge­la­ger­te Arbeits­plät­ze für Men­schen mit Behinderung“.

Die ers­te CD erschien bereits im Grün­dungs­jahr – „Der Bäg­ga hat geru­fen“. Von der Pro­duk­ti­on her sei es noch „total hemds­är­me­lig“ gewe­sen, beschreibt es Jonas Ochs. Das ers­te Lied ent­stand mit einem Auf­nah­me­ge­rät in der Bäcke­rei Schül­ler, das letz­te nachts vor dem und beim Gie­cher Beck, und der Bäcker selbst durf­te Piz­za­le­ber­käs-Sprü­che auf­sa­gen. Das The­ma Brot und Backen zieht sich durch die fol­gen­den CD-Ver­öf­fent­li­chun­gen der Bambägga.

„Das war anfangs schon sehr do-it-yours­elf-mäßig. Als wir das ers­te Mal im Stu­dio waren, hat uns der Stu­dio­tech­ni­ker die Knöp­fe gezeigt und dann haben wir auf­ge­nom­men.“ Um die Ein­stel­lun­gen iden­tisch zu haben, wur­den mit einer ana­lo­gen Kame­ra Fotos gemacht und beim nächs­ten Mal die Reg­ler wie­der genau­so ein­ge­stellt wie auf dem Foto. Die CD-Book­lets haben die Jungs damals selbst zusam­men­ge­stellt, geschnit­ten und dann in die CD-Hül­len gepackt.

Nach­dem die ers­te CD mit einer Auf­la­ge von 150 Stück, die mitt­ler­wei­le Samm­ler­wert hat, ver­grif­fen war, gab es kei­ne Nach­pro­duk­ti­on, son­dern die Band mach­te sich direkt an die zwei­te CD, bei der viel mehr Wert auf Details gelegt wur­de und die Pro­duk­ti­on schon deut­lich pro­fes­sio­nel­ler gelau­fen sei. „Ein ech­ter ers­ter Mei­len­stein war dann die drit­te CD, weil wir dann auch mal mit einer Live­band im Stu­dio waren und die Sachen rich­tig ein­ge­spielt haben mit Leu­ten, die wirk­lich damals schon lan­ge im Musik­ge­schäft waren.“

Mitt­ler­wei­le geht das Gan­ze wesent­lich schnel­ler, die Tech­nik und ein ein­ge­spiel­tes Team machen es mög­lich. „Pyro­mu­sic von Alex­an­der Döbe­r­ei­ner ist unser Haus- und-Hof-Stu­dio seit Ewig­kei­ten und Alex hat die Vor­ein­stel­lun­gen. Ich gehe dahin und rap­pe ein Lied ein und bin nach einer Stun­de fer­tig, es ist deut­lich vereinfachter.“


Live-Pre­mie­re: Zwi­schen Kara­te-Grup­pe und Flohmarkt-Eröffnung 

Bevor die Band los­leg­te, hat­te Jonas Ochs schon eini­ge Jah­re für sich allei­ne Hip-Hop ein­stu­diert. „Als ich 13, 14 war, war das umgäng­lich. Eine damals sehr ange­sag­te Band waren die „Abso­lu­ten Beg­in­ner“, die haben in Bam­berg ein Kon­zert gege­ben, und da war eigent­lich jeder dort“, erin­nert sich Jonas Ochs „Und dann habe ich das zum ers­ten Mal gese­hen und woll­te das unbe­dingt auch machen.“ Inspi­riert hat ihn dann vor allem das Album „Blau­er Samt“ von Torch. Mit Torch, einem der ers­ten Deutschrap­per, ergab sich spä­ter ein Kon­takt, der bis heu­te anhält und der Bam­bäg­ga auch schon zwei Mal buchte.

Jonas Ochs begann im Stil­len und Ver­bor­ge­nen, es gab kein Inter­net, es gab kein Tuto­ri­al, er kann­te auch nie­man­den, der schon Hip-Hop gemacht hat­te. Also brach­te er es sich in müh­sa­mer Klein­ar­beit bei. Er hat CD-Tex­te abge­schrie­ben, gelernt, wie Rei­me gesetzt wer­den, und dann sei­ne Skiz­zen erst mal im Schuh­kar­ton ver­staut, bis er über­haupt den Mut gefasst hat, sich auch auf dem Pau­sen­hof vor den Kum­pels zu prä­sen­tie­ren. Erst Rich­tung Schul­ab­schluss war es so weit. Vor 20 Jah­ren hat er sei­nen Zivil­dienst in der Lebens­hil­fe absol­viert und damit hat qua­si auch Bam­bäg­ga begon­nen. „Der Mut und auch das Selbst­be­wusst­sein von Men­schen mit Behin­de­rung hat mich damals ange­steckt. Ich hat­te das Gefühl, ich muss mir ein­fach mal eine Schei­be abschnei­den und sagen, ich mache das jetzt ein­fach. Egal ob jemand sagt, ich sei der gro­ße Super­star und mega talen­tiert, ein­fach machen. Das kann ich mir echt auch von unse­ren Kli­en­ten bis heu­te abschau­en.“ Hät­te er nicht bei der Lebens­hil­fe gear­bei­tet, hät­te es ver­mut­lich Bam­bäg­ga nie gege­ben. „Ich hät­te mich das wahr­schein­lich nie getraut, weil ich eigent­lich per se eher ein schüch­ter­ner Typ war. Und ganz weit weg davon zu glau­ben, ich mache irgend­wann mal einen Pod­cast mit dem Bio­gärt­ner Sebas­ti­an Nie­der­mai­er und hän­ge als Mus­ke­tier am Ertl. Oder ich sit­ze jetzt hier und rede über 20 Jah­re Band und 850 Kon­zer­te. Da habe ich echt viel durch die Begeg­nung mit unse­ren Kli­en­ten für mich mitgenommen.“

Den ers­ten Live-Auf­tritt hat­te Bam­bäg­ga 2005 in Forch­heim Nord bei einem Stadt­teil­fest. „Vor uns war eine Kara­te-Grup­pe, nach uns wur­de der Floh­markt eröff­net. Es geht nicht unspek­ta­ku­lä­rer“, sagt Ochs und lacht, „also von daher sage ich jetzt auch jeder Nach­wuchs­band, ´war­tet nicht auf die­sen gro­ßen Moment, son­dern star­tet klein‘. Das alles sind Erfah­run­gen, die man macht und die uns geprägt haben. Die Gage waren übri­gens zwei Spe­zi und a Brat­wurst­bröd­la pro Person.“

Im glei­chen Jahr hat Bam­bäg­ga dann auch bereits begon­nen, eige­ne Ver­an­stal­tun­gen zu machen, im dama­li­gen bfz-Kel­ler und im Immer­hin sind sie danach unter ande­rem öfters auf­ge­tre­ten – und der Radi­us wur­de rasch und suk­zes­si­ve grö­ßer. „Wir haben ein­fach alles ange­schrie­ben und wir sind durch ganz Deutsch­land gefah­ren. Wir haben Demo-CDs gebrannt und dann in der Brot­zeit­tü­te – wegen Bam­bäg­ga – an alle Jugend­zen­tren in Deutsch­land ver­schickt mit einem selbst geschrie­be­nen Brief. So haben wir die Gigs akqui­riert.“ Wäh­rend damals quer durch Deutsch­land über­all gespielt wur­de, sei es mitt­ler­wei­le regio­na­ler geworden.

Auch bis zum ers­ten rich­tig gro­ßen Auf­tritt dau­er­te es nicht lan­ge. Die­ser ist auch eines der High­lights aus zwei Bam­bäg­ga-Jahr­zehn­ten, an die sich Jonas Ochs leb­haft erin­nert. „Wir waren Vor­band von den Fan­tas­ti­schen Vier. Das ers­te Mal spiel­ten wir wirk­lich vor rich­tig viel Publi­kum, in Coburg auf dem Schloss­platz. Uns gab es damals ein­ein­halb Jah­re, wir hat­ten uns die Plat­ten­spie­ler aus dem Jugend­zen­trum am Mar­ga­re­ten­damm aus­ge­lie­hen und stan­den vor 6.000 Leu­ten als Vor­band der Fan­tas­ti­schen Vier.“ Hat­ten sie in Forch­heim Nord oder im Immer­hin vor maxi­mal 100 Leu­ten gespielt, stan­den in Coburg plötz­lich tau­sen­de Leu­te vor der Büh­ne. Die­ser Auf­tritt hat Bam­bäg­ga außer­dem an dem Tag vie­le Kon­tak­te und neue Kon­zer­te beschert. Was für Jonas Ochs immer wie­der High­lights sind, sind Momen­te im Klei­nen, die eher nach­denk­li­cher sind. „Wir haben ja auch Work­shops gemacht beim Hos­piz­ver­ein, mit Men­schen, die Men­schen ver­lo­ren haben und dar­über einen Song gemacht haben. Und da ist es schön zu sehen, was Hip-Hop oder das Tex­te­schrei­ben und das Rap­pen Leu­ten auch im Klei­nen geben kann.“


Sozia­les Enga­ge­ment von Anfang an ein wich­ti­ges Element

Die Arbeit der anfangs erwähn­ten Müll­ab­fuhr hat neben der Auf­ga­be auch eine wich­ti­ge sozia­le Kom­po­nen­te. Etwas das auch den Mit­glie­dern von Bam­bäg­ga immer wich­tig war. „Mit Men­schen in Kon­takt sein und auch der Gesell­schaft was zurück­ge­ben ist was, was auch wir immer machen woll­ten. Ich glau­be, ich spre­che für die gan­ze Band, aber für mich per­sön­lich ist es etwas Nütz­li­ches“, so der 39jährige. Die Jungs sahen sich von Anfang an nicht als Busi­ness-Typen, betont Ochs. „Bestimmt hät­te man in den letz­ten 20 Jah­ren mal so retro­spek­tiv gese­hen in dem einen oder ande­ren Moment auch cle­vere­re Busi­ness-Ent­schei­dun­gen tref­fen oder sich bes­ser ver­kau­fen kön­nen, aber das war jetzt nie der Ansatz. Wir haben immer ver­sucht, nach dem Herz zu ent­schei­den und sind uns da hof­fent­lich auch soweit treu geblie­ben.“ Was sie aller­dings auch konn­ten, weil sie trotz­dem auch schnell gemerkt haben, dass ihr musi­ka­li­sches Wir­ken „wahr­schein­lich mit dem Namen, mit dem Stand­ort und unse­rem Talent für die ganz gro­ßen Büh­nen nicht reicht, da haben wir uns rela­tiv schnell auch sel­ber ein­schät­zen kön­nen.“ Alle haben ihren Voll­zeit­job und mit der Band schon weit mehr erreicht als sie sich hät­ten vor­stel­len kön­nen. „Wenn man nicht muss, ist vie­les deut­lich ent­spann­ter und auch nur von Lei­den­schaft geprägt.“

Jonas Ochs zu Anfangs­zei­ten von Bam­bäg­ga, Foto: Paul Linsen

Das Spek­trum der Band an Auf­trit­ten ist breit. Die Jungs haben mit dem Hos­piz­ver­ein mit Men­schen, die Ange­hö­ri­ge ver­lo­ren haben, gear­bei­tet. Sie haben mit Men­schen mit Behin­de­rung gerappt. Sie haben Senio­ren­heim­kon­zer­te wäh­rend Coro­na gemacht. „Vom Spek­trum her gibt es eigent­lich in den 20 Jah­ren fast nichts, was nicht pas­siert ist. Und von daher haben wir da schon ziem­lich alle Lebens­be­rei­che vom Ele­men­tar-Früh­kind­li­chen bis hin zu den Senio­ren alles abge­deckt“, reüs­siert Ochs.

Die Band war auch in Russ­land, in Hong­kong oder in Sara­je­vo aktiv. In Russ­land, auf Initia­ti­ve des Goe­the-Insti­tuts, war die längs­te eine fünf Wochen dau­ern­de Tour. Bam­bäg­ga spiel­te in Mos­kau unter­halb vom Roten Platz auf einem Schiff, in Irkutsk in Sibi­ri­en bei minus 27 Grad. In Russ­land wie in Hong­kong oder Sara­je­vo – stets wur­den Kon­zer­te mit Work­shops ver­bun­den. Auch hier war ein sozia­ler Aspekt, ein Bil­dungs­auf­trag, inklu­diert. „Bil­dungs­un­ter­richt mit anzu­bie­ten ist uns auch wich­tig. Wo kommt Hip-Hop her, aus wel­chem sozia­len Ursprung, was ist die eigent­li­che Auf­ga­be? Man braucht nicht unglaub­lich viel Talent, man braucht nicht super Deutsch­kennt­nis­se, muss kei­ne Noten lesen kön­nen und trotz­dem kannst du ein musi­ka­li­sches Ergeb­nis in kür­zes­ter Zeit kre­ieren. Inner­halb einer Stun­de konn­ten die Kin­der mit uns rap­pen – auf Deutsch. Ohne dass sie Deutsch­kennt­nis­se oder wir Kennt­nis­se der Lan­des­spra­che hat­ten. Spra­che als Bot­schaft sozu­sa­gen. Deutsch kann ja auch eine coo­le Spra­che sein. Auch nor­ma­les Hoch­deutsch hat wirk­lich vie­le Mög­lich­kei­ten und Räu­me, krea­ti­ve Bil­der ent­ste­hen zu las­sen. Und nicht ohne Grund sind wir das Land der Dich­ter und Den­ker. Und das so ein biss­chen in die Neu­zeit zu trans­por­tie­ren, war auch unser Anspruch.“ Dazu woll­te die Band auch immer sym­pa­thisch die Stadt reprä­sen­tie­ren. „Zu sagen, hey, wir kom­men aus Bam­berg, das ist ein wun­der­schö­ner klei­ner Ort. So haben wir auch immer ver­sucht, ein­fach gute Bot­schaf­ter für unse­re Stadt zu sein“, so Ochs. „Und haben da eigent­lich echt nur posi­ti­ve Erfah­run­gen gemacht.“


Kom­po­nie­ren am Strand zur Erholung

Wäh­rend die Rap­per Jonas Ochs und Cony MC die Tex­te schrei­ben und kom­po­nie­ren, pro­du­zie­ren haupt­säch­lich drei Part­ner die Beats: Ral­le-Beats, 85 Dezi­bel und Scratch‑D. David Ochs spielt als DJ Beats ab, macht aber auch Live-Scrat­ching und bringt da auch noch­mal sei­ne indi­vi­du­el­le Note mit ein. Er konn­te dem Bru­der schon als Kind über die Schul­ter schau­en und ent­wi­ckel­te auch früh sei­ne Lie­be zur Musik. Mitt­ler­wei­le ist er seit 15 Jah­ren bei Bam­bäg­ga, legt aller­dings auch selbst­stän­dig als DJ Adam auf und pro­du­ziert selbst Musik. „Ande­re krie­gen zur Kon­fir­ma­ti­on eine Uhr oder Geld und David hat halt sei­ne ers­ten Plat­ten­spie­ler bekom­men“, erin­nert sich Jonas Ochs. „Und er hat dann, als er 14 war, ange­fan­gen auf­zu­le­gen, zu mixen und als bei uns der DJ aus­ge­stie­gen ist, weil er nach Leip­zig gezo­gen ist, dann stieß David zu uns.“

Das Musik­ma­chen, das Kom­po­nie­ren, Schrei­ben und Tex­ten bezeich­net Jonas Ochs als pure Ent­span­nung, „wie wenn ich mich mas­sie­ren las­se.“ Auch im Pfings­t­ur­laub an der Adria ging er früh um sie­ben raus an den Strand, um Tex­te zu schrei­ben ins Han­dy zu rap­pen und Skiz­zen zu machen, und kam anschlie­ßend mit fri­schen Bröt­chen zu Frau und Töch­tern zurück ins Hotel.

Die Band hat­te von Anfang an den Anspruch, als Kin­der die­ser Stadt der Stadt einen coo­len Stem­pel auf­zu­drü­cken. „Wir beschlos­sen, wir nen­nen uns Bam­bäg­ga, wir sind von hier, wir erzäh­len von hier Geschich­ten. Und ich woll­te, dass irgend­ei­ner ein­mal auf einer CD „Bam­berg“ sagt. Von Leu­ten unter 50. Also, dass Jugend­li­che sich mit dem Stand­ort iden­ti­fi­zie­ren und dass auch Gene­ra­tio­nen dar­über hin­aus das als einen coo­len Ort sehen, und wit­zi­ge Geschich­ten erzäh­len.“ Das ist der Band jetzt die ers­ten 20 Jah­re gelun­gen. Mitt­ler­wei­le gibt es eine Gene­ra­ti­on von 50 plus, die sel­ber frü­her mit Hip-Hop groß gewor­den ist. „Das gab’s ja damals noch nicht. Hip-Hop ist immer noch eine Jugend­kul­tur“, sagt Jonas Ochs. Und viel der Besu­cher von damals kom­men jetzt mit ihren Kin­dern zu Bambägga.

Im August gibt es wie­der eine Koope­ra­ti­on mit dem Hos­piz­ver­ein. In die­sem Jahr sicher­lich noch eini­ge wei­te­re Lie­der. Und am 17. Okto­ber im Live-Club den Jubi­lä­ums­abend, bei dem alle ehe­ma­li­gen Band­mit­glie­der vor Ort sein wer­den, dazu jede Men­ge Spe­cial Guests und Weg­ge­fähr­ten, die die Band seit damals beglei­tet haben. Geplant ist zwei­ein­halb Stun­den Live-Show nur von Bam­bäg­ga, dazu Tanz­ein­la­gen und ver­schie­de­ne Spe­cial-Effekts. Und ver­mut­lich wird Jonas Ochs beim gro­ßen Jubi­lä­ums­abend die eine oder ande­re wei­te­re Anek­do­te zum Bes­ten geben, für den es noch Kar­ten gibt.

Und wer weiß: Viel­leicht ergibt sich nach 20 Jah­ren Hip-Hop-Geschich­te in Bam­berg und Aktio­nen in vie­len Gegen­den der Welt auch wäh­rend der nächs­ten 20 Jah­re noch die Mög­lich­keit, ein Rap-Video auf dem Tritt­brett eines Müll­wa­gens zu dre­hen. „Wenn das hier die zustän­di­gen Müll­ab­fuhr­un­ter­neh­men lesen, ich bin rea­dy, also ich wür­de ger­ne mal auch ein­fach auf einem Müll­wa­gen ein Rap-Video dre­hen. Das fän­de ich auf jeden Fall geil“, so Jonas Ochs.

Wu-Tang und Wirsing

Bam­bäg­ga-Album „Brot­zeit“

Im 17. Jahr ihres Bestehens ver­öf­fent­li­chen Bam­bäg­ga im Juli ihr sieb­tes Album „Brot­zeit“. Im Vor­feld gab von es Jonas Ochs, Con­stan­tin „Cony“ Kern und David „DJ Start­klar“ Ochs die ers­ten bei­den Sin­gle-Aus­kopp­lun­gen „Solan­ge“ und „Wu-Tang und Wir­sing“ zu hören. Klang­lich deu­ten sie auf ein etwas erns­te­res Album, als es der Vor­gän­ger „Brot und Spie­le“ war, hin. Wir haben Jonas Ochs zum Gespräch getroffen.
Der Titel des neu­en Bam­bäg­ga-Albums ist „Brot­zeit„“, sei­ne Vor­gän­ger hie­ßen „Der Bäg­ga hat geru­fen“, „Zwie­back“, „Alarm­stu­fe Brot“, „Laib und See­le“, „Brot­lo­se Kunst“ und „Brot und Spie­le“. Habt ihr schon­mal durch­ge­zählt: Wie vie­le Titel mit Brot­wort­spie­len kann man noch machen?

Jonas Ochs: Es gab band­in­tern schon mal die Dis­kus­si­on, das auf­zu­bre­chen und einen Titel ohne Brot zu suchen. Aber auf der ande­ren Sei­te: Schus­ter bleib’ bei dei­nen Leis­ten. Bis wir alt und grau sind, wird es Titel mit Brot­spie­len geben. Die schei­nen sowie­so unend­lich vie­le zu sein. Genau wie beim Album davor, haben wir auch dies­mal wie­der eine super­lus­ti­ge Umfra­ge bei den Fans gestar­tet, wie das Album hei­ßen könn­te. Die bes­ten Namens­vor­schlä­ge haben wir im Book­let auf­ge­lis­tet. Es gab zum Bei­spiel „Täg­lich Brot“, „Back­wa­re“, „Ähren­sa­che“ oder „Brot­kras­ti­na­ti­on“.

Das Album ent­stand 2022. Ist „Brot­zeit“ ein Corona-Album?

Jonas Ochs: Die gro­ßen gesell­schaft­li­chen The­men las­sen einen natür­lich nicht kalt und die Umstän­de der Pro­duk­ti­on waren schon spe­zi­ell. Das hat dann natür­lich auch Aus­wir­kun­gen auf Tex­te und Klang. Für „Brot und Spie­le“ muss­ten wir alle Kon­zer­te absa­gen und wir sind inner­lich, wie alle ande­ren Kul­tur­schaf­fen­den auch, erst­mal zusam­men­ge­fal­len. Also haben wir begon­nen, mit allen Lock­down-Hin­der­nis­sen, ein neu­es Album zu machen. Aber Coro­na ist nicht das her­aus­ge­ho­be­ne The­ma, dazu haben sich schon genug ande­re geäu­ßert. Aber wir ver­ar­bei­ten die Pan­de­mie. Ein Stück heißt zum Bei­spiel „Naus­wärds“ – das ist so ein biss­chen der frän­ki­sche Hil­fe­schrei und Bezug­nah­me auf die Situa­ti­on. Ein ande­rer Song heißt „Zuver­sicht“, bei dem es – unter­schwel­lig – dar­um geht, ein biss­chen Opti­mis­mus zu ver­brei­ten. Aber die Stü­cke sind nicht schwer­mü­tig. Wir möch­ten den Leu­ten etwas Posi­ti­ves mitgeben.

Die ers­te Sin­gle­aus­kopp­lung heißt „Solan­ge“. Um was geht es?

Jonas Ochs: Wir woll­ten damit grund­le­gend zurück­bli­cken und erzäh­len, wie lan­ge wir das schon machen. Es geht aber auch dar­um, das Feu­er wei­ter­zu­tra­gen und die gan­zen Geschich­ten wei­ter­zu­er­zäh­len, die uns pas­siert sind. Das trägt uns auch als Kum­pels. Gera­de wenn es finan­zi­ell um nichts geht und das Dasein einer Band schon fast ehren­amt­lich ist, ist es zwi­schen­mensch­lich immer eine zusätz­li­che Her­aus­for­de­rung, solan­ge befreun­det zu sein. Wir sind als Schü­ler­band gestar­tet, waren dann 16 Semes­ter lang Stu­den­ten­band, jetzt sind wir Berufs­band oder Vater­band und Kinderband.

Aber ist ein Rück­blick nicht immer auch ein Abschluss? Steht Bam­bäg­ga vor einem Abschluss?

Jonas Ochs: Die­se Band ist so tief in unse­rer Per­sön­lich­keit drin, dass es, glau­be ich, einen Abschluss nicht geben kann. Ich kann mir nicht vor­stel­len und ich glau­be, die ande­ren bei­den sehen das auch so, dass es irgend­wann endet. Wir haben ja sowie­so eine beson­de­re Kon­stel­la­ti­on. Cony und ich sind mehr oder weni­ger am sel­ben Tag im sel­ben Kran­ken­haus gebo­ren und unser DJ ist mein Bru­der. Ob wir immer mit­ein­an­der Musik machen wer­den, weiß ich nicht. Aber Bam­bäg­ga wird es immer geben, selbst wenn es nur als Lebens­ein­stel­lung ist.

War­um habt ihr „Solan­ge“ als ers­te Sin­gle ausgewählt?

Jonas Ochs: Zuerst hat­ten wir den Beat von unse­rem Beatma­ker, Lucas. Beim Anhö­ren habe ich mir vor­ge­stellt, wie­der vor einem Publi­kum zu ste­hen. Es ist nicht nur die ers­te Sin­gle, son­dern auch das ers­te Stück auf dem Album. Die Ent­schei­dung dafür fiel aber gar nicht so sehr wegen des Texts, son­dern wegen sei­ner Ener­gie. Das Lied hat einen sich immer wei­ter auf­bau­en­den Klang, ein Ele­ment, das ankün­digt, dass sich jetzt so lang­sam wie­der etwas auf­baut – zum Bei­spiel Kulturleben.

Euer letz­tes Album war, was Inhalt und Ver­mark­tung anging, sehr auf dich zuge­schnit­ten. Spielt Cony jetzt wie­der eine grö­ße­re Rolle?

Jonas Ochs: Ja, für „Brot­zeit“ war es uns ganz wich­tig, wie­der mehr als Team auf­zu­tre­ten. Das letz­te Album war von mir mehr oder weni­ger ein Solo­al­bum. Jetzt haben wir wie­der ein gute Aus­ge­wo­gen­heit. Auch beim Schrei­ben haben wir dar­auf geach­tet, dass wir das wie­der zusam­men machen.

„Wu-Tang und Wir­sing“ ist die zwei­te Sin­gle. Um was geht es hier?

Jonas Ochs: Durch die 17 Jah­re Bam­bäg­ga gibt es ein sich durch­zie­hen­des The­ma: Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ort­schaft, in der man lebt: Bam­berg. In unse­rer Anfangs­zeit war es für die Sub­kul­tur Hip Hop in Bam­berg ziem­lich schwer, weil sie kaum Mit­glie­der hat­te. Also hat man das weni­ge, das es gab, noch mehr zu schät­zen gelernt. Der eine hat­te das Tape, der ande­re das auf Kas­set­te – es war wie eine Schatz­su­che. In einer Stadt zu leben, die heu­te teil­wei­se noch genau­so aus­sieht wie auf Ansich­ten von vor 200 Jah­ren, ist schon schön, aber auch immer gleich. Aber sie ist Teil unse­rer Iden­ti­tät: Wir sind schon cool wie Wu-Tang, aber auch frän­kisch wie Wir­sing. Wir ste­hen zu unse­rem Zeug. Es ist immer auch ein biss­chen zwi­schen Grö­ßen­wahn und Pro­vinz­thea­ter. Das spie­gelt sich ja auch in Lokal­po­li­tik wider.

Wie­so ver­dient der Wir­sching ein musi­ka­li­sches Denkmal?

Jonas Ochs: Er ist etwas, das immer da ist. Also in Fran­ken. In vie­len Ecken Deutsch­lands ist er über­haupt nicht bekannt. Eine Freun­din mei­nes Bru­ders, sie war aus dem Nor­den, sag­te ein­mal: Span­nend, was man aus Avo­ca­do alles machen kann.

Das Video zu „Wu-Tang und Wir­sing“ habt ihr in der Gärt­ner­stadt und der Küche dei­ner Groß­mutter gedreht. Wel­che Zusam­men­hän­ge gibt es da?

Jonas Ochs: Da, in der Gärt­ner­stadt, unter den Äckern lie­gen die bes­ten Ideen. Das Haus mei­ner Groß­mutter haben wir auch schon in ande­ren Lie­dern besun­gen, zum Bei­spiel „Herz aus Press­sack“. Außer­dem kön­nen die Leu­te in der Gärt­ner­stadt Geschich­ten erzäh­len, das wür­de für fünf Kino­fil­me reichen.

Bei­de Sin­gles haben einen eher erns­ten Klang. Ist es ins­ge­samt ein erns­te­res Album?

Jonas Ochs: Nein, es geht auch schon viel nach vor­ne und es wird lus­tig. Wobei lus­tig viel­leicht zu viel gesagt ist. Nicht dass wir den Spaß ver­lo­ren haben, aber viel­leicht ist die Stim­mung eher posi­tiv opti­mis­tisch. Es geht um Lie­be und Freund­schaft und es soll­te warm klingen.

Seid ihr rei­fer geworden?

Jonas Ochs: Ich den­ke schon, ja, aber nicht abge­stan­den, son­dern mit einer Tie­fe, die das Erwach­se­nen­al­ter eben mit sich bringt. Wir sehen uns auch über­haupt nicht in irgend­ei­ner Kon­kur­renz mit jun­gen Bands. Wir sind 36-jäh­ri­ge Rap­per und das ist gut so.

Bam­bäg­ga

Release-Par­ty „Brot­zeit“

8. Juli, 20 Uhr, Live-Club