“Mehr und Weniger”

Jah­res­aus­stel­lung des BBK Ober­fran­ken in der Vil­la Dessauer

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Oberfranken
„Haben und Nicht Haben“, Foto: Werner Tögel
Vom 11. Okto­ber bis 23. Novem­ber ver­an­stal­tet der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken e.V. (BBK Ober­fran­ken) sei­ne Jah­res­aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er. Ger­hard Schlöt­zer, Vor­stand des Ver­eins, stand uns für ein Inter­view zur Verfügung.
Herr Schlöt­zer, der BBK Ober­fran­ken lädt zu sei­ner Jah­res­aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er ein. In die­sem Jahr unter dem Titel „Mehr und Weni­ger“. Was ver­birgt sich dahinter?

Ger­hard Schlöt­zer: Eine sehr reich­hal­ti­ge und viel­ge­stal­ti­ge Aus­stel­lung pro­fes­sio­nel­ler Kunst aus Ober­fran­ken, von Künst­le­rin­nen und Künst­lern, die ihren Wir­kungs­schwer­punkt hier haben, aber natür­lich auch über­re­gio­nal ver­netzt sind. Das alle aus­ge­stell­ten Wer­ke ver­bin­den­de The­ma ist das Span­nungs­ver­hält­nis von Mehr und Weni­ger. Von nicht genug und schon zu viel, von Eska­la­ti­ons­dy­na­mik und bewusst gewähl­tem Mini­ma­lis­mus. Die­se Span­nung ent­steht in allen Berei­chen mensch­li­cher Inter­ak­ti­on, muss tariert und aus­ge­hal­ten wer­den. Sie liegt fast allen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen zugrun­de. Und vor allem im künst­le­ri­schen Schaf­fen ist die Fra­ge von Mehr und Weni­ger eine stän­di­ge Beglei­te­rin: Wie­viel tun, bis das Werk gut ist? Wann auf­hö­ren?
Uns als BBK fällt es auch schwer, auf­zu­hö­ren, denn nach­dem die Aus­stel­lung am 23. Novem­ber in der Vil­la Des­sau­er schließt, wan­dert sie wei­ter in die Aus­stel­lungs­hal­le des Neu­en Rat­hau­ses Bay­reuth und eröff­net dort in einer etwas klei­ne­ren Ver­si­on am 3. Dezem­ber um 18 Uhr.


Wie vie­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus wel­chen Gen­res betei­li­gen sich in die­sem Jahr und was zei­gen sie im Besonderen?

Ger­hard Schlöt­zer: Die­ses Jahr sind es 34 Aus­stel­le­rin­nen und Aus­stel­ler, die sich mit Wer­ken oder Werkse­ri­en aus den Gen­res Zeich­nung, Film, Male­rei, Skulp­tur, Instal­la­ti­on, Papier­kunst, Objekt­kunst, Glas­kunst, Kera­mik, Tex­til­kunst, Foto­gra­fie und Mate­ri­al­kunst an der Aus­stel­lung betei­li­gen. Man­che von ihnen enga­gie­ren sich mit Füh­run­gen und Work­shops im umfang­rei­chen Begleit­pro­gramm.
In vie­len Fäl­len ist das ein­ge­setz­te Mate­ri­al Aus­gangs­punkt der künst­le­ri­schen Beschäf­ti­gung, indem es durch sei­ne Eigen­schaf­ten mehr oder weni­ger ver­än­dern­des Ein­grei­fen zulässt oder schon einen gewis­sen For­men­vor­rat anbie­tet, aus dem sich dann ein Gestal­tungs­pro­zess ent­wi­ckelt. So ist das zum Bei­spiel bei Johan­nes Schrei­ber, der von glä­ser­nen Bier­fla­schen aus­geht, sie zer­teilt, erhitzt, ver­biegt und die Ein­zel­tei­le neu anord­net. Bei Maria Söll­ner sind es ver­schie­den Arten von Pap­pen, die zer­schnit­ten und in Schau­käs­ten prä­sen­tiert Struk­tur­bil­der ent­ste­hen las­sen. Hubert Sowa zeigt einen klei­nen Aus­schnitt von cir­ca 600 klein­for­ma­ti­gen Zeich­nun­gen aus sei­nem 1.600 Zeich­nun­gen umfas­sen­den „Kro­nach Kor­pus“, die emblem­haft dar­ge­stellt All­tags­tä­tig­kei­ten zei­gen.
Anläss­lich des 100. Geburts­ta­ges unse­res lang­jäh­ri­gen, vor zwei Jah­ren ver­stor­be­nen Mit­glieds Ger­trud Tur­ban ist ein Raum der Vil­la Des­sau­er ihren Land­schafts­ma­le­rei­en gewidmet.

„Durch­stieg“, Foto: Adel­bert Heil
Was ist zudem bei der „Lan­gen Nacht“ zu erwarten?

Ger­hard Schlöt­zer: Am Sams­tag, dem 15. Novem­ber, ist die Aus­stel­lung bei frei­em Ein­tritt auch von 18 bis 24 Uhr für das Publi­kum geöff­net. Katha­ri­na Heub­ner wird gleich um 18:30 Uhr eine inter­ak­ti­ve Füh­rung durch die Räu­me anbie­ten, die die Wahr­neh­mungs­ka­nä­le vom Visu­el­len auf das Hören und Rie­chen erwei­tert. Von 20 bis 22 Uhr gibt es ein Kon­zert des Tri­os „One, Two, Three – Test“ mit Sounds aus Gitar­ren, Bass, E‑Piano und Glas­schleif­ma­schi­ne. Es lohnt sich, im Lau­fe des Abends ein­fach mal rein­zu­schau­en und Freun­de mit­zu­brin­gen. Außer­dem gibt es wie­der die obli­ga­to­ri­schen Getränke.

Seit wann gibt es den BBK Ober­fran­ken und wie ist der Ver­ein entstanden?

Ger­hard Schlöt­zer: Der BBK für Ober- und Unter­fran­ken wur­de am 5. Mai 1947 im Café Mül­ler in der Austra­ße gegrün­det. Seit die­ser Zeit ist er zusam­men mit dem Kunst­ver­ein einer der wesent­li­cher Trä­ger der Bil­den­den Kunst in Bam­berg. Spä­ter hat sich der BBK Unter­fran­ken in Würz­burg ange­sie­delt und wir waren nur noch für Ober­fran­ken zustän­dig. Dann haben die Regio­nal­ver­bän­de sich ihre Lan­des­ver­bän­de und den BBK-Bun­des­ver­band als ihre Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen geschaf­fen, die unse­re wich­ti­gen kul­tur­po­li­ti­schen Anlie­gen auf den jewei­li­gen Ebe­nen vertreten.


Wel­che Künst­le­rin­nen und Künst­ler kön­nen dem BBK Ober­fran­ken bei­tre­ten und wie läuft das Auf­nah­me­ver­fah­ren ab?

Ger­hard Schlöt­zer: Alle pro­fes­sio­nel­len Künst­le­rin­nen und Künst­ler. Also sol­che, die eine abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung an einer deut­schen Kunst­hoch­schu­le oder Aka­de­mie oder an einer ver­gleich­ba­ren aus­län­di­schen Insti­tu­ti­on haben. Und alle ohne die­se Aus­bil­dung, die pro­fes­sio­nel­len Kri­te­ri­en genü­gen. Die­se Kri­te­ri­en sind auf unse­rer Web­sei­te genannt und rich­ten sich nach denen unse­res Bun­des­ver­ban­des. Wir haben eine von den Mit­glie­dern gewähl­te Jury, die Werk­pro­ben von Bewer­bern begut­ach­tet und über die Auf­nah­me ent­schei­det. Ins­ge­samt kann man sich bis zu drei Mal bewer­ben. Bei Künst­le­rin­nen und Künst­lern mit ein­schlä­gi­ger Aus­bil­dung oder bei Über­trit­ten aus ande­ren BBKs ent­fällt die Jurierung.


Wie vie­le Mit­glie­der aus wel­chen ver­schie­de­nen Kunst­spar­ten zäh­len Sie aktu­ell und was macht eine Mit­glied­schaft im Ver­ein für die Künst­le­rin­nen und Künst­ler zudem aus?

Ger­hard Schlöt­zer: Aktu­ell haben wir 176 Mit­glie­der aus allen Kunst­spar­ten. Das geht von Per­for­mance bis zur Zeich­nung. Die Bil­den­de Kunst hat ja ihren Wir­kungs­be­reich seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts immer wei­ter ver­grö­ßert, weit in die dar­stel­len­den Küns­te hin­ein. Ob etwas Kunst ist oder nicht erweist sich weni­ger durch das gewähl­te Gen­re oder die Tech­nik, son­dern durch die Hal­tung, die hin­ter der Pro­duk­ti­on steht.

Außer den spo­ra­di­schen Aus­stel­lungs­mög­lich­kei­ten und der damit ver­bun­de­nen öffent­li­chen Auf­merk­sam­keit für unse­re Mit­glie­der ist unser Haupt­exis­tenz­zweck, ein mög­lichst wirk­sa­mer Lob­by-Ver­band für die Inter­es­sen der gesam­ten Künst­ler­schaft zu sein. Da wur­de schon eini­ges bewirkt, vor allem durch unse­ren Bun­des­ver­band. Die Künst­ler­so­zi­al­kas­se und die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Bild – Kunst gehen haupt­säch­lich auf sei­ne Initia­ti­ve und sein Wir­ken zurück. Es gibt aber auch noch vie­le Baustellen.

„Leer­gut-Schlan­gen“. Foto: Johan­nes Schreiber
Wel­che sind die wei­ter­füh­ren­den Auf­ga­ben des Vereins?

Ger­hard Schlöt­zer: Hier kann ich an mei­ne vor­he­ri­ge Ant­wort anschlie­ßen. Eine der vie­len Bau­stel­len, die es zu bear­bei­ten gilt, ist die bei einem Groß­teil der Künst­le­rin­nen und Künst­ler äußerst pre­kär hono­rier­te Berufs­aus­übung, die im Kon­trast steht zu den voll­mun­di­gen Ver­spre­chen in vie­len Län­der­ver­fas­sun­gen. In Bay­ern ist das der Arti­kel 140: „Kunst und Wis­sen­schaft sind von Staat und Gemein­de zu för­dern. Sie haben ins­be­son­ders Mit­tel zur Unter­stüt­zung schöp­fe­ri­scher Künst­ler, Gelehr­ter und Schrift­stel­ler bereit­zu­stel­len, die den Nach­weis erns­ter künst­le­ri­scher oder kul­tu­rel­ler Tätig­keit erbrin­gen.“ In vie­len Fäl­len ist es nicht mög­lich, aus kom­mu­na­ler Kul­tur­för­de­rung auch nur annä­hernd dem Min­dest­lohn ent­spre­chen­de Hono­ra­re für Kul­tur­schaf­fen­de zu bezah­len, wenn sie für öffent­lich prä­sen­tier­te Kul­tur­pro­jek­te tätig sind. Die Kom­mu­nen reden sich mit der ver­meint­li­chen Frei­wil­lig­keit die­ser Leis­tun­gen her­aus. In der Bil­den­den Kunst ist der Fall noch­mals kom­pli­zier­ter, weil mit der immer sel­te­ner rea­li­sier­ten Hoff­nung auf Werk­ver­käu­fe die Erwar­tung an Künst­ler ver­knüpft wird, die kom­plet­te Ket­te von der Erstel­lung der Wer­ke bis zur deren Prä­sen­ta­ti­on und Ver­mark­tung kos­ten­frei zu über­neh­men. Die­sem aus­beu­te­ri­schen Ansin­nen tritt der BBK ent­ge­gen, indem der Bun­des­ver­band zum Bei­spiel eine Publi­ka­ti­on mit Hono­rar­emp­feh­lun­gen für Aus­stel­lungs­ho­no­ra­re her­aus­ge­ge­ben hat, die über des­sen Web­sei­te zu bezie­hen ist und bei Ver­hand­lun­gen ver­wen­det wer­den soll­te. Frei­lich ist die Markt­macht des Künst­lers gering und für vie­le fami­li­är kofi­nan­zier­te Künst­le­rin­nen und Künst­ler scheint immer noch die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit pri­mä­re Moti­va­ti­on und Lohn genug zu sein.


Wie lan­ge sind Sie selbst Vor­sit­zen­der und wor­in sehen Sie Ihren Schwerpunkt?

Ger­hard Schlöt­zer: Vor­sit­zen­der bin ich seit Mit­te 2014, zuvor war ich stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der, Schrift­füh­rer und Jury­mit­glied. Mein Schwer­punkt sind die berufs­po­li­ti­schen Zie­le unse­res Ver­ban­des und deren Umset­zung vor Ort. Auch für die Rea­li­sie­rung eines Aus­stel­lungs­rau­mes für zeit­ge­nös­si­sche Bil­den­de Kunst und ver­wand­te Kul­tur­spar­ten im gesam­ten Gebäu­de des Bam­ber­ger Kes­sel­hau­ses setz­te ich mich zusam­men mit ande­ren seit 2011 ein.


Wo möch­te der Ver­ein sich in Zukunft hin ent­wi­ckeln? Haben Sie aktu­ell Pläne?

Ger­hard Schlöt­zer: Wir sind in die­sem Jahr auf einen ganz guten Weg hin zur Pro­fes­sio­na­li­sie­rung unse­rer Ver­wal­tungs­pro­zes­se gekom­men. Das ist schon mal ermu­ti­gend. Ich wür­de ger­ne mehr Syn­er­gien mit ande­ren kul­tur­tra­gen­den Insti­tu­tio­nen, Ver­ei­nen und Initia­ti­ven auf den Weg brin­gen. Hier ist als guter Ansatz der Run­de Tisch Kul­tur in Bam­ber zu nen­nen… Plä­ne gibt es vie­le, aber ehren­amt­lich ver­füg­ba­re Zeit ist rar.

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