Die Jahresausstellung „Transparenz“ des BBK Oberfranken e. V. widmet sich einem ebenso vielschichtigen wie aktuellen Thema: der Transparenz. Im Gespräch erläutert der Vorsitzende Gerhard Schlötzer, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler diesen Begriff interpretieren – und welche Spannungen, Irritationen und Denkanstöße sich daraus für das Publikum ergeben.
„Das Thema zielt auf Kontraste“, erklärt Gerhard Schlötzer. „Allem voran auf den Kontrast zwischen Durchscheinen und Verdecken, Erscheinen und Verschwinden, sichtbar machen und Verbergen – und das sowohl im physikalischen als auch im übertragenen Sinn.“ Gerade diese Gegensätze bilden den roten Faden der Ausstellung. Transparenz erscheint hier nicht als eindeutiger Zustand, sondern als dynamisches Spannungsfeld, das sich in unterschiedlichsten künstlerischen Strategien entfaltet.
Die Bandbreite der Arbeiten ist entsprechend groß: „Abstrahierte Landschaftsformen von unten gesehen in Marmor“, „Überlagerung von Durchblicken und Spiegelungen an gläsernen Grenzflächen mittels Fotografie“ oder „bestickte Stoffbahnen, die sich überlagernd verschiedene Zeitzustände darstellen“. Hinzu kommen Arbeiten, die mit überraschenden Materialkombinationen arbeiten: etwa „Lebensmittelkennzeichnungen als Transparenzversprechen, eingegossen in einen überdimensionierten, durchsichtigen Kunststoffdonut“, oder „solide Holzblöcke, die durch viele Einschnitte mit der Kreissäge in durchscheinende Lamellenstrukturen zerlegt werden und an Architekturmodelle erinnern“.
Auch malerische Positionen erweitern das Spektrum: „die gegenseitige Durchdringung mehrerer möglicher Daseinsformen mittels surrealer Malerei“ oder „gestische, großformatige Tuschemalerei, die auf die Rückseite gerollter mannshoher Papierrollen durchschlagend das Papier durchdringt“. Selbst immaterielle Aspekte werden thematisiert, etwa „die Luft als transparentes Trägermedium vieler Lebensprozesse, dargestellt in schmunzelnden Zeichnungen“.
„Eine große Vielfalt teils mehrfacher Transparenzbezüge steckt in den Werken der 33 ausstellenden professionellen Künstlerinnen und Künstler“, fasst Herr Schlötzer zusammen. Besichtigen kann man die Ausstellung vom 3. April bis 17. Mai.
Kunst im Dialog: Die soziale Plastik
Ein besonderer Akzent liegt auf einer Arbeit, die sich nicht als abgeschlossenes Werk versteht, sondern als offener Prozess: eine „soziale Plastik“.
„Unser neues Mitglied Florian Seubert, der im Grenzbereich von Literatur, Theater und Performance arbeitet, wird an vielen Tagen der Ausstellung persönlich anwesend sein“, erklärt Schlötzer. „Auf einem Schild steht: „Schriftsteller bei der Arbeit: Sprich mit mir!“ An einem kleinen Tisch im Obergeschoß der Villa Dessauer sitzend, wird er kommunikationswillige Besucherinnen und Besucher erwarten. Diese sind eingeladen, direkt mit dem Künstler in Austausch zu treten, Fragen zu stellen und Gedanken zu teilen. Etwaige Gespräche werden Teil des Kunstwerks selbst: „Die Ergebnisse der sich daraus entwickelnden Gespräche wird er auf Klebezetteln an den ihn umgebenden Wänden des Ausstellungsraumes festhalten.“
Gerade die Offenheit dieses Prozesses ist zentral: „Weil es sich um einen offenen Prozess handelt, wäre es verfrüht, konkrete Erwartungen daran zu knüpfen.“ Stattdessen liegt der Fokus auf der Beteiligung, denn es ist sonnvoller, sich selbst einzubringen und am Verlauf dieses Prozesses aktiv zu beteiligen. So entsteht ein lebendiges Werk, das sich im Laufe der Ausstellung verändert und verdichtet – getragen von den Stimmen der Besucherinnen und Besucher.
Material als Mitgestalter
Ein weiterer zentraler Aspekt der Ausstellung ist die Bedeutung von Material und Technik. „Bei den verwendeten Materialien und Techniken gibt es eine breite Auswahl – vom thematisch naheliegenden Transparentpapier bis zu Holz und Stein, die man zunächst nicht mit Transparenz in Verbindung bringen würde.“
Viele Künstlerinnen und Künstler arbeiten langfristig mit bestimmten Materialien und entwickeln daraus ihre künstlerische Sprache. „Diese Materialien erforschen sie meist bis in die Tiefe handwerklicher Fragen und erproben immer wieder aufs Neue ihre inhaltliche Ausdruckskraft.“ Dabei entsteht ein enger Dialog zwischen Idee und Material: „Das Material ist für sie nicht nur dienstbares Medium zur Vermittlung ihrer Ideen, sondern ein gleichberechtigter Partner beim Prozess der Kunstwerdung.“
Transparenz wird dabei nicht nur im wörtlichen Sinne verstanden. Zwar kommen Materialien wie „Glas, Gießharz und dünner Stoff“ zum Einsatz, doch gleichzeitig wird immer auch eine metaphorische Ebene angesprochen: „klar, einleuchtend, verständlich, durchschaubar“. So entstehen Arbeiten, die über das Sichtbare hinausweisen und grundlegende Fragen nach Wahrnehmung, Erkenntnis und Wirklichkeit stellen.
Gesellschaftliche Spiegelungen
Viele der ausgestellten Werke greifen gesellschaftliche, politische oder persönliche Themen auf. Transparenz wird hier zu einem Begriff, der weit über das Materielle hinausgeht. Ein Beispiel ist Gert Ressel, der mit seinem Wortspiel „Transparenz – trans parents“ die Mehrdeutigkeit des Begriffs nutzt und familiäre wie gesellschaftliche Konstellationen reflektiert. Dabei handelt es sich um eine Rückenansicht von zwei wohl homosexuellen Männern mit einem Kind an der Hand.
Auch Veronika Riedl thematisiert gesellschaftliche Strukturen. Ihre durchscheinenden, von innen leuchtenden Porzellanstrukturen erinnern an fragile Fassaden im Verfall. Für sie sind diese Arbeiten eine Metapher für Machtstrukturen: „repräsentative Fassaden als undurchsichtige, verbergende Hülle von eigeninteressengeleiteten Prozessen in Wirtschaft und Politik“. Ihre Schlussfolgerung ist ebenso poetisch wie kritisch: „Alle Fassaden fangen irgendwann an zu bröckeln, spätestens dann gewähren sie einen kleinen Blick ins Innere.“ Damit wird Transparenz zu einem Schlüsselbegriff für das Verständnis gesellschaftlicher Prozesse – zwischen Offenlegung und Verschleierung.
Kuratieren als dialogischer Prozess
Bei einer Ausstellung mit 33 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern spielt die Auswahl der Werke eine entscheidende Rolle. Die meisten Ausstellungen des BBK Oberfranken werden unter seinen Mitgliedern oder den Mitgliedern anderer BBKs ausgeschrieben – meist unter einem Oberthema, wie „Transparenz“, „Mehr und Weniger“ oder „Die Grenze“, um die Ausstellungsthemen in der Villa Dessauer der letzten 3 Jahre zu nennen. Die eingehenden Bewerbungen werden von einer fachkundigen Jury dann passend zum Thema und dem Ausstellungsort so ausgewählt und angeordnet, dass ein sinnvoller Bezug zwischen den Werken entsteht: „Ein Dialog, der im besten Fall auch zu den Ausstellungsbesuchern spricht!“
Die Auswahlkriterien sind zum einen die künstlerische Qualität, über die in der Jury intensiv diskutiert wird, und zum anderen die Beziehungen, die die Werke im Ausstellungskontext zueinander entwickeln können: „Man kann sich die Jury als eine Art Kuratorenteam vorstellen, das mit dem von den Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung gestellten Material versucht, eine möglichst anregende und aussagekräftige Ausstellung zu bauen.“ So entsteht ein Dialog – zwischen den Werken selbst, aber auch zwischen Kunst und Publikum.
