#actout-Mani­fest

Gegen Rol­len­kli­schees in Film, TV und Theater

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Victoria Weich ist Dramaturgin am ETA Hoffmann Theater. Foto: Sebastian Quenzer
Vor zwei Wochen haben 185 deut­sche Schauspieler*innen ein viel­be­ach­te­tes Mani­fest ver­öf­fent­licht, in dem sie mehr Aner­ken­nung für unter­schied­li­che sexu­el­le Ori­en­tie­run­gen und mehr Sicht­bar­keit für LGBTQI, also homo­se­xu­el­le, bise­xu­el­le, trans­se­xu­el­le, quee­re oder inter­se­xu­el­le Men­schen, in der Film- und Fern­seh­bran­che for­dern. Unter dem Titel #actout pran­gern sie unter ande­rem an, dass Pro­duk­ti­ons­fir­men noch viel zu oft dazu raten wür­den, nicht hete­ro­nor­ma­ti­ve sexu­el­le Ori­en­tie­run­gen oder sexu­el­le Iden­ti­tä­ten geheim zu hal­ten, weil ein Outing die Kar­rie­re gefähr­den könnte.

Vic­to­ria Weich ist Dra­ma­tur­gin am ETA Hoff­mann Thea­ter. Mit ihr haben wir über das #actout-Mani­fest gesprochen.


Frau Weich, wie haben Sie die Ver­öf­fent­li­chung des #actout-Mani­fests zur Kennt­nis genommen?

Vic­to­ria Weich: Das hat bei mir viel Freu­de aus­ge­löst. Ich bin les­bisch und es ist schön, zu ande­ren dazu­zu­ge­hö­ren, die den Mund auf­ma­chen und Sicht­bar­keit und ihren Platz in der Bran­che ein­for­dern. Die Pro­ble­me, die in dem Mani­fest ange­spro­chen wer­den, habe ich aller­dings so nicht, weil ich kei­ne Schau­spie­le­rin bin und mich nicht auf einer Büh­ne zei­gen muss. Das macht einen gro­ßen Unter­schied. Zunächst ist das Mani­fest also etwas Wün­schens­wer­tes und Gutes. Und das auf einer so gro­ßen Platt­form wie dem Maga­zin der Süd­deut­schen Zei­tung, wo es ver­öf­fent­licht wur­de. Hin­zu kommt aber, dass das Mani­fest als berech­tig­te Kri­tik gemeint ist, und noch viel zu tun ist für die Sicht­bar­keit von quee­ren Schauspieler*innen in der Bran­che. Solan­ge es so ist, dass Leu­te im Publi­kum Anstoß an einem Kuss zwi­schen Män­nern neh­men, wie es vor ein paar Jah­ren bei unse­rer Insze­nie­rung von „Engel in Ame­ri­ka” pas­siert ist, braucht es sol­che Manifeste.


Das Mani­fest bezog sich in ers­ter Linie auf den Film- und Fern­seh­be­reich. Wie ist es um die Sicht­bar­keit und die Teil­ha­be von LGBT­QI-Men­schen in der Thea­ter­sze­ne bestellt?

Vic­to­ria Weich: Die Din­ge, die #actout for­mu­liert, haben viel mit den Main­stream-Erzäh­lun­gen zu tun, die vom Fern­se­hen ver­meint­lich erwar­tet wer­den. Das schei­nen Bau­stel­len zu sein, die wir im Thea­ter so nicht haben. Das Thea­ter steht ande­ren Erwar­tun­gen gegen­über als der „Tat­ort“, das befreit uns auf gewis­se Weise.


Wor­an liegt es, dass die Thea­ter­sze­ne in die­ser Hin­sicht diver­ser und fort­schritt­li­cher als Film und Fern­se­hen ist?

Vic­to­ria Weich: Ich den­ke, Thea­ter hat den Anspruch, Hori­zon­te zu öff­nen und über die Welt, an die man gewöhnt ist, hin­aus­zu­ge­hen. Eine Vor­abend­se­rie hat die­sen Anspruch lei­der weni­ger. Im Thea­ter sind wir nicht dem­sel­ben kom­mer­zi­el­len Druck unter­wor­fen wie Film oder Fern­se­hen und es gibt zahl­rei­che quee­re Men­schen, die den hete­ro­nor­ma­ti­ven Laden aufmischen.


Kann ein Outing in der Thea­ter­sze­ne, wie das Mani­fest es bezüg­lich der Film- und TV-Bran­che anpran­gert, trotz­dem ein Wag­nis sein, mit dem man Gefahr läuft, sich das Vor­an­kom­men in der Kar­rie­re zu erschweren?

Vic­to­ria Weich: Wenn Beset­zungs­ent­schei­dun­gen einer sexis­ti­schen Logik fol­gen, kann das natür­lich auch im Thea­ter pas­sie­ren. Gera­de was Begehr­lich­keits­struk­tu­ren und Rol­len­fan­ta­sien angeht, gibt es viel­leicht in dem einen oder ande­ren Thea­ter, bei dem einen oder ande­ren Regis­seur, noch Nach­hol­be­darf. Wenn man sich zum Bei­spiel als les­bisch outet, kann es pas­sie­ren, dass man nicht mehr in die männ­li­che, hete­ro­se­xu­el­le Vor­stel­lung von Attrak­ti­vi­tät passt.


Eini­ge Darsteller*innen haben es abge­lehnt, das #actout-Mani­fest zu unter­zeich­nen und sich somit gleich­zei­tig zu outen. Kön­nen Sie das verstehen?

Vic­to­ria Weich: Ja, wenn man Sor­ge hat, des­we­gen Nach­tei­le erfah­ren zu kön­nen, natür­lich. Es ist sehr ver­let­zend, in der Öffent­lich­keit Ableh­nung für etwas zu erfah­ren, das tiefs­te Cha­rak­ter­struk­tu­ren betrifft, das eige­ne Leben und Lieben.


Soll­te der Ein­satz, wie es im Mani­fest ange­spro­chen wird, für mehr Sicht­bar­keit und Gleich­be­rech­ti­gung von quee­ren Men­schen auch dahin gehen, dass quee­re Rol­len nur von quee­ren Schauspieler*innen gespielt wer­den sollten?

Vic­to­ria Weich: Das ist eine akti­vis­ti­sche Per­spek­ti­ve des Mani­fests, bezie­hungs­wei­se der Wunsch, mit der Ver­öf­fent­li­chung von #actout auch etwas Eman­zi­pa­to­ri­sches und Ermäch­ti­gen­des zu schaf­fen. Das ist ein Wunsch, den ich ver­ste­hen kann. LGBTIQ-Men­schen möch­ten den Raum haben, sich selbst dar­zu­stel­len und ihre Geschich­te selbst zu erzäh­len. Dem ent­ge­gen steht ein Grund­satz des Schau­spiels, näm­lich der­je­ni­ge der Ver­wand­lung, dass alle alles spie­len und sich in alles ver­wan­deln kön­nen. Genau wie eine homo­se­xu­el­le eine hete­ro­se­xu­el­le Per­son spie­len kön­nen möch­te, gin­ge das natür­lich auch umge­kehrt. Wenn auf der Büh­ne eine schwu­le Part­ner­schaft gezeigt wird, geht es ja vor allem dar­um, eine Bezie­hung, die Lie­be und die Kon­flik­te, die dar­in ste­cken, zu zeigen.


Glau­ben Sie, das #actout-Mani­fest wird Struk­tu­ren nach­hal­tig posi­tiv ändern oder wird es mehr oder weni­ger wir­kungs­los verpuffen?

Vic­to­ria Weich: Ich glau­be schon, dass das Mani­fest Struk­tu­ren ver­än­dern kann. Es haben rela­tiv vie­le Men­schen unter­zeich­net und es geht ja auch dar­um, über­haupt erst­mal zu benen­nen, wo in der Bran­che die Pro­ble­me lie­gen. Es macht für das Publi­kum etwas aus, wenn man lesen kann, dass eine Rol­len­be­schrei­bung mit „Adri­an, 27, schwul” noch nicht been­det ist, son­dern dass man da als Zuschauer*in die eige­nen Seh­ge­wohn­hei­ten und Erwar­tun­gen, die man an eine bestimm­te sexu­el­le Ori­en­tie­rung oder Iden­ti­tät hat, ler­nen kann zu hin­ter­fra­gen. Auch dass das Mani­fest Din­ge öffent­lich macht, die sonst hin­ter ver­schlos­se­nen Türen statt­fin­den, ist gut. So wer­den Macht­ge­fäl­le oder hete­ro­se­xis­ti­sche Struk­tu­ren offen­ge­legt. Durch die Anwe­sen­heit von Kritiker*innen füh­len sich Ver­ant­wort­li­che hof­fent­lich bewo­gen, es in Zukunft anders zu machen.

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