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Jahresausstellung

“Mehr und Weniger”

Jah­res­aus­stel­lung des BBK Ober­fran­ken in der Vil­la Dessauer

Vom 11. Okto­ber bis 23. Novem­ber ver­an­stal­tet der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken e.V. (BBK Ober­fran­ken) sei­ne Jah­res­aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er. Ger­hard Schlöt­zer, Vor­stand des Ver­eins, stand uns für ein Inter­view zur Verfügung.
Herr Schlöt­zer, der BBK Ober­fran­ken lädt zu sei­ner Jah­res­aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er ein. In die­sem Jahr unter dem Titel „Mehr und Weni­ger“. Was ver­birgt sich dahinter?

Ger­hard Schlöt­zer: Eine sehr reich­hal­ti­ge und viel­ge­stal­ti­ge Aus­stel­lung pro­fes­sio­nel­ler Kunst aus Ober­fran­ken, von Künst­le­rin­nen und Künst­lern, die ihren Wir­kungs­schwer­punkt hier haben, aber natür­lich auch über­re­gio­nal ver­netzt sind. Das alle aus­ge­stell­ten Wer­ke ver­bin­den­de The­ma ist das Span­nungs­ver­hält­nis von Mehr und Weni­ger. Von nicht genug und schon zu viel, von Eska­la­ti­ons­dy­na­mik und bewusst gewähl­tem Mini­ma­lis­mus. Die­se Span­nung ent­steht in allen Berei­chen mensch­li­cher Inter­ak­ti­on, muss tariert und aus­ge­hal­ten wer­den. Sie liegt fast allen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen zugrun­de. Und vor allem im künst­le­ri­schen Schaf­fen ist die Fra­ge von Mehr und Weni­ger eine stän­di­ge Beglei­te­rin: Wie­viel tun, bis das Werk gut ist? Wann auf­hö­ren?
Uns als BBK fällt es auch schwer, auf­zu­hö­ren, denn nach­dem die Aus­stel­lung am 23. Novem­ber in der Vil­la Des­sau­er schließt, wan­dert sie wei­ter in die Aus­stel­lungs­hal­le des Neu­en Rat­hau­ses Bay­reuth und eröff­net dort in einer etwas klei­ne­ren Ver­si­on am 3. Dezem­ber um 18 Uhr.


Wie vie­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus wel­chen Gen­res betei­li­gen sich in die­sem Jahr und was zei­gen sie im Besonderen?

Ger­hard Schlöt­zer: Die­ses Jahr sind es 34 Aus­stel­le­rin­nen und Aus­stel­ler, die sich mit Wer­ken oder Werkse­ri­en aus den Gen­res Zeich­nung, Film, Male­rei, Skulp­tur, Instal­la­ti­on, Papier­kunst, Objekt­kunst, Glas­kunst, Kera­mik, Tex­til­kunst, Foto­gra­fie und Mate­ri­al­kunst an der Aus­stel­lung betei­li­gen. Man­che von ihnen enga­gie­ren sich mit Füh­run­gen und Work­shops im umfang­rei­chen Begleit­pro­gramm.
In vie­len Fäl­len ist das ein­ge­setz­te Mate­ri­al Aus­gangs­punkt der künst­le­ri­schen Beschäf­ti­gung, indem es durch sei­ne Eigen­schaf­ten mehr oder weni­ger ver­än­dern­des Ein­grei­fen zulässt oder schon einen gewis­sen For­men­vor­rat anbie­tet, aus dem sich dann ein Gestal­tungs­pro­zess ent­wi­ckelt. So ist das zum Bei­spiel bei Johan­nes Schrei­ber, der von glä­ser­nen Bier­fla­schen aus­geht, sie zer­teilt, erhitzt, ver­biegt und die Ein­zel­tei­le neu anord­net. Bei Maria Söll­ner sind es ver­schie­den Arten von Pap­pen, die zer­schnit­ten und in Schau­käs­ten prä­sen­tiert Struk­tur­bil­der ent­ste­hen las­sen. Hubert Sowa zeigt einen klei­nen Aus­schnitt von cir­ca 600 klein­for­ma­ti­gen Zeich­nun­gen aus sei­nem 1.600 Zeich­nun­gen umfas­sen­den „Kro­nach Kor­pus“, die emblem­haft dar­ge­stellt All­tags­tä­tig­kei­ten zei­gen.
Anläss­lich des 100. Geburts­ta­ges unse­res lang­jäh­ri­gen, vor zwei Jah­ren ver­stor­be­nen Mit­glieds Ger­trud Tur­ban ist ein Raum der Vil­la Des­sau­er ihren Land­schafts­ma­le­rei­en gewidmet.

„Durch­stieg“, Foto: Adel­bert Heil
Was ist zudem bei der „Lan­gen Nacht“ zu erwarten?

Ger­hard Schlöt­zer: Am Sams­tag, dem 15. Novem­ber, ist die Aus­stel­lung bei frei­em Ein­tritt auch von 18 bis 24 Uhr für das Publi­kum geöff­net. Katha­ri­na Heub­ner wird gleich um 18:30 Uhr eine inter­ak­ti­ve Füh­rung durch die Räu­me anbie­ten, die die Wahr­neh­mungs­ka­nä­le vom Visu­el­len auf das Hören und Rie­chen erwei­tert. Von 20 bis 22 Uhr gibt es ein Kon­zert des Tri­os „One, Two, Three – Test“ mit Sounds aus Gitar­ren, Bass, E‑Piano und Glas­schleif­ma­schi­ne. Es lohnt sich, im Lau­fe des Abends ein­fach mal rein­zu­schau­en und Freun­de mit­zu­brin­gen. Außer­dem gibt es wie­der die obli­ga­to­ri­schen Getränke.

Seit wann gibt es den BBK Ober­fran­ken und wie ist der Ver­ein entstanden?

Ger­hard Schlöt­zer: Der BBK für Ober- und Unter­fran­ken wur­de am 5. Mai 1947 im Café Mül­ler in der Austra­ße gegrün­det. Seit die­ser Zeit ist er zusam­men mit dem Kunst­ver­ein einer der wesent­li­cher Trä­ger der Bil­den­den Kunst in Bam­berg. Spä­ter hat sich der BBK Unter­fran­ken in Würz­burg ange­sie­delt und wir waren nur noch für Ober­fran­ken zustän­dig. Dann haben die Regio­nal­ver­bän­de sich ihre Lan­des­ver­bän­de und den BBK-Bun­des­ver­band als ihre Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen geschaf­fen, die unse­re wich­ti­gen kul­tur­po­li­ti­schen Anlie­gen auf den jewei­li­gen Ebe­nen vertreten.


Wel­che Künst­le­rin­nen und Künst­ler kön­nen dem BBK Ober­fran­ken bei­tre­ten und wie läuft das Auf­nah­me­ver­fah­ren ab?

Ger­hard Schlöt­zer: Alle pro­fes­sio­nel­len Künst­le­rin­nen und Künst­ler. Also sol­che, die eine abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung an einer deut­schen Kunst­hoch­schu­le oder Aka­de­mie oder an einer ver­gleich­ba­ren aus­län­di­schen Insti­tu­ti­on haben. Und alle ohne die­se Aus­bil­dung, die pro­fes­sio­nel­len Kri­te­ri­en genü­gen. Die­se Kri­te­ri­en sind auf unse­rer Web­sei­te genannt und rich­ten sich nach denen unse­res Bun­des­ver­ban­des. Wir haben eine von den Mit­glie­dern gewähl­te Jury, die Werk­pro­ben von Bewer­bern begut­ach­tet und über die Auf­nah­me ent­schei­det. Ins­ge­samt kann man sich bis zu drei Mal bewer­ben. Bei Künst­le­rin­nen und Künst­lern mit ein­schlä­gi­ger Aus­bil­dung oder bei Über­trit­ten aus ande­ren BBKs ent­fällt die Jurierung.


Wie vie­le Mit­glie­der aus wel­chen ver­schie­de­nen Kunst­spar­ten zäh­len Sie aktu­ell und was macht eine Mit­glied­schaft im Ver­ein für die Künst­le­rin­nen und Künst­ler zudem aus?

Ger­hard Schlöt­zer: Aktu­ell haben wir 176 Mit­glie­der aus allen Kunst­spar­ten. Das geht von Per­for­mance bis zur Zeich­nung. Die Bil­den­de Kunst hat ja ihren Wir­kungs­be­reich seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts immer wei­ter ver­grö­ßert, weit in die dar­stel­len­den Küns­te hin­ein. Ob etwas Kunst ist oder nicht erweist sich weni­ger durch das gewähl­te Gen­re oder die Tech­nik, son­dern durch die Hal­tung, die hin­ter der Pro­duk­ti­on steht.

Außer den spo­ra­di­schen Aus­stel­lungs­mög­lich­kei­ten und der damit ver­bun­de­nen öffent­li­chen Auf­merk­sam­keit für unse­re Mit­glie­der ist unser Haupt­exis­tenz­zweck, ein mög­lichst wirk­sa­mer Lob­by-Ver­band für die Inter­es­sen der gesam­ten Künst­ler­schaft zu sein. Da wur­de schon eini­ges bewirkt, vor allem durch unse­ren Bun­des­ver­band. Die Künst­ler­so­zi­al­kas­se und die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Bild – Kunst gehen haupt­säch­lich auf sei­ne Initia­ti­ve und sein Wir­ken zurück. Es gibt aber auch noch vie­le Baustellen.

„Leer­gut-Schlan­gen“. Foto: Johan­nes Schreiber
Wel­che sind die wei­ter­füh­ren­den Auf­ga­ben des Vereins?

Ger­hard Schlöt­zer: Hier kann ich an mei­ne vor­he­ri­ge Ant­wort anschlie­ßen. Eine der vie­len Bau­stel­len, die es zu bear­bei­ten gilt, ist die bei einem Groß­teil der Künst­le­rin­nen und Künst­ler äußerst pre­kär hono­rier­te Berufs­aus­übung, die im Kon­trast steht zu den voll­mun­di­gen Ver­spre­chen in vie­len Län­der­ver­fas­sun­gen. In Bay­ern ist das der Arti­kel 140: „Kunst und Wis­sen­schaft sind von Staat und Gemein­de zu för­dern. Sie haben ins­be­son­ders Mit­tel zur Unter­stüt­zung schöp­fe­ri­scher Künst­ler, Gelehr­ter und Schrift­stel­ler bereit­zu­stel­len, die den Nach­weis erns­ter künst­le­ri­scher oder kul­tu­rel­ler Tätig­keit erbrin­gen.“ In vie­len Fäl­len ist es nicht mög­lich, aus kom­mu­na­ler Kul­tur­för­de­rung auch nur annä­hernd dem Min­dest­lohn ent­spre­chen­de Hono­ra­re für Kul­tur­schaf­fen­de zu bezah­len, wenn sie für öffent­lich prä­sen­tier­te Kul­tur­pro­jek­te tätig sind. Die Kom­mu­nen reden sich mit der ver­meint­li­chen Frei­wil­lig­keit die­ser Leis­tun­gen her­aus. In der Bil­den­den Kunst ist der Fall noch­mals kom­pli­zier­ter, weil mit der immer sel­te­ner rea­li­sier­ten Hoff­nung auf Werk­ver­käu­fe die Erwar­tung an Künst­ler ver­knüpft wird, die kom­plet­te Ket­te von der Erstel­lung der Wer­ke bis zur deren Prä­sen­ta­ti­on und Ver­mark­tung kos­ten­frei zu über­neh­men. Die­sem aus­beu­te­ri­schen Ansin­nen tritt der BBK ent­ge­gen, indem der Bun­des­ver­band zum Bei­spiel eine Publi­ka­ti­on mit Hono­rar­emp­feh­lun­gen für Aus­stel­lungs­ho­no­ra­re her­aus­ge­ge­ben hat, die über des­sen Web­sei­te zu bezie­hen ist und bei Ver­hand­lun­gen ver­wen­det wer­den soll­te. Frei­lich ist die Markt­macht des Künst­lers gering und für vie­le fami­li­är kofi­nan­zier­te Künst­le­rin­nen und Künst­ler scheint immer noch die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit pri­mä­re Moti­va­ti­on und Lohn genug zu sein.


Wie lan­ge sind Sie selbst Vor­sit­zen­der und wor­in sehen Sie Ihren Schwerpunkt?

Ger­hard Schlöt­zer: Vor­sit­zen­der bin ich seit Mit­te 2014, zuvor war ich stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der, Schrift­füh­rer und Jury­mit­glied. Mein Schwer­punkt sind die berufs­po­li­ti­schen Zie­le unse­res Ver­ban­des und deren Umset­zung vor Ort. Auch für die Rea­li­sie­rung eines Aus­stel­lungs­rau­mes für zeit­ge­nös­si­sche Bil­den­de Kunst und ver­wand­te Kul­tur­spar­ten im gesam­ten Gebäu­de des Bam­ber­ger Kes­sel­hau­ses setz­te ich mich zusam­men mit ande­ren seit 2011 ein.


Wo möch­te der Ver­ein sich in Zukunft hin ent­wi­ckeln? Haben Sie aktu­ell Pläne?

Ger­hard Schlöt­zer: Wir sind in die­sem Jahr auf einen ganz guten Weg hin zur Pro­fes­sio­na­li­sie­rung unse­rer Ver­wal­tungs­pro­zes­se gekom­men. Das ist schon mal ermu­ti­gend. Ich wür­de ger­ne mehr Syn­er­gien mit ande­ren kul­tur­tra­gen­den Insti­tu­tio­nen, Ver­ei­nen und Initia­ti­ven auf den Weg brin­gen. Hier ist als guter Ansatz der Run­de Tisch Kul­tur in Bam­ber zu nen­nen… Plä­ne gibt es vie­le, aber ehren­amt­lich ver­füg­ba­re Zeit ist rar.

BBK-Aus­stel­lung “Wal­des­lust”

Zurück zur Natur

Der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken (BBK) hat sei­ne Jah­res­aus­stel­lung unter das Mot­to „Wal­des­lust“ gestellt. Ges­tern begann die Aus­stel­lung, in der über 30 Mit­glie­der des BBK in der Vil­la Des­sau­er ver­schie­den­ar­tigs­te Land­schafts­dar­stel­lun­gen zei­gen. Eine The­ma­tik, die sich im Span­nungs­feld zwi­schen ris­kan­tem Kitsch­ver­dacht und aktu­el­ler Poli­tik bewegt.

Die bei­den BBK-Mit­glie­der Tho­mas Michel und Peter Schop­pel sind an der Orga­ni­sa­ti­on der Aus­stel­lung betei­ligt und stel­len eini­ge ihrer Wer­ke aus. Wir haben Sie zum Gespräch getroffen.


War­um wid­met sich der BBK Ober­fran­ken in sei­ner Jah­res­aus­stel­lung dem The­ma Wald?

Tho­mas Michel: Es ist ein­fach höchs­te Zeit, in einer Aus­stel­lung das The­ma Umwelt bezie­hungs­wei­se Zer­stö­rung der­sel­ben anzu­ge­hen. Spä­tes­tens seit den Dür­ren der letz­ten Jah­re hat sich gezeigt, wie wich­tig es ist. Und jetzt kommt aktu­ell noch die Flut­ka­ta­stro­phe in NRW und Rhein­land-Pfalz dazu. In gewis­ser Wei­se hat der Wald dabei eine Rol­le gespielt, denn ein intak­ter und gesun­der Wald hät­te im Boden mehr Was­ser auf­neh­men kön­nen und die Flut wäre womög­lich nicht ganz so schlimm gewe­sen. Ich den­ke, alle, auch der BBK, soll­ten im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten Bewusst­sein schaf­fen für die Wich­tig­keit des The­mas, der Umwelt­ver­schmut­zung und des Kli­ma­wan­dels. Das haben wir sowohl von den Wer­ken als auch von der Bot­schaft der Aus­stel­lung her versucht.


Sind Sie bei der Pla­nung der Aus­stel­lung also von Anfang an unter poli­ti­schen Gesichts­punk­ten an das The­ma des Wal­des her­an­ge­gan­gen und nicht so sehr unter ästhetischen?

Tho­mas Michel: Bei einer Aus­stel­lung wäh­rend der Pan­de­mie­zeit, in der nur weni­ge Aus­stel­lun­gen mög­lich sind und waren, soll­te man die Gele­gen­heit nut­zen, eine Bot­schaft zu sen­den. Die Ästhe­tik rich­tet sich in die­sem Fall zumeist nach der Bot­schaft. Ich per­sön­lich habe mei­nen Bei­trag zwar eher der Wie­der­ent­de­ckung der Natur und der ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Natur­ver­bun­den­heit gewid­met, aber auch mit aktu­el­len Bezü­gen ver­knüpft – in die­sem Fall mit der Pan­de­mie: Man konn­te nicht ver­rei­sen oder kul­tu­rel­le Ange­bo­te wahr­neh­men und wen­de­te sich dar­um an die Natur vor Ort.

Peter Schop­pel: Als wir den BBK-Mit­glie­dern das The­ma der Jah­res­aus­stel­lung vor­schlu­gen, haben wir damit sehr vie­le von ihnen begeis­tert und ent­spre­chend vie­le Bewer­bun­gen für die Aus­stel­lung bekom­men – mehr als sonst sogar – und das The­ma wur­de viel­fäl­tig, sowohl poli­tisch als auch ästhe­tisch, umgesetzt.

Falls Stim­men laut wer­den wür­den, die die Aus­stel­lung eine Wer­be­kam­pa­gne für grü­ne Poli­tik nen­nen – was wür­den Sie entgegnen?

Tho­mas Michel: Ich glau­be, grü­ne Poli­tik oder grü­ne Ideen schrei­ben sich mitt­ler­wei­le alle Par­tei­en auf die Fah­nen. Die­se Ideen bezie­hungs­wei­se ihre Umset­zung sind lebensnotwendig.

Ger­hard Schop­pel (links) und Tho­mas Michel, Foto: Sebas­ti­an Quenzer

Peter Schop­pel: Es geht um unse­re Zukunft und Umwelt­be­wusst­sein soll­te eigent­lich über­all ver­an­kert sein.


Lie­ße sich sagen, dass der Titel der Aus­stel­lung „Wal­des­lust“ jedoch auf eine eher unpo­li­ti­sche Dimen­si­on des Wal­des hin­deu­tet, näm­lich auf die Emo­tio­na­li­sie­rung der Natur? Ein Ansatz, der in der Tra­di­ti­on der Epo­che der Roman­tik stün­de, als, kurz gesagt, begon­nen wur­de, indi­vi­du­el­les emo­tio­na­les Erle­ben in die Natur hineinzulesen.

Tho­mas Michel: Ja. Das The­ma Wald könn­te auf den ers­ten Blick etwas tro­cken und öko­lo­gisch daher­kom­men. Dar­um brauch­ten wir einen für die Öffent­lich­keit grif­fi­gen Titel. „Wal­des­lust“ klingt posi­tiv und hat auch viel mit der deut­schen Geschich­te in Ver­bin­dung mit dem Wald zu tun. Die Deut­schen haben eine sehr spe­zi­el­le Bezie­hung zum Wald, vor allem durch die Natur­ver­herr­li­chung in der Roman­tik vom Anfang des 19. Jahr­hun­derts. Ich bezie­he mich, zum Bei­spiel, expli­zit auf Cas­par David Fried­rich, was Natur­emp­fin­den, Licht­stim­mun­gen und Ver­lo­ren­sein oder Auf­ge­ho­ben­sein in der Natur angeht.


Aber kann eine roman­tisch-emo­tio­na­li­sier­te Sicht­wei­se auf die Natur, die kein Auge für die Umwelt­zer­stö­rung hat, heu­te noch auf­recht­erhal­ten wer­den oder schwin­gen tro­cke­ne­re Fra­gen nach dem Kli­ma­wan­del und sei­nen Aus­wir­kun­gen auto­ma­tisch in jedem Werk mit?

Tho­mas Michel: Bezüg­lich der kul­tur­ge­schicht­li­chen Bedeu­tung der Natur und des Wal­des ist es so, dass Wal­des­lust oder das Wie­der­her­stel­len des Kon­takts mit der Natur und ihre Emo­tio­na­li­sie­rung eine Erfin­dung von städ­ti­schen Aka­de­mi­kern des 19. Jahr­hun­derts ist. Den Groß­teil der dama­li­gen Bevöl­ke­rung, der Land­be­völ­ke­rung, hat das aber über­haupt nicht inter­es­siert. Die­se Leu­te haben den Wald prak­tisch und nicht unter Gesichts­punk­ten künst­le­ri­scher Ver­wert­bar­keit und Emo­tio­na­li­sie­rung gese­hen. Sie leb­ten von der Natur. Wir haben uns zwar heu­te noch viel wei­ter von der Natur und dem Wald ent­fernt als die Städ­ter, wie Goe­the, im 19. Jahr­hun­dert, aber durch die seit eini­ger Zeit immer mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men­de Umwelt­zer­stö­rung ändert sich das wie­der. Eine prak­ti­sche­re Sicht­wei­se auf den Wald und die Natur als Lebens­grund­la­ge, die immer mehr zer­stört wird, kehrt also tat­säch­lich zurück. Für mein Gemäl­de „Wald bei Bärn­fels“ – ein etwa zwei Meter hohes und drei Meter brei­tes Tri­pty­chon – woll­te ich den Betrach­ter schon durch die Grö­ße das Gefühl geben, den Wald zu betre­ten und den Bäu­men gegen­über­zu­ste­hen. Poli­tisch wird es sozu­sa­gen zwi­schen den Zei­len aber inso­fern, als dass es sich bei den Bäu­men aus­schließ­lich um einen künst­lich ange­leg­ten Fich­ten­wald han­delt und man nicht genau erkennt, ob die Bäu­me noch gesund oder schon am abster­ben sind.


Herr Schop­pel, Sie haben für Ihre Radie­rung „Wald­rand“ einen abs­trak­te­ren Ansatz gewählt. Wie kommt bei Ihnen die Poli­tik ins Spiel?

Peter Schop­pel: Auf mei­nen Wald-Spa­zier­gän­gen bei Gun­dels­heim fin­den sich schö­ne Wald­an­sich­ten oder Ein­sich­ten in das Unter­holz selbst. Seit der BBK für die Jah­res­aus­stel­lung das The­ma Wald aus­ge­schrie­ben hat­te, habe ich ange­fan­gen, den Wald inten­si­ver als sonst zeich­ne­risch oder foto­gra­fisch zu doku­men­tie­ren. Von den Zeich­nun­gen und Foto­gra­fien als Aus­gangs­punkt der künst­le­ri­schen Arbeit habe ich zwei Seri­en von Uni­kat- Dru­cken ange­fer­tigt, von denen kei­ne wie die ande­re ist.

Damit möch­te ich die Viel­falt von Betrach­tungs­wei­sen über das The­ma Wald ver­deut­li­chen – vom Natur­schö­nen, bis hin zur Gesell­schafts­kri­tik – und zum Bei­spiel mit dem gro­ßen Kreuz in der Mit­te, eben auch sein Ster­ben, letzt­end­lich auch das Ster­ben der zivi­li­sier­ten Menschheit.

Peter Schop­pel „Wald­rand I“, Radie­rung, 27×50 cm, 2021, Foto: Peter Schoppel

Unab­hän­gig von poli­ti­schen Bedeu­tungs­schich­ten von Land­schafts­dar­stel­lun­gen besteht bei ihnen und ihrer Ver­bin­dung zur fei­er­lich-emo­tio­na­len Ernst­haf­tig­keit der Roman­tik jedoch immer ein wenig die Gefahr, für ein heu­ti­ges Publi­kum ins Kit­schig-Pathe­ti­sche abzu­rut­schen oder als iro­nisch gemeint ver­stan­den zu wer­den. Wie gehen Sie damit um?

Tho­mas Michel: Ja, das kann auf jeden Fall pas­sie­ren. Ich den­ke, in Natur­dar­stel­lun­gen schwingt so ein archai­sches Natur­emp­fin­den oder eine Natur­ver­bun­den­sein mit, die von einem Teil der Öffent­lich­keit als kit­schig auf­ge­fasst wer­den könn­te. Viel­leicht hat sich die­ser Teil aber auch nur soweit von der Natur ent­frem­det, dass uniro­nisch ernst gemein­te Natur­dar­stel­lun­gen nicht mehr als sol­che betrach­tet wer­den kön­nen. Ich tre­te dafür an, die Land­schafts­ma­le­rei wie­der her­vor­zu­he­ben und die Aus­stel­lung ist für mich auch eine Wie­der­ent­de­ckung die­ses immer ein biss­chen belä­chel­ten Gen­res, das durch­aus manch­mal ein wenig anti­quiert wirkt.

Peter Schop­pel: Das ist ein schwie­ri­ges The­ma. Man muss als Künst­ler da ein­fach sei­ne eige­ne Hal­tung zei­gen. Und wenn man sie mit Über­zeu­gung ver­tritt und es auch ästhe­tisch gut macht, kann man auch die­ses The­ma für sich gewin­nen und mög­li­che Kitsch-Kli­schees nie­der­rei­ßen. Ein Bei­spiel ist Bild­hau­er Tho­mas Gröh­ling, der für die Aus­stel­lung zehn Wöl­fe aus Holz geschnitzt hat.

Tho­mas Michel: Wobei es in der Aus­stel­lung durch­aus auch iro­ni­sche Her­an­ge­hens­wei­sen ans Natur-The­ma gibt. Chris Engels zum Bei­spiel hat ein Hirsch­ge­weih mit Kon­do­men behan­gen und so die Wal­des­lust auf ande­re Art und Wei­se interpretiert.

Wir stan­den zuerst mit einem Schmun­zeln vor dem Werk, aber Chris Engels hat sich von einem Förs­ter bestä­ti­gen las­sen, dass der Wald in Lock­down-Zei­ten nicht nur Rück­zugs­ort wur­de für Par­ties, samt ent­spre­chen­der Müll­pro­ble­ma­tik, son­dern auch als sozu­sa­gen Lie­bes­nest neue Bedeu­tung erhielt. Für die Plat­zie­rung des Geweihs in der Aus­stel­lung haben wir uns klas­si­scher­wei­se für die Wand über einem Kamin ent­schie­den. Durch die Gestal­tung mit den Kon­do­men wird aber auch die­se poten­zi­ell kit­schi­ge Dar­stel­lung auf­ge­bro­chen und neu definiert.

Chris Engels „Wal­des­lust“, Geweih, (Fake-) Kon­do­me, 100 cm x 120 cm x 55 cm, Foto: Chris Engels

Wel­che Rol­le spie­len in der Aus­stel­lung die Tier­welt und die mensch­li­che Figur?

Tho­mas Michel: Bis auf das genann­te Hirsch­ge­weih von Chris Engels und die Wolfs­skulp­tu­ren von Bild­hau­er Tho­mas Gröh­ling wur­den, das hat mich über­rascht, kaum wei­te­re Bei­trä­ge mit Tie­ren ein­ge­reicht. Die Wer­ke beschäf­ti­gen sich eher mit der Pflan­zen­welt. Viel­leicht hat das auch damit zu tun, dass Wald­tie­re, auch im gesell­schaft­li­chen Bewusst­sein, schon so weit ver­drängt sind, dass sie auch in der Aus­stel­lung kaum vor­kom­men. Mensch­li­che Figu­ren kom­men aber auch vor: Das Foto­gra­fen­duo Deininger/​Jaugstetter the­ma­ti­siert in sei­nen Wer­ken die Ver­schmel­zung der mensch­li­chen Akt­fi­gur mit der Natur.


Kann es aber künst­le­risch reiz­voll sein, kei­ne Men­schen dar­stel­len zu müssen?

Tho­mas Michel: Da kann ich mich wie­der auf die Roman­tik bezie­hen, die die Land­schaft zur Haupt­per­son und fast schon zum sakra­len Andachts­ort gemacht hat.


Geht die Aus­stel­lung auf die Meta-Rol­le des Wal­des als Lie­fe­rant von Werk­stoff, in Form von Papier oder Holz, ein?

Peter Schop­pel: Dazu wür­de ich ger­ne auf die Arbeit „Nach der Lust“ von Ger­hard Hagen ver­wei­sen: Foto­ar­bei­ten, auf denen aus Papier­schnip­seln gepress­te Wür­fel zu sehen sind. Die­se Werkse­rie beschäf­tigt sich, wie­der­um nicht ganz unpo­li­tisch, mit dem Kreis­lauf des Recy­clings. Das wie­der­ver­wer­te­te Mate­ri­al kann nicht unend­lich oft wie­der­ver­wer­tet wer­den. Ihm, in die­sem Fall han­delt es sich um Alt­pa­pier, muss immer wie­der noch nicht ver­wer­te­ter Holz-Roh­stoff bei­gemischt wer­den, um den Kreis­lauf und die Qua­li­tät auf­recht zu erhalten.

Wer­ke von 34 Künst­le­rin­nen und Künst­lern wer­den zu sehen sein. Wie vie­le sind zur Bewer­bung ein­ge­reicht wor­den? Nach wel­chen Gesichts­punk­ten wur­den die 34 ausgewählt?

Tho­mas Michel: Wir hat­ten 46 Ein­rei­chun­gen. Die Jury des BBK Ober­fran­ken ent­schei­det nach künst­le­ri­scher Qua­li­tät und danach, wie gut sich das jewei­li­ge Werk in das Aus­stel­lungs­kon­zept ein­passt, wel­ches aus­ge­wählt wird. Über die genau­en Begrün­dun­gen gibt es aber eine Schweigepflicht.

Ger­hard Hagen „Nach der Lust“, Foto 145×145 cm, 2021, Foto: Ger­hard Hagen

Ein Pro­blem des BBK Ober­fran­ken besteht im rela­tiv hohen Alters­durch­schnitt sei­ner Mit­glie­der, es fehlt also eine jün­ge­re Per­spek­ti­ve auf die The­ma­tik. Wie gehen Sie aktu­ell damit um?

Tho­mas Michel: Der BBK hat bei­spiels­wei­se unter Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten von Kunst­hoch­schu­len tat­säch­lich ein etwas ange­staub­tes Image. Es ist schwie­rig, dem bei­zu­kom­men, genau wie es schwer ist, ein jün­ge­res Publi­kum, das es in Bam­berg durch­aus gäbe, anzu­lo­cken. Dar­um fin­den wir es wich­tig, zumin­dest immer wie­der aktu­el­le­re The­men in den Aus­stel­lun­gen zu bedie­nen, die am Puls der Zeit sind und über regio­na­le Fra­ge­stel­lun­gen hinausweisen.

BBK-Aus­stel­lung „Wal­des­lust“

16. Okto­ber bis 28. November

Stadt­ga­le­rie Vil­la Dessauer

Begleit­pro­gramm

17. Okto­ber, 15 Uhr: Füh­run­gen und Gespräch mit Chris­ta Paw­f­low­sky und Gud­run Schüler

14. Novem­ber, 12 bis 14 Uhr: Mati­née und Doku­men­tar­film „Natur Natur sein las­sen“
im Licht­spiel­ki­no

21. Novem­ber, 15 Uhr: Füh­run­gen und Gespräch mit Tho­mas Brix, Ger­hard Hagen
und Tho­mas Michel


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Jah­res­aus­stel­lung Kunstverein

Die See­le des Papiers

Löwen­köp­fe, Skulp­tu­ren aus Geld­schein­schnip­seln, ein Coro­na-Chor – aus dem Werk­stoff Papier lässt sich eini­ges her­aus­ho­len. Die Jah­res­aus­stel­lung des Kunst­ver­eins zeigt in der Vil­la Des­sau­er, wie ver­schie­de­ne Künst­le­rin­nen und Künst­ler die gestal­te­ri­schen Mög­lich­kei­ten von Papier aus­lo­ten. Die tages­ak­tu­el­len Öff­nungs­zei­ten sind online auf der Home­page des Kunst­ver­eins ein­zu­se­hen. Dort wird die Aus­stel­lung dar­über­hin­aus unab­hän­gig von den Öff­nungs­per­spek­ti­ven auch digi­tal beglei­tet, bei­spiels­wei­se durch Inter­views mit den aus­stel­len­den Künst­lern. Das Web­echo hat mit Bar­ba­ra Kah­le, Vor­sit­zen­de des Kunst­ver­eins, gesprochen.

Gedruck­tes und Papier, heißt es, sei­en tot und alles wird nur noch online und elek­tro­nisch gemacht. War­um haben Sie für die Jah­res­aus­stel­lung des Kunst­ver­eins den Werk­stoff Papier als Grund­vor­aus­set­zung gewählt?

Bar­ba­ra Kah­le: Gera­de des­halb! Papier ver­schwin­det durch­aus im all­ge­mei­nen Bewusst­sein, Papier als Spei­cher­me­di­um geht zurück und die digi­ta­le Ver­än­de­rung ist unum­kehr­bar – das erken­nen wir an. Aber Papier könn­te in der Zukunft auch vor dem Hin­ter­grund des The­mas Umwelt­schutz wie­der mehr Bedeu­tung gewin­nen. Es wird viel geforscht, um zum Bei­spiel Ver­pa­ckun­gen aus Plas­tik abzu­schaf­fen und wie­der viel stär­ker auf Papier zu set­zen. Auf der ande­ren Sei­te hat Papier in der Kunst immer eine gro­ße Rol­le gespielt. Um das wie­der ins Bewusst­sein zu brin­gen, machen wir die­se Aus­stel­lung. Als Skiz­zen­pa­pier, als Vor­stu­fe der Lein­wand, wur­de Papier schon seit Jahr­hun­der­ten genutzt. Seit dem 20. Jahr­hun­dert dien­te es ver­mehrt als eigen­stän­di­ges künst­le­ri­sches Medi­um. Das ist eine Errun­gen­schaft, die der Kunst der Moder­ne zuzu­rech­nen ist. Dazu gehört auch der Ansatz, den so gut wie alle Wer­ke, die wir zei­gen, ver­fol­gen, unter Bei­be­hal­tung des Mate­ri­als Papier, die pla­ne Flä­che ins Drei­di­men­sio­na­le hin­ein zu erwei­tern, bis man zwi­schen Bild und Skulp­tur kaum mehr unter­schei­den kann.


Nach wel­chen Gesichts­punk­ten haben Sie die Künstler*innen für die Aus­stel­lung ausgewählt?

Bar­ba­ra Kah­le: Die Aus­stel­lung war schon für das Jahr 2020 geplant, aus bekann­ten Grün­den muss­te sie ver­scho­ben wer­den. Wir haben nach Künst­lern gesucht, die mehr oder weni­ger aus­schließ­lich mit Papier arbei­ten. Ein ganz gro­ßer Anker­punkt dabei waren die Wer­ke von Andre­as von Weiz­sä­cker, des­sen Löwen­kopf­skulp­tu­ren im Aus­stel­lungs­raum der Vil­la Des­sau­er auch sehr viel Raum ein­neh­men. Dann haben wir uns über­legt, wen wir noch dazu­neh­men könn­ten. Es geht uns dar­um zu zei­gen, wel­che Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten mit Papier mög­lich sind. Wir zei­gen unter ande­rem ver­schie­de­ne Falt­tech­ni­ken, so hat etwa Simon Schu­bert Räu­me der Vil­la Des­sau­er in Papier gefal­tet, Skulp­tu­ren, Papier­schmuck, Prä­ge­druck und im Begleit­pro­gramm etwa ein Kon­zert mit Klang­in­stru­men­ten aus Papier und ein sze­ni­sches Erzähl­stück des Papier­thea­ters mit Johan­nes Volkmann.


Die vier Papier­skulp­tu­ren von Andre­as von Weiz­sä­cker nen­nen Sie Ihren Coro­na-Chor. Was hat es damit auf sich?

Bar­ba­ra Kah­le: Die­se vier Skulp­tu­ren sind eigent­lich Was­ser­spei­ern des Münch­ner Rat­hau­ses abge­formt. Aber weil sie mit ihren offe­nen Mün­dern so einen kla­gen­den, gemein­sam über mög­li­cher­wei­se die Pan­de­mie heu­len­den Ein­druck machen, erin­nert mich das an einen Chor.


Beglei­tend zur Aus­stel­lung haben Sie ein viel­fäl­ti­ges Rah­men­pro­gramm ent­wor­fen. Ein Ter­min ist der 13. Juni, an dem anhand der Wer­ke von Erwin Hap­ke die See­le des Papiers beleuch­tet wer­den soll. Was ist die See­le des Papiers?

Bar­ba­ra Kah­le: Wir hat­ten das Glück, einen klei­nen Zuschuss für die Erstel­lung eines Begleit­pro­gramms aus dem Neu­start-Kul­tur-Kunst­fonds zu bekommen.

Bei der Aus­stel­lung ist es uns wie immer wich­tig, Objek­te zu prä­sen­tie­ren, die sich die Leu­te im ganz tra­di­tio­nel­len Sin­ne anschau­en kön­nen. Dane­ben haben wir aber ein viel­fäl­ti­ges Inter­ak­ti­ons- und Ver­mitt­lungs­pro­gramm ent­wi­ckelt, um sich auf ganz unter­schied­li­che Art und Wei­se dem The­ma Papier annä­hern zu kön­nen. Am 13. Juni etwa wol­len wir uns spe­zi­ell mit den gefal­te­ten Papier­ar­bei­ten von Erwin Hap­ke beschäf­ti­gen. Papier ist auf der einen Sei­te sehr hap­tisch. Man kann damit arbei­ten, es fal­ten, es zer­knül­len oder damit kru­scheln, wie es Lore Bert macht. In dem ange­spro­che­nen Falt­werk kann man dar­über hin­aus eine expli­ka­ti­ve Meta­pher unse­res Daseins sehen. Das kom­ple­xe Fal­ten wird zum Modell unse­res Weltverstehens. 

Fal­tun­gen von Erwin Hap­ke. Foto: Anna Breuninger

Der ver­stor­be­ne Erwin Hap­ke, pro­mo­vier­ter Bio­lo­ge und ein Son­der­ling und Beses­se­ner, hat sozu­sa­gen mit dem Papier gelebt und ein gefal­te­tes Uni­ver­sum hin­ter­las­sen. Alle For­men des Seins sind in das zar­te Papier ein­ge­schrie­ben, die wahr­zu­neh­men uns Muße und Ver­wei­len abver­langt. In die­sem Zusam­men­hang spricht der Phi­lo­soph und Nef­fe von Hap­ke, Mat­thi­as Bur­chardt, von der See­le des Papiers.


Papier ist ein nicht beson­ders wider­stand­fä­hi­ger und fra­gi­ler Werk­stoff. Wie gehen Sie zum Bei­spiel beim Auf­bau der Aus­stel­lung, damit um?

Bar­ba­ra Kah­le: Ja, da ist ein Pro­blem, mit dem die Künst­ler und auch Nach­lass­ver­wal­ter oder Nach­fah­ren von Papier­künst­lern zu kämp­fen haben. Zum Bei­spiel die Löwen­köp­fe von Weiz­sä­cker sind ziem­lich emp­find­lich und als er sie geschaf­fen hat, tat er dies sicher­lich nicht, damit man sie stän­dig auf- und abbaut. An eini­gen Stel­len muss­ten sie bereits restau­riert, ver­stärkt und mit Magne­ten, die die Tei­le zusam­men­hal­ten, ver­se­hen werden.


Die Aus­stel­lungs­er­öff­nung am 23. April muss­te wegen der Pan­de­mie bereits abge­sagt wer­den. Wie steht es um die fol­gen­den Termine?

Bar­ba­ra Kah­le: Die Rege­lun­gen für den Muse­ums­be­reich sehen ja der­zeit so aus, dass man bei einem Inzi­denz­wert zwi­schen 50 und 100 öff­nen und Publi­kum, nach Vor­anmel­dung, emp­fan­gen kann. Mit­te April liegt die Inzi­denz in Bam­berg bei 112 – ob die Vil­la Des­sau­er Ende April geöff­net wer­den kann, müs­sen wir also schau­en. Ver­samm­lun­gen, wie bei einer Ver­nis­sa­ge, sind aber abso­lut tabu.

Bar­ba­ra Kah­le und ihr Coro­na-Chor. Foto: Sebas­ti­an Quenzer

Wie schwer wür­de es den Kunst­ver­ein tref­fen, wenn kei­ne der Begleit­ver­an­stal­tun­gen statt­fin­den kann?

Bar­ba­ra Kah­le: Sehr schwer. Finan­zi­el­le Nach­tei­le hät­ten wir kei­ne, möch­te ich an die­ser Stel­le sagen. Die Gel­der sind uns unter ande­rem von der Stadt Bam­berg zuge­flos­sen. Aber wir haben die Aus­stel­lung mit solch einer Begeis­te­rung, und auch kör­per­li­cher Anstren­gung, vor­be­rei­tet und auf­ge­baut und den­ken, dass sie den Besu­chern gro­ßen Spaß machen wür­de, dass uns ein Aus­fall sehr leid­tun wür­de. Wir wer­den die Schau ganz bewusst län­ger als die übli­chen sechs Wochen lau­fen las­sen, damit wir auf den Som­mer und bes­se­re Inzi­denz­zah­len hof­fen kön­nen. Viel­leicht kön­nen wir zur Finis­sa­ge die Begeg­nung von Besu­chern und Künst­lern nachholen.


Gäbe es online ein Ausweichangebot?

Bar­ba­ra Kah­le: Ja, wir wer­den die Aus­stel­lung auch digi­tal beglei­ten. Wenn wir nicht öff­nen kön­nen, möch­ten wir die Aus­stel­lung zumin­dest mul­ti­me­di­al beglei­ten. Wir sind auf Face­book, Insta­gram und You­tube unter­wegs und bie­ten dort zum Bei­spiel Inter­views mit den Künst­lern und Ein­bli­cke in ihre Wer­ke. So haben wir wenigs­tens einen Bruch­teil von Aus­stel­lungs­be­glei­tung. Das ist natür­lich kein Ersatz für den Besuch einer Aus­stel­lung, aber ein inter­es­san­tes ergän­zen­des Angebot.


Wei­te­re Informationen:

Aus­stel­lung “Papier”, 24. April bis 27. Juni, Vil­la Dessauer

Außer­dem:
Aus­stel­lung von Jür­gen Wil­helm “Abs­trak­ti­on Pho­to­gra­phie”, 3. bis 31. Mai, Schüt­zen­stra­ße 4

https://www.kunstverein-bamberg.de/