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Villa Dessauer

Abwechs­lungs­rei­ches Pro­gramm für 2026 geplant

Muse­en der Stadt Bam­berg zie­hen posi­ti­ve Bilanz

Die Muse­en der Stadt Bam­berg kön­nen für 2025 erneut einen Publi­kums­zu­wachs ver­zeich­nen: Knapp 44.000 Gäs­te besuch­ten die Aus­stel­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen im His­to­ri­schen Muse­um und in der Vil­la Des­sau­er, wie die Stadt Bam­berg mitteilt.

So zieht Direk­tor Dr. Fabi­an Ludo­vico, seit 1. Mai 2025 im Amt, eine posi­ti­ve Bilanz: „Die Besuchs­zah­len konn­ten sogar gegen­über 2024 noch­mals um 6,5 % gestei­gert wer­den und das, obwohl mit der Samm­lung Lud­wig im Alten Rat­haus ein Stand­ort wegen der anste­hen­den Sanie­rungs­ar­bei­ten geschlos­sen ist.“ Zusätz­lich zähl­te die Muse­ums Ser­vice GmbH in St. Eli­sa­beth über 107.000 Gäs­te, die sich vor allem für die ein­drucks­vol­len Kir­chen­fens­ter von Mar­cus Lüpertz interessierten.

Im His­to­ri­schen Muse­um erfuhr die Jubi­lä­ums­schau „Vor 1000 Jah­ren. Leben am Hof von Kuni­gun­de und Hein­rich II.“ bis Ende April 2025 einen sehr gro­ßen Zuspruch. Die Som­mer­sai­son star­te­te mit der Inter­ven­ti­on „Re-Call“, die in der Gemäl­de­ga­le­rie „Bil­der­spa­zier­gang“ zeit­ge­nös­si­sche Kunst inter­na­tio­na­ler Künst­le­rin­nen und Künst­ler mit aus­ge­wähl­ten Objek­ten der Samm­lung in Bezie­hung setz­te. Die Son­der­aus­stel­lung „Wünsch dir was! Make a Wish!“, die noch bis 22. März 2026 zu sehen ist, lock­te eben­falls bereits ein gro­ßes Publi­kum an. In der Vil­la Des­sau­er waren die „Foto­gra­fi­schen Insze­nie­run­gen“ des Bam­ber­ger Foto­gra­fen Uwe Gaasch ein star­ker Anzie­hungs­punkt. Auch der Berufs­ver­band bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler – BBK Ober­fran­ken und der Kunst­ver­ein Bam­berg e.V. prä­sen­tier­ten hier Ihre Aus­stel­lun­gen mit gro­ßem Erfolg.

Die Ange­bo­te der Kul­tu­rel­len Bil­dung wur­den 2025 von rund 1.000 Per­so­nen mehr als im Vor­jahr wahr­ge­nom­men und brach­ten es damit auf knapp 4.400 Teil­nah­men. Beson­ders beliebt waren die Gesprä­che mit den Künst­le­rin­nen und Künst­lern im Rah­men­pro­gramm der Son­der­aus­stel­lun­gen. Dar­über hin­aus hat sich auch die Vor­trags­rei­he „Uni im Muse­um“ als erfolg­rei­ches For­mat eta­bliert und geht inzwi­schen in die vier­te Run­de. Sehr gefragt sind zudem die Ange­bo­te für Kita-Grup­pen und Schul­klas­sen sowie Kin­der­ge­burts­ta­ge im Muse­um. „Die­ser Zuspruch bestärkt uns in unse­rer Arbeit“, betont Dr. des. Eleo­no­ra Cagol, Kura­to­rin für die Kul­tu­rel­le Bil­dung der Muse­en der Stadt Bamberg.


Das war­tet 2026 auf die Besu­che­rin­nen und Besucher

Auch 2026 bie­ten die Muse­en der Stadt Bam­berg ein viel­sei­ti­ges Ange­bot an Aus­stel­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen an. „Wir sind sehr dank­bar, dass wir unse­ren Gäs­ten trotz der ange­spann­ten Finanz­la­ge ein sol­ches Ange­bot machen kön­nen. Hier­zu ist es erfor­der­lich, dass wir uns auf zen­tra­le The­men und beson­ders stark nach­ge­frag­te Ange­bo­te kon­zen­trie­ren. Maß­geb­lich für das Gelin­gen sind dabei auch in die­sem Jahr die groß­zü­gi­gen För­de­run­gen unse­rer ver­läss­li­chen Unter­stüt­zer,“ merkt Dr. Fabi­an Ludo­vico hier­zu an.

Im Zen­trum des dies­jäh­ri­gen Pro­gramms ste­hen zwei gro­ße Son­der­aus­stel­lun­gen. Im His­to­ri­schen Muse­um wird vom 27. März bis zum 1. Novem­ber 2026 die „Mau­ern der Macht. Die Alte Hof­hal­tung in Bam­berg“ zu sehen sein. Die Alte Hof­hal­tung selbst bil­det dabei das Herz­stück der Schau: Als bedeu­ten­der Schau­platz Bam­ber­ger Stadt­ge­schich­te steht sie seit über ein­tau­send Jah­ren auf dem Dom­berg. Hier ver­weil­ten einst Kai­ser, Bischö­fe und Ade­li­ge, umge­ben von Bediens­te­ten, Hand­wer­kern und ande­ren Bewoh­nern. Die Aus­stel­lung macht die­sen his­to­ri­schen Ort erleb­bar und zeigt, wie Macht, All­tag und gesell­schaft­li­ches Leben in der Alten Hof­hal­tung eng mit­ein­an­der ver­bun­den waren.

In der Vil­la Des­sau­er fin­det vom 1. Okto­ber 2026 bis 28. Febru­ar 2027 die Son­der­aus­stel­lung „Licht­ak­kord. Andre­as Her­zau foto­gra­fiert die Bam­ber­ger Sym­pho­ni­ker“ statt. Her­zau (1962–2024) beglei­te­te die Bam­ber­ger Sym­pho­ni­ker über meh­re­re Jah­re, sowohl in ihrer Hei­mat Bam­berg, als auch auf meh­re­ren Kon­zert­tour­neen. Ent­stan­den ist ein viel­ge­stal­ti­ges Por­trät des inter­na­tio­nal renom­mier­ten Orches­ters. Die Aus­stel­lung ent­steht in Koope­ra­ti­on mit der Stif­tung F.C. Gund­lach in Ham­burg, den Bam­ber­ger Sym­pho­ni­kern und dem Inter­na­tio­na­len Künst­ler­haus Vil­la Con­cor­dia in Bam­berg, wo vom 15.12.2026 bis 24.01.2027 eben­falls eine Aus­wahl von Her­zaus Sym­pho­ni­ker-Fotos gezeigt wird.

Dane­ben wird im His­to­ri­schen Muse­um eine Prä­sen­ta­ti­on zum 250. Geburts­tag E.T.A. Hoff­manns im „E.T.A. Hoff­mann-Tanz­saal“ gezeigt, die von meh­re­ren Ver­an­stal­tun­gen beglei­tet wird. Und eben­falls fin­det dort die Inter­ven­ti­on „Feu­er. Far­be. Licht – Email­le­wel­ten“ mit den wun­der­ba­ren Arbei­ten der Künst­le­rin Nora Kovats statt, die 2025 das Kunst­sti­pen­di­um Bam­berg erhielt.

Mit Eröff­nung der Son­der­aus­stel­lung „Mau­ern der Macht“ sind dann auch wie­der die kost­ba­ren Samm­lun­gen der Welt­erbe­stadt in den ver­schie­de­nen Dau­er­aus­stel­lun­gen zu sehen. Dazu zäh­len unter ande­rem „Bil­der­spa­zier­gang“, „Eine neue Zeit bricht an“, „Jüdi­sches in Bam­berg“ und eine Stu­dio­aus­stel­lung von Samm­lungs-High­lights des His­to­ri­schen Ver­eins Bamberg.

“Mehr und Weniger”

Jah­res­aus­stel­lung des BBK Ober­fran­ken in der Vil­la Dessauer

Vom 11. Okto­ber bis 23. Novem­ber ver­an­stal­tet der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken e.V. (BBK Ober­fran­ken) sei­ne Jah­res­aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er. Ger­hard Schlöt­zer, Vor­stand des Ver­eins, stand uns für ein Inter­view zur Verfügung.
Herr Schlöt­zer, der BBK Ober­fran­ken lädt zu sei­ner Jah­res­aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er ein. In die­sem Jahr unter dem Titel „Mehr und Weni­ger“. Was ver­birgt sich dahinter?

Ger­hard Schlöt­zer: Eine sehr reich­hal­ti­ge und viel­ge­stal­ti­ge Aus­stel­lung pro­fes­sio­nel­ler Kunst aus Ober­fran­ken, von Künst­le­rin­nen und Künst­lern, die ihren Wir­kungs­schwer­punkt hier haben, aber natür­lich auch über­re­gio­nal ver­netzt sind. Das alle aus­ge­stell­ten Wer­ke ver­bin­den­de The­ma ist das Span­nungs­ver­hält­nis von Mehr und Weni­ger. Von nicht genug und schon zu viel, von Eska­la­ti­ons­dy­na­mik und bewusst gewähl­tem Mini­ma­lis­mus. Die­se Span­nung ent­steht in allen Berei­chen mensch­li­cher Inter­ak­ti­on, muss tariert und aus­ge­hal­ten wer­den. Sie liegt fast allen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen zugrun­de. Und vor allem im künst­le­ri­schen Schaf­fen ist die Fra­ge von Mehr und Weni­ger eine stän­di­ge Beglei­te­rin: Wie­viel tun, bis das Werk gut ist? Wann auf­hö­ren?
Uns als BBK fällt es auch schwer, auf­zu­hö­ren, denn nach­dem die Aus­stel­lung am 23. Novem­ber in der Vil­la Des­sau­er schließt, wan­dert sie wei­ter in die Aus­stel­lungs­hal­le des Neu­en Rat­hau­ses Bay­reuth und eröff­net dort in einer etwas klei­ne­ren Ver­si­on am 3. Dezem­ber um 18 Uhr.


Wie vie­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus wel­chen Gen­res betei­li­gen sich in die­sem Jahr und was zei­gen sie im Besonderen?

Ger­hard Schlöt­zer: Die­ses Jahr sind es 34 Aus­stel­le­rin­nen und Aus­stel­ler, die sich mit Wer­ken oder Werkse­ri­en aus den Gen­res Zeich­nung, Film, Male­rei, Skulp­tur, Instal­la­ti­on, Papier­kunst, Objekt­kunst, Glas­kunst, Kera­mik, Tex­til­kunst, Foto­gra­fie und Mate­ri­al­kunst an der Aus­stel­lung betei­li­gen. Man­che von ihnen enga­gie­ren sich mit Füh­run­gen und Work­shops im umfang­rei­chen Begleit­pro­gramm.
In vie­len Fäl­len ist das ein­ge­setz­te Mate­ri­al Aus­gangs­punkt der künst­le­ri­schen Beschäf­ti­gung, indem es durch sei­ne Eigen­schaf­ten mehr oder weni­ger ver­än­dern­des Ein­grei­fen zulässt oder schon einen gewis­sen For­men­vor­rat anbie­tet, aus dem sich dann ein Gestal­tungs­pro­zess ent­wi­ckelt. So ist das zum Bei­spiel bei Johan­nes Schrei­ber, der von glä­ser­nen Bier­fla­schen aus­geht, sie zer­teilt, erhitzt, ver­biegt und die Ein­zel­tei­le neu anord­net. Bei Maria Söll­ner sind es ver­schie­den Arten von Pap­pen, die zer­schnit­ten und in Schau­käs­ten prä­sen­tiert Struk­tur­bil­der ent­ste­hen las­sen. Hubert Sowa zeigt einen klei­nen Aus­schnitt von cir­ca 600 klein­for­ma­ti­gen Zeich­nun­gen aus sei­nem 1.600 Zeich­nun­gen umfas­sen­den „Kro­nach Kor­pus“, die emblem­haft dar­ge­stellt All­tags­tä­tig­kei­ten zei­gen.
Anläss­lich des 100. Geburts­ta­ges unse­res lang­jäh­ri­gen, vor zwei Jah­ren ver­stor­be­nen Mit­glieds Ger­trud Tur­ban ist ein Raum der Vil­la Des­sau­er ihren Land­schafts­ma­le­rei­en gewidmet.

„Durch­stieg“, Foto: Adel­bert Heil
Was ist zudem bei der „Lan­gen Nacht“ zu erwarten?

Ger­hard Schlöt­zer: Am Sams­tag, dem 15. Novem­ber, ist die Aus­stel­lung bei frei­em Ein­tritt auch von 18 bis 24 Uhr für das Publi­kum geöff­net. Katha­ri­na Heub­ner wird gleich um 18:30 Uhr eine inter­ak­ti­ve Füh­rung durch die Räu­me anbie­ten, die die Wahr­neh­mungs­ka­nä­le vom Visu­el­len auf das Hören und Rie­chen erwei­tert. Von 20 bis 22 Uhr gibt es ein Kon­zert des Tri­os „One, Two, Three – Test“ mit Sounds aus Gitar­ren, Bass, E‑Piano und Glas­schleif­ma­schi­ne. Es lohnt sich, im Lau­fe des Abends ein­fach mal rein­zu­schau­en und Freun­de mit­zu­brin­gen. Außer­dem gibt es wie­der die obli­ga­to­ri­schen Getränke.

Seit wann gibt es den BBK Ober­fran­ken und wie ist der Ver­ein entstanden?

Ger­hard Schlöt­zer: Der BBK für Ober- und Unter­fran­ken wur­de am 5. Mai 1947 im Café Mül­ler in der Austra­ße gegrün­det. Seit die­ser Zeit ist er zusam­men mit dem Kunst­ver­ein einer der wesent­li­cher Trä­ger der Bil­den­den Kunst in Bam­berg. Spä­ter hat sich der BBK Unter­fran­ken in Würz­burg ange­sie­delt und wir waren nur noch für Ober­fran­ken zustän­dig. Dann haben die Regio­nal­ver­bän­de sich ihre Lan­des­ver­bän­de und den BBK-Bun­des­ver­band als ihre Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen geschaf­fen, die unse­re wich­ti­gen kul­tur­po­li­ti­schen Anlie­gen auf den jewei­li­gen Ebe­nen vertreten.


Wel­che Künst­le­rin­nen und Künst­ler kön­nen dem BBK Ober­fran­ken bei­tre­ten und wie läuft das Auf­nah­me­ver­fah­ren ab?

Ger­hard Schlöt­zer: Alle pro­fes­sio­nel­len Künst­le­rin­nen und Künst­ler. Also sol­che, die eine abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung an einer deut­schen Kunst­hoch­schu­le oder Aka­de­mie oder an einer ver­gleich­ba­ren aus­län­di­schen Insti­tu­ti­on haben. Und alle ohne die­se Aus­bil­dung, die pro­fes­sio­nel­len Kri­te­ri­en genü­gen. Die­se Kri­te­ri­en sind auf unse­rer Web­sei­te genannt und rich­ten sich nach denen unse­res Bun­des­ver­ban­des. Wir haben eine von den Mit­glie­dern gewähl­te Jury, die Werk­pro­ben von Bewer­bern begut­ach­tet und über die Auf­nah­me ent­schei­det. Ins­ge­samt kann man sich bis zu drei Mal bewer­ben. Bei Künst­le­rin­nen und Künst­lern mit ein­schlä­gi­ger Aus­bil­dung oder bei Über­trit­ten aus ande­ren BBKs ent­fällt die Jurierung.


Wie vie­le Mit­glie­der aus wel­chen ver­schie­de­nen Kunst­spar­ten zäh­len Sie aktu­ell und was macht eine Mit­glied­schaft im Ver­ein für die Künst­le­rin­nen und Künst­ler zudem aus?

Ger­hard Schlöt­zer: Aktu­ell haben wir 176 Mit­glie­der aus allen Kunst­spar­ten. Das geht von Per­for­mance bis zur Zeich­nung. Die Bil­den­de Kunst hat ja ihren Wir­kungs­be­reich seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts immer wei­ter ver­grö­ßert, weit in die dar­stel­len­den Küns­te hin­ein. Ob etwas Kunst ist oder nicht erweist sich weni­ger durch das gewähl­te Gen­re oder die Tech­nik, son­dern durch die Hal­tung, die hin­ter der Pro­duk­ti­on steht.

Außer den spo­ra­di­schen Aus­stel­lungs­mög­lich­kei­ten und der damit ver­bun­de­nen öffent­li­chen Auf­merk­sam­keit für unse­re Mit­glie­der ist unser Haupt­exis­tenz­zweck, ein mög­lichst wirk­sa­mer Lob­by-Ver­band für die Inter­es­sen der gesam­ten Künst­ler­schaft zu sein. Da wur­de schon eini­ges bewirkt, vor allem durch unse­ren Bun­des­ver­band. Die Künst­ler­so­zi­al­kas­se und die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Bild – Kunst gehen haupt­säch­lich auf sei­ne Initia­ti­ve und sein Wir­ken zurück. Es gibt aber auch noch vie­le Baustellen.

„Leer­gut-Schlan­gen“. Foto: Johan­nes Schreiber
Wel­che sind die wei­ter­füh­ren­den Auf­ga­ben des Vereins?

Ger­hard Schlöt­zer: Hier kann ich an mei­ne vor­he­ri­ge Ant­wort anschlie­ßen. Eine der vie­len Bau­stel­len, die es zu bear­bei­ten gilt, ist die bei einem Groß­teil der Künst­le­rin­nen und Künst­ler äußerst pre­kär hono­rier­te Berufs­aus­übung, die im Kon­trast steht zu den voll­mun­di­gen Ver­spre­chen in vie­len Län­der­ver­fas­sun­gen. In Bay­ern ist das der Arti­kel 140: „Kunst und Wis­sen­schaft sind von Staat und Gemein­de zu för­dern. Sie haben ins­be­son­ders Mit­tel zur Unter­stüt­zung schöp­fe­ri­scher Künst­ler, Gelehr­ter und Schrift­stel­ler bereit­zu­stel­len, die den Nach­weis erns­ter künst­le­ri­scher oder kul­tu­rel­ler Tätig­keit erbrin­gen.“ In vie­len Fäl­len ist es nicht mög­lich, aus kom­mu­na­ler Kul­tur­för­de­rung auch nur annä­hernd dem Min­dest­lohn ent­spre­chen­de Hono­ra­re für Kul­tur­schaf­fen­de zu bezah­len, wenn sie für öffent­lich prä­sen­tier­te Kul­tur­pro­jek­te tätig sind. Die Kom­mu­nen reden sich mit der ver­meint­li­chen Frei­wil­lig­keit die­ser Leis­tun­gen her­aus. In der Bil­den­den Kunst ist der Fall noch­mals kom­pli­zier­ter, weil mit der immer sel­te­ner rea­li­sier­ten Hoff­nung auf Werk­ver­käu­fe die Erwar­tung an Künst­ler ver­knüpft wird, die kom­plet­te Ket­te von der Erstel­lung der Wer­ke bis zur deren Prä­sen­ta­ti­on und Ver­mark­tung kos­ten­frei zu über­neh­men. Die­sem aus­beu­te­ri­schen Ansin­nen tritt der BBK ent­ge­gen, indem der Bun­des­ver­band zum Bei­spiel eine Publi­ka­ti­on mit Hono­rar­emp­feh­lun­gen für Aus­stel­lungs­ho­no­ra­re her­aus­ge­ge­ben hat, die über des­sen Web­sei­te zu bezie­hen ist und bei Ver­hand­lun­gen ver­wen­det wer­den soll­te. Frei­lich ist die Markt­macht des Künst­lers gering und für vie­le fami­li­är kofi­nan­zier­te Künst­le­rin­nen und Künst­ler scheint immer noch die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit pri­mä­re Moti­va­ti­on und Lohn genug zu sein.


Wie lan­ge sind Sie selbst Vor­sit­zen­der und wor­in sehen Sie Ihren Schwerpunkt?

Ger­hard Schlöt­zer: Vor­sit­zen­der bin ich seit Mit­te 2014, zuvor war ich stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der, Schrift­füh­rer und Jury­mit­glied. Mein Schwer­punkt sind die berufs­po­li­ti­schen Zie­le unse­res Ver­ban­des und deren Umset­zung vor Ort. Auch für die Rea­li­sie­rung eines Aus­stel­lungs­rau­mes für zeit­ge­nös­si­sche Bil­den­de Kunst und ver­wand­te Kul­tur­spar­ten im gesam­ten Gebäu­de des Bam­ber­ger Kes­sel­hau­ses setz­te ich mich zusam­men mit ande­ren seit 2011 ein.


Wo möch­te der Ver­ein sich in Zukunft hin ent­wi­ckeln? Haben Sie aktu­ell Pläne?

Ger­hard Schlöt­zer: Wir sind in die­sem Jahr auf einen ganz guten Weg hin zur Pro­fes­sio­na­li­sie­rung unse­rer Ver­wal­tungs­pro­zes­se gekom­men. Das ist schon mal ermu­ti­gend. Ich wür­de ger­ne mehr Syn­er­gien mit ande­ren kul­tur­tra­gen­den Insti­tu­tio­nen, Ver­ei­nen und Initia­ti­ven auf den Weg brin­gen. Hier ist als guter Ansatz der Run­de Tisch Kul­tur in Bam­ber zu nen­nen… Plä­ne gibt es vie­le, aber ehren­amt­lich ver­füg­ba­re Zeit ist rar.

Werk­schau in der Vil­la Dessauer

Uwe Gaasch. Foto­gra­fi­sche Inszenierungen

Bis zum 14. Sep­tem­ber ist in der Vil­la Des­sau­er eine Werk­schau des Bam­ber­ger Foto­gra­fen Uwe Gaasch zu sehen. Hat er sich zunächst über Jahr­zehn­te einen Namen in der Archi­tek­tur­fo­to­gra­fie gemacht, gibt die­se Aus­stel­lung einen Ein­blick in die Kunst­fo­to­gra­fie, der er sich mitt­ler­wei­le seit gerau­mer Zeit auch widmet.

Ande­re wür­den ver­mut­lich meh­re­re Leben benö­ti­gen, um eine der­ar­ti­ge Viel­falt an Erfah­run­gen zu sam­meln und erfolg­reich in so vie­len und unter­schied­li­chen Berei­chen zu sein wie Uwe Gaasch. Nach sei­ner Aus­bil­dung zum Foto­gra­fen und rund zehn­jäh­ri­ger Tätig­keit in die­sem Beruf betrieb er zwi­schen­durch sei­ne wei­te­re Pas­si­on als Musi­ker eine Zeit lang pro­fes­sio­nell, um dann von der Büh­ne zur Foto­gra­fie zurück­zu­keh­ren, in die­sem Fall zunächst beim Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge in Schloss See­hof zur doku­men­ta­ri­schen Foto­gra­fie. Als Archi­tek­tur­fo­to­graf hat er sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten einen Namen gemacht und ist suk­zes­si­ve zusätz­lich zur Kunst­fo­to­gra­fie gekom­men. Zehn Jah­re nach sei­ner letz­ten Aus­stel­lung in der Hof­hal­tung kehrt er nun in die Muse­en der Stadt Bam­berg zurück. In der Vil­la Des­sau­er ist die Werk­schau „Uwe Gaasch. Foto­gra­fi­sche Insze­nie­run­gen“ vom 6. Juni bis zum 14. Sep­tem­ber don­ners­tags bis sonn­tags sowie an Fei­er­ta­gen jeweils von 12 bis 18 Uhr zu sehen.


„Malen im digi­ta­len Bereich“

Für Auri Tusa von den Muse­en der Stadt Bam­berg ist die­se Werk­schau die ers­te Aus­stel­lung, die sie eigen­ver­ant­wort­lich kura­tiert. Und sie hat gro­ßen Spaß an der Zusam­men­ar­beit mit Uwe Gaasch und des­sen Gat­tin Sabri­na Catow­iez, wie sie bereits zum Gesprächs­ein­stieg her­aus­hebt. „Die Zusam­men­ar­beit ist unglaub­lich toll“, betont auch Uwe Gaasch. „Und das Schö­ne ist, dass es alle Betei­lig­ten hier auch so sehr freut.“

Sei­ne Gat­tin Sabri­na beglei­tet und unter­stützt ihn schon seit Jah­ren in sei­ner Tätig­keit in der Archi­tek­tur­fo­to­gra­fie und auch bei die­ser Werk­schau trägt Sabri­na Catow­iez, selbst Musi­ke­rin und Male­rin, einen ent­schei­den­den Teil zum Gelin­gen bei. „Sie ist mei­ne mora­li­sche Stüt­ze. Sie ist ja selbst Male­rin und ihr Know-how, was Aus­stel­lun­gen anbe­langt, war da sehr wich­tig. Das ist für mich eine gute Sache, als Der­je­ni­ge, der aus der Archi­tek­tur­fo­to­gra­fie kommt. Die­se Kunst­form ist eine ganz ande­re Schie­ne, die ich da jetzt fah­re.“ Die­se Rich­tung hat bei ihm in den letz­ten Jah­ren Fahrt auf­ge­nom­men. Er greift dabei auch auf sein Know-how aus der Archi­tek­tur­fo­to­gra­fie zurück, die ein sehr akri­bi­sches Arbei­ten vor­aus­setzt, was ihm in der künst­le­ri­schen Arbeit auch sehr ent­ge­gen­kommt, aller­dings sei im Hin­ter­kopf auch immer der hohe Anspruch, den er hat, „weil man aus der ana­lo­gen Welt kommt und weiß, wie hoch­qua­li­ta­tiv die Grund­la­ge eines Nega­tivs ist. Das ist schon eine ande­re Nummer.“

Auri Tusa kam vor zwei Jah­ren aus Finn­land nach Deutsch­land und ist seit Juni ver­gan­ge­nen Jah­res als Volon­tä­rin bei den Muse­en der Stadt Bam­berg tätig. „Im Okto­ber wur­de mir die­ses Pro­jekt über­tra­gen“, erzählt sie, die zuvor kura­tie­rend an der Aus­stel­lung „Dunst“ von Alex Hojen­ski im Kes­sel­haus mit­ge­wirkt hat. „Es ist das ers­te Pro­jekt, das ich ver­ant­wort­lich betreue. Zunächst ist Alles neu für mich gewe­sen. Aber es ist eigent­lich ein­fa­cher gelau­fen als ich dach­te“, so Frau Tusa. „Die gesam­ten Vor­be­rei­tun­gen und die Bild­aus­wahl mit Sabri­na und Uwe waren toll. Wir haben uns immer gut aus­ge­tauscht, das ist alles sehr ent­spannt gelau­fen“, berich­tet sie.

„Es geht ja nicht oder nur am Ran­de um Archi­tek­tur in dem Fall, viel­mehr um Natur und Alles, was so kreucht und fleucht. Also das ist eine ganz neue Ange­le­gen­heit, die ich da schaf­fe. Ich kann es sel­ber noch nicht so rich­tig erklä­ren. Malen im digi­ta­len Bereich“, erläu­tert Uwe Gaasch und wirkt einer­seits nach­denk­lich und gleich­zei­tig fas­zi­niert von sich selbst und sei­nem erfolg­rei­chen Wir­ken auch in die­sem neue­ren Bereich. „So ist es bei mir immer. Das sind Din­ge, die sich ent­wi­ckeln, also jetzt auch wie­der, es wird immer grö­ßer. Dann kriegst du immer wie­der Angst davor, und dann denkst du: ach naja, so schlimm ist das gar nicht.“


Unge­si­chert am Jungfrauenturm

Neben sei­ner Arbeit in der Foto­gra­fie war Uwe Gaasch auch immer neben­her musi­ka­lisch tätig und Ende der 70er, Anfang der 80er Jah­re dann auch etwa zwei­ein­halb Jah­re als Pro­fi­mu­si­ker mit sei­ner Band Skin, spä­ter REVOLVER, unter­wegs und hat­te die Foto­gra­fie zeit­wei­se ad acta gelegt.

„Wir haben einen Plat­ten­ver­trag bei der Elec­tro­la gehabt, wir haben einen Pro­du­zen­ten gehabt, der auch die Scor­pi­ons und Tina Tur­ner pro­du­ziert hat, und Fritz Rau war unser Mana­ger. Das war so gut, was Bes­se­res kann dir gar nicht pas­sie­ren“, blickt Uwe Gaasch zurück. Den­noch ver­ließ er die Band – blieb aller­dings der Musik treu – und fand nach ein paar Jah­ren on Tour zurück zur Foto­gra­fie. Er kam zunächst zum Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge nach Schloss See­hof, wo sei­ne Auf­ga­be die doku­men­ta­ri­sche Foto­gra­fie war, also Alles, was damals schon restau­riert und umge­baut wur­de, wur­de von ihm doku­men­tiert. „Und plötz­lich kam das Ange­bot, die Denk­mal­lis­te des Land­krei­ses Tir­schen­reuth in der Ober­pfalz zu bebil­dern. Das war ein Pilot­pro­jekt, das ers­te Mal, dass eine Denk­mal­lis­te bebil­dert wur­de“, so Uwe Gaasch. „Und ich bin mit einem alten VW-Käfer, oder spä­ter mit einem alten Citro­en, durch die Ober­pfalz gefah­ren und habe foto­gra­fiert, das war wunderschön.“

Sein Radi­us ent­wi­ckel­te sich stets wei­ter, zuerst bay­ern­weit, dann kamen Auf­trä­ge in Hes­sen dazu, unter ande­rem vom Insti­tut für Kon­ser­vie­rung und Restau­rie­rung in Ful­da, danach von gro­ßen Restau­rie­rungs­fir­men, wo es sei­ne Auf­ga­be war, mit der Kame­ra Fas­sa­den, innen wie außen, foto­gra­fisch abzu­wi­ckeln, um die Grund­la­ge für die Scha­dens­kar­tie­rung zu lie­fern. Die Ent­wick­lung ging wei­ter über Bur­gen am Nie­der­rhein, alte Her­ren­häu­ser, den Bre­mer Dom und die Dresd­ner Frau­en­kir­che bis zur Muse­ums­in­sel Ber­lin, wo er zwei Jah­re lang tätig war. Und schließ­lich führ­te ihn die Foto­gra­fie auch nach Aser­bai­dschan. „Ich muss es immer nen­nen, weil es so wit­zig war, die eine Woche am UNESCO-Welt­kul­tur­er­be, in Baku, die­ser Jung­frau­en­turm am Kas­pi­schen Meer. Das war schon sehr inter­es­sant, vor allem die Siche­run­gen, die sie da hat­ten, also eigent­lich kei­ne“, berich­tet er und lacht.

Uwe Gaasch mit Sabri­na Catow­iez (links) und Auri Tusa. Foto: Manu­el Werner

Spä­ter kam das Deut­sche Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum für Kunst­ge­schich­te (Bild­ar­chiv Foto Mar­burg) als Auf­trag­ge­ber dazu, für das Uwe Gaasch bis heu­te tätig ist. Von dort kamen und kom­men Auf­trä­ge für Doku­men­ta­tio­nen von his­to­ri­schen Gebäu­den vor allem in Ost­deutsch­land oder spe­zi­el­le Foto­kam­pa­gnen in Zusam­men­ar­beit mit den Aka­de­mien der Wis­sen­schaf­ten betref­fend baro­cke Decken- und Wand­ma­le­rei­en in Deutsch­land. Die künst­le­ri­sche Foto­gra­fie, um die es in der Aus­stel­lung geht, hat er nach und nach für sich ent­deckt, die­se hat sich par­al­lel dazu ent­wi­ckelt. „Das ist stär­ker gewor­den über die letz­ten Jah­re“, berich­tet sei­ne Gat­tin Sabri­na Catow­iez, der Ver­kauf von Bil­dern aus der künst­le­ri­schen Schie­ne habe zuge­nom­men, es gehe in die Grö­ße, auch Din A2 und auf­wärts sei­en gefragt.

Was par­al­lel läuft, ist, dass Bil­der in Bam­berg zum Bei­spiel im Hof­bräu und im Hof­ca­fé hän­gen, um die Räu­me zu ver­zie­ren. „Die wer­den so alle hal­be Jah­re aus­ge­tauscht oder ergänzt. Es sind ja im Hof­ca­fé und im Hof­bräu zwei ver­schie­de­ne Kli­en­tel, die da ein- und aus­ge­hen. Und das macht die Sache schon inter­es­sant, weil da auch immer wie­der was gekauft wird“, erzählt Uwe Gaasch. Dar­um geht es natür­lich, er möch­te auch davon leben, aber span­nend sind für ihn auch Aus­stel­lun­gen wie jetzt in der Vil­la Des­sau­er, auf die er sich sehr freut. „Das ist natür­lich schon eine tol­le Sache. Und in der Rich­tung wird es womög­lich wei­ter­ge­hen. Die Leu­te, die bis­her mei­ne Bil­der gese­hen haben, sind da sehr ange­tan. Das macht mir natür­lich auch sehr viel Mut, das auf jeden Fall in die­sem Stil wei­ter zu betrei­ben“, so Uwe Gaasch vol­ler Vorfreude.

Man neh­me als Archi­tek­tur­fo­to­graf immer etwas mit und ent­de­cke auch immer mehr, auch auf Grund­la­ge älte­rer Datei­en, was man damit auch alles künst­le­risch machen kann. Ver­frem­dun­gen nennt er als Bei­spiel. Das ist auch eine sei­ner Spe­zia­li­tä­ten. „Es läuft immer dar­auf hin­aus, dass ich qua­si am Com­pu­ter dann eher male. Das ist schwer zu erklä­ren, man muss das sehen.“ Die­se Mög­lich­keit gibt es ab 6. Juni in der Aus­stel­lung. Auch Col­la­gen, wie die Bil­der „Bade­meis­ter“ oder „Die Ente bleibt drin­nen“, ent­hält die Schau. Im ers­ten Fall foto­gra­fier­te er das his­to­ri­sche Char­lot­ten­bur­ger Stadt­bad, im zwei­ten Fall eine aus­ran­gier­te IBAG-Hal­le, die – unter Denk­mal­schutz – in Neu­stadt an der Wein­stra­ße steht. „Die hast du digi­tal geflu­tet“, grinst Sabri­na Catow­iez. Und die sepa­rat foto­gra­fier­te Ente wur­de dann digi­tal hin­zu­ge­fügt. 13 Räu­me und einen Kas­sen­raum nimmt die Aus­stel­lung ein, etwa neun­zig Bil­der wer­den ins­ge­samt zu sehen sein, jeder Raum wid­met sich einem The­ma. Ein gan­zer Raum mit Tier­fo­tos, Berg­land­schaf­ten, Bam­ber­ger Pop­Art oder „Mari­ti­mes von der Ost­see“. Eine der­art gro­ße Men­ge an zur Aus­wahl ste­hen­den Fotos hat­te Auri Tusa nicht erwar­tet, erin­nert sie sich. „Ich hat­te gehört, dass Uwe die Kunst­fo­to­gra­fie seit ein paar Jah­ren macht. Ich habe aber nicht mit so einer Rie­sen­men­ge und so einer Band­brei­te an The­men und Moti­ven gerech­net.“ Etwa zwei Drit­tel der Wer­ke sind im A2-For­mat oder klei­ner, von Uwe Gaasch selbst gedruckt, der Rest sind Groß­for­ma­te. Ent­stan­den sind die meis­ten der aus­ge­stell­ten Wer­ke in den Jah­ren 2023 und 2024.

„Wir haben aus einer Ita­li­en-Rei­se in einem Raum eine Serie zu einem Ligu­ri­schen Tun­nel mit ganz wil­den Far­ben zusam­men­ge­stellt. Das ist ein sehr span­nen­des The­ma“, erzählt Auri Tusa. Die­ser 1,5 Kilo­me­ter lan­ge Tun­nel war der ers­te Eisen­bahn­tun­nel, der gebaut wur­de und als sol­cher dien­te er auch lan­ge Zeit. Bis dann ein Fahr­rad- und Fuß­weg dar­aus wur­de. Mit der Zeit haben sich wie in einer Tropf­stein­höh­le Abla­ge­run­gen gebil­det, auch Was­ser, das dann immer wie­der her­un­ter tropf­te. „Da haben sich vor allem unglaub­li­che Far­ben her­aus­ge­bil­det, irgend­wie aus­ge­blüht. Mate­ria­li­en, die da ver­wen­det wur­den, schil­ler­ten in allen Far­ben“, berich­tet Sabri­na Catow­iez, die den Tun­nel mit Uwe Gaasch beim Spa­zier­gang zufäl­lig ent­deck­te. Die­se Far­ben hat Uwe Gaasch fast eins zu eins über­nom­men, aller­dings noch ver­stärkt. Eine Rei­he die­ser Auf­nah­men gibt es in der Werk­schau zu sehen – unter dem Titel „Ein Tun­nel erwacht zum Leben“.

Er möch­te sich nicht auf irgend­ein spe­zi­el­les The­ma fest­le­gen, betont Uwe Gaasch. Er ent­de­cke in allen Berei­chen irgend­was Inter­es­san­tes. „Auch mit Tie­ren. Ich hät­te das frü­her nie gedacht, dass ich mich als Archi­tek­tur­fo­to­graf mal so ein­schie­ße auf spe­zi­el­le Tie­re, die ich dann auch noch, ohne ihr Ein­ver­ständ­nis qua­si, ein­fär­be“, lacht er. „Also der Peli­kan hät­te mir wahr­schein­lich die Augen ausgepickt.“

„Ich den­ke, es tut dir auch mal gut, zwi­schen­drin, ein­fach mal etwas ande­res zu sehen, Natur, Tie­re, Lebe­we­sen“, ver­mu­tet sei­ne Gat­tin – als Aus­gleich zum stän­di­gen Sehen in senk­rech­ten und waa­ge­rech­ten Dimen­sio­nen. Das hän­ge auch damit zusam­men, meint Uwe Gaasch dazu, dass er unbe­dingt auch mal in die­se ande­re Rich­tung woll­te. Also nicht gezielt, aber es habe ihn dahin womög­lich gedrängt. „Auch mal den Mut zu haben, aus der Natur irgend­was zu machen, für mich sel­ber mal zu ent­wi­ckeln, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Und auch mal der Natur die Mög­lich­keit zu geben, durch mein Hin­zu­tun, Far­be zu zeigen.“

Pas­sen­der­wei­se wird auch die Musik in der Aus­stel­lung prä­sent sein. „Wir haben ein paar Inter­views gedreht“, sagt Frau Tusa. In sei­ner spe­zi­el­len Kunst­fo­to­gra­fie schwin­ge schließ­lich auch Musik mit, sagt Uwe Gaasch. „Das ist für mich schon immer so eine spe­zi­el­le Geschich­te gewe­sen, dass man das auch irgend­wie in Ein­klang bringt“, so Gaasch. „Töne, die in Far­ben umge­setzt wer­den. Das hat viel­leicht auch wirk­lich mit mei­ner Par­al­lel­ge­schich­te als Musi­ker zu tun, die­se Art von Kunst­fo­to­gra­fie, die ich jetzt betrei­be.“ In einem der Raum­ti­tel schwingt auch das Musi­ka­li­sche mit: „Natur im Drei­klang“. Die Raum­ti­tel und ergän­zend jeweils eine kur­ze Beschrei­bung des ent­spre­chen­den Rau­mes wur­den von Manue­la Gramß-Witt­ko ent­wor­fen, die jeweils die Inhal­te gut getrof­fen habe, sind sich alle drei einig. „Der Stil ist lyrisch“, so Sabri­na Catow­iez. „Und sie hat sich dazu auch wirk­lich wun­der­schö­ne Tex­te ein­fal­len lassen.“

Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken e.V.

Vil­la Des­sau­er: Grup­pen­aus­stel­lung „Die Grenze“

Der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken (BBK) geht in sei­ner aktu­el­len Grup­pen­aus­stel­lung auf ein gesell­schaft­lich und poli­tisch sehr rele­van­tes The­ma ein. Unter dem Titel „Die Gren­ze“ wid­men sich 32 Künstler:innen Gren­zen in der Welt, im Kör­per und in der Kunst.

Judith Bau­er-Born­emann, Doris Bocka, Tho­mas Brix, Chris­ti­ne Engels, Fran­zis­ka Erb-Bibo, Rein­hard Feld­rapp und Hen­ri­ke Franz – Frie­de­mann Gott­schald, Tho­mas Gröh­ling, Chris­ti­ne Gru­ber, Ger­hard Hagen, Jan­ni­na Hec­tor und Nina Hein­lein – Kath­rin Hubl, Lucie Kaz­da, Rüdi­ger Klein, Georg Köst­ner, Ruth Loibl, Alex­and­re Madu­rei­ra und Tho­mas Michel – Ger­hard Nerow­ski, Vero­ni­ka Riedl, Kat­rin Schin­ner, Har­riet Schmid, Gud­run Schü­ler, Michae­la Schwarz­mann und Chris­tia­na Sie­ben – Hubert Sowa, Lisa Stöhr, Wer­ner Tögel, Cor­du­la Uter­möh­len und Ute Westi­en zei­gen der­zeit Wer­ke in der Vil­la Dessauer.

Anlass ist die BBK-Aus­stel­lung „Die Gren­ze“, die noch bis 19. Janu­ar 2025 zu sehen sein wird. Mit Ger­hard Schlöt­zer, Vor­sit­zen­der des Ver­bands, haben wir über den Begriff der Gren­ze in sei­nen künst­le­ri­schen Aus­prä­gun­gen und über eini­ge der gezeig­ten Wer­ke gesprochen.



Herr Schlöt­zer, die letzt­jäh­ri­ge Grup­pen­aus­stel­lung des BBK trug den Titel „Zei­ten­wen­de“, für die aktu­el­le haben Sie mit „Die Gren­ze“ einen ähn­lich gewich­ti­gen Titel gewählt. Warum?

Ger­hard Schlöt­zer: Die Gren­ze ist ein uni­ver­sel­les The­ma. Es kann in unter­schied­li­chen Betrach­tungs­wei­sen bestehen und ist so gut wie über­all vor­han­den. Wir vom BBK ste­hen bei der Pla­nung von Aus­stel­lun­gen immer vor dem Wider­spruch, auf der einen Sei­te ein mög­lichst grif­fi­ges The­ma zu haben, das sich gut inhalt­lich bear­bei­ten lässt. Auf der ande­ren Sei­te kön­nen wir durch die Zahl unse­rer Mit­glie­der aber nur auf ein begrenz­tes Ange­bot an Bear­bei­tun­gen eines The­mas zugrei­fen. „Die Gren­ze“ ist kei­ne kura­tier­te Aus­stel­lung, die frei wäre in der Wahl ihrer Künst­ler. Wir wol­len unse­re Leu­te prä­sen­tie­ren. Sie sind alle Pro­fis, arbei­ten aber natür­lich jeweils an ihren eige­nen The­men, die nicht unbe­dingt mit den The­men, die wir uns für unse­re Aus­stel­lun­gen aus­ge­wählt haben, zusam­men­pas­sen müs­sen. Des­we­gen ver­su­chen wir, The­men zu wäh­len, bei denen unse­re Leu­te die Mög­lich­keit haben, neu ange­fer­tig­te oder bereits exis­tie­ren­de Wer­ke unterzubringen.



Was müs­sen die­se Wer­ke haben, um für die Aus­stel­lung aus­ge­wählt zu werden?

Ger­hard Schlöt­zer: Zunächst soll­te es sich um gute Kunst han­deln, die Wer­ke sol­len für die Bam­ber­ger Gesell­schaft eine gewis­se Rele­vanz haben und das The­ma der Aus­stel­lung soll­te auf die eine oder ande­re Wei­se auf­ge­grif­fen wer­den. Damit kön­nen sich die Leu­te dann bewer­ben und eine gewähl­te Jury stellt aus den ein­ge­reich­ten Wer­ken dann eine mög­lichst stim­mi­ge Aus­stel­lung zusam­men, bei der auch die Kor­re­spon­denz der Wer­ke unter­ein­an­der und mit dem Aus­stel­lungs­raum eine wich­ti­ge Rol­le spielt. Eine gewis­se Inter­pre­ta­ti­ons­of­fen­heit im Kon­takt mit den Betrach­tern ist auch von Vor­teil, denn die­se sind neben dem The­ma, dem Künst­ler, der Tech­nik und dem Mate­ri­al wich­ti­ge Betei­lig­te beim Zustan­de­kom­men von Kunst. Des­halb bie­ten wir auch vie­le Begleit­ver­an­stal­tun­gen für das Publi­kum an, die ein­zel­ne Aspek­te des The­mas „Gren­ze“ beleuch­ten und auf die Wer­ke näher eingehen.

Grenze
Lisa Stöhrs „Es dreht sich“. Foto: Sebas­ti­an Quenzer
Tho­mas Gröh­lings „Ent­de­ckung Raum“. Foto: Sebas­ti­an Quenzer


Was ver­bin­det der BBK mit dem Begriff der Grenze?

Ger­hard Schlöt­zer: Wir ver­bin­den mit dem Begriff eine gewis­se Wei­te. Alle Men­schen sind im Lauf des Lebens Gren­zen aus­ge­setzt. Vor allem im Ver­hal­ten zu ande­ren Men­schen sind stän­di­ge Grenz­zie­hun­gen oder Grenz­über­schrei­tun­gen an der Tages­ord­nung. Inso­fern ist es ein umfas­sen­des The­ma, das sich für uns auch, aber nicht nur auf poli­ti­sche Gren­zen bezieht. Und was die betei­lig­ten Künst­ler mit dem Begriff ver­bin­den, kann man in der Aus­stel­lung sehen.



Sie spre­chen die poli­ti­sche Dimen­si­on des Begriffs an. Wie geht die Aus­stel­lung dar­auf ein?

Ger­hard Schlöt­zer: Oft tren­nen Gren­zen nicht nur Berei­che, wenn sie eine gewis­se Durch­läs­sig­keit haben, kann man in ihrer Nähe auch die Ein­flüs­se bei­der Sphä­ren wahr­neh­men. Dar­auf geht zum Bei­spiel Ger­hard Hagen in einer älte­ren Foto­ar­beit zur Außen­gren­ze der EU ein, ein­mal mit Auf­nah­men aus Rumä­ni­en, ein­mal von der Insel Lam­pe­du­sa. Ein wei­te­res Bei­spiel wäre die Arbeit „Grenz­gang“ von Rein­hard Feld­rapp, für die er sich seit den 1970er Jah­ren inten­siv mit der deutsch-deut­schen Gren­ze aus­ein­an­der­setz­te. Auch Tho­mas Gröh­ling ließ sich von die­ser ehe­ma­li­gen poli­ti­schen Gren­ze inspi­rie­ren. In sei­nen Holz­ste­len stellt er Tie­re und Pflan­zen dar, denen er bei sei­nen Wan­de­run­gen ent­lang die­ses jetzt grü­nen Ban­des begeg­ne­te. Vero­ni­ka Riedl zeigt mit ihrer Arbeit „Die Gren­ze der Huma­ni­tät“ meh­re­re boot­för­mi­ge Skulp­tu­ren. Dass Boo­te extrem ver­letz­li­che Trans­port­mit­tel für zum Bei­spiel die Flucht über das Mit­tel­meer von Afri­ka nach Euro­pa sind, wird hier durch das Mate­ri­al der Skulp­tu­ren ver­deut­licht, sie bestehen aus leicht zer­brech­li­chem Porzellan.


Man kann Gren­zen in der Kunst auch auf einer sehr redu­zier­ten Ebe­ne ver­ste­hen, der des Mate­ri­als oder der Abgren­zung des einen Inhalts zum ande­ren, unab­hän­gig davon, was der Inhalt dar­stellt. Zeigt die Aus­stel­lung Wer­ke, die den Grenz-Begriff auf die­ser Meta-Ebe­ne behandeln?

Ger­hard Schlöt­zer: Das machen ganz vie­le Teil­neh­mer der Aus­stel­lung, wie Doris Bocka zum Bei­spiel in ihrem Gemäl­de „Love and Peace“. Eine Auf­he­bung zwi­schen­mensch­li­cher Gren­zen legt das Werk inhalt­lich nahe, was die Mach­art angeht, über­la­gern hin­ein­ge­kratz­te zeich­ne­ri­sche For­men gemal­te Flä­chen und durch­drin­gen deren Gren­zen. Auch Chris­ti­ne Gru­ber arbei­tet in die­ser Rich­tung. Ihr geht es um die Farb­wir­kun­gen, die aus dem male­ri­schen Arbeits­pro­zess ent­ste­hen. Farb­klän­ge ent­ste­hen bei ihr durch das Anein­an­der­gren­zen von Farbflächen.


Lisa Stöhrs Gemäl­de „Spin­tro­nics“ sind rund und dreh­bar. Was geschieht mit der Ein­ge­schränkt­heit des Mate­ri­als, wenn es aus meh­re­ren Per­spek­ti­ven betrach­tet wer­den kann?

Ger­hard Schlöt­zer: Stöhr hat auf dreh­ba­re Stahl­ge­stel­le run­de Gemäl­de gehängt, die nicht die Gren­zen eines gän­gi­gen recht­ecki­gen Bild­aus­schnitts haben. Sie hat, anders gesagt, eine dreh­ba­re Schei­be bemalt. Dies bewirkt, dass die abs­trak­ten Farb­flä­chen, die abge­bil­det sind, kei­nen Bezug zu irgend­wel­chen Bild­kan­ten haben kön­nen, was noch dadurch ver­stärkt wird, dass man das run­de Gemäl­de auf der Staf­fe­lei immer wei­ter dre­hen kann. Hin­zu kommt, dass Far­be, die auf einer ver­ti­ka­len Flä­che auf­ge­tra­gen ist, nach unten ver­läuft. So ent­ste­hen wei­te­re bild­in­ter­ne Gren­zen, auf die Stöhr im dann fol­gen­den male­ri­schen Pro­zess zusätz­lich ein­geht. In der Aus­stel­lung kann das Publi­kum den Gedan­ken dann fort­füh­ren, die Gemäl­de wei­ter dre­hen und sie aus wei­te­ren Win­keln betrach­ten. Wenn man ein Werk aus mehr als einer Rich­tung anschau­en kann, bekommt es grö­ße­re Geschlos­sen­heit. Es ist ein alter Trick der Male­rei, ein Gemäl­de im Ent­ste­hungs­pro­zess zwi­schen­zeit­lich auf den Kopf zu stel­len oder in einem Spie­gel zu betrach­ten. Sonst kann es pas­sie­ren, dass her­kömm­li­che Gestal­tungs­prä­fe­ren­zen zu Ungleich­ge­wich­ten in der Kom­po­si­ti­on führen.



Judith Bau­er-Born­emanns Stoff-Figu­ren, die aus meh­re­ren Kör­pern ande­rer Figu­ren zusam­men­ge­näht zu sein schei­nen, und Kath­rin Hub­ls Werk „Ver­näh­te Wun­den“ gehen das Grenz­the­ma hin­ge­gen kör­per­lich an.

Ger­hard Schlöt­zer: Hub­ls Werk ist eine drei­tei­li­ge, geschnitz­te Arbeit. Eini­ge Stel­len des Holz­re­li­efs sind rot ein­ge­färbt, ande­re fleisch­far­ben. Es ent­steht der Ein­druck von Wun­den, bezie­hungs­wei­se durch ein­ge­zo­ge­ne Fäden der einer genäh­ten, aber noch nicht geheil­ten Wun­de. Die Arbeit hat einer­seits eine gewis­se Abs­trakt­heit, legt aber auch eine Asso­zia­ti­on zum Medi­zi­ni­schen nahe. Eine Grenz­über­schrei­tung kann man inso­fern sehen, als dass eine Wun­de die Gren­ze der Haut, die ihrer­seits die Gren­ze zwi­schen Selbst und Umwelt mar­kiert, durch­bricht. Es fin­det eine schmerz­haf­te Öff­nung der Gren­ze und gleich­zei­tig der Ver­such ihrer Hei­lung statt.



Alex­and­re Madu­rei­ra stellt ein Gemäl­de sei­ner Part­ne­rin aus, das sie kurz nach der Geburt des gemein­sa­men Soh­nes zeigt. Wie passt das zum The­ma der Grenze?

Ger­hard Schlöt­zer: Die Grenz­si­tua­ti­on, die Geburt, liegt hier bereits zurück. Madu­rei­ra beschreibt die­sen Moment als Schwel­le zwi­schen Erwar­tung und Rea­li­tät, Innen und Außen, als den Über­gang der Schwan­ger­schaft zur Rol­le der Mut­ter­schaft. Und für den Vater ist es natür­lich auch ein Grenz­über­tritt von einer Rol­le in die andere.



Bei Tho­mas Michels Arbeit „Dunk­le Tria­de“ könn­te man Grenz­über­schrei­tung anhand von Bru­ta­li­tät erken­nen. Drei fins­te­re Gestal­ten ste­hen bis zu den Knö­cheln im Blut. Kann so eine Grenz­über­schrei­tung dazu die­nen, mehr Publi­kum anzuziehen?

Ger­hard Schlöt­zer: Die­se drei Figu­ren stel­len für Michel die drei zer­stö­re­ri­schen und welt­ge­fähr­den­den Per­sön­lich­keits­ty­pen Nar­ziss­mus, Machia­vel­lis­mus und Psy­cho­pa­thie dar. Das ver­sucht er in eine Bild­form zu brin­gen, indem er die drei Figu­ren ste­hend auf einer blut­über­ström­ten Land­kar­te zeigt. Aber auch in der Kunst gibt es Men­schen, die ähn­li­che Ver­hal­tens­wei­sen an den Tag legen, näm­lich um ihre Bot­schaf­ten durch Skan­da­li­sie­rung zu ver­brei­ten oder sozu­sa­gen als Skan­da­li­sie­rungs-Unter­neh­mer auf­zu­tre­ten. Das grö­ße­re Pro­blem liegt aber nicht in der Kunst, son­dern in der Gesell­schaft. Denn sol­che Ver­hal­tens­wei­sen wer­den oft­mals mit Erfolg belohnt. Grenz­über­schrei­tung wird also the­ma­ti­siert, aber nicht so sehr durch das Blut, son­dern eher durch die Kri­tik an sol­chem Verhalten.

Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Oberfranken

BBK-Aus­stel­lung „Die Grenze“

Der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken wid­met sich in sei­ner Jah­res­aus­stel­lung „Die Gren­ze“ in der Vil­la Des­sau­er ab 30. Novem­ber der Gren­ze als gesell­schaft­li­chem und künst­le­ri­schem Phä­no­men. 32 Künstler:innen aus dem gesam­ten Regie­rungs­be­zirk bear­bei­ten das The­ma auf indi­vi­du­el­le Weise.

Mensch­li­ches Zusam­men­le­ben ist ohne Gren­zen nicht mög­lich, je enger es ver­meint­lich wird, des­to wich­ti­ger schei­nen sie zu wer­den, schreibt der BBK Ober­fran­ken in einer aktu­el­len Mit­tei­lung zur Aus­stel­lung „Die Gren­ze“. Gren­zen wer­den wei­ter oder enger gezo­gen. Sie wer­den defi­niert, um aus­zu­gren­zen und im Gegen­zug Iden­ti­tät zu stif­ten. Sie wer­den ein­ge­hal­ten oder überschritten.

Nicht­ein­hal­tung von Gren­zen füh­re hin­ge­gen oft zu Kon­flik­ten. Das sug­ge­rie­re, dass Gren­zen erst durch ihre Über­schrei­tung oder Ein­hal­tung real wer­den. Was wie­der­um die Fra­ge auf­wer­fe: Exis­tie­ren Gren­zen als objek­ti­ve Rea­li­tät in Natur und Kos­mos oder gibt es sie nur im Han­deln zwi­schen Menschen?

Gren­zen spie­len unter­des­sen auch in der Kunst und Ästhe­tik eine bedeu­ten­de Rol­le: Die Gren­zen des For­ma­tes, die Ober­flä­che der Lein­wand als Gren­ze zwi­schen ima­gi­nä­rem Bild­raum und rea­lem Betrach­ter­raum und deren Durch­drin­gung in bei­de Rich­tun­gen sind stän­di­ge Sub­the­men bild­ne­ri­schen Schaf­fens. Künstler:innen bege­hen dem­entspre­chend geziel­te Grenz­über­schrei­tun­gen über Gat­tun­gen oder mora­li­sche Gren­zen hin­weg, um die kon­kre­ten sozia­len und poli­ti­schen Fra­gen der Welt­ge­sell­schaft auf­zu­grei­fen, um Fra­gen zu stel­len wie: Wo ist die Gren­ze zwi­schen Kunst und Nicht-Kunst? Gibt es eine Gren­ze zwi­schen Kunst und Leben?

Phi­lo­so­phi­sche, poli­ti­sche, sozia­le oder per­sön­li­che Dimen­sio­nen von Grenzen

Auch die 32 ober­frän­ki­schen Künstler:innen, die der BBK in die­sem Win­ter in sei­ner Jah­res­aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er in Bam­berg zeigt, set­zen sich mit den phi­lo­so­phi­schen, poli­ti­schen, sozia­len oder per­sön­li­chen Dimen­sio­nen von Gren­zen aus­ein­an­der. Die gezeig­ten Wer­ke sind das Resul­tat eines Ent­ste­hungs­pro­zes­ses, bei dem die Betei­lig­ten in Dia­log tre­ten mit per­sön­li­chen Mit­teln und Tech­ni­ken und dabei oft neue Wege ein­schla­gen, um das The­ma auszudrücken.

Die­ses Jahr ist eine Aus­stel­lung laut BBK-Mit­tei­lung mit einer beson­ders gro­ßen Zahl an über­ra­schen­den und berüh­ren­den Wer­ken ent­stan­den. Füh­run­gen und Ver­an­stal­tun­gen beglei­ten die Schau.

Es stel­len aus: Judith Bau­er-Born­emann, Doris Bocka, Tho­mas Brix, Chris­ti­ne Engels, Fran­zis­ka Erb-Bibo, Rein­hard Feld­rapp, Hen­ri­ke Franz, Frie­de­mann, Gott­schald, Tho­mas Gröh­ling, Chris­ti­ne Gru­ber, Ger­hard Hagen, Jani­na Hec­tor, Nina Hein­lein, Kath­rin Hubl, Lucie Kaz­da, Rüdi­ger Klein, Georg Köst­ner, Ruth Loibl, Alex­and­re Madu­rei­ra, Tho­mas Michel, Ger­hard Nerow­ski, Vero­ni­ka Riedl, Kat­rin Schin­ner, Har­riet Schmid, Gud­run Schü­ler, Michae­la Schwarz­mann, Chris­tia­na Sie­ben, Hubert Sowa, Lisa Stöhr, Wer­ner Tögel, Cor­du­la Uter­möh­len und Ute Westien.

Einen aus­führ­li­chen Bericht zur Aus­stel­lung „Die Gren­ze“ kön­nen Sie dem­nächst im Stadt­echo Bam­berg und auch hier auf dem Web­echo lesen.

Kunst über Kunst

„All over“: Sven Drühl in der Vil­la Dessauer

Der Ber­li­ner Künst­ler Sven Drühl hat sich der Dar­stel­lung von Natur­an­sich­ten ver­schrie­ben, vor­nehm­lich zei­gen sei­ne Wer­ke Ber­ge, Was­ser­mo­ti­ve und Wald. Zur Motiv­su­che für sei­ne Gemäl­de aus unge­wöhn­li­chen Werk­stof­fen wie Öl, Lack und Sili­kon begibt er sich aber nicht ins Gebir­ge. Bereits bestehen­de Abbil­dun­gen von Natur, wie die euro­päi­sche oder japa­ni­sche Land­schafts­ma­le­rei des 19. Jahr­hun­derts, die­nen ihm als Vor­la­ge. Im Inter­view haben wir mit ihm über sei­ne Aus­stel­lung in der Vil­la Des­sau­er (bis 27. Okto­ber), sei­ne Tech­nik, Aneig­nung, die Abwe­sen­heit von Men­schen, die Spu­ren der Roman­tik und Com­pu­ter­spiel­wel­ten gesprochen.
Herr Drühl, was bedeu­tet der Aus­stel­lungs-Titel „All Over“? Han­delt es sich um einen Abschluss oder eine Retrospektive?

Sven Drühl: Ich ken­ne die Vil­la Des­sau­er bereits von einer Aus­stel­lung aus dem Jahr 2013. Damals wur­de aller­dings nur das unte­re Stock­werk bespielt und als ich dem Bam­ber­ger Kunst­ver­ein für mei­ne aktu­el­le Aus­stel­lung zusag­te, habe ich mich ein biss­chen ver­schätzt. Ich dach­te näm­lich, mir stün­de auch nur die unte­re Eta­ge zur Ver­fü­gung. Dies­mal geht die Aus­stel­lung aber über zwei Stock­wer­ke – in die­sem sehr gro­ßen Haus. Also haben wir beschlos­sen, nicht nur aktu­el­le Arbei­ten zu zei­gen, son­dern Arbei­ten aus mei­nen unter­schied­li­chen Werk­pha­sen. Der Titel bezieht sich also auf eine Überblickausstellung.

Was wird ent­spre­chend zu sehen sein?

Sven Drühl: Ich zei­ge unter­schied­li­che Seri­en. Es gibt zum Bei­spiel die Shin Han­ga-Serie, bei der ich mich auf japa­ni­sche Holz­schnit­te aus dem frü­hen 20. Jahr­hun­dert bezie­he. In einem Raum zei­ge ich zudem erst­mals alle mei­ne Litho­gra­fien, also auch sol­che, die ich noch nie muse­al gezeigt habe. Und eini­ge älte­re Archi­tek­tur­ar­bei­ten, die ich mit nach Bam­berg brin­ge, habe ich auch schon acht Jah­re nicht mehr ausgestellt.

War­um haben Sie sich für Ihre Land­schafts­dar­stel­lun­gen für das Vor­ge­hen des Abma­lens entschieden?

Sven Drühl: Abma­len ist der fal­sche Begriff. Es geht um Remi­xe. Ähn­lich wie DJs in den Clubs der 1990er Jah­re anfin­gen, Remi­xe von bestehen­den Songs anzu­fer­ti­gen, und oft­mals Din­ge zusam­men­brach­ten, die vor­her so nicht zusam­men­ge­hör­ten, gehe auch ich vor. Zum Bei­spiel basiert ein fünf Meter brei­tes Tri­pty­chon auf drei unter­schied­li­chen Holz­schnit­ten des japa­ni­schen Künst­lers Kawa­se Hasui. Von die­sen Wer­ken neh­me ich mir Tei­le und kom­pi­lie­re sie male­risch zu einem neu­en Bild.

Sie bil­den die Vor­la­gen aller­dings nicht in Gän­ze ab. Nach wel­chen Gesichts­punk­ten wäh­len Sie Aus­schnit­te aus, die sie zitieren?

Sven Drühl: Bis vor vier oder fünf Jah­ren habe ich in der Regel Kom­po­si­tio­nen mit Vor­der­grund, Hin­ter­grund, Him­mel und so wei­ter gesetzt, um die Gemäl­de prä­zi­se als Land­schafts­an­sich­ten zu mar­kie­ren. Dann habe ich aber zum Teil ange­fan­gen, so weit rein­zu­zoo­men, dass es kei­ne Him­mel-Linie mehr gab. Dar­an reizt mich, dass das Motiv nicht mehr auf den ers­ten Blick ein­deu­tig zum Bei­spiel als Berg erkenn­bar ist, son­dern eher ein abs­trak­tes Mus­ter von einem Berg ent­steht. 20 Jah­re lang war bei mei­nen Gemäl­den sofort klar: Das ist Was­ser, das ein Berg. Nun habe ich die­se Ein­deu­tig­keit manch­mal auf­ge­löst und die Leu­te ste­hen davor und fra­gen: Du machst jetzt Abs­trak­tes? Dann sage ich Ihnen, dass sie näher hin­schau­en sol­len und meist ver­ste­hen sie.

Sven Drühl
Sven Drühl, Foto: Sebas­ti­an Quenzer
Wor­in besteht der Reiz, abzu­bil­den, was bereits abge­bil­det wurde?

Sven Drühl: Auch in frü­he­ren Zei­ten nah­men Künst­ler bereits Bezug auf Gemäl­de, die es schon gab. Das tue ich auch – ich bezie­he mich auf Wer­ke, die schon exis­tie­ren, um den Blick auf sie zu erwei­tern. Und durch mei­ne Mate­ria­li­en wie Sili­kon, Lack und Öl wird es sowie­so immer etwas ganz ande­res. Es ist ein Neu­durch­spie­len und Neu-in-Kon­text-Set­zen. Auch reiz­voll dabei ist, dass ich Din­ge aus unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Kon­tex­ten zusam­men­brin­gen kann. Ich kann ein Gemäl­de des Mat­ter­horns aus dem 19. Jahr­hun­dert mit einem japa­ni­schen Holz­schnitt der 1930 Jah­re ver­bin­den und so etwas Neu­es her­stel­len. Im Zuge mei­ner Shin Han­ga-Serie habe ich das kul­tu­rel­les Ping­pong genannt, weil dabei über­haupt nicht mehr klar ist, wor­um es sich bei den Ori­gi­na­len han­delt. Hin­zu kommt, dass die Künst­ler der Shin Han­ga-Kunst­rich­tung ihren Wer­ken bereits Zita­te west­li­cher Kunst bei­gemischt hat­ten. Sie kann­ten das Licht des Impres­sio­nis­mus und der Roman­tik. Gleich­zei­tig gab es in der west­li­chen Kunst den Japo­nis­mus, etwa bei Gus­tav Klimt oder Egon Schie­le. Die Bäl­le flie­gen hin und her und man kann nicht mehr auf­lö­sen, wo was herkommt.

Geht das nicht in Rich­tung des­sen, was man heu­te kul­tu­rel­le Aneig­nung nennt?

Sven Drühl: Als ich in den frü­hen 2000er Jah­ren mit die­sem Ansatz anfing, gab es den Begriff und die dazu­ge­hö­ri­ge Debat­te noch nicht. Damals wur­de das, was man heu­te Aneig­nung nennt unter dem Begriff „Zitat“ gefei­ert. Da ging es dar­um, dass man die Vor­la­gen auf- und stark macht. Man ver­stand das Zitat nicht als Aus­nut­zen von etwas, son­dern als Hom­mage. Und in der Bil­den­den Kunst oder der Male­rei hat es den Rück­griff auf bestehen­de Moti­vik wie gesagt eigent­lich immer schon gege­ben. Die­ser Blick hat sich natür­lich mitt­ler­wei­le gewan­delt, aber ich wur­de mit die­ser Debat­te bis­her nicht kon­fron­tiert, weil sie für mei­ne Wer­ke auch nicht wirk­lich greift.

Wie­so haben Sie sich für Land­schafts­ma­le­rei und spe­zi­ell Gebirgs­an­sich­ten als Vor­la­gen für Ihre Gemäl­de entschieden?

Sven Drühl: Das Remi­xen wür­de tat­säch­lich auch mit ande­ren Vor­la­gen funk­tio­nie­ren, aber ich woll­te so wenig Nar­ra­ti­on in den Arbei­ten haben, wie mög­lich. Sobald man Men­schen mit abbil­det oder Archi­tek­tur hat man eine Erzäh­lung drin. Ich woll­te alles erzäh­lungs­frei hal­ten, offen, sodass jeder in dem Gemäl­de etwas erbli­cken und es mit eige­nen Emo­tio­nen fül­len kann. Die­se Moti­ve stel­len ein­fach ein sehr neu­tra­les Feld dar.

Was für ein Men­schen­bild steckt dahinter?

Sven Drühl: Es ist mir wich­ti­ger, kei­ne Nar­ra­ti­on zu haben, als kei­ne Men­schen. Wenn ich einen Men­schen in der Land­schaft habe, fragt man sich sofort, was der da macht, wo er hin­geht und so wei­ter. Das will ich nicht. Ich will, dass man über Land­schaft nach­denkt, nicht über den Men­schen. Sonst ist man wie­der in die­sem Roman­tik-Ding: Der klei­ne Mensch in der erha­be­nen Land­schaft und so wei­ter. Ich will einen rei­nen Blick, wes­we­gen das Land­schafts­the­ma auch so gut geeig­net ist. Als ich damit anfing, war Land­schaft das uncools­te The­ma, das man machen konn­te. Alles in der Kunst war zyni­sche und iro­ni­sche Pro­vo­ka­ti­on oder es domi­nier­ten Foto­gra­fie und Video. Das mit der pro­vo­ka­ti­ven Male­rei wie bei Mar­tin Kip­pen­ber­ger und Co. war mir aber irgend­wann zu kin­disch und ich voll­zog einen Schwenk, redu­zier­te alles, auch die Pro­vo­ka­ti­on, und bin in das Land­schafts­the­ma eingestiegen.

Wol­len Sie ent­spre­chend auch ver­hin­dern, dass in Ihren Wer­ken die­se roman­ti­schen Natur­dar­stel­lun­gen und ihre Erha­ben­heit erkannt wird?

Sven Drühl: Ich will sie ver­hin­dern, bedie­ne sie aber gleich­zei­tig. Es ist so ein Inbet­ween. Ich will kei­ne Erzäh­lung, weiß aber, dass sobald man ein Drei­eck malt mit einer blau­en Flä­che dar­über, das Publi­kum einen Berg zu erken­nen meint. Dabei kön­nen natür­lich auch die­se gro­ßen Gefüh­le auf­tau­chen, wie sie viel­leicht im Ange­sicht eines Gemäl­des aus der Roman­tik ent­ste­hen. Ich ver­ste­he mich als kon­zep­tu­el­ler Maler. Kon­zept­kunst ist aller­dings oft sehr sprö­de und bie­tet nicht so viel an, außer den Theo­rie-Über­bau. Dar­um möch­te ich in mei­nen Wer­ken, neben der theo­re­ti­schen Ebe­ne, die ich durch­aus auch ein­zie­he, mit dem, was abge­bil­det ist, eben­so eine Art Ver­füh­rungs­qua­li­tät haben. Dabei stört es mich nicht, wenn die Leu­te sagen: Was für ein wun­der­schö­nes Berg­bild, das macht mich ganz ruhig – ein Kom­men­tar, bei dem vie­le zeit­ge­nös­si­sche Künst­ler übri­gens eine Kri­se krie­gen wür­den. Und wer sich tie­fer mit mei­nen Gemäl­den aus­ein­an­der­set­zen möch­te, bekommt auf einer zwei­ten Ebe­ne, auf der ich die jewei­li­ge Vor­la­ge zitie­re und zum Bei­spiel Fra­gen nach kul­tu­rel­ler Zusam­men­set­zung stel­le, Theo­rie dazu geliefert.

Vor fast genau 250 Jah­ren (5. Sep­tem­ber 1774) wur­de Cas­par David Fried­rich gebo­ren. Im gan­zen Land gibt es der­zeit sehr erfolg­rei­che Aus­stel­lun­gen mit sei­nen Gemäl­den. Bedeu­tet das nicht, dass es im Publi­kum nach wie vor ein Bedürf­nis nach den guten alten Dar­stel­lun­gen von natür­li­cher Erha­ben­heit oder Natur als See­len­land­schaft gibt?

Sven Drühl: Ja, natür­lich, so eine Sehn­sucht besteht, aber eine Roman­tik-Renais­sance gab es auch schon in den 1990ern. Mit den Impres­sio­nis­ten und Expres­sio­nis­ten funk­tio­niert es genau­so. Das sind Block­bus­ter-Schau­en. Mir geht es aber nicht um die Roman­ti­ker, ich zitie­re nicht nur Fried­rich oder ande­re Gro­ße die­ser Zeit. Ich zitie­re auch Maler des 19. Jahr­hun­derts, die kei­ner kennt. Ich möch­te nicht so ein Muse­um­shigh­light oder einen Best-of-Kata­log der Roman­tik erstellen.

Aus der Aus­stel­lung „All over“: Im Vor­der­gund eine Gebirgs­skulp­tur, an der Wand das Land­schaft­bild „SDETWT“ und hin­ten Archi­tek­tur­ar­bei­ten, Foto: Sebas­ti­an Quenzer
Legen Sie dabei auch den eige­nen Gefühls­haus­halt hinein?

Sven Drühl: Ja, manch­mal. Also nicht die eige­nen Gefüh­le im Sin­ne von, mir ist gera­de nach der und der Stim­mung. Bei den Lack­ge­mäl­den habe ich meis­tens zuerst den Unter­bau eines Ber­ges fer­tig, dann füge ich noch den Him­mel hin­zu. Dabei den­ke ich sehr lan­ge über die Farb­ge­bung nach. Denn mit Far­ben las­sen sich Emo­tio­nen trans­por­tie­ren. Mache ich den Him­mel blau, wirkt er anders, als wenn ich ihn oran­ge fär­be. Wobei ich ger­ne Far­ben wäh­le, die eine eher unter­kühl­te Aus­strah­lung habe. So holen die Gemäl­de das Publi­kum nicht all­zu sehr rein. Des­halb muss ich mir zwar öfter Vor­wür­fe anhö­ren, bei mir sei Vie­les so unter­kühlt, aber das ist eine bewuss­te Setzung.

Fügen Sie auch selbst gestal­te­te Tei­le hinzu?

Sven Drühl: Ganz sel­ten. Von mei­nen etwa 400 Gemäl­den habe ich viel­leicht in fünf Eige­nes eingearbeitet.

Gibt es bei Ihnen dann trotz­dem so etwas wie eine künst­le­ri­sche Handschrift?

Sven Drühl: Ja natür­lich, eine ganz Deut­li­che. Es ist in der zeit­ge­nös­si­schen Male­rei zwar schwer, einen erkenn­ba­ren Stil zu eta­blie­ren. Aber ich den­ke, mei­ne Hand­schrift ist ganz klar mei­ne Her­an­ge­hens­wei­se: Land­schafts­dar­stel­lun­gen aus Sili­kon, ÖL und Lack. Das sind kei­ne klas­si­schen Ver­fah­ren der Male­rei, sol­che Mate­ria­li­en ver­wen­det sonst nie­mand. Die­ses Vor­ge­hen habe ich qua­si erfun­den und damit ein so star­kes Allein­stel­lungs­merk­mal erreicht, dass die Leu­te schon vor 20 Jah­ren mei­ne Bil­der erkannt haben. Auch mei­ne neue­ren Wer­ke der zwei­ten gro­ßen Serie der Lack­bil­der – ent­stan­den in den letz­ten acht Jah­ren –, die ohne Sili­kon aus­kom­men und kei­ne kunst­his­to­ri­schen Zita­te ver­wen­den, haben eine spe­zi­el­le Tech­nik, die sich kaum nach­ma­chen lässt. Bei die­sen Gemäl­den bezie­he ich mich auf Hin­ter­grün­de aus Computerspielwelten.

Wie kam der Schritt weg von his­to­ri­schen Gemäl­den hin zu Com­pu­ter­spiel­wel­ten als Vorlage?

Sven Drühl: Ich frag­te mich nach so vie­len Jah­ren mit Land­schaf­ten, wo es noch Poten­zi­al für Inno­va­ti­on im künst­le­ri­schen Zugriff auf die­se Moti­ve gibt. In der zeit­ge­nös­si­schen Kunst gibt es die­sen mei­ner Mei­nung nach aber schon lan­ge nicht mehr. Wenn in einem Com­pu­ter­la­bor aber 50 Nerds sit­zen und für ein Com­pu­ter­spiel Land­schaf­ten pro­gram­mie­ren, führt das dazu, dass ein völ­lig neu­es Bild von Land­schaft gene­riert wird.

Woher bekom­men Sie die­se Hintergründe?

Sven Drühl: Ich arbei­te mit zwei Fir­men aus den USA zusam­men, die mir Zugriff auf Zwi­schen­schrit­te ihrer Vek­tor­da­tei­en geben. Wenn in so einem Spiel zum Bei­spiel ein Hub­schrau­ber durch eine Land­schaft fliegt, muss die­se natür­lich gene­riert wer­den. Das geschieht, indem tau­sen­de Land­schafts­fo­tos ein­ge­speist wer­den. Aus einem dann gene­rier­ten Fun­dus rein vir­tu­el­ler Vor­la­gen über­set­ze ich Frag­men­te in Male­rei. Der Witz dabei ist, dass die­se Land­schafts­ge­mäl­de rea­lis­ti­scher schei­nen als die, die ich aus his­to­ri­schen Gemäl­den gemixt habe, die also eine rea­le Vor­la­ge hat­ten. Aber die­se vir­tu­el­len Land­schaf­ten, die ich jetzt ver­wen­de, gibt es nicht. Die Vor­la­gen mei­ner vor­he­ri­gen Arbei­ten waren Abs­trak­tio­nen von Rea­li­tät, die ich ein zwei­tes Mal abs­tra­hiert habe. Eine Abs­trak­ti­on zwei­ter Ord­nung könn­te man sagen. Nun gibt es kei­ne Vor­la­gen mit rea­lem Vor­bild mehr, son­dern nur noch vir­tu­el­le. Die­se male ich aber so, als wür­de die Land­schaft existieren.

Sind Sie also der Ret­ter der Landschaftsmalerei?

Sven Drühl: Nein, so sehe ich mich gar nicht, ich bin kein Ret­ter und will auch kei­ner sein. Es macht mir aber unglaub­lich Spaß, Land­schaf­ten zu malen. Ich gehe immer noch sehr ger­ne ins Ate­lier und den­ke dar­über nach, wie ich das Kon­zept vor­an­trei­ben und wie ich Vor­la­gen erneu­ern kann. Denn Land­schafts­dar­stel­lun­gen haben immer noch eine Rele­vanz, wenn auch nicht mehr mit den alten Mit­teln. Ich kann mich heu­te nicht mehr in die Land­schaft set­zen und los­ma­len, das ging im 19. Jahr­hun­dert bes­ser. Also gehe ich neu ran und mache Kunst über Kunst.

Ihre jüngs­ten Schöp­fun­gen sind drei­di­men­sio­na­le Dar­stel­lun­gen von Gebirgs­zü­gen. Was hat es damit auf sich?

Sven Drühl: Oft hat man rie­si­ge Aus­stel­lungs­räu­me, kann sei­ne Gemäl­de aber nur flach an die Wand hän­gen. Das ist als Maler oft frus­trie­rend. Dar­um habe ich die­sen Schritt hin zum Drei­di­men­sio­na­len unter­nom­men, um den Raum bes­ser in den Griff zu bekom­men und das Kon­zept der Land­schafts­ma­le­rei erneut zu erwei­tern. Dafür erschaf­fe ich Bronz­wer­ke nach Gips­re­li­efs. Die­se Gip­se wer­den mir von einem Geo­lo­gen ange­fer­tigt, der Ähn­li­ches zum Bei­spiel auch für gro­ße Alpin-Muse­en macht. Sind die Reli­efs fer­tig, kom­me ich mit Frä­se, Ham­mer und Mei­ßel und ver­frem­de bezie­hungs­wei­se zer­stö­re Tei­le davon, um den Ein­druck zu erwe­cken, dass ein Blick in die Zukunft gezeigt wird: Alles Eis und Hän­ge sind abge­rutscht und der Berg durch den Kli­ma­wan­del ero­diert. Für die­se Arbei­ten gehe ich aller­dings von rea­len Ber­gen aus und nicht von kunst­ge­schicht­li­chen Darstellungen.

Betrei­ben Sie Bergsteigen?

Sven Drühl: Das kann ich nicht behaup­ten. Ich bin schon ger­ne in den Ber­gen unter­wegs, bin aber kein Berg­stei­ger oder Berg­wan­de­rer. Das macht mein Knie nicht mit.

His­to­ri­sches Muse­um, Samm­lung Lud­wig, Vil­la Dessauer

Posi­ti­ve Bilanz: Kul­tu­rel­le Bil­dung bei den Muse­en der Stadt Bamberg

Die Publi­kums-Bilanz der Muse­en der Stadt Bam­berg des letz­ten Jah­res ist posi­tiv. Immer mehr Per­so­nen besu­chen die Aus­stel­lun­gen im His­to­ri­schen Muse­um, in der Samm­lung Lud­wig und der Vil­la Des­sau­er, immer mehr Schul­klas­sen buchen Mit­mach-Füh­run­gen und Museumswerkstätten.

Anfang Dezem­ber eröff­ne­ten die Muse­en der Stadt Bam­berg ihre letz­te Aus­stel­lung des Jah­res 2023. Noch bis 28. Janu­ar zeigt das His­to­ri­sche Muse­um die Weih­nachts­aus­stel­lung „Eine run­de Sache? Wie Lauscha die Weih­nachts­ku­gel erfand“. Die Schau bil­det den Abschluss „eines anspruchs­vol­len Aus­stel­lungs­jahrs“, wie die Muse­en mit­teil­ten. Unter dem Jahr lie­fen unter ande­rem auch „Die magi­sche Nuss Kra­ka­tuk“, „Fake Food – Essen zwi­schen Schein und Sein“, „Instant Para­di­se – Swa­ant­je Günt­zel“ und „Feld­for­schung“ von Rosa Brun­ner. „Unse­re Bemü­hung wur­den mit sehr guten Besuchs­zah­len belohnt“, sagt Muse­ums­di­rek­to­rin Kris­tin Kne­bel. „Schon jetzt ist die Zahl der Muse­ums­be­su­che aus dem Jah­re 2022 über­trof­fen wor­den. Und wir freu­en uns, dass wir so vie­le Men­schen, dar­un­ter vie­le Bam­ber­ge­rin­nen und Bam­ber­ger, und vor allem auch Kin­der und Jugend­li­che errei­chen kön­nen. Denn letzt­lich lebt ein Muse­um ja genau von ihnen, ohne ihr Inter­es­se wäre unse­re Arbeit nutzlos.“

Zuspruch auch bei Kul­tu­rel­ler Bildung

Die Muse­en der Stadt Bam­berg begrei­fen bei jeder Aus­stel­lung laut Selbst­be­schrei­bung Bil­dung und Ver­mitt­lung als ele­men­ta­re Auf­ga­be. Ihre kul­tu­rel­len Bil­dungs­an­ge­bo­te sol­len sich an den unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und Bedürf­nis­sen, Moti­va­tio­nen und Erwar­tun­gen des Publi­kums ori­en­tie­ren. Auch sol­len Besu­che­rin­nen und Besu­cher ein­be­zo­gen wer­den, um einen ein­la­den­den und anre­gen­den Bil­dungs­ort zu schaf­fen. Mit unter­schied­li­chen, ziel­grup­pen­spe­zi­fi­schen und inklu­si­ven Metho­den und For­ma­ten sol­len auch Kin­der und Jugend­li­che die Mög­lich­keit haben, kul­tur- und kunst­ge­schicht­li­che The­men spie­le­risch zu ent­de­cken und zu ver­tie­fen, selbst aktiv zu wer­den und ihr kri­ti­sches Den­ken zu entwickeln.

„Wir sind sehr zufrie­den mit der Ent­wick­lung in den Muse­en, ins­be­son­de­re was die jun­gen Besu­che­rin­nen und Besu­cher betrifft“, sagt Eleo­no­ra Cagol, wis­sen­schaft­li­che Volon­tä­rin und zustän­dig für die Kul­tu­rel­le Bil­dung der Muse­en der Stadt Bam­berg. „Die neu­en Kin­der­gar­ten- und Schul­pro­gram­me, die wir seit Sep­tem­ber 2022 anbie­ten, wer­den von Lehr­kräf­ten und Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit gro­ßer Begeis­te­rung auf­ge­nom­men. Vom 10. Dezem­ber 2022 bis zum 10. Dezem­ber 2023 haben wir für mehr als 75 Klas­sen mit ins­ge­samt mehr als 1.500 Schü­le­rin­nen und Schü­lern Mit­mach-Füh­run­gen und Muse­ums­werk­stät­ten orga­ni­siert. Hin­zu kom­men die Klas­sen, die unse­re Muse­en und Aus­stel­lun­gen selbst­stän­dig besucht haben.“

„Ich war nicht absicht­lich radi­kal, ich habe nur auf Pro­ble­me hingewiesen“

Swa­ant­je Günt­zel: Werk­schau von in der Vil­la Dessauer

In ihrer bis­her größ­ten Ein­zel­aus­stel­lung zeigt die Ham­bur­ger Kon­zept­künst­le­rin Swa­ant­je Günt­zel Wer­ke aus 20 Jah­ren ihrer Arbeit in der Vil­la Des­sau­er. Haupt­the­men der Schau „INSTANT PARADISE“ sind das gestör­te Ver­hält­nis von Men­schen und Natur und die Publi­kums-Reak­tio­nen auf Kunst, die es sich zu eigen macht. Wir haben mit Swa­ant­je Günt­zel über Haus­tier­hal­tung gespro­chen, über Ver­drän­gung und dar­über, war­um sie sich man­che ihrer Wer­ke von künst­li­cher Intel­li­genz schaf­fen lässt.
Frau Günt­zel, was hat es mit dem Aus­stel­lungs­ti­tel „INSTANT PARADISE“ auf sich?

Swa­ant­je Günt­zel: Die Idee ist, die Welt, die wir geschaf­fen haben, zu sezie­ren und künst­le­risch her­aus­zu­ar­bei­ten, wie stark gleich­zei­tig der Wunsch ist, sich von dem All­tag, der die­se Welt bedingt, zu dis­so­zi­ie­ren. Ich habe ver­sucht, die Klam­mer so zu set­zen, dass man merkt, wie nah wir eigent­lich an der Rea­li­tät sind, mit der wir im Moment zu tun haben, wäh­rend wir aber eigent­lich hof­fen, uns nicht mit ihr aus­ein­an­der­zu­set­zen zu müs­sen. Gleich­zei­tig erlie­gen wir der Illu­si­on, dass die Welt, die wir gestal­tet haben, para­die­sisch ist, uns auf dem Weg dahin aber selbst schaden.

Was heißt das genau?

Swa­ant­je Günt­zel: Sieht man sich unser Ver­hält­nis zur Natur an, sieht man, dass wir stark von der Illu­si­on getrie­ben sind, etwas zu suchen, das wir roman­ti­sie­ren kön­nen. Aber eigent­lich haken wir nur Instan­zen ab, wäh­rend uns egal ist, was wir am Schluss fin­den. Um es pla­ka­tiv zu sagen: Wenn wir auf Insta­gram Natur betrach­ten, erlie­gen wir schnell der Annah­me, wir hät­ten Natur auch erlebt, wäh­rend es eigent­lich ein tech­ni­scher Vor­gang war.

Swaantje Güntzel
Swa­ant­je Günt­zel, Foto: Tobi­as Hübel, VG Bild-Kunst Bonn

Die Fra­ge, war­um wir nicht mer­ken, dass das, was wir der Natur antun, wir uns letzt­lich selbst antun, ist etwas, das mich seit Jah­ren beschäf­tigt. Dar­um scheint es uns auch so schwer zu fal­len, Lösun­gen zu fin­den. Wir haben eine Rea­li­tät kre­iert, die aus zwei par­al­le­len Uni­ver­sen besteht: einem, in dem wis­sen­schaft­lich nach­weis­bar ganz viel pas­siert zu dem wir uns eigent­lich ver­hal­ten müss­ten. Und ein Uni­ver­sum, das wir abge­spal­ten haben, in dem wir wei­ter so tun, als ob alles in Ord­nung wäre und die Din­ge igno­rie­ren, die wir eigent­lich wahr­neh­men müss­ten. Dar­in schaf­fen wir immer neue künst­li­che Bil­der dar­über, was zum Bei­spiel Umgang mit Natur ist. Es geht in der Aus­stel­lung ent­spre­chend nicht zuletzt sehr viel um unser Ver­hält­nis zur Kreatur.

Ein Werk heißt „Para­di­se dis­sec­ted“ und zeigt eine Instal­la­ti­on mit ver­schie­de­nen Käfig-Sys­te­men zur Klein­tier­hal­tung. Was sagt es über unser Ver­hält­nis zu die­sen Tieren?

Swa­ant­je Günt­zel: In der Instal­la­ti­on wird die Fra­ge auf­ge­wor­fen, wie weit Men­schen gehen, um sich vom Tier unter­hal­ten zu las­sen. Der Hams­ter selbst spielt dabei letzt­end­lich nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Das­sel­be gilt für die Din­ge, die in der Klein­tier­hal­tung als Spiel­zeu­ge oder Acces­soires ange­bo­ten wer­den, sie wer­den genutzt damit der Mensch auf sei­ne Kos­ten kommt, nicht das Tier. Hier ist es mir wich­tig so zu über­zeich­nen, dass das gan­ze Sys­tem fast schon sati­risch wirkt und der­art in sei­ner Bedeu­tung kippt, dass man sich fragt, ob so etwas nicht viel mehr über uns aus­sagt als über das Tier. Auch wenn ich lei­der oft viel näher an der Rea­li­tät dran bin als mir lieb wäre.

Für die Aus­stel­lung haben Sie Wer­ke aus 20 Jah­ren Ihres Schaf­fens aus­ge­wählt. Unter wel­chen Gesichts­punk­ten haben Sie die Wahl getroffen?

Swa­ant­je Günt­zel: Das wich­tigs­te war, dass ich noch vor der Aus­wahl ent­schie­den habe, brand­ak­tu­el­le neue Arbei­ten und älte­ren Arbei­ten gemein­sam zu zei­gen. Dies vor allem vor dem Hin­ter­grund, dass vie­le mei­ner Wer­ke jetzt eine grö­ße­re Aktua­li­tät haben als zum Zeit­punkt ihres Ent­ste­hens und zudem vie­le The­men, wie zum Bei­spiel die Kli­ma­kri­se erst jetzt die ange­mes­se­ne öffent­li­che Auf­merk­sam­keit bekommen.

War­um bespie­len Sie seit 20 Jah­ren das The­ma des Ver­hält­nis­ses zur Natur?

Swa­ant­je Günt­zel: Ich glau­be, das ist das The­ma, das mich in mei­nem Leben am meis­ten beschäf­tigt hat. Schon als ich klein war, habe ich gemerkt, dass es eine gro­ße Dis­kre­panz gibt zwi­schen Erkennt­nis und Han­deln, auch wenn ich das als Kind nicht for­mu­lie­ren konn­te. Ich habe mich damals im Rah­men mei­ner Mög­lich­kei­ten enga­giert und bin zum Bei­spiel von Tür zu Tür gegan­gen, um Unter­schrif­ten gegen Rob­ben­schlach­ten zu sam­meln. Spä­ter habe ich klei­ne Skulp­tu­ren ver­kauft und das Geld an Green­peace gespen­det. Als ich mich dann ent­schied, ganz in die Kunst zu gehen, frag­te ich mich, mit wel­chen The­men ich mich inten­siv beschäf­ti­gen möch­te. Da war klar, wel­ches ich wäh­le. Und wenn man sich fragt, wie unse­re öko­lo­gi­sche Rea­li­tät aus­sieht, was sie über uns aus­sagt und wor­auf sie hin­aus­läuft, ist man vollzeitbeschäftigt.

Wel­che Wer­ke sind aktu­el­ler geworden?

Swa­ant­je Günt­zel: Über unse­ren Umgang mit Tie­ren habe ich schon vor 15 Jah­ren gear­bei­tet, wie zum Bei­spiel im Kon­text des Werks „Para­di­se dis­sec­ted“. Die Fra­ge war immer, in wel­che Bezie­hung wir uns zum Tier set­zen und wie viel Wil­le dem Tier eigent­lich gelas­sen wird. Die­se Fra­gen sind heu­te aktu­el­ler denn je. In der Aus­stel­lung beschäf­ti­ge ich mich zum Bei­spiel mit der Dar­stel­lung der Krea­tur auf Social Media wie Tik-Tok und Insta­gram. Es gibt ein gan­zes Gen­re über Haus- und Wild­tie­re, die in bestimm­ten Vide­os mit Acces­soires geschmückt oder mit Din­gen ange­zo­gen wer­den, die man ganz sicher so nicht in frei­er Wild­bahn fin­det. Hams­ter tra­gen Krön­chen und Pan­tof­feln, Otter einen Pyja­ma und Hun­de Popstar-Outfits. 

Zudem gibt es die Kate­go­rie der soge­nann­ten Res­cue Vide­os. Dar­in fil­men sich Men­schen, wie sie Tie­re, meist Hun­de und Kat­zen, die sie am Stra­ßen­rand oder im Wald fin­den mit nach Hau­se neh­men und sie so aus ihrer Sicht ret­ten. Die Aus­sa­ge dahin­ter ist immer: Das Tier hat nur eine Chan­ce zu über­le­ben, weil es vom Mensch geret­tet wird. In der Dra­ma­tur­gie des Vide­os wird das Tier dann, um in die ver­meint­lich bes­se­re, gute Welt beim Men­schen auf­ge­nom­men zu wer­den, geba­det. Die­ser Akt gleicht oft einer Art Tau­fe, fast wie ein rite de pas­sa­ge. Dazu wird es in der Aus­stel­lung auch eine eige­ne neue Serie geben.

Gibt es auch Wer­ke, die schlecht geal­tert sind?

Swa­ant­je Günt­zel: Nein. Es war tat­säch­lich so, dass ich mich kaum ent­schei­den konn­te, was ich alles mit nach Bam­berg neh­me, weil alles gepasst hätte.

„When are we fuck­ing done rai­sing awa­re­ness?“, 2023, Acryl auf Lein­wand, Foto: S. Quenzer
Schlägt sich in der Aus­stel­lung auch nie­der, dass das Ver­hält­nis zwi­schen Mensch und Natur immer schlech­ter gewor­den ist?

Swa­ant­je Günt­zel: Ja. Es wird tat­säch­lich immer über­dreh­ter. Mei­ne Beschäf­ti­gung mit den Käfig- und Tun­nel­sys­te­men aus der Klein­tier­hal­tung waren damals so etwas wie ein Anlauf und eine Bestands­auf­nah­me. Den Grad der Ver­mensch­li­chung des Tiers in der Insze­nie­rung auf Social Media emp­fin­de ich inzwi­schen als sehr bedenk­lich. Inter­es­sant ist dabei sicher­lich auch zu sehen, wie Betrach­te­rIn­nen auf mei­ne Arbei­ten, in denen ich die­se The­men auf­grei­fe, reagie­ren. Viel­leicht war ich, ohne dass es mir klar war, immer schon einen klei­nen Schritt schnel­ler, weil ich das alles so absurd fand, wäh­rend in mei­nem Umfeld oft noch gedacht wur­de, sol­che Din­ge sei­en in Ord­nung. Am Ende sind wir ja alle umge­ben von ein­ge­sperr­ten Meer­schwein­chen und Kanin­chen aufgewachsen.

Eines Ihrer Wer­ke heißt „Kön­nen Sie nicht mal was Schö­nes machen“. Ist es eine Fort­füh­rung sol­cher Diskussionen?

Swa­ant­je Günt­zel: Ja. Es ist eine Werk­rei­he, die ich als Ant­wort auf die Reak­ti­on des Publi­kums auf mei­ne Kunst begon­nen habe. Dafür habe ich Bild­ma­te­ri­al benutzt, das ver­meint­lich auf­wüh­len­de The­men zeigt, wie zum Bei­spiel eine Ansicht des Braun­koh­le­ta­ge­baus, und habe dann kit­schi­ge Auf­kle­ber von Din­gen, die wir als schön emp­fin­den, wie von Ein­hör­ner, Regen­bö­gen und so wei­ter dar­auf geklebt. Mir wur­de von Beginn mei­ner künst­le­ri­schen Tätig­keit an vor­ge­wor­fen, dass die Arbei­ten, die sich mit unse­rer öko­lo­gi­schen Rea­li­tät und unse­rer Bezie­hung zum Tier befas­sen, zu ver­stö­rend sei­en. In Tei­len fand ich das nur schwer nach­voll­zieh­bar, weil ich ja letzt­end­lich nur die von uns gemach­te Rea­li­tät abbilde. 

Ich bin ja auch nicht die ers­te Künst­le­rin, die sich mit die­sen The­men beschäf­tigt. Als ich aller­dings vor 20 Jah­ren damit anfing, hin­gen die hedo­nis­ti­schen Neun­zi­ger viel­leicht noch zu sehr in der Luft und man muss­te erst mal rea­li­sie­ren, dass wir auf dem Weg in etwas sehr Ungu­tes sind. Ver­mut­lich sind die Reak­tio­nen auf mei­ne Arbeit des­we­gen oft so ableh­nend und immer wie­der mit dem Vor­wurf ver­bun­den, es sei zu ver­stö­rend und radi­kal, flan­kiert von Sät­zen wie: Kön­nen Sie nicht mal was Schö­nes machen? Am Ende ist es jedoch auf zwei Ebe­nen ent­lar­vend: Ein­mal – was soll Kunst eigent­lich, was glaubt man, von ihr ein­for­dern zu dür­fen? Und was sagen sol­che Sät­ze dar­über aus, wie wir uns mit der Rea­li­tät beschäf­ti­gen? Wir leis­ten uns den Luxus, ihr aus­wei­chen zu können.

Wur­de also das Werk als radi­kal ange­se­hen oder sein The­ma der Umweltzerstörung?

Swa­ant­je Günt­zel: Ich war nicht absicht­lich radi­kal, ich habe nur auf Pro­ble­me hin­ge­wie­sen. Zu den Ver­mei­dungs­stra­te­gien des­sen, wor­auf ich hin­wei­se, gehör­te es aber wohl, mei­ne Wer­ke radi­kal zu nen­nen. Das ist luxu­ri­ös und bil­det ab, wo wir im Dis­kurs ste­hen und wie wir uns erlau­ben, uns mit Umwelt­zer­stö­rung nicht aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen oder zu kön­nen. Ich habe mich dabei eigent­lich immer nur als eine Art Chro­nis­tin gese­hen, die die Din­ge festhält.

Haben sich die­se Reak­tio­nen im Lauf der Zeit geän­dert? Herrscht immer noch Ver­stö­rung oder mitt­ler­wei­le eher Genervt­heit vom Thema?

Swa­ant­je Günt­zel: Die Ableh­nung der Anfän­ge wur­de zwi­schen­zeit­lich abge­löst von einem ver­meint­li­chen Inter­es­se. Ein paar Jah­re lang kamen die Leu­te mit einer gro­ßen Auf­ge­schlos­sen­heit und woll­ten ver­ste­hen, wor­um es geht. Je kla­rer dann aber wur­de, dass Kli­ma­wan­del nicht nur ein Phä­no­men am ande­ren Ende der Welt ist, son­dern dass man sich auch selbst bewe­gen muss und sein eige­nes Selbst­ver­ständ­nis hin­ter­fra­gen muss, fing es an zu kip­pen. Da wur­den die Reak­tio­nen wie­der aggressiver.

Bie­ten Ihre Wer­ke Lösun­gen der Pro­ble­ma­tik des The­mas an?

Swa­ant­je Günt­zel: Ich habe mich als Künst­le­rin eigent­lich nie in der didak­ti­schen oder päd­ago­gi­schen Rol­le gese­hen. Weil ich mich aber schon so lan­ge mit dem The­ma beschäf­ti­ge, bin ich ein wenig in die­ser Rol­le gelan­det. Ich glau­be aber nicht, dass Auf­klä­rung mei­ne pri­mä­re Auf­ga­be ist. Ich ver­su­che, über die Mög­lich­kei­ten, die ich als Künst­le­rin habe, wenn es auch in einer für vie­le unbe­que­men Form ist, Din­ge so auf­zu­be­rei­ten, dass ich mich sub­jek­tiv dazu äußern kann. Ein wich­ti­ger Teil ist dabei, künst­le­risch zu hin­ter­fra­gen, in wel­cher Wei­se wir der Ver­ant­wor­tung für unser Han­deln aus­wei­chen. Das möch­te ich in mei­nen Wer­ken spie­geln – genau wie ich auch die öko­lo­gi­sche Rea­li­tät spie­ge­le. Das eine bedingt das andere.

Für die Gra­fik­rei­he „Space Hero­i­nes“ haben Sie Dar­stel­lun­gen von Super­hel­din­nen von einer künst­li­chen Intel­li­genz anfer­ti­gen las­sen. Ist es nicht ein Aus­wei­chen vor Ihrer eige­nen, in die­sem Fall künst­le­ri­schen Natur, wenn man einen Algo­rith­mus arbei­ten lässt?

Swant­je Günt­zel: Nein. Als Kon­zept­künst­le­rin ist das für mich kein Wider­spruch. 2022 habe ich ich eine Artist-in-Sci­ence Resi­dence bei der Euro­pean Space Agen­cy in Darm­stadt absol­viert. In die­ser Zeit wur­de mir immer kla­rer, dass der Welt­raum sehr stark von männ­li­chen Hel­den­ge­schich­ten und einem männ­li­chen Selbst­ver­ständ­nis der Raum­ero­be­rung geprägt ist. Der ers­te Teil der Arbeit „Space Hero­i­nes“ bestand ent­spre­chend dar­in, eine weib­li­che Super­hel­din zu ent­wer­fen, die dem etwas ent­ge­gen­zu­set­zen hat­te und sich im All für das Gute ein­setzt und Welt­raum­schrott besei­tigt. Dafür schrieb ich meh­re­re Gra­fi­ke­rIn­nen an, und frag­te, ob sie mir eine Hel­din ent­wi­ckeln kön­nen. Dabei stand ich aber unter gro­ßem Zeit­druck und bin im Ver­lauf mei­ner Anfra­ge zu kei­nem Ergeb­nis gekom­men. Ich muss­te dann ent­schei­den, wie ich die­se Hel­din anders ent­wi­ckeln kann, also ohne die Hil­fe von anderen.

War­um haben Sie sie nicht selbst gezeichnet?

Swa­ant­je Günt­zel: Weil ich kei­ne Zeich­ne­rin bin. In gewis­ser Wei­se habe ich sie dann aber doch selbst erschaf­fen, indem ich eine KI benutzt habe. Als Kon­zept­künst­le­rin grei­fe ich sowie­so sehr viel auf sol­che aus­ge­la­ger­ten Mög­lich­kei­ten zurück. Das ist ja die Idee des kon­zep­tu­el­len Arbei­tens. Die Idee steht im Vor­der­grund und man sucht sich Wege, sie zu übersetzen.

Soll­te man als Künst­le­rin oder Künst­ler aber nicht Wert dar­auf legen, dass es in der Kunst etwas gibt, ein mensch­li­cher Fun­ke viel­leicht, das eine KI nicht erschaf­fen oder kopie­ren kann und sich ent­spre­chend von ihr fernhalten?

Swa­ant­je Günt­zel: Wenn man die KI bedient und ver­sucht, sie zu steu­ern, gibt man ihr durch­aus etwas ein. Die­se Ein­ga­be war sogar das eigent­lich Span­nen­de. Zuerst gab ich Schlag­wör­ter wie „Hel­din“, „Comic­stil“ und „Welt­raum“ ein. Dabei stell­te ich aber sofort fest, und hier tat sich eine zwei­te Ebe­ne der Arbeit auf, dass die KI unter „Hel­din“ immer eine blon­de, wei­ße, jun­ge schlan­ke, über­se­xua­li­sier­te Figur ver­steht. Um diver­se Figu­ren zu errei­chen, muss­te ich die KI immer um das Gegen­teil des­sen bit­ten, was sie als Stan­dard für das Kon­zept „Hel­din“ fest­legt. Die­se zwei­te Ebe­ne bestand also dar­in, die KI so zu bedie­nen, dass ein diver­se­res und kein sexis­ti­sches Ergeb­nis rauskommt.

„INSTANT PARADISE“ wirft einen Blick in die Ver­gan­gen­heit. Wel­che The­men wol­len Sie in Zukunft angehen?

Swa­ant­je Günt­zel: Was mich der­zeit sehr beschäf­tigt, sind die erwähn­ten Aus­weich­we­ge, die Schlupf­lö­cher, mit denen wir uns erlau­ben, der Umwelt­zer­stö­rung und ihrer Hand­lungs­not­wen­dig­keit zu ent­ge­hen. Mein Werk „When are we fuck­ing done rai­sing awa­re­ness?“ ist eine Reak­ti­on dar­auf. Man kann immer einen Grund fin­den, war­um bestimm­te Din­ge für einen selbst nicht zutref­fen. Das geht aber nur, wenn man durch eine Meta-Ebe­ne geschützt ist, wie zum Bei­spiel die­je­ni­ge, die die Poli­tik vor­lebt. Sie han­delt nicht so kon­se­quent, wie sie müss­te oder könn­te, wie man an der aktu­el­len Ver­hand­lung um das Pari­ser 1,5 Grad-Abkom­men sieht. 

Der Rest hat sich in eine Rich­tung ent­wi­ckelt, in der die Aus­ein­an­der­set­zung mit unse­rer öko­lo­gi­schen Rea­li­tät ein Kul­tur­kampf gewor­den ist. Ich sehe da eine unfass­ba­re Ent­wick­lung rück­wärts, die aber immer salon­fä­hi­ger wird. In Zukunft, den­ke ich, wer­de ich mich also noch mehr damit beschäf­ti­gen, wie sehr wir die Ver­mei­dung der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rea­li­tät zu einer Kunst gemacht haben.

Swaantje Güntzel
Eine Space Heroi­ne von Swa­ant­je Günz­tel, Foto: S. Günt­zel, VG Bild-Kunst Bonn 2023

BBK-Jah­res­aus­stel­lung zum 200. Todes­tag von E.T.A. Hoffmann

„unheim­lich fan­tas­tisch oder total real“

Vor 200 Jah­ren starb E.T.A. Hoff­mann – ein Anlass, dem nun auch der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken, der BBK, eine Aus­stel­lung wid­met. Für „unheim­lich fan­tas­tisch oder total real“ sind noch bis 27. Novem­ber die Wer­ke von 24 Mit­glie­dern des Ver­bands in der Vil­la Des­sau­er zu sehen. The­ma­tisch gibt es das E.T.A.-Übliche, inhalt­lich zeigt die Schau aber abwechs­lungs­rei­che und neu­ar­ti­ge Inter­pre­ta­tio­nen davon.

Eini­gen Wer­ken der Aus­stel­lung „unheim­lich fan­tas­tisch oder total real“ sieht man an, dass sie nicht spe­zi­ell für das E.T.A. Hoff­mann-The­ma ange­fer­tigt, vom BBK aber für die Aus­stel­lung aus­ge­wählt wur­den, weil sie zufäl­lig gut dazu pas­sen. Tho­mas Brixs Zeich­nung „Heil-Land“ aus dem Jahr 2021 ist ein Bei­spiel dafür, Chris­ti­ne Gru­bers „Flo­ria Tos­ca“, 2005, ein ande­res. Ers­te­res kann im Sin­ne der Auto­ma­ten­the­ma­tik aus Hoff­manns „Der Sand­mann“ aus­ge­legt wer­den; in Zwei­te­rem hat der BBK das Unheim­lich-Fan­tas­ti­sche, das vie­le Wer­ke E.T.A.s durch­dringt, ausgemacht.

Ande­re Wer­ke, wie Ger­hard Hagens „Bergan­za Rel­oa­ded“ (2022) oder Ute Westi­ens „Ele­xie­re des Teu­fels“, wur­den unter­des­sen eigens für die Schau in der Vil­la Des­sau­er ange­fer­tigt. Ins­ge­samt 24 Künst­le­rin­nen und Künst­ler zeigt die Aus­stel­lung, nament­lich: Kers­tin Amend-Poh­lig, Mathi­as Bör­ner, Chris Engels, Hen­ri­ke Franz, Bar­ba­ra Grö­ne-Trux, Andrea Land­wehr-Rat­ka, Ruth Loibl, Cor­ne­lia Morsch, Wolf­gang Mül­ler, Ste­phan Pfeif­fer, Gert Res­sel, Vero­ni­ka Riedl, Wal­traud Schei­del, Nel­ly Schrott, Maria Söll­ner, Hubert Sowa und Cor­du­la Utermöhlen.

Auch Wal­li Bau­er und Tho­mas Michel haben Neu­ge­schaf­fe­nes bei­gesteu­ert. Wir haben die bei­den zum Gespräch über „unheim­lich fan­tas­tisch oder total real“ getroffen.

unheimlich fantastisch oder total real
Tho­mas Michel und Wal­li Bauer
Frau Bau­er, Herr Michel, war­um hat sich auch der BBK Ober­fran­ken für sei­ne Jah­res­aus­stel­lung dem The­ma des 200. Todes­ta­ges von E.T.A. Hoff­mann angeschlossen?

Tho­mas Michel: Das war für den BBK die Chan­ce, auch ein­mal auf einen grö­ße­ren the­ma­ti­schen Zug auf­zu­sprin­gen und außer­dem einen Wie­der­erken­nungs­wert zu erzeu­gen, mit der Aus­stel­lung „Unheim­lich fan­tas­tisch“, die in der Staats­bi­blio­thek zu sehen war.

Wal­li Bau­er: Wir woll­ten uns mit der Aus­stel­lung einer­seits anhän­gen an das gro­ße Bam­ber­ger Kul­tur­the­ma 2022, den 200. Todes­tag von E.T.A. Hoff­mann. Ande­rer­seits soll­te es aber auch die Mög­lich­keit bie­ten, künst­le­risch frei­er dar­über zu den­ken und damit zu arbeiten.

Im Ange­sicht die­ser Frei­heit, die der BBK im Umgang mit dem The­ma gege­ben hat, haben sich die 24 Künst­le­ri­In­nen dann aber doch an den übli­chen E.T.A. Hoff­mann-Moti­ven wie gespal­te­ne Per­sön­lich­keit, Uni­ver­sal­ge­nie, Auto­mat und dem Hund abge­ar­bei­tet. Was zeigt die Aus­stel­lung, was ande­re noch nicht gezeigt haben?

Tho­mas Michel: Ich den­ke, das sieht man an den Wer­ken und ihren ver­schie­de­nen Gen­res. 24 Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die sich dem The­ma wid­men, war noch nicht da. Es gibt eini­ge Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die sich inten­siv und neu­ar­tig mit E.T.A. Hoff­mann aus­ein­an­der­ge­setzt haben.

Wal­li Bau­er: Der BBK hat­te das The­ma aus­ge­schrie­ben, das heißt, man konn­te sich bewer­ben und sich auf das The­ma ein­las­sen oder eben nicht. Was mich an Hoff­mann inter­es­siert hat, war, mich auf den Mann ein­zu­las­sen, um nach­zu­gra­ben, wer er war, was er fühl­te und was er dach­te. Hoff­mann war ein mehr­fach begab­ter Künst­ler, so gese­hen eben anders als ande­re. Auf jeden Fall war er ein emp­find­sa­mer Mensch, der sich von sei­ner Umwelt sehr oft nicht ver­stan­den fühl­te und oft aneck­te, was man in sei­ner Bam­ber­ger Zeit sehr gut beob­ach­ten kann. Heu­te wür­de man viel­leicht sagen, er war sozi­al nicht ange­passt. Das ist The­ma mei­ner Holzschnitte.

Haben es 24 Künst­le­rin­nen und Künst­ler geschafft, in „unheim­lich fan­tas­tisch oder total real“ ein voll­stän­di­ges Bild von E.T.A. Hoff­mann zu zeichnen?

Tho­mas Michel: E.T.A. Hoff­mann ist schon ein spe­zi­el­les The­ma, mit dem man sich schon umfang­reich aus­ein­an­der­set­zen kann. Aber das The­ma konn­te ja sehr frei ange­gan­gen wer­den, man muss­te sich nicht all­zu deut­lich an Hoff­mann abar­bei­ten oder ein voll­stän­di­ges Bild schaf­fen. Es ging eher dar­um zu schau­en, dass man in den Rah­men des The­mas einen Ansatz inte­griert, der wei­ter geht.

Auf eine Facet­te von Hoff­manns Schaf­fen geht die Aus­stel­lung aller­dings nicht ein, näm­lich auf sein Schaf­fen als Kari­ka­tu­rist. Wie­so ver­kennt ihn die Aus­stel­lung in die­ser Richtung?

Tho­mas Michel: Jede Künst­le­rin, jeder Künst­ler hat Hoff­mann anders auf­ge­grif­fen. Ich glau­be auch, dass man Kari­ka­tur sehr zeit­ge­nös­sisch auf­grei­fen kann, wie zum Bei­spiel in der Man­ga-Com­mu­ni­ty. Kari­ka­tur ist aber ein sehr spe­zi­el­les Metier, und selbst her­aus­ra­gen­de Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die gegen­ständ­lich arbei­ten, sind nicht unbe­dingt gute Kari­ka­tu­ris­tin­nen und Kari­ka­tu­ris­ten. Auch umge­kehrt muss es nicht zwangs­läu­fig so sein. Wil­helm Busch und Lori­ot kamen auch nicht aus der Kunst­sze­ne. Des­halb bit­te ich in die­sem Punkt für die BBK-Künst­le­rin­nen und ‑Künst­ler um gewis­se Nach­sicht. Außer­dem haben wir Gert Res­sel mit sei­nem Gemäl­de „Der Viel­sei­ti­ge“. Des­sen ent­frem­de­te Figu­ren gehen schon in die Rich­tung der Karikatur.

unheimlich fantastisch oder total real
Gert Res­sel: „Der Vielseitige“
Kann man für sei­ne Kunst heu­te noch Ärger bekom­men so wie E.T.A. Hoff­mann für sei­ne Karikaturen?

Tho­mas Michel: Es ist schwie­rig. Es gibt ja in der Kunst nur noch ganz weni­ge Tabus, die man noch bre­chen könn­te. Es sei denn, man kommt aus dem glo­ba­len Süden und stellt auf der Docu­men­ta aus.

Wal­li Bau­er: Es gibt wohl wenig, das noch kri­ti­sche, poli­ti­sche Grenz­gän­ge zeigt. Arbei­ten, die sich mit poli­ti­schen The­men aus­ein­an­der­set­zen, soll­ten sen­si­bel umge­setzt werden.

Herr Michel, Sie haben zur Aus­stel­lung unter ande­rem das Gemäl­de „Olim­pia“, das das Dop­pel­gän­ger­the­ma aus „Der Sand­mann“ auf­greift, bei­gesteu­ert. Was sprach Sie dar­an an?

Tho­mas Michel: Was ich beim Sand­mann total fas­zi­nie­rend fin­de, ist das The­ma mit den Auto­ma­ten. Die Men­schen im 18. und 19. Jahr­hun­dert waren, was das angeht, schon ziem­lich weit ent­wi­ckelt – es gab Musik­au­to­ma­ten oder Schreib­au­to­ma­ten. Hin­zu kam für mich das Urthe­ma oder die Urangst der unbe­leb­ten Mate­rie oder Pup­pe, die zum Leben erweckt wird. Dann habe ich mir über­legt, was die Ent­spre­chung zu den Auto­ma­ten im 21. Jahr­hun­dert ist. Das sind für mich huma­no­ide Robo­ter oder künst­li­che Intel­li­genz. Des­we­gen habe ich die Vor­la­ge, die­ses Frau­en­ge­sicht, das das Gemäl­de zeigt, einer bio­me­tri­schen Daten­bank ent­nom­men, die mit einem Algo­rith­mus aus Mil­lio­nen von Gesich­tern neue erschafft und die­se per Zufalls­ge­nera­tor dem Betrach­ter zeigt, der sich durch die­se Daten­bank scrollt. So gese­hen spielt der Zufall auch bei der Aus­wahl eine gro­ße Rol­le. Aber egal, wel­che Vor­la­gen ich ver­wen­de, es geht dabei immer um einen Transformationsprozess. 

Das Span­nen­de dar­an ist zu beob­ach­ten, was pas­siert, wenn man ein glat­tes vir­tu­el­les Digi­tal­bild in rea­le phy­si­sche Farb­ma­te­rie in Öl auf Lein­wand über­setzt. Das Bild bekommt dann etwas wesent­lich Authen­ti­sche­res. Vie­les an der vom Algo­rith­mus erzeug­ten Vor­la­ge muss­te ich noch kor­ri­gie­ren oder ergän­zen, zum Bei­spiel die Brust­par­tie unter­halb des Hal­ses oder den obe­ren Haar­be­reich. Auch die Far­ben sind kom­po­si­to­risch und psy­cho­lo­gisch bewusst gewählt. Weiß steht für Rein­heit, rot für die Lie­be bezie­hungs­wei­se das Begeh­ren und rückt das Gemäl­de far­ben­psy­cho­lo­gisch näher an den Betrach­ter heran.

Was hat es mit den Text­blö­cken unter­halb der Gemäl­de auf sich, die sagen: She sto­le my memo­ries. Belie­ve me, she is a trans­hu­man fake?

Tho­mas Michel: Die Text­blö­cke set­zen ein Drei­er­ge­spräch zwi­schen den bei­den Bild­nis­sen und dem Betrach­ter in Gang. Die bei­den Por­träts bezich­ti­gen sich gegen­sei­tig, ein Fake zu sein und der Betrach­ter muss dazu irgend­wie einen Stand­punkt fin­den. Es geht um Ori­gi­nal und Fäl­schung und die Mani­pu­lier­bar­keit des Betrach­ters. Das Wort „trans­hu­man“ spielt auf die phi­lo­so­phi­sche Bewe­gung des Trans­hu­ma­nis­mus an, wo dis­ku­tiert wird, wie zum Bei­spiel künst­li­che Intel­li­genz in Bezug auf die mensch­li­che Zukunft ange­wandt wird, das Klo­nen, so wie die bei­den Bil­der geklont sind, spielt dabei eine wich­ti­ge Rolle.

Wie­so mutet das Gesicht, das die­ser Algo­rith­mus aus­ge­rech­net hat, asia­tisch an?

Tho­mas Michel: Letzt­end­lich habe ich das Gesicht aus­ge­wählt, das mir am aus­drucks­stärks­ten erschien. Haut­far­be und Her­kunft und so wei­ter haben dabei aber kei­ne Rol­le gespielt. Dass eine Asia­tin den Ide­al­vor­stel­lun­gen der inter­na­tio­na­len Män­ner­welt ent­spricht, kann man durch­aus so ste­hen las­sen, das war mir wäh­rend des Aus­wahl­pro­zes­ses aber gar nicht bewusst.

unheimlich fantastisch oder total real
Tho­mas Michel: „Olim­pia“
Frau Bau­er mit ihrem Holz­schnitt „E.T.A. Hoff­mann tritt neben sich“ haben auch Sie sich des The­mas des Dop­pel­gän­gers angenommen.

Wal­li Bau­er: Ich woll­te damit näher auf den Men­schen E.T.A. Hoff­mann ein­ge­hen, auf den unver­stan­de­nen E.T.A. oder den trau­ri­gen eigent­lich. Man sieht sei­nen Umriss hin­ter sei­nen ver­grö­ßer­ten Schat­ten in einer ande­ren Far­be. Hoff­mann ist hier in ver­schie­de­nen Stim­mungs­la­gen zu sehen. Er exis­tier­te sozu­sa­gen wie eine zwei­te Per­son neben sich. Nicht nur als Ehe­mann und Jurist und Künst­ler, son­dern auch jemand, der, wie eine gespal­te­ne Per­sön­lich­keit, sei­ne wahn­haf­ten oder uto­pi­schen Geschich­ten wäh­rend er sie schrieb viel­leicht auch durch­lebt hat. Ein Mensch, der neben sich steht.

unheimlich fantastisch oder total real
Wal­li Bau­er: „E.T.A. Hoff­mann tritt neben sich“

Gro­ßes Bam­ber­ger Gewölk und wei­te­re not­wen­di­ge Plastik

Aus­stel­lung Die­ter Froelich

Im Mai kehrt der Plas­ti­ker Die­ter Froelich, bis März die­sen Jah­res Sti­pen­di­at der Vil­la Con­cor­dia, mit der Aus­stel­lung „Gro­ßes Bam­ber­ger Gewölk und wei­te­re not­wen­di­ge Plas­tik (1989–2022)“ nach Bam­berg zurück. In Koope­ra­ti­on mit dem Kunst­ver­ein zeigt er ab 21. Mai in der Vil­la Des­sau­er Arbei­ten aus 30 Jah­ren Schaf­fens­zeit. Wir haben mit ihm über die Vor­tei­le der Plas­tik gegen­über der Male­rei, Gemein­sam­kei­ten von Kochen und Kunst, sei­ne Zeit in Bam­berg und das Unaus­sprech­li­che in sei­nen Wer­ken gesprochen.
Dieter Froelich
Die­ter Froelich, Foto: Maria Svidryk 
Herr Froelich, der Titel Ihrer Aus­stel­lung lau­tet „Gro­ßes Bam­ber­ger Gewölk und wei­te­re not­wen­di­ge Plas­tik“. Was bedeu­tet in die­sem Zusam­men­hang „not­wen­dig“?

Die­ter Froelich: Damit ist eine sub­jek­ti­ve Not­wen­dig­keit gemeint. Ich arbei­te jetzt seit mehr als 30 Jah­ren als Plas­ti­ker. Dabei haben sich bestimm­te Hand­lungs­ma­xi­men her­aus­ge­ar­bei­tet und sind gereift. Es gibt für mich bestimm­te, ich will nicht sagen, Zwangs­läu­fig­kei­ten – ich könn­te auch anders – Schrit­te, die auf­ein­an­der fol­gen müs­sen, sobald man beim Arbei­ten einen bestimm­ten Weg ein­ge­schla­gen hat. Die­se Schrit­te bestimmt man aber nicht immer sel­ber. Frü­her, in den 1980ern, im Stu­di­um hieß es immer „was will das Mate­ri­al“, aber die­se Auf­fas­sung ist ein wenig anti­quiert. Das Mate­ri­al will natür­lich über­haupt nichts. Es ist immer der Geist, der dahin­ter­steht, der etwas will. „Not­wen­di­ge Plas­tik“ heißt dar­um für mich, dass es bestimm­te, und das ist eigent­lich eine roman­ti­sche Hal­tung, Din­ge gibt, die ich machen will oder machen muss. Hin­zu kom­men Not­wen­dig­kei­ten von Schön­heit oder Wahr­heit, wenn man so will.

Wel­che Hand­lungs­ma­xi­men mei­nen Sie?

Die­ter Froelich: Es ist schwie­rig, das in Wor­te zu fas­sen. Je älter ich wer­de, je län­ger ich es mache, des­to schwe­rer fällt es mir. Hand­lungs­ma­xi­men bil­den sich her­aus. Ich behand­le sowohl in der Plas­tik als auch beim Kochen, das ich auch als plas­ti­sche Hand­lung ver­ste­he, Arche­ty­pen. In der Plas­tik ist es eigent­lich immer so, dass man die Din­ge zu ken­nen meint. Ich bin kein gro­ßer Anhän­ger von Ori­gi­na­li­tät, der Künst­ler muss etwas schaf­fen, das vor­her noch nie zu sehen war. Das hal­te ich für gro­ßen Non­sen­se. Wenn man Glück hat, pas­siert es zwar, dass es ori­gi­nell wird. Aber mei­ne Hand­lungs­wei­se ist eher, dass ich mir die Din­ge mei­ner Umge­bung aneig­ne, indem ich sie plas­tisch nachvollziehe.

Das heißt?

Die­ter Froelich: Zum Bei­spiel das „Gro­ße Bam­ber­ger Gewölk“ hat die Dar­stel­lung klei­ner Wölk­chen in der Obe­ren Pfar­re als Vor­bild. Die­se Wölk­chen haben mich sehr fas­zi­niert und ich habe sie plas­tisch nach­voll­zo­gen und so ent­stand das „Gro­ße Bam­ber­ger Gewölk“. Bezie­hungs­wei­se es ent­steht noch.

Das titel­ge­ben­de Werk der Aus­stel­lung ist noch nicht fertig?

Die­ter Froelich: Nein, bis­her, Anfang April, ist es noch nicht ganz fer­tig. Ich habe das unter­schätzt. Es ist ein 20-teil­i­ger Wol­ken­hau­fen, den ich auf eine Stel­la­ge mon­tie­re. Und dann müs­sen die ein­zel­nen Wol­ken noch ver­gol­det wer­den. Schon die letz­ten Wochen in Bam­berg habe ich fast nichts ande­res getan, als am Gewölk zu arbei­ten und seit mei­ner Rück­kehr nach Han­no­ver bin ich aus­schließ­lich damit beschäf­tigt. Jedes Ding hat halt sei­ne Zeit.

Wir spre­chen Anfang April, die Aus­stel­lung beginnt am 21. Mai. Wird das Werk bis dahin fer­tig werden?

Die­ter Froelich: Das wol­len wir hof­fen (lacht)! Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es fer­tig wird, aber ich wer­de es auf jeden Fall zei­gen – auch wenn es nicht fer­tig wer­den soll­te. Denn, wo die klas­si­sche Plas­tik frü­her noch einen sozu­sa­gen End­punkt hat­te, ist es ja heut­zu­ta­ge eher so, dass durch­aus auch pro­zes­su­al aus­ge­stellt wird. Zwar ent­spricht dies eigent­lich nicht mei­ner Hand­lungs­wei­se, aber ein Frag­ment ver­weist ja auf ein Gan­zes. Und das Gewölk muss unbe­dingt in Bam­berg gezeigt wer­den, denn hier hat es sei­nen Ursprung.

Neben dem „Bam­ber­ger Gewölk“ zei­gen Sie in der Aus­stel­lung wei­te­re Plas­ti­ken der letz­ten 30 Jah­re. Wie vie­le sind in die­ser Zeit ent­stan­den? Hun­der­te, tausende?

Die­ter Froelich: Das weiß ich nicht. Aber eines ist sicher: der Aus­stel­lungs­raum, die Vil­la Des­sau­er, so schön er ist, bringt schon viel mit. Er ist für eine Aus­stel­lung nicht ganz so schwer zu erobern wie das Kes­sel­haus in Bam­berg. Das hat eine extrem star­ke archi­tek­to­ni­sche Spra­che mit sei­nem Inte­ri­eur. Eine glei­che Last herrscht im Grun­de in der Vil­la Des­sau­er – wenn auch nicht so bru­tal wie im Kes­sel­haus, son­dern eher groß­bür­ger­lich ver­fei­nert. Von daher muss man sehr behut­sam vor­ge­hen. Ich wer­de dar­um auch spar­sam und akzen­tu­iert handeln.

Sie haben in den 1980er zuerst mit Male­rei ange­fan­gen und wech­sel­ten dann zur Plas­tik. War­um unter­nah­men Sie damals die­sen Schritt?

Die­ter Froelich: Der Grund dafür war, dass ich mit der Male­rei, die ich damals hier in Han­no­ver stu­dier­te, sehr unzu­frie­den war. Dann wech­sel­te ich an die Stä­del­schu­le in Frank­furt. Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums dort wuchs mei­ne Unzu­frie­den­heit mit der Male­rei in ihrer Abs­trakt­heit und ich wech­sel­te in die Bild­hau­er­klas­se von Micha­el Croissant.

Was ist ent­spre­chend mit Plas­tik aus­drück­bar, das mit Male­rei nicht geht?

Die­ter Froelich: Ich drü­cke nichts aus. Das ist das alte Kli­sche, dass sich der Künst­ler etwas aus­denkt und die ande­ren müs­sen erra­ten, was er meint. Das gibt es zwar heu­te wie­der mit die­sen gan­zen unsäg­li­chen Arbei­ten, die für oder gegen etwas sind. Malen für den Frie­den zum Bei­spiel, den wir zwar drin­gend brau­chen, aber als Künst­ler ist man da völ­lig macht­los. Ich hal­te das für gelin­de gesagt nicht mög­lich, um nicht zu sagen gro­ben Unfug. Es lässt sich aus dem Mate­ri­al nicht able­sen, ob es für etwas oder gegen etwas ist. Man kann das text­lich machen, zum Bei­spiel indem man sagt „das gro­ße Bam­ber­ger Gewölk wid­me ich dem ukrai­ni­schen Volk, weil es sich so tap­fer schlägt“, aber man muss auf­pas­sen, dass man nicht in den Kitsch ver­fällt. Wirk­lich Kunst hat immer einen frei­heit­li­chen Impe­tus und erfüllt das auch, ohne dass man noch eine Mei­nung draufsetzt.

Dann fra­ge ich so her­um: War­um liegt Ihnen die Plas­tik näher am Herzen?

Die­ter Froelich: Es ist ein­fach die Aus­deh­nung der Plas­tik. Ich glau­be, ich habe eine extrem star­ke Affi­ni­tät zu Din­gen. Ich den­ke, nein ich füh­le, dass eine Plas­tik von rea­ler und sinn­li­cher Gegen­wart ist, wäh­rend Male­rei immer ein extrem abs­trak­tes Moment in sich trägt. Die­se Gegen­wart ist mir sehr nahe. Des­we­gen bin ich zur Plas­tik gekom­men. Außer­dem hat sie durch die rea­le Gegen­wart eine gewis­se Transzendenz.

Was mei­nen Sie mit Transzendenz?

Die­ter Froelich: Das ist etwas, das über das Werk hin­aus­weist. Wenn einem Werk die­se Kom­pen­en­te fehlt, ist es kei­ne Kunst. Kunst ist immer etwas, das auch über sich hin­aus­weist, auf etwas ande­res, auf etwas bes­se­res viel­leicht, in mei­nem Ver­ständ­nis jeden­falls. Aber viel­leicht bin ich da kon­ser­va­tiv. Ich mei­ne näm­lich auch, dass Kunst die Funk­ti­on hat, durch Schön­heit Wahr­heit zu zei­gen. Aber das ist im Moment nicht ganz so en vogue.

Wel­che Wahr­hei­ten kön­nen das sein?

Die­ter Froelich: Wenn man die mit Wor­ten aus­drü­cken könn­te, müss­te ich kei­ne Kunst machen. Wir spre­chen hier, und das ist das Absur­de, über den nicht­sprach­li­chen Bereich. Von da könn­te man übri­gens einen Bogen span­nen in den Glau­ben und die Kir­che. Glau­ben wäre ja nicht zu ver­ste­hen, ohne das Unaus­sprech­li­che. Bei der Kunst ist das genau­so. Kunst und Kir­che ste­cken im Grun­de zur­zeit ähn­lich in der Kri­se. Die Leu­te lau­fen ihnen weg. Vie­le Men­schen brau­chen kei­nen Gott mehr, genau wie sie kei­ne Kunst mehr brau­chen. Sie sind ihre eige­ne Kunst – man schaue sich nur mal Tat­toos an. Die Selbst­in­sze­nie­rung ist im Grun­de anstel­le des Künst­lers getre­ten. Was frü­her auf Künst­ler pro­je­ziert wur­de – sei anders, sei krea­tiv, erfin­de dich selbst – ist heu­te an jeden gerich­tet. Man muss auf jeden Fall krea­tiv sein, sonst ist man nie­mand. Mit dem Glau­ben ist es ähn­lich. Vie­le haben sich ihren eige­nen Gott geschaffen.

Für Ihre Plas­ti­ken emp­fin­den Sie oft Gegen­stän­de des All­tags nach, wie Geschirr, Möbel­stü­cke oder Madon­nen­fi­gu­ren. Wodurch qua­li­fi­zie­ren sich Gegen­stän­de für Ihre Arbeit?

Die­ter Froelich: Auch das ist sehr schwer zu beschrei­ben, weil dann könn­te ich ja gezielt auf die Suche danach gehen. Ich den­ke, es ist eher so eine Bezie­hung, die sich auf­baut. In der Regel, ich den­ke, das kann ich so ver­all­ge­mei­nern, sind es aber recht ein­fa­che Gegen­stän­de, bei denen es, wie gesagt, zum Arche­ty­pi­schen hin­geht. Um bei der Obe­ren Pfar­re zu blei­ben: Es ist doch schön zu sehen, wie jemand so etwas Grund­sätz­li­ches wie eine Wol­ke abbil­det und wel­che Vor­stel­lun­gen er von der Wol­ke hat. Ver­glei­chen Sie ein­mal die Wol­ken aus dem Barock mit wel­chen aus dem Roko­ko, wie wir sie in Vier­zehn­hei­li­gen fin­den. An bei­den For­men läßt sich die dahin­ter ste­hen­de Auf­fas­sung von Welt able­sen. Hin­ter jeder Form steht eine Idee.

In der Vil­la Des­sau­er wer­den Sie auch eine Ver­si­on der Mas­ke des Bam­ber­ger Rei­ters zei­gen – aller­dings far­big gefasst. Was hat es damit auf sich?

Die­ter Froelich: Ähn­lich wie die Skulp­tu­ren der grie­chi­schen Anti­ke waren auch die Plas­ti­ken der Bam­ber­ger Kathe­dra­le far­big gefasst. Es gibt eine Dis­ser­ta­ti­on von Wal­ter Hart­leit­ner, „Zur Poly­chro­mie der Bam­ber­ger Dom­skulp­tur“, die 2011 in der Uni­ver­si­ty Press of Bam­berg erschien. Nach die­sen Erkennt­nis­sen habe ich ver­sucht, die Far­big­keit des Rei­ter­kop­fes nach­zu­voll­zie­hen, mit ver­gol­de­ter Kro­ne, kas­ta­ni­en­brau­nen Haa­ren, leicht rosi­ger Gesichts­far­be und roten, wie geschmink­ten, Lip­pen. Er sieht schon ganz sexy aus.

Dieter Froelich
„Bam­ber­ger Rei­ter“, Gips, Acryl­far­be, Poli­ment­ver­gol­dung, Foto: Die­ter Froelich VG Bild-Kunst
Wel­che Erin­ne­run­gen haben Sie an Bamberg?

Die­ter Froelich: Das sind in ers­ter Linie Erin­ne­run­gen an die wun­der­ba­re Vil­la Con­cor­dia, wo man als Sti­pen­di­at mona­te­lang unge­stört arbei­ten kann. Das gan­ze Team war sehr bemüht, uns Sti­pen­dia­ten den Auf­ent­halt so ange­nehm wie mög­lich zu gestal­ten. Und was ich an Bam­berg wirk­lich schät­ze, sind die freund­li­chen Leute.

Dafür sind Fran­ken aller­dings nicht über­all bekannt.

Die­ter Froelich: Ich weiß, die Fran­ken freu­en sich eher nach innen. Viel­leicht waren es auch Zuge­zo­ge­ne. Aber ich habe gera­de in der Con­cor­dia­stra­ße rela­tiv vie­le Leu­te ange­spro­chen und mich vor­ge­stellt und da ist so etwas wie Nach­bar­schaft ent­stan­den. In der Groß­stadt, auch wenn Han­no­ver nicht all­zu groß ist, bekommt man das nicht ganz so ein­fach. Was aber wirk­lich eine Zumu­tung ist, sind die gan­zen Tou­ris­ten. Ich fin­de es erstaun­lich, dass sich eine Stadt wie Bam­berg im Stadt­mar­ke­ting mehr oder weni­ger nur auf das Bier kapri­ziert. Denn wenn man mit Bier wirbt, muss man sich nicht wun­dern, wenn Bier­trin­ker kom­men und die Stadt bevöl­kern. Die reich­li­chen Kul­tur­schät­ze, die Bam­berg hat, könn­te man ein biss­chen bes­ser her­aus­stel­len. Allein die Samm­lung des Diö­ze­san­mu­se­ums ist von unglaub­li­cher Qua­li­tät, um nur einen Ort von vie­len zu nennen.

Am 30. Juni hal­ten Sie einen Vor­trag zum The­ma „Kochen als Kunst­gat­tung“. Was erwar­tet das Publi­kum hierbei?

Die­ter Froelich: Ich wer­de einen Über­blick geben über das Kochen als Kunst­gat­tung, bebil­dert, von den Römern bis heu­te, und dar­über spre­chen, wie sich das Gen­re ent­wi­ckelt hat. Und danach gibt es etwas zu essen.

Was wer­den Sie servieren?

Die­ter Froelich: Das ver­ra­te ich nicht. Die Hand­lungs­ma­xi­me hier ist: Beim Kochen liegt mein Herz eher auf der Sei­te der ein­fa­chen Spei­sen. Prin­zi­pi­ell koche ich immer ger­ne Din­ge, die den Leu­ten erst­mal viel­leicht fremd sind. Aber damit mei­ne ich nicht Heu­schre­cken oder so. Ich koche das Frem­de im Eige­nen. Din­ge, für die man gar nicht weit weg gehen braucht. Man kann inner­halb der eige­nen Spei­sen­kul­tur viel entdecken.

War­um ist Kochen Kunst?

Die­ter Froelich: Sie ist es nicht grund­sätz­lich. Wie alles kann sich auch das Kochen, wenn es über sich selbst hin­aus­geht, wenn es auf ein Ande­res ver­weist, zu Kunst werden.

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