Ein Tita­nen­werk, aber als Komödie

Wild­wuchs­thea­ter “Pan­do­ra. Ausgebüchst”

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Das Wildwuchstheater spielt "Pandora.Ausgebüchst", Foto: Alexander Roßbach
Das Wildwuchstheater spielt "Pandora.Ausgebüchst", Foto: Alexander Roßbach
Das Wild­wuchs­thea­ter goes grie­chi­sche Mytho­lo­gie: Für die Abschlus­s­in­sze­nie­rung der Spiel­zeit 2020/​2021 wid­met sich das Ensem­ble mit der Eigen­krea­ti­on “Pan­do­ra. Aus­ge­büchst” den Legen­den von Pan­do­ra und Pro­me­theus. Unter frei­em Him­mel, auf dem Gelän­de der Eisen­gie­ße­rei Mül­ler, ist am 29. Juli Pre­mie­re. Thea­tra­le Ver­ar­bei­tung von Pan­de­mie-Frust ist dabei aber nicht geplant – eine komö­di­an­ti­sche Annä­he­rung an die The­ma­tik soll die Spiel­zeit beenden.

In den Mythen von Pro­me­theus und Pan­do­ra geht es, kurz gesagt, um den Tita­nen Pro­me­theus, der den Göt­tern das Feu­er stiehlt, um es den Men­schen zu über­rei­chen, und um Pan­do­ra, die als Teil der gött­li­chen Raches­tra­te­gie für den Dieb­stahl erschaf­fen und mit einer Büch­se aus­ge­stat­tet wird, die sämt­li­ches Übel der Welt ent­hält. An die­ser Aus­gangs­la­ge ori­en­tiert sich das Wild­wuchs­thea­ter für “Pan­do­ra. Aus­ge­büchst”. Die Regie hat Fre­de­ric Hei­sig über­nom­men. Ihn und Wild­wuchs-Vor­stands­kol­le­gen Sebas­ti­an Stahl haben wir zum Inter­view getroffen.

Wie geht es dem Wildwuchstheater?

Fre­de­ric Hei­sig: Ambi­va­lent. Auf der einen Sei­te freu­en wir uns, dass es wie­der los­geht, dass wir wie­der pro­ben und pla­nen und auf­tre­ten und wie­der Publi­kum sehen kön­nen. Auf der ande­ren Sei­te ist es orga­ni­sa­to­risch gera­de schwie­rig. Wir spie­len ja in der Eisen­gie­ße­rei Mül­ler und da gibt es nicht gera­de Thea­te­r­in­fra­struk­tur. Was wir zum Bei­spiel nicht auf dem Schirm hat­ten, ist, wie schwer es ist, zur Zeit Toi­let­ten­wa­gen zu orga­ni­sie­ren. Weil alle Welt Ver­an­stal­tun­gen im Frei­en plant, sind die Wagen ver­grif­fen. Hin­zu kom­men stei­gen­de Inzi­den­zen und die Del­ta-Vari­an­te, die uns ein biss­chen Sor­gen macht. Nicht, dass das Ord­nungs­amt doch noch­mal vor­bei­kommt und sagt, wir müs­sen unser Hygie­nekon­zept anpassen.

Wie hat sich das Wild­wuchs­thea­ter in den letz­ten ein­ein­halb Jah­ren verändert?

Fre­de­ric Hei­sig: (lacht) Es ist immer noch ein durch das Tri­um­verat drei­er alter Män­ner auto­kra­tisch geführ­tes Regime. Aber nächs­ten Jahr haben wir Vor­stands­wah­len – da kann sich das alles ändern. Aller­dings ist die Lei­tung von so einem Thea­ter ein Moloch. Ich habe nicht den Ein­druck, dass es vie­le Leu­te gibt, die uns den Job abneh­men möchten.

Habt ihr wäh­rend der Pan­de­mie Mit­glie­der verloren?

Sebas­ti­an Stahl: Das Thea­ter ist in den letz­ten ein­ein­halb Jah­ren natür­lich ins­ge­samt ein wenig ein­ge­schla­fen gewe­sen, weil wir wenig machen konn­ten. Und auch wenn es beim Wild­wuchs­thea­ter gene­rell oft ein Kom­men und Gehen unter den Ensem­ble­mit­glie­dern gibt, von denen vie­le auch in ande­ren Thea­ter­grup­pen mit­wir­ken, haben wir kei­ne Mit­glie­der ver­lo­ren. Der Kern ist schon geblie­ben und es kommt erst jetzt wie­der alles ins Rollen.

Fre­de­ric Hei­sig: Was zur­zeit aber auf­fält, ist ein Pro­jekt­stau, der gera­de herrscht. Wir haben ja per­so­nel­le Über­schnei­dun­gen mit dem ArtEast-Thea­ter. Manch­mal müs­sen sich die Leu­te also zwi­schen der Teil­nah­me an Pro­jek­ten des einen oder des ande­ren Thea­ters entscheiden. 

Geht ihr nach wie vor mit der glei­chen Über­zeu­gung ans Thea­ter­ma­chen oder seid ihr auf­grund der Pan­de­mie vor­sich­ti­ger gewor­den, weil die Kul­tur jeder­zeit wie­der still­ge­legt wer­den könnte?

Sebas­ti­an Stahl: Wir sind davon über­zeugt, was wir machen, und wir machen so wei­ter, wie wir es bis­her gemacht haben. Wir hat­ten immer wie­der mas­sen­taug­li­che Pro­jek­te, die dar­auf ange­legt waren, mehr Publi­kum anzu­zie­hen. Aber eigent­lich pro­bie­ren wir auch in Zukunft, unse­ren Stie­fel durch­zu­zie­hen und wol­len kei­ne Abstri­che machen, um gesell­schafts­kon­for­mer zu wer­den. Wir machen, wor­auf wir Bock haben.

Fre­de­ric Hei­sig: Wir waren in Bam­berg vor­her schon Grenz­gän­ger des Thea­ter­ma­chens – auch in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung. Und es war uns schon immer klar, wel­chen nied­ri­gen Stel­len­wert eine gewis­se Art von Kul­tur, auch hier in Bam­berg, hat. Wir wür­den uns ein­fach freu­en, wenn die Leu­te in der absti­nen­ten Zeit einen Kul­tur­hun­ger ent­wi­ckelt haben.

“Pan­do­ra. Aus­ge­büchst” stellt den Abschluss der Spiel­zeit 2020/​2021 dar. Wel­ches Fazit zieht ihr aus dem ver­gan­ge­nen Theaterjahr?

Fre­de­ric Hei­sig: Es war nicht alles schlecht. Ich bin froh, dass wir vom Thea­ter nicht finan­zi­ell abhän­gen, egal, wie die Situa­ti­on gera­de ist. Wir hof­fen, dass die Umstän­de für Kul­tur irgend­wann wie­der bes­ser wer­den. Ich sehe uns näm­lich nicht als Thea­ter, das sich an Inter­net-For­ma­ten abarbeitet.

Wie­so habt ihr als Sai­son­ab­schluss “Pan­do­ra. Aus­ge­büchst.” gewählt?

Sebas­ti­an Stahl: Wir woll­ten für den Som­mer ein Stück auf die Büh­ne brin­gen. Dass wir etwas zum Mythos von Pro­me­theus und Pan­do­ra machen wol­len – mit eige­nem Text, denn es gibt ja kei­ne Vor­la­ge –, hat sich erst in Dis­kus­sio­nen und Ideen­ent­wick­lung in den letz­ten Mona­ten entwickelt. 

Fre­de­ric Hei­sig: Wir woll­ten aus dem Tita­nen­werk eine Komö­die machen.

Ist es eine geworden?

Fre­de­ric Hei­sig: (lacht) Das wird sich zei­gen! Ich wür­de sagen, es ist eine Wild­wuchs-Komö­die. Wir woll­ten nicht irgend­wel­chen Dampf oder Frust ablas­sen oder Nega­ti­ves ver­ar­bei­ten. Wir wol­len etwas Druck­vol­les, bei dem wir ästhe­tisch Din­ge aus­pro­bie­ren kön­nen und bei dem man auch lachen kann. Damit das Gan­ze aber nicht völ­lig in der Luft hängt, haben wir uns über­legt, es mit dem Mythos von Pro­me­theus zu unter­füt­tern – Pro­me­theus als Brin­ger der Kul­tur und des Fort­schritts. Das Stück soll­te als Abschluss der einen Sai­son und als Über­gang zur nächs­ten passen. 

Was bedeu­tet “druck­voll” in die­sem Zusammenhang?

Fre­de­ric Hei­sig: Thea­ter hat immer einen Ereig­nis­cha­rak­ter. Als ein biss­chen Theo­rie­ge­wich­se sei der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Alan Badiou genannt, der ein Ereig­nis als etwas defi­niert, das bestehen­de, wie auch immer gear­te­te Ver­hält­nis­se grund­le­gend ver­än­dern kann, als klei­nes revo­lu­tio­nä­res Moment. Thea­ter hat durch sei­ne Liveness und durch die Ein­ma­lig­keit jeder Auf­füh­rung eine Ten­denz zu einem sol­chen Ereig­nis. Nicht die Hand­lung steht dabei im Vor­der­grund, son­dern ein gemein­sa­mes Gefühl, das zwi­schen Büh­ne und Publi­kum ent­steht. Das ist zen­tral in unse­rem Stück, wir ver­su­chen, damit ein Ereig­nis zu schaf­fen, das in dem Moment der Auf­füh­rung im Publi­kum etwas ver­än­dert. Und im Ide­al­fall die Welt. (lacht)

Nehmt ihr euch dar­in der Coro­na-The­ma­tik an?

Sebas­ti­an Stahl: Nein, wir neh­men bewusst Abstand von die­sem Fin­ger­ge­zei­ge “Wir sind von der Pan­de­mie befreit und machen wie­der Kul­tur”. Wir wol­len den Leu­ten etwas Lus­ti­ges bie­ten, etwas, das erfreut und einen ver­söhn­li­chen Cha­rak­ter hat. 

Ihr spielt das Stück in der Eisen­gie­ße­rei Mül­ler. Wie kam die­se Koope­ra­ti­on zustande?

Sebas­ti­an Stahl: Passt doch gut zur The­ma­tik – Pro­me­theus, Feu­er, Stahl. Unser Ensem­ble­mit­glied Kris­ti­na Greif war dort auf der Suche nach einer Feu­er­ton­ne und hat mit dem Betrei­ber über die Mög­lich­keit einer Kul­tur­ver­an­stal­tung auf sei­nem Gelän­de gespro­chen. Kann man machen, hat er gesagt. Das war’s.

Fre­de­ric Hei­sig: Ich bin eigent­lich nicht der größ­te Fan von Open-Air-Thea­ter. Man ist zu sehr abhän­gig vom Wet­ter und der Däm­me­rung. Außer­dem ver­teilt sich die Prä­senz und die Ener­gie von der Büh­ne ganz anders. Aber auf­grund der aktu­el­len Lage ist es die best­mög­li­che Art, Thea­ter zu machen, sowohl von der Geneh­mi­gung als auch von der Ver­ant­wor­tung gegen­über dem Publi­kum. Aber die Eisen­gie­ße­rei Mül­ler ist mit ihrer Atmo­sphä­re eines ver­las­se­nen Ortes, eines “Lost Place” wie man heu­te so sagt, ein so span­nen­der Ort, dass es wert ist, es zu ver­su­chen. Wir ver­su­chen auch so wenig wie mög­lich Thea­ter­bau­ten auf­zu­stel­len, son­dern wol­len den Ort so gut es geht nut­zen. Das Ambi­en­te mit sei­nen alten rum­ste­hen­den Metall­sa­chen ist Teil des Kon­zepts. Wir ver­su­chen ein homo­ge­nes Gebil­de dar­aus zu erschaffen.

Auf den vor­ab ver­öf­fent­lich­ten Pro­ben­fo­tos ist eine Kat­ze zu sehen. Wird sie eine Rol­le in dem Stück übernehmen?

Sebas­ti­an Stahl: Die­se Kat­ze lebt auf dem Gelän­de der Gie­ße­rei. Mach­mal ist sie da und ver­folgt die Pro­ben, manch­mal nicht. Als wir die Fotos gemacht haben, war sie da und wir haben sie schnell ein­ge­bun­den. Mal schau­en, ob sie bei der Pre­mie­re anwe­send sein wird. Und wenn die Leu­te danach sagen, dass es ein tol­les Stück war, weil eine Kat­ze vor­kam – dann soll es so sein.

Wild­wuchs­thea­ter
“Pan­do­ra. Ausgebüchst”

29. Juli, 20 Uhr

Eisen­gie­ße­rei Mül­ler, Hall­stadter Stra­ße 44

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter: 

www.wildwuchs-bamberg.de

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