Das Jahr im Schnelldurchlauf

9 Fra­gen, 9 Ant­wor­ten mit Arno Schimmelpfennig

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Arno Schimmelpfennig
Arno Schimmelpfennig, Vorstandsmitglied beim Stadtmarketing Bamberg, Foto: www.claus-riegl.de
Arno S. Schim­mel­pfen­nig ist selb­stän­dig im Bereich der Film­pro­duk­ti­on, in der Kul­tur enga­giert und Vor­stands­mit­glied im Stadt­mar­ke­ting Bam­berg. Heu­te las­sen wir ihn in der Serie „Das Jahr im Schnell­durch­lauf” auf 2020 zurück­bli­cken und einen Aus­blick in das kom­men­de Jahr wagen.
Herr Schim­mel­pfen­nig, das Jahr 2020 war geprägt von der Coro­na-Pan­de­mie. Wenn sie so kurz vor dem Jah­res­wech­sel zurück­bli­cken: Was neh­men Sie als Fazit aus die­sem Jahr mit?
Ich habe das Jahr 2020 sehr bewe­gend erlebt; aus einer gan­zen Band­brei­te an Per­spek­ti­ven her­aus. Auf der einen Sei­te hat sich beruf­lich sehr viel getan, wodurch auch neue Türen auf­ge­gan­gen sind. Pri­vat bin ich zum drit­ten Mal Vater gewor­den – aus­ge­rech­net im Kri­sen­jahr mit nicht durch­ge­hend lau­fen­den Schu­len und Kin­der­gär­ten für die ande­ren bei­den Kin­der. Auf der ande­ren Sei­te war ich in die­sem Jahr sehr nahe an Exis­tenz­ängs­ten und Kri­sen dran, die enge Bekann­te von mir erlebt haben. Ganz zu schwei­gen von den Coro­na-Fäl­len bei Bekann­ten sowie im nähe­ren Umkreis, die mich beschäf­tigt haben. Es gab Erleb­nis­se, in denen sich Men­schen neue Berufs­be­rei­che suchen muss­ten, psy­chisch kol­la­biert sind und auch kör­per­lich nicht mehr konn­ten. Es gab aber auch die Gewin­ner. Wenn ich ein Fazit aus all die­sen Geschich­ten und Schick­sals­schlä­gen zie­hen müss­te, dann wäre das: „Sei krea­tiv! Nut­ze dein Kön­nen und ver­su­che, es im Sin­ne der neu­en Nach­fra­ge zu erwei­tern oder neu zu struk­tu­rie­ren.“ Das geht natür­lich nur in Berei­chen, die nicht von Auf­la­gen gebeu­telt wer­den. Mir ist all­ge­mein aber auf­ge­fal­len, dass gera­de auch vie­le Selbst­stän­di­ge Schwie­rig­kei­ten hat­ten, weil sie eben nicht bereit waren, umzu­den­ken.
Was war das Schlimms­te für Sie an die­sem Jahr?
Ich habe stets ver­sucht, die Hoff­nung nicht sin­ken zu las­sen. Ich habe in die­sem Jahr einen Kul­tur-Blog auf­ge­baut. Ich habe ein zwei­tes Pro­jekt begon­nen, bei dem ich Kul­tur­schaf­fen­de auf ein 30-Minu­ten Inter­view ein­la­de und deren Geschich­ten und Erleb­nis­se direkt in Bam­berg ein­fan­ge. Ich konn­te ein drit­tes Pro­jekt aus­bau­en, bei dem wir Pro­mi­nen­te nach deren Lebens­we­gen fra­gen und sie ohne deren Rol­le und Fas­sa­de inter­view­en. Gleich­zei­tig war 2020 mein ers­tes Jahr als Vor­stands­mit­glied im Bam­ber­ger Stadt­mar­ke­ting. In Gesprä­chen und in Work­shops war ich sehr nahe an den Aus­wir­kun­gen der bei­den Lock­downs auf unse­ren Ein­zel­han­del dran. Wenn ich höre, dass gestan­de­ne Unter­neh­men nicht mehr exis­tie­ren kön­nen, wenn ich von über 400 Insol­ven­zen in unse­rer Stadt erfah­re und per­sön­li­che Schick­sa­le anschaue, bei denen Men­schen fast ein Jahr lang von unse­rer Poli­tik hän­gen gelas­sen wer­den und daher nicht mehr ein und aus wis­sen, dann schwingt hier eine Mischung aus Gal­gen­hu­mor, Rat­lo­sig­keit und Ent­set­zen mit. Das Schlimms­te für mich war die­se Hilf­lo­sig­keit und die Ver­wir­rung, die durch die undurch­sich­ti­gen und sich wider­spre­chen­den Anga­ben ent­stan­den sind. Schlimm ist, was das nicht nur für wirt­schaft­li­che Fol­gen hin­ter­lässt, son­dern auch psy­chi­sche. Wenn lie­be­vol­le Men­schen schwer krank wer­den oder gar ster­ben, wenn die Anzahl an häus­li­cher Gewalt dra­ma­tisch wächst und die Schwan­ge­re ohne ihren Mann und mit Mund-Nasen-Schutz gebä­ren muss, dann ist das nicht die Welt, in der ich leben will. Zwar habe ich ver­sucht, mit mei­nen Pro­jek­ten ande­ren Men­schen Hoff­nung zu machen, doch irgend­wann war es genug, auf Schul­tern zu klop­fen. Ich habe deut­lich gespürt, wie den Men­schen der Atem aus­geht – und das mei­ne ich nicht auf­grund einer Covi­d19-Erkran­kung. Die Welt wird radi­ka­ler; Gewalt nimmt zu – wir sehen sie im Inter­net und Fern­se­hen.
Wenn Ihnen vor dem Lock­down im Früh­jahr gesagt wor­den wäre wie sich die Situa­ti­on zum Ende des Jah­res dar­stellt, wann und wie hät­ten Sie seit­dem anders gehan­delt als Sie es getan haben?
Ich habe in die­sem Jahr neue Pro­jek­te begon­nen, ich bin aber auch in neue Ver­ei­ne ein­ge­tre­ten. Wer mich kennt, weiß, dass ich Din­ge nur dann ange­he, wenn ich mich hier voll­auf ein­brin­gen kann. Ich habe ein schlech­tes Gewis­sen, dass ich die Ver­eins­freun­de in die­sem Jahr wegen einer dich­ten Auf­trags­la­ge und pri­va­ter Ver­än­de­run­gen nicht unter­stüt­zen konn­te. Eine Kri­se kann all­ge­mein auch eine Chan­ce sein – denn wenn es uns nicht gut geht, sind wir gezwun­gen, umzu­den­ken. Kri­sen kön­nen uns beflü­geln und inno­va­tiv machen. Deutsch­land ging es Jahr­zehn­te gut. Da gab es kaum Not­wen­dig­keit, neue Wege zu beschrei­ten. Ich selbst sehe 2020 für mich als gro­ße Chan­ce an. Zwar war es ein ins­ge­samt sehr stres­si­ges Jahr, das auch bei mir gera­de auch per­sön­lich Spu­ren hin­ter­las­sen hat in Bezug auf kör­per­li­che Stress­sym­pto­me, es war aber zugleich ein Jahr, das mich unheim­lich wei­ter­ge­bracht hat. Ich kann daher nicht sagen, dass ich im Rück­blick etwas anders machen wür­de.
Wenn Sie eine posi­ti­ve Sache aus die­sem Jahr her­aus­stel­len möch­ten, wel­che wäre das?
Sei es im Stadt­mar­ke­ting, oder auch als Mit­glied der Wirt­schafts­ju­nio­ren oder des Wirt­schaft­s­clubs: über­all gab es in die­sem Jahr Ent­wick­lung. In der Ver­an­stal­tungs­bran­che haben wir neue For­ma­te ent­wi­ckelt, wie die Hybrid-Ver­an­stal­tun­gen. Mit unse­ren Kul­tur-Pro­jek­ten haben wir Kon­zer­te, Unter­hal­tung, Web-TV und teils sogar Muse­ums­be­su­che auf ein ande­res Level geho­ben. Es gibt nun Online-Por­ta­le, die uns hel­fen, regio­nal ein­zu­kau­fen. Selbst der Han­del sieht Inter­net nicht mehr als Gefahr, son­dern auch als Chan­ce. Ser­vice­leis­tun­gen haben sich hier ange­passt, Online-Shops sind ent­stan­den und wir haben bei zahl­rei­chen Geschäf­ten die Mög­lich­keit, unter den Vor­zü­gen des Inter­nets gemüt­lich vom Sofa aus zu bestel­len und uns vom Geschäft vor Ort belie­fern zu las­sen. Unse­re Arbeit wur­de effi­zi­en­ter, Wege klei­ner und unnö­ti­ge Hür­den teils abge­baut. Die Digi­ta­li­sie­rung hat Ein­zug gefun­den – auch wenn hier immer noch immens viel zu tun ist. Obwohl wir uns phy­sisch von­ein­an­der ent­fernt haben, so gab es in der vir­tu­el­len Welt und im Sin­ne der Glo­ba­li­sie­rung einen deut­li­chen Ruck auf­ein­an­der zu.
Auch Weih­nach­ten wird für die meis­ten Men­schen anders statt­fin­den als in den Jah­ren zuvor. Wie ver­brin­gen Sie das Fest?
Vom Stadt­mar­ke­ting aus hat­ten wir es in dem Jahr schwer, unse­re Akti­on „Weih­nachts­be­leuch­tung“ vor­an zu brin­gen. Die Kos­ten konn­ten nicht wie üblich ver­teilt wer­den. Letzt­lich haben sich hier Spon­so­ren gefun­den. Unse­re Bemü­hun­gen, einen Brü­cken-Weih­nachts­markt zu eta­blie­ren, ver­lie­fen sich eben­falls. Oft, indem Coro­na ein­fach als Argu­ment, nicht aber als Grund vor­ge­bracht wur­de. Hier­bei ist mir früh­zei­tig auf­ge­fal­len, dass Weih­nach­ten als Erleb­nis schwie­rig wird. In Kom­bi­na­ti­on mit Ein­zel­schick­sa­len im Bekann­ten­kreis, bei denen Men­schen insol­vent gewor­den oder gar ver­stor­ben sind, den­ke ich mir nun mit einem wei­nen­den Auge, dass es in 2020 nicht für jeden einen Weih­nachts­baum geben wird. Auf der einen Sei­te ist das trau­rig, auf der ande­ren Sei­te wird Weih­nach­ten nun zu etwas mehr Spi­ri­tu­el­lem und rückt damit wie­der ein wenig mehr zum Ursprung zurück. Dadurch, dass wir unse­re Fami­li­en nicht so sehen kön­nen, wie wir es ger­ne täten, kön­nen wir uns zugleich dar­auf besin­nen, um was es an Weih­nach­ten eigent­lich wirk­lich geht. Der Mensch sieht erst im Man­gel, was ihm wirk­lich etwas bedeu­tet. Wir kön­nen einen Moment inne­hal­ten. Ich selbst wer­de am 24.12. mei­ne Türen schlie­ßen. Wir wer­den daheim Spie­le machen und eine Mut­mach-Dusche. Dabei set­zen sich mei­ne Frau und ich mit unse­ren Kin­dern zusam­men und sagen dem ande­ren jeweils, was wir an ihm /​ihr beson­ders schät­zen. Dann wer­den wir über Fern­se­hen den Got­tes­dienst ver­fol­gen und uns danach beschen­ken. Dazwi­schen wird es ver­schie­de­ne Spei­sen geben. Wie wir die bei­den Weih­nachts­fei­er­ta­ge nach dem Hei­lig­abend ver­brin­gen, steht lei­der immer noch nicht fest.
Auf­grund der Erfah­run­gen in die­sem Jahr: Wie ver­än­dert sich der pri­va­te Arno Schim­mel­pfen­nig und wie sei­ne Arbeits­wei­se für die Zukunft?
Ich bin seit 10 Jah­ren selbst­stän­dig. Ich habe ein Büro, fah­re ein Auto und habe eine Frau sowie drei Kin­der. Trotz­dem hat­te ich stän­dig Ängs­te, dass ich uns als Allein­ver­die­nen­der nicht ernäh­ren kann. 2020 hat mir gezeigt, dass ich Kri­sen bewäl­ti­gen kann, wenn ich den Mut nicht sin­ken las­se. Ich den­ke, ich wer­de aus der Kri­se selbst­be­wuss­ter her­vor­ge­hen und eher Gren­zen zie­hen, wenn etwas nicht zu mir pas­sen will. Beruf­lich habe ich es in die­sem Jahr gemerkt, dass ich mich mehr auf mich selbst kon­zen­trie­ren will. Ich bin Dienst­leis­ter und hel­fe mei­nen Kun­den dabei, ihre Zie­le zu errei­chen. Ich habe aber auch gemerkt, dass es Men­schen gibt, die einem dabei hel­fen, Mut­mach-Pro­jek­te auf­zu­bau­en und auch zu finan­zie­ren. Inso­fern möch­te ich ger­ne mei­nen eige­nen Ideen mehr Platz geben, krea­ti­ver arbei­ten und in regel­mä­ßi­gen Abstän­den eige­ne Pro­jek­te rea­li­sie­ren. Ich habe gemerkt, dass ich ein akti­ves und gro­ßes Netz­werk habe, in dem Arbeit Spaß macht und in dem ich etwas errei­chen kann. Die­ses Netz­werk will ich inten­si­vie­ren.
Was berei­tet Ihnen Sor­gen im Hin­blick auf das neue Jahr?
Der Start ins neue Jahr dürf­te hart wer­den. Ich hal­te es für gut mög­lich, dass der Lock­down erwei­tert wird. Ich schie­ße wei­te­re Maß­nah­men nicht aus. Mei­ne Sor­ge ist, dass es noch viel mehr Insol­ven­zen geben wird und die Zahl­kraft vie­ler Unter­neh­men gering ist. Ich befürch­te, dass weni­ger Geld im Umlauf sein wird, was dazu füh­ren wird, dass es zu einer wirt­schaft­li­chen Regres­si­on kommt – gera­de im Bereich der Wer­bung. Wer­bung schal­ten soll­te man, wenn es einem weni­ger gut geht – also jetzt. Doch die Exis­tenz­angst lähmt und macht unsi­cher. Da haben es Anbie­ter aus mei­nem Bereich der­zeit schwie­rig.
Wel­che Wün­sche haben Sie für das neue Jahr?
Ich wün­sche den Men­schen Gesund­heit. Ich wün­sche ihnen, dass sie den Mut nicht sin­ken las­sen. Wenn wir offen sind für Neu­es und kei­ne Angst davor haben, Neu­es zu wagen, kön­nen wir Kri­sen leich­ter bewäl­ti­gen. Ich wün­sche den Men­schen, dass sie den Blick nach vor­ne nicht ver­lie­ren. Mögen wir uns auf der ande­ren Sei­te fin­den und gemein­sam Hand in Hand nach vor­ne gehen, anstatt mit dem Blick in ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tun­gen.
Was macht Ihnen Mut für das neue Jahr?
2020 lief für mich wirk­lich gut. Das ist dem Umstand geschul­det, dass ich zwei­glei­sig unter­wegs bin und zum Glück nicht vom Film allei­ne leben muss­te. Vie­le Unter­neh­men haben sich digi­ta­li­siert und dabei auf mei­ne Bera­tung und Leis­tung gebaut. Trotz­dem bin ich gera­de an einem Punkt, an dem ich den zwei­ten Lock­down ein­schnei­dend emp­fin­de. Es gibt zu vie­le Kol­le­gen, denen es nach dem 1. Lock­down nicht mehr gut ging, die nicht wuss­ten, wie sie ihre Ver­si­che­rung zah­len sol­len. Jetzt im 2. Lock­down geht es nicht mehr um die Bezah­lung von Mie­te und Ver­si­che­rung, son­dern um die Exis­tenz und die Fähig­keit, ihre Fami­lie ernäh­ren zu kön­nen. Das zieht mich her­un­ter. Es ist schwie­rig, in die­sen Zeit mit Mut ins neue Jahr zu star­ten. Ich glau­be, es ist ein gewis­ser Gal­gen­hu­mor, den ich mir mit mei­nen Weg­be­glei­tern tei­len kann. Es ist die Gemein­schaft von Men­schen, die so den­ken wie ich; mit denen ich mich aus­tau­schen kann. Es sind mei­ne Pro­jek­te, die ich mit neu­en Freun­den wei­ter­füh­ren und aus­bau­en wer­de. Es ist sogar ein wenig die Unge­wiss­heit, was 2021 brin­gen wird. Denn das beflü­gelt mich. Mit einem stark zwin­kern­den Auge wür­de ich viel­leicht sagen: Mit Beginn 2021 hört der Virus auf, da er an 2020 gebun­den ist. Und wenn das nicht klappt, gibt es ja immer noch die Impfung.
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