Unschär­fe­re­la­ti­on

Künst­le­rin Ste­fa­nie Brehm

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Keramik-Säulen von Stefanie Brehm in der Villa Dessauer, Foto: Gerhard Schlötzer
Ste­fa­nie Brehm aus Bam­berg ist die aktu­el­le Trä­ge­rin des Vol­ker-Hin­ni­ger-Prei­ses ihrer Hei­mat­stadt. Ihre leuch­tend bunt gefärb­ten Skulp­tu­ren aus Kera­mik und Kunst­stoff ver­ei­nen Male­rei und Bild­haue­rei und füh­ren bei­de auf einer höhe­ren, asso­zia­ti­ven Ebe­ne zusammen.

Der Wunsch, Künst­le­rin zu sein, bestand schon früh, in Jugend­ta­gen – nur war Ste­fa­nie Brehm nicht von Anfang an klar, wel­ches Aus­drucks­mit­tel am bes­ten zu den krea­ti­ven Absich­ten pas­sen könnte.

Wäh­rend der Schul­zeit, auf dem Schul­weg in der Gegend des Mar­kus­plat­zes ergab es sich. Der täg­li­che Anblick des Ate­liers von Por­zel­lan­künst­le­rin Chris­tia­ne Toewe, das sich damals noch an die­sem Ort befand, ließ die Erkennt­nis rei­fen, es eben­falls mit Kera­mik zu versuchen.

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Ste­fa­nie Brehm neben ihrem Kera­mik-Werk „column man­da­rin gar­net“, 2018, Foto: Ger­hard Schlötzer

Ihre ers­te grö­ße­re Schaf­fens­pha­se durch­lief sie, weit weg von der künst­le­ri­schen Halb­welt der Gebrauchs­ke­ra­mik, mit der Her­stel­lung bunt bemal­ter Kera­mik-Säu­len in unter­schied­li­chen Grö­ßen. Hier­bei erwei­tert und tran­szen­diert sie Farb­ge­wohn­hei­ten und die Mög­lich­kei­ten der Form­bar­keit des Werk­stoffs Keramik.

Mitt­ler­wei­le sind zwei­di­men­sio­na­le Arbei­ten aus Poly­ure­than, einem leicht elas­ti­schen Kunst­stoff, sowie seit 2020 Male­rei­en auf Flach­glas dazu­ge­kom­men. Die­se Wer­ke brin­gen ihre Far­ben mit noch nicht oft gese­he­ner Inten­si­tät zum Leuchten.

Heu­te lebt und arbei­tet Ste­fa­nie Brehm in Röbers­dorf bei Hirschaid. Einen vor­läu­fi­gen Kar­rie­re­hö­he­punkt stell­te 2020 die Aus­zeich­nung mit dem Vol­ker-Hin­ni­ger-Preis der Stadt Bam­berg dar. „Dadurch, dass ich aus Bam­berg bin, hat die­ser Preis gro­ßen Wert für mich. Es ist für Künst­le­rin­nen und Künst­ler immer beson­ders, von der Hei­mat aus­ge­zeich­net zu wer­den“, sagt sie.

Man sieht Form und Far­be, aber man sieht sie nicht gleichzeitig

Der täg­li­che Anblick der Arbei­ten ande­rer, in die­sem Fall von Chris­tia­ne Toewe, lie­fert aber natür­lich nur eine äuße­re und ober­fläch­li­che Moti­va­ti­on, es selbst künst­le­risch zu ver­su­chen. Erst durch das Zustan­de­kom­men einer inner­li­chen Ver­bin­dung zum Werk­stoff – ein men­ta­les von ihm Ange­zwin­kert­wer­den sozu­sa­gen – wird die Grund­la­ge geschaf­fen, sich sei­ner anzu­neh­men. „Mich spricht die Weich­heit des Mate­ri­als an“, sagt Ste­fa­nie Brehm, „die Mög­lich­keit, Kera­mik, bezie­hungs­wei­se dem Ton, ver­schie­dens­te For­men geben zu können.“

Die vor­nehm­li­che Form, für die sich Ste­fa­nie Brehm in ihrer ers­ten Schaf­fens­pha­se ent­schie­den hat, ist eine zylin­drisch-säu­len­ar­ti­ge. Ihre Kera­mik­säu­len sind mal klei­ner und pas­sen in eine Hand – „Neu­es aus­pro­bie­ren geht bei den Klei­nen bes­ser“ – meis­tens sind sie aber so groß wie ein erwach­se­ner Mensch, wobei sie mit bis zu 120 Kilo­gramm Gewicht deut­lich mehr auf die Waa­ge bringen.

Auf einer rotie­ren­den Töp­fer­schei­be ent­ste­hen sie unter den Hän­den der Künst­le­rin. Ton­wulst um Ton­wulst wird auf­ein­an­der­ge­setzt und beim Dre­hen in eine run­de, gleich­mä­ßi­ge Form gebracht. So wach­sen die Brehms‘schen Säu­len pro Tag um etwa 15 Zen­ti­me­ter. Ist der Roh­ling nach oft mehr­wö­chi­ger Bear­bei­tung fer­tig, wird er zum ers­ten Mal gebrannt. Dann trägt Ste­fa­nie Brehm mit Pin­sel oder Sprüh­pis­to­le die Gla­sur­far­ben auf. Der zwei­te Brenn­vor­gang, bei etwa 1.240 Grad im Brenn­ofen, ver­leiht den Skulp­tu­ren Glanz und schließt die Arbeit ab.

Künst­le­risch wäre eine rohe Ton­skulp­tur in zylin­dri­scher Form aller­dings nur wenig reiz­voll. Ihre Bema­lung macht den Unter­schied. Bei der Aus­wahl der Far­ben geht Ste­fa­nie Brehm expres­sio­nis­tisch, also inner­li­chen Ein­ge­bun­gen fol­gend, vor. „Die Ent­schei­dung, wel­che Far­ben ich in wel­cher Anord­nung auf­tra­ge, folgt sel­ten einem vor­her gefass­ten Plan. Es sind eher instink­ti­ve Ent­schei­dun­gen, ein Hin­spü­ren, in das, was im jewei­li­gen Moment Stim­mig­keit ergibt. Ich habe die lee­re Säu­le vor mir und fra­ge mich, was sie braucht, was sie will. Wenn ich davor Far­ben sehr ges­tisch und impul­siv auf­ge­tra­gen habe, spü­re ich, dass jetzt womög­lich etwas Ruhi­ge­res, Flä­chi­ge­res für Aus­gleich sorgt.“

Die­ses Spü­ren, die­ses Ver­la­gern der Bedeu­tung, in die­sem Fall der Far­be ins Asso­zia­ti­ve, über­trägt sich auf die Säu­len – und letzt­end­lich auf die Rezep­ti­on sei­tens des Publi­kums. Ste­fa­nie Brehms Skulp­tu­ren schüt­teln die Fes­seln ihrer Mate­ria­li­tät aber ab, indem sie sich in einem Zwi­schen­raum zwi­schen Male­rei und Skulp­tur bewegen.

Die Drei­di­men­sio­na­li­tät der Säu­len ver­leiht den Far­ben etwas, das sie sonst nicht haben, näm­lich räum­li­che Gel­tung, wäh­rend gleich­sam der Glanz und die expres­sio­nis­ti­sche Aus­drucks­stär­ke der Kolo­rie­rung die Gren­zen der Kera­mik ver­ges­sen macht.

Auf ein­mal ist Bewe­gung drin, auf ein­mal bewe­gen sich bei­de auf einer höhe­ren künst­le­ri­schen Ebe­ne – im Asso­zia­ti­ven. „Die Form der Säu­len ist zuge­ge­be­ner­ma­ßen ruhend und ein­fach“, sagt Ste­fa­nie Brehm, „das Zusam­men­spiel mit den Far­ben ist für mich aber wie ein gegen­sei­ti­ges Sprung­brett, das in bei­de Bewe­gung reinbringt.“

Die­se Bewe­gung lässt sich als ein stän­di­ges Flie­ßen von Farb­wer­ten und Kon­tras­ten um die run­de Form der Säu­len her­um beschrei­ben. Offen­sicht­li­che The­men oder Aus­sa­gen, die ange­spro­chen, oder getrof­fen wer­den sol­len, gibt es dabei nicht. Kann es viel­leicht nicht geben – zu ein­schrän­kend könn­ten sie sein.

„Nein, mei­ne Säu­len ste­hen nicht für dies oder das. Ich lie­be die Offen­heit des Aus­drucks, in die man nichts hin­ein­le­gen muss oder kann. Aber ich stel­le mir vor, wie die Far­ben bei den Leu­ten, die sie betrach­ten, inner­lich ando­cken. Das ist Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen mei­nem Publi­kum und dem, was ich spür­te, als ich die Far­ben auftrug.“

Hin­zu kommt, dass die Kreis­form des Quer­schnitts der Skulp­tu­ren einer­seits dem betrach­ten­den Auge kei­nen Anfangs- und End­punkt fürs Betrach­ten gibt und ande­rer­seits ver­hin­dert, dass man die rund­her­um auf­ge­tra­ge­nen Farb­flä­chen voll­stän­dig sehen kann. Eine Sei­te der Säu­len ist immer abgewendet.

In der Phy­sik gibt es den Begriff der Unschär­fe­re­la­ti­on, der, kurz gesagt, die Bezie­hung von Eigen­schaf­ten sub­ato­ma­rer Teil­chen bezeich­net, die man ein­zeln, aber nicht in Kom­bi­na­ti­on mes­sen kann. Zum Bei­spiel Ort und Geschwin­dig­keit. Die Festel­lung des­sen war einst ein gro­ßer Erkennt­nis­ge­winn in den Naturwissenschaften.

Bei den Skulp­tu­ren von Ste­fa­nie Brehm ver­hält es sich ähn­lich: Man sieht die Form, man sieht die Far­be, aber man kann nicht bei­des gleich­zei­tig sehen – zumin­dest nicht voll­stän­dig. Die­se Unde­fi­niert­heit öff­net ihrer­seits asso­zia­ti­ve Räu­me und Mate­ri­al, Form und Far­be in ihrer Kom­bi­na­ti­on, aber eben nur in ihrer Kom­bi­na­ti­on, gewin­nen an Tiefe.

„Ich gehe ger­ne in Berei­che, die wir nicht sehen, aber wahr­neh­men kön­nen. Far­ben kön­nen trotz ihrer Form­lo­sig­keit über ihre blo­ße Sicht­bar­keit hin­aus­ge­hen, indem sie Emo­tio­nen oder Asso­zia­tio­nen auslösen.“

Zwei Wer­ke in einem: Links „green pink pur­p­le storm“, Poly­ure­than, 150 x 238 cm, 2021; rechts „pink storm“, Poly­ure­than, 147 x 241 cm, 2021, Foto: Ger­hard Schlötzer
Far­be an sich

In ihrem zwei­ten künst­le­ri­schen Betä­ti­gungs­feld geht Ste­fa­nie Brehm noch einen Schritt wei­ter und wid­met sich sozu­sa­gen der Befrei­ung der Far­be. Ihre meh­re­re Qua­drat­me­ter gro­ßen, reli­ef­ar­ti­gen, in die­sem Fall also flä­chi­gen und zwei­di­men­sio­na­len Gemäl­de aus Poly­ure­than haben, so wirkt es zumin­dest, über­haupt kei­ne Mate­ria­li­tät mehr. Sie lösen die Far­be von ihrer Ver­haf­tung auf einem mate­ri­el­len Untergrund.

Durch ihren oft neon­far­bi­gen Glanz und durch trans­pa­ren­te Flä­chen erwe­cken sie den Anschein zu schwe­ben. Mühe­los und leicht sind die Far­ben ganz bei sich und schei­nen von innen her­aus zu leuch­ten. Die mil­li­me­ter­dün­nen, aber reiß­fes­ten Kunst­stoff­flä­chen kön­nen nach der Her­stel­lung tat­säch­lich von ihrem Unter­grund abge­zo­gen wer­den und als Werk ohne Trä­ger­ma­te­ri­al, nur aus Far­be bestehend, existieren.

„Mit Poly­ure­than habe ich ange­fan­gen zu arbei­ten, weil es, genau wie die Gla­su­ren mei­ner Säu­len, die­sen Glanz besitzt, der die Leucht­kraft der Far­ben extrem ver­stärkt. Außer­dem kann ich beim Arbei­ten mit Kunst­stoff eine noch grö­ße­re Farb­pa­let­te mit Neon­tö­nen in Ein­satz brin­gen, die für Kera­mik nicht existieren.“

Auch hier wird eher die Asso­zia­ti­ons­fä­hig­keit des Publi­kums ange­zwin­kert. „Far­ben und For­men die­nen als eine Art Trans­port­mit­tel mensch­li­cher Ener­gie. Sie schaf­fen die Mög­lich­keit sich zu ver­bin­den und Gleich­klang zu emp­fin­den. Bei abs­trak­ter Kunst, die spe­zi­ell Far­be in den Mit­tel­punkt stellt, fin­det die Begeg­nung auf der Ebe­ne des Spü­rens und der Anzie­hung statt. Es ist eine Tat­sa­che, dass man sich ange­zo­gen fühlt von glän­zen­den Far­ben“, sagt Ste­fa­nie Brehm.

Da scheint etwas dran zu sein: Die Aus­stel­lung anläss­lich der Aus­zeich­nung mit dem Vol­ker-Hin­ni­ger-Preis, die Anfang Okto­ber in der Vil­la Des­sau­er zu Ende ging, war gut besucht. Ste­fa­nie Brehms nächs­te Schau gibt es im Dezem­ber in der Kunst­sta­ti­on Klein­sas­sen in der Rhön bei Ful­da zu sehen.

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