Zehn Europäische Sumpfschildkröten (Emys orbicularis) aus der Obhut des Tiergartens der Stadt Nürnberg werden im Lauf des Julis in verschiedenen hessischen Naturschutzgebieten ausgewildert, um fortan zum Wiederaufbau einer stabilen Population in der Natur beizutragen, wie der Tiergarten Nürnberg mitteilt.
Die Auswilderung findet im Rahmen eines Artenschutzprogramms statt, das von der Arbeitsgemeinschaft (AG) Sumpfschildkröte initiiert wurde. Neben den Tieren aus Nürnberg werden 40 weitere Sumpfschildkröten aus dem Zoo Frankfurt und dem Opel Zoo in die Schutzgebiete gebracht.
Die zehn Schildkröten sind im Frühsommer 2024 als Schlüpflinge aus Hessen zur Aufzucht in den Tiergarten Nürnberg gekommen. Zu jenem Zeitpunkt waren sie etwa so groß wie eine ein-Euro-Münze und wogen zwischen drei und neun Gramm. Tierpflegerinnen und Tierpfleger haben sich seitdem hinter den Kulissen um die Jungtiere gekümmert und sie großgezogen, bis sie zur Auswilderung bereit waren.
„Wir haben die Schildkröten zunächst mit Glanzwürmern und Mückenlarven, später auch mit Regenwürmern und kleinen Fischen gefüttert“, sagt Tierpflegerin und stellvertretende Revierleiterin Jessica Liebel. „Da sie unterschiedlich schnell gewachsen sind und manche recht dominant waren, haben wir sie nach ein paar Monaten nach Größen sortiert und in unterschiedlichen Aquarien gehalten.“ Das Zielgewicht für die Auswilderung beträgt 120 Gramm – dann sind die Tiere etwa handtellergroß, stabiler und besser vor Fressfeinden geschützt.
Zu diesem Zweck fand in dem etwa 13 Hektar großen Naturschutzgebiet vor der Auswilderung auch eine Abfischung statt, bei der einige Hechte gefangen wurden, die den Amphibien und Reptilien dort stark zusetzten.
Zusammenspiel von Arten- und Lebensraumschutz
Das Artenschutzprogramm zeigt beispielhaft, wie Artenschutz außer- und innerhalb des natürlichen Lebensraumes von Tieren ineinandergreifen. Zoos und Zuchtstationen züchten und versorgen die Tiere, bis sie bereit zur Auswilderung sind. Naturschützer vor Ort, Naturschutzbehörden und Naturschutzverbände sorgen für den Schutz und die Wiederherstellung der Lebensräume. Dazu gehört auch, den Bestand übermäßig stark vertretener Beutegreifer wie in diesem Fall des Hechts und invasiver Arten wie zum Beispiel dem Waschbären durch Bejagung zu verringern. Waschbären sind Allesfresser und bedrohen neben den Sumpfschildkröten auch Bodenbrüter, Amphibien und Reptilien.
Um den Erfolg von Auswilderungsprogrammen zu messen, überwachen Naturschützer die Entwicklung des Bestandes. Dafür werden die Tiere mit winzig kleinen Mikrochips versehen – eine Art Personalausweis, der auch nach vielen Jahren eine individuelle Erkennung ermöglicht.
Der Tiergarten Nürnberg beteiligt sich seit 2020 an dem Schutzprojekt für Europäische Sumpfschildkröten. 2023 konnte er gemeinsam mit der AG Sumpfschildkröte erstmals drei seiner eigenen Nachzuchten in den hessischen Nidda-Auen bei Stockheim auswildern.
Ziel: 1.200 ausgewilderte Sumpfschildkröten bis 2030
Insgesamt sollen in diesem Jahr in hessischen Schutzgebieten am Rhein, am Untermain und an der Nidda 50 junge Sumpfschildkröten ausgewildert werden. Damit wurden im Rahmen des hessischen Artenschutzprogramms „Europäische Sumpfschildkröte“ seit 1999 gut 900 Tiere wiederangesiedelt. Bis 2030 sollen es insgesamt 1.200 Tiere sein.
„Wir sind auf einem guten Weg, unser Ziel zu erreichen“, sagt Dr. Matthias Kuprian vom hessischen Umweltministerium, der das Artenschutzprogramm „Europäische Sumpfschildkröte“ leitet. „Wir haben seit einigen Jahren die ersten Freilandnachzuchten nachgewiesen und können mittlerweile regelmäßig Schlüpflinge oder Jungtiere beobachten, die von unseren ausgewilderten Tieren abstammen.“
Die auf ehrenamtliche Initiative hin gegründete AG Sumpfschildkröte bemüht sich seit 1999 in Kooperation mit dem hessischen Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt und einigen Zoos um den Erhalt der Europäischen Sumpfschildkröte. Ziel dabei ist es, in geeigneten Lebensräumen in Hessen wieder sich selbst erhaltende Populationen zu begründen.
Vom Aussterben bedroht
Die Europäische Sumpfschildkröte ist die einzige Schildkrötenart, die natürlicherweise in Mitteleuropa vorkommt, nach der deutschen Roten Liste hier allerdings vom Aussterben bedroht ist. In der Vergangenheit wurden ihre Bestände dezimiert, weil sie als Fastenspeise galt. Inzwischen fehlt es den Tieren durch Flussbegradigungen und Trockenlegen von Gewässern an geeigneten Lebensräumen. Ein weiteres Risiko stellen der Straßenverkehr und invasive Arten dar.
