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Mischkan ha-Tfila

Neu­er „Guter Ort“ für Bamberg 

Ein Mei­len­stein für die jüdi­schen Gemeinden

Zwei neue Fried­hofs­flä­chen gibt es künf­tig für die jüdi­schen Gemein­den in Bam­berg hin­ter der Fried­hofs­mau­er an der Gun­dels­hei­mer Stra­ße. Ein Mei­len­stein, wie aus der Libe­ra­len Jüdi­schen Gemein­de Misch­kan ha-Tfi­la zu hören war. Dies wur­de mit der Ver­trags­un­ter­zeich­nung nun sichergestellt.

Als „Mei­len­stein für unse­re Gemein­de“ bezeich­ne­te die Rab­bi­ne­rin der Libe­ra­len Jüdi­schen Gemein­de Misch­kan ha-Tfi­la Ant­je Yael Deu­sel die Ver­trags­un­ter­zeich­nung für zwei neue Fried­hofs­flä­chen hin­ter der Fried­hofs­mau­er an der Gun­dels­hei­mer Stra­ße par­al­lel zur Cobur­ger Stra­ße, denn „ein „Guter Ort“ ist ein wich­ti­ger Bestand­teil einer jeden Gemein­de“, so Deu­sel. Das frag­li­che Are­al hin­ter der Fried­hofs­mau­er an der Gun­dels­hei­mer Stra­ße par­al­lel zur Cobur­ger Stra­ße war im Bebau­ungs­plan bereits als zukünf­ti­ge Fried­hofs­er­wei­te­rungs­flä­che fest­ge­setzt. Es bie­tet den gro­ßen Vor­teil, den neu­en jüdi­schen Fried­hofs­teil direkt vom bis­he­ri­gen jüdi­schen Fried­hof aus fuß­läu­fig errei­chen zu können.

Auch der 1. Vor­sit­zen­de der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Mar­tin Ari­eh Rudolph freut sich über die­sen weg­wei­sen­den Schritt für die IKG: „Nun­mehr haben wir nach lan­gen Ver­hand­lun­gen einen neu­en jüdi­schen Fried­hof. Wir dan­ken der Stadt Bam­berg sehr für die Ermög­li­chung die­ses neu­en und wich­ti­gen Teils für die jüdi­schen Gemein­den, die nun­mehr kei­ne Angst mehr haben müs­sen, dass ihre Mit­glie­der womög­lich nicht in Bam­berg beer­digt wer­den könn­ten. Es ist für uns jüdi­sche Gemein­den ein gro­ßer Tag, auch betreffs der Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass Juden in Bam­berg ein aner­kann­ter Teil der Gesell­schaft sind.“

„Mit die­ser Ver­trags­un­ter­zeich­nung kann nun für lan­ge Zeit garan­tiert wer­den, dass die jüdi­schen Gemein­den ihren Mit­glie­dern eine ange­mes­se­ne Grab­stät­te zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen“, freu­te sich Ober­bür­ger­meis­ter Andre­as Star­ke über das erfolg­rei­che Ende der Verhandlungen.

Ein jüdi­scher Fried­hof ist ein Fried­hof mit Beson­der­hei­ten, die sich aus den Geset­zen des Juden­tums erge­ben. So ist die Erd­be­stat­tung vor­ge­schrie­ben und eine dau­er­haf­te Toten­ru­he zu gewähr­leis­ten. Die Besu­cher legen statt Blu­men in der Regel klei­ne Stei­ne auf das Grab. Mit Bezug zu sei­nem lebens­be­ja­hen­den Cha­rak­ter und der Erwar­tung einer eins­ti­gen Auf­er­ste­hung, wird der jüdi­sche Fried­hof „Haus des Lebens“ oder auch „Guter Ort“ genannt.

Inten­si­ve Ver­hand­lun­gen seit 2018 

Der heu­ti­ge jüdi­sche Fried­hof in Bam­berg in der Sie­chen­stra­ße wur­de am 19.10.1851 eröff­net. Maß­geb­li­chen Ein­fluss hat­te damals Dr. Jakob Des­sau­er, der ab 1841 Vor­sit­zen­der der Gemein­de war. Das heu­ti­ge Taha­ra-Haus als moder­ne Trau­er­hal­le im nach­klas­si­zis­ti­schen Stil wur­de ab 1885 erbaut und im Jahr 1890 fer­tig gestellt. Die Debat­te um eine not­wen­di­ge Erwei­te­rung des jüdi­schen Fried­hofs reicht bereits in die 30er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts zurück, wo sie aller­dings in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus auf wenig Gegen­lie­be stieß. 1943 wur­de die Gemein­de zwangs­auf­ge­löst, der Fried­hof beschlag­nahmt und das Taha­rah­haus von der Fir­ma Bosch genutzt. Sechs Jah­re nach Kriegs­en­de, 1951 wur­de die Israe­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de als Rechts­nach­fol­ge­rin der 1943 zer­stör­ten Gemein­de wie­der­ge­grün­det. Im Zuge der Resti­tu­ti­ons­maß­nah­men erhielt die jun­ge neue Gemein­de den Fried­hof zurück­er­stat­tet. Bereits seit 1946 wur­de wie­der dort beigesetzt.

Seit min­des­tens 20 Jah­ren ist die israe­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de erneut inten­siv bemüht eine neue Fried­hofs­flä­che zu erwer­ben. Nach dem plötz­li­chen Tod des dama­li­gen Vor­sit­zen­den der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Hein­rich Olmer über­nahm Mar­tin Ari­eh Rudolph die­se Ver­ant­wor­tung und spä­ter auch den Vor­sitz. 2014 sorg­te er dafür, dass zunächst die bestehen­de Fried­hofs­flä­che ertüch­tigt wur­de, Erd­ab­la­ge­run­gen abge­tra­gen und Alt­las­ten ent­sorgt wur­den. „Die dort auf­ge­fun­de­nen Grab­stein­res­te, die einen jüdi­schen Fried­hof nicht ver­las­sen dür­fen, wur­den im hin­te­ren Teil des Fried­hofs an der Stel­le der ers­ten, abge­bro­che­nen Taha­rah­hal­le, deren Grund­mau­ern bei der Sanie­rung eben­falls zuta­ge geför­dert wur­den, zu einer Gedenk­py­ra­mi­de für alle jene auf­ge­schich­tet, die von ihren Lie­ben ent­we­der kein Grab haben (in der Sho­ah Ermor­de­ten) oder deren Lie­ben weit weg in der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on ihr Grab gefun­den haben und deren Nach­kom­men nun­mehr als ehe­ma­li­ge Kon­tin­gent­flücht­lin­ge Neu­mit­glie­der unse­rer Gemein­de gewor­den sind“, so Rudolph.

Den­noch war klar, dass der Fried­hof in weni­gen Jah­ren voll­stän­dig belegt sein wür­de. Da es im jüdi­schen Fried­hof kei­ne Maxi­mal­be­le­gungs­fris­ten gibt und dem Toten der Grab­platz auf ewig gehört, muss, wenn der Fried­hof belegt ist, nach einem Aus­weich­platz gesucht wer­den. „Es ist eine der grund­le­gen­den Auf­ga­ben einer jüdi­schen Gemein­de, noch vor der Schaf­fung einer Syn­ago­ge für die ord­nungs­ge­mä­ße jüdi­sche Bei­set­zung ihrer Mit­glie­der auf dem „Guten Ort“, dem jüdi­schen Fried­hof, zu sor­gen. Ein Fried­hof muss zudem auch im Allein­ei­gen­tum der jewei­li­gen jüdi­schen Gemein­de sein“, betont Rudolph.

Die Israe­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de war des­we­gen schon Ende des Jah­res 2015 an die Stadt Bam­berg mit der Bit­te her­an­ge­tre­ten, im Stadt­ge­biet eine Flä­che für einen zusätz­li­chen jüdi­schen Fried­hof zu fin­den. Inten­si­viert wur­den die Ver­hand­lun­gen zwi­schen der Stadt Bam­berg und der IKG sowie der mitt­ler­wei­le eigen­stän­di­gen neu­en Libe­ra­len Jüdi­schen Gemein­de Misch­kan ha-Tfi­la Bam­berg aller­dings erst ab dem Jahr 2018. Nach­dem sich die Pla­nun­gen für einen gemein­sa­men neu­en jüdi­schen Fried­hofs­teil nicht rea­li­sie­ren lie­ßen, einig­te man sich schließ­lich dar­auf, zwei getrenn­te neue jüdi­sche Fried­hö­fe zu errichten.

Jüdi­sches Bamberg

Rab­bi­ne­rin Ant­je Yael Deu­sel im Interview

Ant­je Yael Deu­sel ist Ärz­tin und Rab­bi­ne­rin der Libe­ra­len Jüdi­schen Gemein­de Misch­kan ha-Tfi­la Bam­berg. Seit der Shoa ist sie außer­dem die ers­te deut­sche Rab­bi­ne­rin, die auch in Deutsch­land ordi­niert wur­de. Im Okto­ber ver­gan­ge­nen Jah­res leg­te sie zusam­men mit ihrem Co-Autor Ort­win Beis­bart und im Geden­ken an den 2016 ver­stor­be­nen Co-Autor und Foto­gra­fen Rudolf Dani­el das Buch „Jüdi­sches Bam­berg – Ein Gang durch die Stadt“ zum zwei­ten Mal auf. Wir haben Ant­je Yael Deu­sel zum Gespräch über das jüdi­sche Bam­berg getroffen.

Frau Deu­sel, war­um haben Sie sich zur Neu­auf­la­ge von „Jüdi­sches Bam­berg“ ent­schie­den? Wor­in bestehen die Unter­schie­de zur ers­ten Version?

Ant­je Yael Deu­sel: Zum einen war die ers­te Auf­la­ge ver­grif­fen; zum ande­ren haben sich doch eini­ge neue Din­ge seit der Erst­auf­la­ge von 2013 erge­ben, wie zum Bei­spiel die Ent­de­ckung des Mikwen-Raums, ein ehe­ma­li­ges Ritu­al­bad, im Quar­tier an den Stadt­mau­ern oder auch unser Zelt der Reli­gio­nen auf dem Markusplatz.


War­um haben Sie zur Beschrei­bung des jüdi­schen Bam­bergs die Form eines Stadt­rund­gangs gewählt?

Ant­je Yael Deu­sel: Das Büch­lein ist kein Geschichts­buch und will auch kei­ne hoch­wis­sen­schaft­li­che Abhand­lung sein, son­dern die etwa 1.000 Jah­re jüdi­sche Geschich­te in Bam­berg der inter­es­sier­ten Leser­schaft in gut les­ba­rer, kur­zer und doch kor­rek­ter Form ver­mit­teln, gera­de anhand des­sen, was in der Stadt noch sicht­bar ist.


Wel­che sind sei­ne deut­lichs­ten Spu­ren im Stadtbild?

Ant­je Yael Deu­sel: Vom „alten“ jüdi­schen Bam­berg sind – außer Mahn­mä­lern und Stol­per­stei­nen – in der Stadt nicht mehr all­zu vie­le sicht­ba­re und ent­spre­chend kennt­li­che Spu­ren vor­han­den, am ehes­ten viel­leicht der Israe­li­ti­sche Fried­hof. Im aktu­el­len Stadt­bild ist es sicher­lich die Syn­ago­ge Or Cha­jim mit dem neu­en Gemein­de­zen­trum in der Willy-Lessing-Straße.


Haben Sie das Gefühl, der Bam­ber­ger Bevöl­ke­rung sind die­se Spu­ren bekannt?

Ant­je Yael Deu­sel: Ich den­ke, es gibt auch für die Bam­ber­ger noch eini­ges zu ent­de­cken – Der „Gang durch die Stadt“ ist nicht nur für Tou­ris­tIn­nen eine span­nen­de Ent­de­ckungs­tour durch Bamberg.


Soll das Buch auch dazu die­nen, dem jüdi­schen Bam­berg in der Stadt­ge­sell­schaft mehr Sicht­bar­keit zu verschaffen?

Ant­je Yael Deu­sel: Das Buch soll über die Geschich­te des jüdi­schen Bam­berg infor­mie­ren, die ja eine sehr lan­ge ist. Vie­le Aspek­te sind heu­te nur noch weni­gen Men­schen bekannt, und man­che Spu­ren über­sieht man sehr leicht, wenn man nicht expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen wird. Gleich­zei­tig ist das jüdi­sche Leben in Bam­berg durch­aus nicht nur Geschich­te – es ist ja auch heu­te ein sehr leben­di­ges Juden­tum vorhanden.


Vor etwa fünf Jah­ren voll­zog sich die Tren­nung zwi­schen Ihnen und der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Bam­berg, deren Rab­bi­ne­rin Sie waren, nicht unbe­dingt ein­ver­nehm­lich. Dar­auf fol­gend eta­blier­ten Sie eine zwei­te jüdi­sche Gemein­de in Bam­berg. Wie sieht die Bezie­hung der bei­den Gemein­den heu­te aus?

Ant­je Yael Deu­sel: Heu­te bestehen die bei­den Gemein­den als eigen­stän­di­ge Gemein­schaf­ten neben­ein­an­der, und bei­de zusam­men ver­tre­ten das Juden­tum in und um Bam­berg, wie nicht nur anläss­lich der Fei­ern zu Gedenk­ta­gen und zur Woche der Brü­der­lich­keit immer wie­der sicht­bar wird.


Ihre Gemein­de trägt den Namen „Libe­ra­le Jüdi­sche Gemein­de Misch­kan ha-Tfi­la Bam­berg“. Was bedeu­tet libe­ral in die­sem Zusam­men­hang bezie­hungs­wei­se in Bezug auf die Israe­li­ti­sche Kultusgemeinde?

Ant­je Yael Deu­sel: Im Juden­tum gibt es ver­schie­de­ne Strö­mun­gen – ortho­dox, kon­ser­va­tiv-tra­di­tio­nell und libe­ral – deren Got­tes­diens­te jeweils unter­schied­li­chen Riten fol­gen, mit ent­spre­chen­den Unter­schie­den in der Lit­ur­gie. Unse­re Gemein­de Misch­kan ha-Tfi­la ist als Teil der Uni­on pro­gres­si­ver Juden in Deutsch­land eine aus­schließ­lich libe­ra­le Gemein­de. Damit erfol­gen unse­re Got­tes­diens­te nach dem libe­ra­len Ritus, mit einem Gebet­buch, das auf den libe­ra­len deut­schen Vor­kriegs­ge­bet­bü­chern basiert. Auch Musik­in­stru­men­te sind bei uns im Got­tes­dienst erlaubt, im Gegen­satz zu den Gemein­den mit kon­ser­va­ti­ver bezie­hungs­wei­se ortho­do­xer Ausrichtung.


Ste­hen Sie im Aus­tausch mit Ver­ei­ni­gun­gen ande­rer Reli­gio­nen? Wie ist es um das Mit­ein­an­der bestellt?

Ant­je Yael Deu­sel: Wir sind hier in Bam­berg in der glück­li­chen Lage, dass es ein sehr gutes und freund­schaft­li­ches Mit­ein­an­der der Reli­gio­nen gibt, was sich zum Bei­spiel in den gemein­sa­men Ver­an­stal­tun­gen im Zelt der Reli­gio­nen zeigt, das Chris­ten, Mus­li­me und Juden und seit kur­zem auch die Reli­gi­on Bahai mit ein­schließt. Die inter­re­li­giö­se Zusam­men­ar­beit ist über vie­le Jah­re gewach­sen und bil­det die Grund­la­ge für unse­ren trag­fä­hi­gen und kon­struk­ti­ven Dia­log der Reli­gio­nen in Bamberg.


Wie sieht Ihre täg­li­che Arbeit als Rab­bi­ne­rin aus?

Ant­je Yael Deu­sel: Als Rab­bi­ne­rin bin ich nicht nur zustän­dig für die Lei­tung von Got­tes­diens­ten und fürs Pre­di­gen, son­dern auch für die Seel­sor­ge in allen Lebens­la­gen und ‑situa­tio­nen. Ich bera­te und ent­schei­de in reli­gi­ons­recht­li­chen Fra­gen, und ich neh­me mich sozia­ler Belan­ge der Gemein­de­mit­glie­der an. Mei­ne Auf­ga­ben schlie­ßen auch den Reli­gi­ons­un­ter­richt für Schü­le­rIn­nen ein­schließ­lich der indi­vi­du­el­len Bar und Bat Mitz­wa-Vor­be­rei­tun­gen mit ein, dazu kommt mei­ne Lehr­tä­tig­keit an der Uni­ver­si­tät, das Enga­ge­ment im Ethik­kom­mit­tée der Sozi­al­stif­tung Bam­berg im Bereich Seel­sor­ge, außer­dem das Ver­fas­sen von Arti­keln für unter­schied­li­che jüdi­sche Zei­tun­gen und von Buch­bei­trä­gen. Eben­so geht die Arbeit im inter­re­li­giö­sen Dia­log wei­ter. Dazu kom­men noch diver­se Ver­wal­tungs­auf­ga­ben. All das geht auch zu Zei­ten von Coro­na wei­ter, wenn auch natür­lich unter ent­spre­chend erschwer­ten Bedin­gun­gen und mit höhe­rem Auf­wand, zumal nur ein Teil der Auf­ga­ben im Home Office erle­digt wer­den kann.


Die aktu­el­len, sich auf den Novem­ber erstre­cken­den Lock­down-Maß­nah­men bezie­hen sich nicht auf reli­giö­se Ver­samm­lun­gen. Wür­den Sie Ihren Gemein­de­mit­glie­dern zum Schutz vor Coro­na-Infek­tio­nen aber trotz­dem raten, in die­ser Zeit auf die Teil­nah­me an Got­tes­diens­ten aus­nahms­wei­se zu verzichten?

Ant­je Yael Deu­sel: Die Got­tes­diens­te fin­den statt, auch auf den instän­di­gen Wunsch von Gemein­de­mit­glie­dern, der­zeit in der Regel alle 14 Tage statt jede Woche, aber jede und jeder ent­schei­det selbst­ver­ständ­lich für sich, ob sie oder er dar­an teil­neh­men will. Wer krank ist, auch bei leich­tes­ten Sym­pto­men, oder als Kon­takt­per­son in Qua­ran­tä­ne ist, wird aus­nahms­los gebe­ten, zu Hau­se zu blei­ben, auch im Zwei­fels­fall. Wir neh­men die Pan­de­mie­vor­schrif­ten sehr ernst und haben auch ein ent­spre­chen­des Hygie­ne-kon­zept vor Ort, dazu die Abstands­re­ge­lun­gen und die Vor­schrift, wäh­rend des gesam­ten Auf­ent­halts im Bet­saal die Mas­ke zu tra­gen. Man muss sich auch jedes­mal vor­her anmel­den, bevor man am Got­tes­dienst teil­neh­men kann.


Wie groß ist Ihre Gemeinde?

Ant­je Yael Deu­sel: Zah­len­mä­ßig sind wir noch eine klei­ne Gemein­de, aktu­ell, noch, unter 100 Mit­glie­dern, jedoch ste­tig anwach­send, und mit einem recht jun­gen Alters­durch­schnitt von cir­ca 45 Jah­ren. Unser jüngs­tes Mit­glied ist fünf Jah­re alt, unser ältes­tes 94 Jahre.


Wie stark sind reli­giö­se Über­zeu­gun­gen im jüdi­schen Teil der Bam­ber­ger Bevöl­ke­rung ausgeprägt?

Ant­je Yael Deu­sel: Das ist sehr unter­schied­lich und reicht von säku­lar bis streng­gläu­big, wie in ande­ren Städ­ten auch. Eine ultra­or­tho­do­xe Aus­rich­tung gibt es in Bam­berg der­zeit nicht.


Wie stellt sich das jüdi­sche Bam­berg heu­te dar? Wie lässt sich das Leben als Jüdin oder Jude in Bam­berg beschreiben?

Ant­je Yael Deu­sel: Jüdin­nen und Juden leben in Bam­berg wie alle ande­ren Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auch – außer dass unse­re Got­tes­diens­te unter Poli­zei­schutz statt­fin­den, der­zeit noch inten­si­ver durch die aktu­ell beson­ders hohe Gefährdungslage.


In den letz­ten Wochen und Mona­te gab es einen erneu­ten Anstieg von anti­se­mi­ti­schen rechts­ex­tre­men und isla­mis­ti­schen Straf­ta­ten und Anschlä­gen. Wie sicher füh­len Sie sich, wie ist das Sicher­heits­emp­fin­den in Ihrer Gemeinde?

Ant­je Yael Deu­sel: Man­che Gemein­de­mit­glie­der sind besorgt und blei­ben teil­wei­se auch des­we­gen zu Hau­se, anstatt die Got­tes­diens­te zu besu­chen. Ande­rer­seits kann es auch nicht ange­hen, wie vie­le in der Gemein­de den­ken, dass wir aus Sor­ge vor anti­se­mi­ti­schen Anschlä­gen unse­re Got­tes­diens­te aus­set­zen und uns auch sonst in unse­rem jüdi­schen Leben ein­schrän­ken las­sen. Vor­sicht war und ist natür­lich immer gebo­ten, nicht erst jetzt, aber aktu­ell noch viel mehr als sonst.


Wie stark ist Anti­se­mi­tis­mus in Bam­berg ausgeprägt?

Ant­je Yael Deu­sel: Das ist in sei­nem genau­en Aus­maß schwie­rig zu sagen. Am ehes­ten kann Ihnen dazu wohl die Poli­zei Aus­kunft geben.


Vor kur­zem wur­den For­de­run­gen laut, zwei stei­ner­ne Figu­ren im Bam­ber­ger Dom, Eccle­sia und Syn­ago­ge, die die christ­li­che und die jüdi­sche Reli­gi­on dar­stel­len, zu ent­fer­nen, weil sie das Juden­tum abwer­ten. Was hal­ten Sie von die­sen Forderungen?

Ant­je Yael Deu­sel: Die­sel­be Fra­ge wur­de mir kürz­lich vom Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten in Bay­ern gestellt. Hier ist die Ant­wort, die ich ihm über­mit­telt habe: Wenn man die Sta­tu­en ent­fernt, ist es so, als woll­te man einen Teil der Ver­gan­gen­heit ent­fer­nen, womög­lich gar rück­wir­kend unge­sche­hen machen – letzt­lich gehört die Bild-Bot­schaft der Sta­tu­en ja zu einer bestimm­ten Zeit inner­halb der Geschich­te. Es gilt also weni­ger, die Sta­tu­en weg­zu­neh­men, als viel­mehr zum einen dazu zu ste­hen, was ein­mal war, und sich zum ande­ren gleich­zei­tig nach­hal­tig davon zu distan­zie­ren, zum Bei­spiel durch das Anbrin­gen geeig­ne­ter Info-Tafeln in situ.

Nun ist es mit den Info-Tafeln auch so eine Sache. Die aller­meis­ten Pas­san­ten wis­sen mit sol­chen und ähn­li­chen figür­li­chen Dar­stel­lun­gen per se schon nichts oder nichts mehr zu ver­bin­den – die Dis­kus­si­on inner­halb unse­res Gemein­de-Vor­stan­des ging dem­entspre­chend auch dahin, ob man die Leu­te nicht erst „mit der Nase dar­auf stößt“ – ande­rer­seits ist es aber doch so, dass ein lang­sa­mes In-Ver­ges­sen­heit-Gera­ten-Las­sen frü­he­rer Juden­feind­lich­keit der Natur der Sache auch nicht dien­lich sein kann. Es gilt also, die Bot­schaft der Sta­tu­en in den zeit­li­chen Kon­text zu stel­len: Was bedeu­te­ten sie einst­mals, was kön­nen sie heu­te bedeu­ten? Von Schmä­hung und Ver­höh­nung der Juden zur Zeit ihrer Ent­ste­hung – und lei­der noch lan­ge danach – kann sich die Bot­schaft doch auch wan­deln. Hier rei­chen Info-Tafeln allei­ne viel­leicht nicht aus – ich den­ke dabei an unse­re vie­len Tou­ris­ten­füh­re­rIn­nen, die auf­ge­ru­fen sind, in dem Zusam­men­hang die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den. Denn wenn sich jemand für die Sta­tu­en inter­es­siert, dann soll er oder sie auch die ent­spre­chen­den Infor­ma­tio­nen zu damals ver­sus heu­te bekom­men, und wer sich nicht dafür inter­es­siert, der oder die schaut sich auch kei­ne Info-Tafeln an und nimmt nicht unbe­dingt an einer ent­spre­chen­den Stadt- oder Dom­füh­rung teil, son­dern geht unbe­tei­ligt an den Sta­tu­en vorbei.

Nun soll­te man aber auch beden­ken: Die zwei Sta­tu­en allei­ne machen es ja nicht aus. Was ist mit dem gars­ti­gen Teu­fel­chen, das dort am Dom auf der Sei­te der Syn­ago­ge her­un­ter­turnt und dem Mann mit Juden­hut das rech­te Auge aus­kratzt? Die aller­meis­ten Besu­cher ken­nen die Bild-Bot­schaft von Syn­ago­ge und Eccle­sia, die durch­aus nicht auf den Dom zu Bam­berg beschränkt ist – aber den bösen klei­nen Teu­fel, den ent­deckt man in der Regel erst, wenn man dar­auf hin­ge­wie­sen wird.

Ich per­sön­lich den­ke, die bild­li­che Bot­schaft muss mit einer ver­ba­len Bot­schaft oder Gegen-Bot­schaft, ob im gedruck­ten, ob im geschrie­be­nen Wort, ver­bun­den wer­den, damit der eins­ti­gen Bot­schaft des Has­ses ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den kann, damit die Men­schen zum Nach­den­ken, womög­lich auch zum Umden­ken gebracht wer­den. Dies ist kei­ne ein­ma­li­ge Akti­on, die man erreicht durch ein Ent­fer­nen der „Stei­ne des Ansto­ßes“, son­dern eine fort­wäh­ren­de auf­klä­rend wir­ken­de Beschäf­ti­gung mit der den Sta­tu­en und Inschrif­ten imma­nen­ten Ideo­lo­gie – wer weiß, viel­leicht sogar mit neu­en, zeit­ge­mä­ßen bild­li­chen Gegen-Dar­stel­lun­gen – ist die Kraft eines Bil­des doch ein­präg­sa­mer als jeg­li­ches Wort.