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Künstlerinnen

Vil­la Concordia 

Sti­pen­di­en für deut­sche, fran­zö­si­sche und ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künstler

13 Künst­le­rin­nen und Künst­ler – sie­ben aus Deutsch­land und sechs aus Frank­reich – erhal­ten ein Arbeits­sti­pen­di­um im Inter­na­tio­na­len Künst­ler­haus Vil­la Con­cordia. Zusätz­lich hat der Frei­staat bereits Sti­pen­di­en für 12 ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler bewilligt.

Die neu­en Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten woh­nen und arbei­ten wäh­rend ihres Auf­ent­halts in Bam­berg in der Vil­la Con­cordia. Zudem erhal­ten die Künst­le­rin­nen und Künst­ler monat­lich 1.500 Euro. Sie prä­sen­tie­ren ihre Arbei­ten in Ver­an­stal­tun­gen der Con­cordia und berei­chern damit im Ide­al­fall das kul­tu­rel­le Leben Bambergs.

Am 4. Mai um 19 Uhr begrüßt Nora-Euge­nie Gom­rin­ger, Direk­to­rin des Künst­ler­hau­ses, die neu­en Sti­pen­dia­ten im Gar­ten der Vil­la und stellt sie der Öffent­lich­keit vor. Über­wie­gend unter frei­em Him­mel sol­len im Lauf des Jah­res ver­schie­de­ne Ver­an­stal­tun­gen folgen.

Son­dersti­pen­di­um für ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künstler

Neben den regu­lä­ren deut­schen und fran­zö­si­schen Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten erhal­ten 2022 zusätz­lich 12 ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die nach Deutsch­land geflüch­tet sind, ein Son­dersti­pen­di­um. Es umfasst für die Dau­er von fünf Mona­ten eine monat­li­che Zah­lung von 1.500 Euro. Die Namen der 12 Män­ner und Frau­en gibt die Vil­la Con­cordia in Kür­ze bekannt.

„Der dies­jäh­ri­ge Künst­ler­haus­jahr­gang ist ein beson­de­rer“, sag­te Kunst­mi­nis­ter Mar­kus Blu­me dazu, der Ende März die Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten bekannt­gab. „Mit den zusätz­lich 12 Son­dersti­pen­di­en lin­dern wir schnell und unkom­pli­ziert finan­zi­el­le Nöte und zei­gen unse­re Soli­da­ri­tät und Wertschätzung.“

Seit sei­ner Errich­tung im Okto­ber 1997 lädt das Künst­ler­haus in den Spar­ten Bil­den­de Kunst, Lite­ra­tur und Musik jedes Jahr Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus Deutsch­land und einem ande­ren Land ein. Das Arbeits­sti­pen­di­um gilt für fünf oder elf Mona­te. Die Län­ge des Auf­ent­halts wäh­len die Künst­le­rin­nen und Künst­ler selbst. Die aus­län­di­schen Sti­pen­dia­ten der ver­gan­ge­nen Jah­re kamen aus Eng­land, Nor­we­gen, Polen, Schott­land, Grie­chen­land, Litau­en, Slo­we­ni­en und zuletzt aus Finnland.

2022 zie­hen fol­gen­de deut­sche und fran­zö­si­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler in die Vil­la Con­cordia ein: In der Spar­te Bil­den­de Kunst kom­men Garan­ce Arca­di­as (F), Andre­as Chwa­tal (D), Bar­ba­ra Herold (D) und Melis­sa May­er Gal­braith (F). Im Bereich Lite­ra­tur zie­hen Bar­ba­ra Fon­tai­ne (F), Nina Jäck­le (D), Patri­cia Klo­bu­si­cz­ky (D), Dani­el Schrei­ber (D) und Géral­di­ne Schwarz (F) ein. Und Carl Chris­ti­an Bet­ten­dorf (D), Sasha J. Blon­deau (F), Bas­tien David (F) und Andrea Neu­mann (D) sind die dies­jäh­ri­gen musi­ka­li­schen Ver­tre­te­rin­nen und Vertreter.

Sofort­hil­fe für ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künstler

Son­dersti­pen­di­en­pro­gramm in Vil­la Concordia

Bay­erns Staats­mi­nis­ter für Kunst, Mar­kus Blu­me, hat ein Son­dersti­pen­di­en­pro­gramm für geflüch­te­te ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler ange­kün­digt. 12 Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten kön­nen nun ihre künst­le­ri­sche Exis­tenz in der Vil­la Con­cordia fortsetzen.

„Der ent­setz­li­che Angriffs­krieg Russ­lands auf die Ukrai­ne ver­ur­sacht unbe­schreib­li­ches Leid. Er erschüt­tert die Men­schen in Euro­pa und Deutsch­land zutiefst“, sagt Kunst­mi­nis­ter Mar­kus Blu­me ges­tern in Mün­chen. „Vie­le Men­schen sind zur Flucht aus ihrer Hei­mat gezwun­gen – dar­un­ter auch vie­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler. Die­sen muss nun schnell und unbü­ro­kra­tisch gehol­fen wer­den.“ Des­we­gen hat das Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­ri­um für Wis­sen­schaft und Kunst zusam­men mit dem Inter­na­tio­na­len Künst­ler­haus Vil­la Con­cordia in Bam­berg ein Son­dersti­pen­di­en­pro­gramm gestar­tet und ver­dop­peln die bis­her übli­che Stipendienzahl.

12 nach Deutsch­land geflüch­te­te ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler erhal­ten zusätz­lich zu den bereits bewil­lig­ten Sti­pen­di­en im Zeit­raum von fünf Mona­ten eine monat­li­che Unter­stüt­zung von 1500 Euro. Das Sti­pen­di­um sei den Rea­li­tä­ten des Not­stan­des der Geflüch­te­ten ange­passt und gene­rell nicht an die Bedin­gung eines dau­er­haf­ten Auf­ent­halts in Bam­berg geknüpft.

„Das Sti­pen­di­um ist maxi­mal fle­xi­bel ange­legt. So lin­dern wir schnell und unkom­pli­ziert unmit­tel­ba­re finan­zi­el­le Nöte. Wir set­zen ein Zei­chen der Soli­da­ri­tät und Wert­schät­zung für ukrai­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler“, beton­te Mar­kus Blume.

Inter­na­tio­na­les Sti­pen­di­en­pro­gramm der Vil­la Concordia

Der Frei­staat Bay­ern betreibt in Bam­berg das Inter­na­tio­na­le Künst­ler­haus Vil­la Con­cordia. Das Künst­ler­haus dient der För­de­rung und Pfle­ge der Küns­te und der Ver­tie­fung der kul­tu­rel­len Bezie­hun­gen Bay­erns zu ande­ren Staa­ten. Jähr­lich erhal­ten 12 Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus Deutsch­land und einem Gast­land ein Sti­pen­di­um in der Vil­la Concordia.

Auf­grund der dra­ma­ti­schen Fol­gen des rus­si­schen Angriffs­krie­ges auf die Ukrai­ne hat das Sta­at­mi­nis­te­ri­um nun gemein­sam mit Nora-Euge­nie Gom­rin­ger, der Direk­to­rin des Künst­ler­hau­ses, Wege für eine schnel­le Unter­stüt­zungs­mög­lich­keit ukrai­ni­scher Künst­le­rin­nen und Künst­ler ausgelotet.

Neben den der­zeit aus­ge­wähl­ten deut­schen und fran­zö­si­schen Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten ermög­licht das Son­der­pro­gramm zusätz­lich 12 ukrai­ni­schen Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die nach Deutsch­land geflüch­tet sind, ein Sti­pen­di­um zur Siche­rung der künst­le­ri­schen Exis­tenz und zur Stär­kung und Aner­ken­nung der künst­le­ri­schen Arbeit ermöglicht.

Die­se 12 erhal­ten im Zeit­raum von fünf Mona­ten eine monat­li­che Zah­lung von 1500 Euro. In aku­ten Not­si­tua­tio­nen ist zudem eine zeit­wei­se Unter­brin­gung im Künst­ler­haus mög­lich. Gene­rell erfor­dert das Sti­pen­di­um jedoch kei­nen dau­er­haf­ten Ver­bleib in Bam­berg. Neben der finan­zi­el­len Zuwen­dung ist eine Ein­bin­dung in die künst­le­ri­sche Arbeit des Künst­ler­hau­ses geplant. Dies soll in Form eines digi­ta­len sowie ana­lo­gen Forums für alle Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten ablaufen.

Aus­stel­lung „Poro­si­ty Play­ground“ im Kesselhaus

„Wir tra­gen kei­ne fer­ti­gen Kunst­wer­ke in den Ausstellungsraum“

Ange­führt von Kura­to­rin und Bild­haue­rin Not­bur­ga Karl zeigt eine namen­lo­se Kunst-Grup­pe noch bis Mit­te Novem­ber ihre Aus­stel­lung „Poro­si­ty Play­ground“ im Bam­ber­ger Kes­sel­haus. Das Beson­de­re: Kei­ne Aus­stel­lung ist wie die ande­re, denn die Kunst­wer­ke ent­ste­hen als Reak­ti­on auf den jewei­li­gen Aus­stel­lungs­ort erst vor Ort.

Seit 24. Okto­ber zei­gen Not­bur­ga Karl, Tho­mas Trinkl, Son­ja Engel­hard, Car­los de Abreu, Prav­do­liub Iva­nov und das Duo Dan Dry­er (Astrid Piethan und Jörg Koslow­ski) Skulp­tu­ren, Instal­la­tio­nen und Male­rei im Kes­sel­haus. In ihren Wer­ken neh­men die Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus ihrer Sicht über­kom­me­ne Wahr­neh­mungs- und Inter­pre­ta­ti­ons­me­cha­nis­men ins Visier und hin­ter­fra­gen das Zusam­men­spiel zwi­schen Werk, Mate­ria­li­tät und Ausstellungsort.

Anfang Sep­tem­ber haben wir Not­bur­ga Karl zum Inter­view über die Aus­stel­lung „Poro­si­ty play­ground“ getrof­fen, als im Sin­ne der Her­an­ge­hens­wei­se noch nicht ganz klar war, was zu sehen sein würde.


Frau Karl, wel­che Bedeu­tung hat der Titel der Aus­stel­lung „Poro­si­ty Playground“?

Not­bur­ga Karl: Poro­si­ty, also Durch­läs­sig­keit, etwas Porö­ses, kann sich auf meh­re­re Din­ge bezie­hen: Die Durch­läs­sig­keit im Kopf, also das, was bewusst geschieht, wenn man Kunst betrach­tet: Man stellt sich eine Mate­ria­li­tät vor oder eine fil­tern­de, fra­gi­le Zustands­form oder auch etwas im über­tra­ge­nen Sinn einen Über­gangs­zu­stand, der durch­läs­sig aber doch fil­ternd ist. Auch etwas, das mit einem nicht-visu­el­len Zugang zu tun hat. Davon aus­ge­hend kann die Art und Wei­se, Kunst zu sehen oder zu machen durch­läs­sig oder flie­ßend sein, was Inter­pre­ta­ti­on oder Bedeu­tungs­zu­wei­sung angeht. Play­ground spie­gelt unser Ansin­nen, uns als Künst­le­rin­nen und Künst­ler immer mit gro­ßer Offen­heit und Locker­heit auf Din­ge ein­zu­las­sen. Ein Möglichkeitsraum.


Was mei­nen Sie mit „nicht-visu­el­ler Zugang“?

Not­bur­ga Karl: Wir sind im All­tag dar­auf getrimmt, zu deco­die­ren. Eine rote Ampel bedeu­tet ste­hen­blei­ben, eine grü­ne Ampel los­ge­hen. Ob rot auch etwas ande­res in uns aus­lö­sen kann, Emo­tio­nen zum Bei­spiel, spielt dabei kei­ne Rol­le. Es hat sich ein­ge­schli­chen, dass wir so auch Kunst betrach­ten. Man schaut hin, denkt, man weiß Bescheid und schaut wie­der weg. Das geht bei unse­ren Arbei­ten nicht. Es braucht eine Zeit des Ein­las­sens, eine Art Bewusst­wer­dungs­pro­zess, damit sich die Behaup­tung, die wir in den Wer­ken for­mu­lie­ren, erhär­ten. Nur weil ein Raum wie das Kes­sel­haus ein Ort der Kunst ist, heißt das noch nicht, dass alles, was dort gemacht wird auto­ma­tisch auch Kunst ist. Uns inter­es­sie­ren auch exis­ten­zi­el­le Fra­gen wie: Was macht Kunst, wie kann sie sich eine Form oder Visua­li­tät geben – und was bedeu­tet das kon­kret fürs Kes­sel­haus, mit sei­ner star­ken Archi­tek­tur und sei­ner Geschich­te? Wir ver­su­chen, den Kunst­ort sozu­sa­gen auf null zurück­zu­set­zen, um ihn dann mit unse­ren Wer­ken in sei­nen Bedeu­tun­gen neu zu besetzen.


Sie gehen also davon aus, dass das Publi­kum die­se theo­re­ti­sche Sei­te der Aus­stel­lung durch­aus wahr­neh­men und nicht, wie beschrie­ben, hin und wie­der weg­schau­en wird?

Not­bur­ga Karl: Ja, das Publi­kum wird mer­ken, dass es beim Betre­ten der Aus­stel­lung viel­leicht auch erst­mal in ein Vaku­um tritt, in dem es sich des­ori­en­tiert füh­len könn­te, weil die mit­ge­brach­te Her­an­ge­hens­wei­se an Kunst und die bis­he­ri­ge Art und Wei­se, Kunst zu betrach­ten, nicht sofort greifen.


Ist es Teil des Ansin­nens der Aus­stel­lung, das Publi­kum zu des­ori­en­tie­ren oder viel­leicht sogar zu überfordern?

Not­bur­ga Karl: Ich fin­de es inter­es­sant, dass Sie des­ori­en­tie­ren mit über­for­dern gleich­set­zen. Eine neue oder ande­re Ori­en­tie­rung muss nicht auto­ma­tisch nega­tiv bewer­tet sein. Klar, es ist ein Ver­las­sen der Kom­fort­zo­ne. Viel­leicht ist es bes­ser, die mög­li­che Reak­ti­on des Publi­kums eher als ver­hal­tend oder zurück­tre­tend zu bezeich­nen. Des­ori­en­tie­ren klingt eher aggres­siv, so als ob wir die Leu­ten vor den Kopf sto­ßen oder sie in ihrer etwai­gen Unwis­sen­heit bloß­stel­len wol­len wür­den. Das wol­len wir nicht. Wir wol­len, dass die Leu­te von der Aus­stel­lung etwas haben. Wir haben der Aus­stel­lung viel­leicht eine ande­re Ver­füh­rungs­kunst gege­ben als die übli­chen Her­an­ge­hens­wei­sen bei Kunst­be­trach­tung – ein Aha-Erleb­nis, das sich viel­leicht auch erst zeit­ver­setzt einstellt.


Trotz­dem möch­te die Aus­stel­lung aber nicht so sehr mit Schau­wer­ten für die Sin­ne beein­dru­cken, als mit ihrer abs­trak­ten Theorie?

Not­bur­ga Karl: Eigent­lich hof­fen wir schon, die Leu­te auch auf der ästhe­ti­schen Ebe­ne zu errei­chen. In Kunst geht es immer auch um die Form. Wir wer­den zum Bei­spiel mit sowas wie Akus­tik oder Licht arbei­ten, was den Raum auch füllt und ihn sinn­lich wir­ken lässt. Wir wol­len den Raum nicht durch unse­re gro­ße Kunst­ges­te bekämp­fen, son­dern ihm eine neue Wir­kung und beglei­ten­de Kom­men­tie­rung verleihen.


Ein Teil die­ses Pro­gramms besteht dar­in, dass Sie als Künst­le­rin­nen und Künst­ler sich oft von kon­kre­ten Aus­stel­lungs­si­tua­tio­nen zu neu­en Arbei­ten inspi­rie­ren lassen.

Not­bur­ga Karl: Ja, das zeich­net unse­re Arbeits­wei­se aus. Wir neh­men den Raum nicht nur als aus­tausch­ba­ren Behäl­ter für Kunst wahr, son­dern ver­su­chen, ihm gerecht zu wer­den und las­sen uns von sei­ner Beschaf­fen­heit zu Wer­ken her­aus­for­dern. Dar­um gibt es auch die gan­ze Band­brei­te künst­le­ri­scher Dar­stel­lungs­for­men – bild­haue­risch, male­risch, instal­la­tiv, mul­ti­me­di­al, kon­zep­tu­ell und vie­les mehr.


Haben schon alle an der Aus­stel­lung Betei­lig­ten das Kes­sel­haus und die Beschaf­fen­heit sei­ner Aus­stel­lungs­flä­che gese­hen? Haben die Betei­lig­ten in die­sem Sin­ne schon ent­schie­den, was sie vor Ort enste­hen las­sen und aus­stel­len werden?

Not­bur­ga Karl: Alle Betei­lig­ten haben sich den Raum schon ver­ge­gen­wär­tigt. Was aus­ge­stellt wird, kann ich aber noch nicht sagen. Es ist ja nicht so, dass wir fer­ti­ge Kunst­wer­ke ein­fach so in den Aus­stel­lungs­raum hin­ein­tra­gen. Der Raum spricht gera­de bei drei­di­men­sio­na­len Arbei­ten immer mit. Vie­le uns­rer Wer­ke ent­ste­hen im Raum und mit dem Raum. Nicht alles passt in so einen Raum. Es gibt Arbei­ten und Ent­wür­fe im Vor­feld, die in Bezug auf den tat­säch­li­chen Ort aber dann erst über­prüft wer­den müssen.


Was macht das Kes­sel­haus für die­se Aus­stel­lung und die­se Art aus­zu­stel­len interessant?

Not­bur­ga Karl: Auf der einen Sei­te ist das ganz klar sei­ne Mate­ria­li­tät. Dazu rech­ne ich nicht nur den Beton, son­dern auch das Licht, die Stim­mung und Spu­ren vor­he­ri­ger Aus­stel­lun­gen oder Benut­zung. Und auf der ande­ren Sei­te spielt auch die Geschich­te des Kes­sel­hau­ses für die künst­le­ri­sche Annä­he­rung eine gro­ße Rol­le. Die Tat­sa­che, dass dort ein­mal die Heiz­kes­sel für das neben­an gele­ge­ne ehe­ma­li­ge Kran­ken­haus waren, ver­leiht dem heu­ti­gen Kes­sel­haus gleich eine gewis­se Aus­sa­ge. Die­ser his­to­ri­sche Hin­ter­grund, der in die­sem Raum mit­spricht, wirkt sich auf das aus, was man in ihn rein­trägt. Man könn­te sich also als Bild­haue­rin oder Bild­hau­er mit Dampf beschäf­ti­gen, dem ande­ren Aggre­gats­zu­stand von Was­ser. Die­ser Raum aller­dings bringt den Kon­text der nicht mehr sicht­ba­ren Kes­sel sofort ins Spiel. Ein ande­rer Raum wür­de das nicht.


Wis­sen Sie schon grund­sätz­lich, wie Sie sich dem Raum nähern werden?

Not­bur­ga Karl: Mei­ne Vor­stel­lun­gen gehen immer wie­der von Licht­si­tua­tio­nen aus, ich wer­de wohl mit Licht arbei­ten. Ein wan­dern­der Licht­ke­gel viel­leicht, der die Ober­flä­che strei­chelt. Jeden­falls wird es wohl mit der Decke zu tun haben. Haben Sie schon mal hoch geschaut? Sie hat einen selt­sam gleich­mä­ßi­gen Teint. Wir alle wer­den jeweils ande­re Sphä­ren des Rau­mes auf­grei­fen. Wenn ich zum Bei­spiel von der Decke nicht los­kom­me, immer wie­der hoch­schaue, muss ich damit wohl was machen. Außer­dem steht noch der Boden in all sei­ner Dop­pel­bö­dig­keit zu Ver­fü­gung oder die von oben hän­gen­den Dop­pel-Trich­ter und ihr bestim­men­des Volu­men, oder die Glas­fas­sa­de, oder Rost. Wir suchen nach Cha­rak­te­ris­ti­ka des Raums, und suchen nach groß­zü­gi­gen Ant­wor­ten auf die vor­ge­ge­be­ne Situation.


Was ist der Reiz an die­ser Herangehensweise?

Not­bur­ga Karl: Wahr­schein­lich ist es die Lust auf das Unge­wis­se, die in neu­en Kon­tex­ten wie Aus­stel­lungs­räu­men oder der Gefal­len dar­an, Gren­zen immer wie­der neu zu erfah­ren, zu the­ma­ti­sie­ren und zu ver­schie­ben. Das ist übri­gens ein grund­sätz­li­cher Anspruch, den wir aus der Avant­guar­de geerbt haben. Auch wol­len wir den Kon­text Kunst und ihre Aus­drucks­wei­sen immer wie­der von grund­auf infra­ge stel­len, um dann zu ihr hof­fent­lich zurück­zu­fin­den, um zu sagen, dass es immer noch sinn­voll ist, Kunst zu machen und sie in Räu­me zu stel­len. Wenn wir es hin­be­kä­men, dass das Kes­sel­haus für alle, die es schon ken­nen, ein ande­rer Ort wird, wo man sich auch mal ganz ande­res sich den­ken getraut, dann hät­ten wir schon was geschafft.


Wie sahen die Publi­kums­re­ak­tio­nen an den vor­he­ri­gen Orten, an denen Sie aus­stell­ten, aus?

Not­bur­ga Karl: Inter­es­siert, offen und dank­bar, weil es in der Aus­stel­lung ja tat­säch­lich so einen Ver­schie­be-Effekt in der Wahr­neh­mung geben kann – wenn man sich dar­auf ein­lässt, und weil es zugleich einen Kunst­dis­kurs gibt, in dem wir etwas bei­steu­ern. Wir sind auch sehr gesprächs­be­reit und ver­füg­bar. Die Aus­stel­lung wird Bam­berg auch zugu­te kommen.


War­um?

Not­bur­ga Karl: Wenn man Kunst anschaut, erfährt man ja nicht nur etwas über das Werk, son­dern auch etwas über sich. Ent­we­der fin­det man etwas von sich dar­in bestä­tigt oder infra­ge gestellt. Die Aus­stel­lung und ihre Her­an­ge­hens­wei­se ist viel­leicht etwas, das in Bam­berg noch nicht so oft zu sehen gewe­sen ist oder gemacht wur­de. In Bam­berg hat sich durch die Men­ge an ehr­wür­di­ger, alter Kunst – die ja übri­gens nicht immer alt war, son­dern kurz sehr zeit­ge­nös­sisch – bei vie­len das Bedürf­nis nach Bewah­ren aus­ge­löst. Was in der Spra­che der Kunst ver­han­delt wird, was in ihren Kon­text hin­ein­ge­dacht wer­den kann oder soll, ist aber in stän­di­ger Ver­än­de­rung und immer im Über­gang. Dadurch sind die Wer­ke, die wir aus­stel­len, erst­mal wie im Modus von Behaup­tun­gen oder Fra­gen zu ver­ste­hen, und sie sind noch nicht so aner­kannt bezie­hungs­wei­se abge­si­chert wie die Din­ge, die es in Anti­qui­tä­ten­lä­den gibt. Die größ­te Fra­ge betrifft übri­gens auch das Kes­sel­haus selbst und sein Poten­ti­al für Bamberg.


In der Aus­stel­lung wer­den neben Ihrem Bei­trag Wer­ke von Tho­mas Trinkl, Son­ja Engel­hard, Car­los de Abreu, Prav­do­liub Iva­nov und des Duos Dan Dry­er zu sehen sein. Nach wel­chen Kri­te­ri­en haben Sie als Kura­to­rin die aus­tel­len­den Künst­le­rin­nen und Künst­ler ausgewählt?

Not­bur­ga Karl: Für die­se Her­an­ge­hens­wei­se, die uns ver­bin­det, also so mit Räu­men zu arbei­ten, braucht es Gemein­sam­kei­ten in der Fra­ge­stel­lung, in der Suche, in der Lust am Betre­ten von unge­si­cher­tem Ter­rain – anhand sol­cher Gemein­sam­kei­ten habe ich aus­ge­wählt. Wir woll­ten auch Prav­do­liub Iva­nov aus Sofia dabei haben; er ist zu die­ser Zeit Inter­na­tio­na­ler Gast­pro­fes­sur für Diver­si­ty an der Uni­ver­si­tät Bam­berg. Ich als ver­ant­wort­li­che Kura­to­rin brau­che außer­dem noch das Bewusst­sein, mich dar­auf ver­las­sen zu kön­nen, dass die Wer­ke, die wir sehen wer­den, inter­es­sant sein wer­den, trotz der Unsi­cher­heit, die im Vor­feld besteht und die her­aus­for­dernd sein kann.


Ist es ein Trend in den aus­stel­len­den Küns­ten, die Rol­le der Künst­le­rin­nen und Künst­ler und ihrer Wer­ke zu redu­zie­ren und mehr die Inter­ak­ti­on zu beto­nen, mit dem Publi­kum oder, wie in die­sem Fall, dem Ausstellungsort?

Not­bur­ga Karl: Es gibt wohl eine Ent­wick­lung hin zu mehr Per­for­ma­ti­vi­tät und Kom­bi­na­ti­ons­for­men in den Küns­ten. Viel­leicht hängt es auch mit der prag­ma­ti­schen Fra­ge zusam­men, wo die gan­zen Wer­ken gela­gert wer­den sol­len, wenn sie so nicht oder nicht mehr gezeigt wer­den. Aber das Prin­zip des Rela­tio­na­len – also wie man sich zu was in Bezie­hung setzt – ist ins­ge­samt ein gro­ßes The­ma. Viel­leicht ist es eine Kon­se­quenz dar­aus, nicht so sehr von anfass­ba­ren Gren­zen aus­zu­ge­hen, son­dern mehr von Bezie­hungs­räu­men. Das ist für mich immer noch Bild­haue­rei. Es hat dann mög­li­cher­wei­se den Effekt, dass man die ein­zel­nen Künst­le­rin­nen und Künst­ler dahin­ter nicht mehr so deut­lich iden­ti­fi­zie­ren kann. Das ändert aber an deren Prä­senz und Ein­fluss nichts.

Aus­stel­lung „Poro­si­ty
Play­ground“

24. Okto­ber bis 28. November

Kes­sel­haus

http://kunstraum-jetzt.de/

BBK-Aus­stel­lung “Wal­des­lust”

Zurück zur Natur

Der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken (BBK) hat sei­ne Jah­res­aus­stel­lung unter das Mot­to „Wal­des­lust“ gestellt. Ges­tern begann die Aus­stel­lung, in der über 30 Mit­glie­der des BBK in der Vil­la Des­sau­er ver­schie­den­ar­tigs­te Land­schafts­dar­stel­lun­gen zei­gen. Eine The­ma­tik, die sich im Span­nungs­feld zwi­schen ris­kan­tem Kitsch­ver­dacht und aktu­el­ler Poli­tik bewegt.

Die bei­den BBK-Mit­glie­der Tho­mas Michel und Peter Schop­pel sind an der Orga­ni­sa­ti­on der Aus­stel­lung betei­ligt und stel­len eini­ge ihrer Wer­ke aus. Wir haben Sie zum Gespräch getroffen.


War­um wid­met sich der BBK Ober­fran­ken in sei­ner Jah­res­aus­stel­lung dem The­ma Wald?

Tho­mas Michel: Es ist ein­fach höchs­te Zeit, in einer Aus­stel­lung das The­ma Umwelt bezie­hungs­wei­se Zer­stö­rung der­sel­ben anzu­ge­hen. Spä­tes­tens seit den Dür­ren der letz­ten Jah­re hat sich gezeigt, wie wich­tig es ist. Und jetzt kommt aktu­ell noch die Flut­ka­ta­stro­phe in NRW und Rhein­land-Pfalz dazu. In gewis­ser Wei­se hat der Wald dabei eine Rol­le gespielt, denn ein intak­ter und gesun­der Wald hät­te im Boden mehr Was­ser auf­neh­men kön­nen und die Flut wäre womög­lich nicht ganz so schlimm gewe­sen. Ich den­ke, alle, auch der BBK, soll­ten im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten Bewusst­sein schaf­fen für die Wich­tig­keit des The­mas, der Umwelt­ver­schmut­zung und des Kli­ma­wan­dels. Das haben wir sowohl von den Wer­ken als auch von der Bot­schaft der Aus­stel­lung her versucht.


Sind Sie bei der Pla­nung der Aus­stel­lung also von Anfang an unter poli­ti­schen Gesichts­punk­ten an das The­ma des Wal­des her­an­ge­gan­gen und nicht so sehr unter ästhetischen?

Tho­mas Michel: Bei einer Aus­stel­lung wäh­rend der Pan­de­mie­zeit, in der nur weni­ge Aus­stel­lun­gen mög­lich sind und waren, soll­te man die Gele­gen­heit nut­zen, eine Bot­schaft zu sen­den. Die Ästhe­tik rich­tet sich in die­sem Fall zumeist nach der Bot­schaft. Ich per­sön­lich habe mei­nen Bei­trag zwar eher der Wie­der­ent­de­ckung der Natur und der ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Natur­ver­bun­den­heit gewid­met, aber auch mit aktu­el­len Bezü­gen ver­knüpft – in die­sem Fall mit der Pan­de­mie: Man konn­te nicht ver­rei­sen oder kul­tu­rel­le Ange­bo­te wahr­neh­men und wen­de­te sich dar­um an die Natur vor Ort.

Peter Schop­pel: Als wir den BBK-Mit­glie­dern das The­ma der Jah­res­aus­stel­lung vor­schlu­gen, haben wir damit sehr vie­le von ihnen begeis­tert und ent­spre­chend vie­le Bewer­bun­gen für die Aus­stel­lung bekom­men – mehr als sonst sogar – und das The­ma wur­de viel­fäl­tig, sowohl poli­tisch als auch ästhe­tisch, umgesetzt.

Falls Stim­men laut wer­den wür­den, die die Aus­stel­lung eine Wer­be­kam­pa­gne für grü­ne Poli­tik nen­nen – was wür­den Sie entgegnen?

Tho­mas Michel: Ich glau­be, grü­ne Poli­tik oder grü­ne Ideen schrei­ben sich mitt­ler­wei­le alle Par­tei­en auf die Fah­nen. Die­se Ideen bezie­hungs­wei­se ihre Umset­zung sind lebensnotwendig.

Ger­hard Schop­pel (links) und Tho­mas Michel, Foto: Sebas­ti­an Quenzer

Peter Schop­pel: Es geht um unse­re Zukunft und Umwelt­be­wusst­sein soll­te eigent­lich über­all ver­an­kert sein.


Lie­ße sich sagen, dass der Titel der Aus­stel­lung „Wal­des­lust“ jedoch auf eine eher unpo­li­ti­sche Dimen­si­on des Wal­des hin­deu­tet, näm­lich auf die Emo­tio­na­li­sie­rung der Natur? Ein Ansatz, der in der Tra­di­ti­on der Epo­che der Roman­tik stün­de, als, kurz gesagt, begon­nen wur­de, indi­vi­du­el­les emo­tio­na­les Erle­ben in die Natur hineinzulesen.

Tho­mas Michel: Ja. Das The­ma Wald könn­te auf den ers­ten Blick etwas tro­cken und öko­lo­gisch daher­kom­men. Dar­um brauch­ten wir einen für die Öffent­lich­keit grif­fi­gen Titel. „Wal­des­lust“ klingt posi­tiv und hat auch viel mit der deut­schen Geschich­te in Ver­bin­dung mit dem Wald zu tun. Die Deut­schen haben eine sehr spe­zi­el­le Bezie­hung zum Wald, vor allem durch die Natur­ver­herr­li­chung in der Roman­tik vom Anfang des 19. Jahr­hun­derts. Ich bezie­he mich, zum Bei­spiel, expli­zit auf Cas­par David Fried­rich, was Natur­emp­fin­den, Licht­stim­mun­gen und Ver­lo­rensein oder Auf­ge­ho­ben­sein in der Natur angeht.


Aber kann eine roman­tisch-emo­tio­na­li­sier­te Sicht­wei­se auf die Natur, die kein Auge für die Umwelt­zer­stö­rung hat, heu­te noch auf­recht­erhal­ten wer­den oder schwin­gen tro­cke­ne­re Fra­gen nach dem Kli­ma­wan­del und sei­nen Aus­wir­kun­gen auto­ma­tisch in jedem Werk mit?

Tho­mas Michel: Bezüg­lich der kul­tur­ge­schicht­li­chen Bedeu­tung der Natur und des Wal­des ist es so, dass Wal­des­lust oder das Wie­der­her­stel­len des Kon­takts mit der Natur und ihre Emo­tio­na­li­sie­rung eine Erfin­dung von städ­ti­schen Aka­de­mi­kern des 19. Jahr­hun­derts ist. Den Groß­teil der dama­li­gen Bevöl­ke­rung, der Land­be­völ­ke­rung, hat das aber über­haupt nicht inter­es­siert. Die­se Leu­te haben den Wald prak­tisch und nicht unter Gesichts­punk­ten künst­le­ri­scher Ver­wert­bar­keit und Emo­tio­na­li­sie­rung gese­hen. Sie leb­ten von der Natur. Wir haben uns zwar heu­te noch viel wei­ter von der Natur und dem Wald ent­fernt als die Städ­ter, wie Goe­the, im 19. Jahr­hun­dert, aber durch die seit eini­ger Zeit immer mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men­de Umwelt­zer­stö­rung ändert sich das wie­der. Eine prak­ti­sche­re Sicht­wei­se auf den Wald und die Natur als Lebens­grund­la­ge, die immer mehr zer­stört wird, kehrt also tat­säch­lich zurück. Für mein Gemäl­de „Wald bei Bärn­fels“ – ein etwa zwei Meter hohes und drei Meter brei­tes Tri­pty­chon – woll­te ich den Betrach­ter schon durch die Grö­ße das Gefühl geben, den Wald zu betre­ten und den Bäu­men gegen­über­zu­ste­hen. Poli­tisch wird es sozu­sa­gen zwi­schen den Zei­len aber inso­fern, als dass es sich bei den Bäu­men aus­schließ­lich um einen künst­lich ange­leg­ten Fich­ten­wald han­delt und man nicht genau erkennt, ob die Bäu­me noch gesund oder schon am abster­ben sind.


Herr Schop­pel, Sie haben für Ihre Radie­rung „Wald­rand“ einen abs­trak­te­ren Ansatz gewählt. Wie kommt bei Ihnen die Poli­tik ins Spiel?

Peter Schop­pel: Auf mei­nen Wald-Spa­zier­gän­gen bei Gun­dels­heim fin­den sich schö­ne Wald­an­sich­ten oder Ein­sich­ten in das Unter­holz selbst. Seit der BBK für die Jah­res­aus­stel­lung das The­ma Wald aus­ge­schrie­ben hat­te, habe ich ange­fan­gen, den Wald inten­si­ver als sonst zeich­ne­risch oder foto­gra­fisch zu doku­men­tie­ren. Von den Zeich­nun­gen und Foto­gra­fien als Aus­gangs­punkt der künst­le­ri­schen Arbeit habe ich zwei Seri­en von Uni­kat- Dru­cken ange­fer­tigt, von denen kei­ne wie die ande­re ist.

Damit möch­te ich die Viel­falt von Betrach­tungs­wei­sen über das The­ma Wald ver­deut­li­chen – vom Natur­schö­nen, bis hin zur Gesell­schafts­kri­tik – und zum Bei­spiel mit dem gro­ßen Kreuz in der Mit­te, eben auch sein Ster­ben, letzt­end­lich auch das Ster­ben der zivi­li­sier­ten Menschheit.

Peter Schop­pel „Wald­rand I“, Radie­rung, 27×50 cm, 2021, Foto: Peter Schoppel

Unab­hän­gig von poli­ti­schen Bedeu­tungs­schich­ten von Land­schafts­dar­stel­lun­gen besteht bei ihnen und ihrer Ver­bin­dung zur fei­er­lich-emo­tio­na­len Ernst­haf­tig­keit der Roman­tik jedoch immer ein wenig die Gefahr, für ein heu­ti­ges Publi­kum ins Kit­schig-Pathe­ti­sche abzu­rut­schen oder als iro­nisch gemeint ver­stan­den zu wer­den. Wie gehen Sie damit um?

Tho­mas Michel: Ja, das kann auf jeden Fall pas­sie­ren. Ich den­ke, in Natur­dar­stel­lun­gen schwingt so ein archai­sches Natur­emp­fin­den oder eine Natur­ver­bun­den­sein mit, die von einem Teil der Öffent­lich­keit als kit­schig auf­ge­fasst wer­den könn­te. Viel­leicht hat sich die­ser Teil aber auch nur soweit von der Natur ent­frem­det, dass uniro­nisch ernst gemein­te Natur­dar­stel­lun­gen nicht mehr als sol­che betrach­tet wer­den kön­nen. Ich tre­te dafür an, die Land­schafts­ma­le­rei wie­der her­vor­zu­he­ben und die Aus­stel­lung ist für mich auch eine Wie­der­ent­de­ckung die­ses immer ein biss­chen belä­chel­ten Gen­res, das durch­aus manch­mal ein wenig anti­quiert wirkt.

Peter Schop­pel: Das ist ein schwie­ri­ges The­ma. Man muss als Künst­ler da ein­fach sei­ne eige­ne Hal­tung zei­gen. Und wenn man sie mit Über­zeu­gung ver­tritt und es auch ästhe­tisch gut macht, kann man auch die­ses The­ma für sich gewin­nen und mög­li­che Kitsch-Kli­schees nie­der­rei­ßen. Ein Bei­spiel ist Bild­hau­er Tho­mas Gröh­ling, der für die Aus­stel­lung zehn Wöl­fe aus Holz geschnitzt hat.

Tho­mas Michel: Wobei es in der Aus­stel­lung durch­aus auch iro­ni­sche Her­an­ge­hens­wei­sen ans Natur-The­ma gibt. Chris Engels zum Bei­spiel hat ein Hirsch­ge­weih mit Kon­do­men behan­gen und so die Wal­des­lust auf ande­re Art und Wei­se interpretiert.

Wir stan­den zuerst mit einem Schmun­zeln vor dem Werk, aber Chris Engels hat sich von einem Förs­ter bestä­ti­gen las­sen, dass der Wald in Lock­down-Zei­ten nicht nur Rück­zugs­ort wur­de für Par­ties, samt ent­spre­chen­der Müll­pro­ble­ma­tik, son­dern auch als sozu­sa­gen Lie­bes­nest neue Bedeu­tung erhielt. Für die Plat­zie­rung des Geweihs in der Aus­stel­lung haben wir uns klas­si­scher­wei­se für die Wand über einem Kamin ent­schie­den. Durch die Gestal­tung mit den Kon­do­men wird aber auch die­se poten­zi­ell kit­schi­ge Dar­stel­lung auf­ge­bro­chen und neu definiert.

Chris Engels „Wal­des­lust“, Geweih, (Fake-) Kon­do­me, 100 cm x 120 cm x 55 cm, Foto: Chris Engels

Wel­che Rol­le spie­len in der Aus­stel­lung die Tier­welt und die mensch­li­che Figur?

Tho­mas Michel: Bis auf das genann­te Hirsch­ge­weih von Chris Engels und die Wolfs­skulp­tu­ren von Bild­hau­er Tho­mas Gröh­ling wur­den, das hat mich über­rascht, kaum wei­te­re Bei­trä­ge mit Tie­ren ein­ge­reicht. Die Wer­ke beschäf­ti­gen sich eher mit der Pflan­zen­welt. Viel­leicht hat das auch damit zu tun, dass Wald­tie­re, auch im gesell­schaft­li­chen Bewusst­sein, schon so weit ver­drängt sind, dass sie auch in der Aus­stel­lung kaum vor­kom­men. Mensch­li­che Figu­ren kom­men aber auch vor: Das Foto­gra­fen­duo Deininger/​Jaugstetter the­ma­ti­siert in sei­nen Wer­ken die Ver­schmel­zung der mensch­li­chen Akt­fi­gur mit der Natur.


Kann es aber künst­le­risch reiz­voll sein, kei­ne Men­schen dar­stel­len zu müssen?

Tho­mas Michel: Da kann ich mich wie­der auf die Roman­tik bezie­hen, die die Land­schaft zur Haupt­per­son und fast schon zum sakra­len Andachts­ort gemacht hat.


Geht die Aus­stel­lung auf die Meta-Rol­le des Wal­des als Lie­fe­rant von Werk­stoff, in Form von Papier oder Holz, ein?

Peter Schop­pel: Dazu wür­de ich ger­ne auf die Arbeit „Nach der Lust“ von Ger­hard Hagen ver­wei­sen: Foto­ar­bei­ten, auf denen aus Papier­schnip­seln gepress­te Wür­fel zu sehen sind. Die­se Werk­se­rie beschäf­tigt sich, wie­der­um nicht ganz unpo­li­tisch, mit dem Kreis­lauf des Recy­clings. Das wie­der­ver­wer­te­te Mate­ri­al kann nicht unend­lich oft wie­der­ver­wer­tet wer­den. Ihm, in die­sem Fall han­delt es sich um Alt­pa­pier, muss immer wie­der noch nicht ver­wer­te­ter Holz-Roh­stoff bei­gemischt wer­den, um den Kreis­lauf und die Qua­li­tät auf­recht zu erhalten.

Wer­ke von 34 Künst­le­rin­nen und Künst­lern wer­den zu sehen sein. Wie vie­le sind zur Bewer­bung ein­ge­reicht wor­den? Nach wel­chen Gesichts­punk­ten wur­den die 34 ausgewählt?

Tho­mas Michel: Wir hat­ten 46 Ein­rei­chun­gen. Die Jury des BBK Ober­fran­ken ent­schei­det nach künst­le­ri­scher Qua­li­tät und danach, wie gut sich das jewei­li­ge Werk in das Aus­stel­lungs­kon­zept ein­passt, wel­ches aus­ge­wählt wird. Über die genau­en Begrün­dun­gen gibt es aber eine Schweigepflicht.

Ger­hard Hagen „Nach der Lust“, Foto 145×145 cm, 2021, Foto: Ger­hard Hagen

Ein Pro­blem des BBK Ober­fran­ken besteht im rela­tiv hohen Alters­durch­schnitt sei­ner Mit­glie­der, es fehlt also eine jün­ge­re Per­spek­ti­ve auf die The­ma­tik. Wie gehen Sie aktu­ell damit um?

Tho­mas Michel: Der BBK hat bei­spiels­wei­se unter Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten von Kunst­hoch­schu­len tat­säch­lich ein etwas ange­staub­tes Image. Es ist schwie­rig, dem bei­zu­kom­men, genau wie es schwer ist, ein jün­ge­res Publi­kum, das es in Bam­berg durch­aus gäbe, anzu­lo­cken. Dar­um fin­den wir es wich­tig, zumin­dest immer wie­der aktu­el­le­re The­men in den Aus­stel­lun­gen zu bedie­nen, die am Puls der Zeit sind und über regio­na­le Fra­ge­stel­lun­gen hinausweisen.

BBK-Aus­stel­lung „Wal­des­lust“

16. Okto­ber bis 28. November

Stadt­ga­le­rie Vil­la Dessauer

Begleit­pro­gramm

17. Okto­ber, 15 Uhr: Füh­run­gen und Gespräch mit Chris­ta Paw­flow­sky und Gud­run Schüler

14. Novem­ber, 12 bis 14 Uhr: Mati­née und Doku­men­tar­film „Natur Natur sein las­sen“
im Licht­spiel­ki­no

21. Novem­ber, 15 Uhr: Füh­run­gen und Gespräch mit Tho­mas Brix, Ger­hard Hagen
und Tho­mas Michel


http://www.bbk-oberfranken.de

Künst­ler­haus Vil­la Concordia 

Arbeits­sti­pen­di­en für 15 Künst­le­rin­nen und Künstler

Kunst­mi­nis­ter Bernd Sibler gab heu­te die Namen der Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten aus Deutsch­land und Finn­land bekannt, die seit April zu Gast im Inter­na­tio­na­len Künst­ler­haus in Bam­berg sind. Das Sti­pen­di­um gebe ihnen die „Mög­lich­keit, sich auch über Lan­des­gren­zen hin­weg zu begeg­nen, sich aus­zu­tau­schen und gegen­sei­tig zu inspirieren.“

„15 Künst­le­rin­nen und Künst­ler – sie­ben aus Deutsch­land und acht aus Finn­land – erhal­ten für fünf bezie­hungs­wei­se elf Mona­te ein Arbeits­sti­pen­di­um des Frei­staats Bay­ern im Inter­na­tio­na­len Künst­ler­haus Vil­la Con­cordia in Bam­berg, wo sie seit April 2021 zu Gast sind und die Spar­ten Bil­den­de Kunst, Lite­ra­tur und Musik ver­tre­ten“, gab Kunst­mi­nis­ter Bernd Sibler heu­te in Mün­chen bekannt. Die Län­ge ihres Auf­ent­halts wäh­len die Künst­le­rin­nen und Künst­ler selbst. „Gera­de in der Pan­de­mie, die unse­re unmit­tel­ba­ren Kon­tak­te sehr ein­schränkt, spü­ren wir, wie wich­tig das Mit­ein­an­der und der direk­te Aus­tausch mit unse­ren Mit­men­schen ist. Dar­aus schöp­fen wir Kraft, Freu­de und auch Krea­ti­vi­tät. Das Arbeits­sti­pen­di­um im Inter­na­tio­na­len Künst­ler­haus Vil­la Con­cordia soll – unter Ein­hal­tung der gän­gi­gen Hygie­ne- und Sicher­heits­maß­ga­ben – den Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten die Mög­lich­keit geben, sich auch über Lan­des­gren­zen hin­weg zu begeg­nen, sich aus­zu­tau­schen und gegen­sei­tig zu inspi­rie­ren. Ich hei­ße die Künst­le­rin­nen und Künst­ler herz­lich will­kom­men in Bam­berg und wün­sche ihnen eine unver­gess­li­che Zeit voll krea­ti­ver Impul­se!“, so Staats­mi­nis­ter Sibler.


Berei­che­rung für das kul­tu­rel­le Leben in Bamberg

Die Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten woh­nen und arbei­ten wäh­rend ihres Auf­ent­halts in Bam­berg im Inter­na­tio­na­len Künst­ler­haus Vil­la Con­cordia. Zudem erhal­ten sie monat­lich 1.500 Euro. Die Künst­le­rin­nen und Künst­ler prä­sen­tie­ren ihre Arbei­ten in öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen der Vil­la Con­cordia – soweit dies im Rah­men der infek­ti­ons­schutz­recht­li­chen Ver­ord­nun­gen mög­lich ist – und berei­chern damit auch das kul­tu­rel­le Leben in Bam­berg.
Seit der Errich­tung des Inter­na­tio­na­len Künst­ler­hau­ses in Bam­berg im Okto­ber 1997 wer­den in den Spar­ten Bil­den­de Kunst, Lite­ra­tur und Musik jedes Jahr Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus Deutsch­land und aus einem ande­ren Land als Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten des Frei­staats ein­ge­la­den. Die aus­län­di­schen Sti­pen­dia­ten der ver­gan­ge­nen Jah­re kamen unter ande­rem aus Eng­land, Frank­reich, Nor­we­gen, Polen, Schott­land, Grie­chen­land, Litau­en und zuletzt aus Slowenien.


2021 sind fol­gen­de deut­sche und fin­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler in das Inter­na­tio­na­le Künst­ler­haus Vil­la Con­cordia eingeladen:


Bil­den­de Kunst

Die­ter Fro­elich (D)

Lena von Goe­de­ke (D)

Emma Hel­le (FI)

Heik­ki Mari­la (FI)

Tuuk­ka Tam­mi­saa­ri (FI)


Lite­ra­tur

Bene­dikt Fei­ten (D)

Lucy Fri­cke (D)

Vee­ra Kaski (FI)

Arja Rin­ne­kan­gas (FI)

Johan­na Sini­sa­lo (FI)

Ant­je Rávik Stru­bel (D)


Musik

Ceci­lia Dam­ström (FI)

Eli­na Luki­ja­no­va (D)

Stef­fen Schlei­er­ma­cher (D)

Sau­li Zino­v­jev (FI)

Aus­stel­lungs­rei­he im BBK-Büro

Aus­stel­lung “Zeich­nen mit Zeichen”

Schau­fens­ter­aus­stel­lun­gen sind der­zeit gezwun­ge­ner­ma­ßen im Trend. So macht sich der Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Ober­fran­ken e.V. (BBK) sei­nen Büro­raum in der Schüt­zen­stra­ße und vor allem des­sen groß­flä­chi­ge Fens­ter­front für eine neun­tei­li­ge Aus­stel­lungs­rei­he zunut­ze. Noch bis 2022 zei­gen BBK-Mit­glie­der bei wei­ter­lau­fen­dem Büro­be­trieb ihre Werke.

Bis­her zu sehen waren Kunst­wer­ke von Hans Dop­pel, Ange­li­ka Gigau­ri und dem aktu­el­len Berg­an­za-Preis­trä­ger Peter Schop­pel. Noch bis 1. März zeigt Ger­hard Schlöt­zer sei­ne Aus­stel­lung “Zeich­nen mit Zei­chen”. Bei die­sen groß­for­ma­ti­gen Blei­stift­zeich­nun­gen lässt Schlöt­zer aus den Buch­sta­ben und Wör­tern von Lied­ti­teln und Lied­zei­len unter dem Ein­druck und der Inspi­ra­ti­on der jewei­li­gen Musik­stü­cke kom­ple­xe Zei­chen­kon­struk­te ent­ste­hen. Wir haben mit ihm über die Aus­stel­lung, sei­ne künst­le­ri­sche Her­an­ge­hens­wei­se und sei­nen Umgang mit künst­le­ri­schen Kon­ven­tio­nen gesprochen.


Herr Schlöt­zer, die Aus­stel­lungs­rei­he im Büro des BBK begann letz­ten Som­mer. “Zeich­nen mit Zei­chen” ist der vier­te Teil. Wie sind Sie auf die Rei­he gekommen?

Ger­hard Schlöt­zer: Wir hat­ten schon län­ger die Idee, im gemein­sa­men Büro von BBK und Kunst­ver­ein in der Schüt­zen­stra­ße eine Aus­stel­lung zu machen. Die­ser Raum ist durch sei­ne glä­ser­nen Schau­fens­ter­wän­de all­sei­tig durch­blick­bar. Die Pan­de­mie und städ­ti­sche För­der­mit­tel, die wir eigent­lich für eine Aus­stel­lung im Kes­sel­haus ver­wen­den woll­ten, und eine För­de­rung der Spar­kas­sen­stif­tung haben wir zum Anlass genom­men, die­se Idee nun umzu­set­zen, die nöti­ge Aus­stat­tung anzu­schaf­fen und die Aus­stel­lung unter den Mit­glie­dern des BBK auszuschreiben.


Wel­chen Maß­ga­ben der Aus­schrei­bung muss­ten Kunst­wer­ke gerecht wer­den, um aus­ge­stellt wer­den zu können?

Ger­hard Schlöt­zer: Grund­le­gend geeig­net für eine Aus­stel­lung in einem Büro­raum muss­ten die Wer­ke sein. Sie müs­sen ihre Wir­kung auch dann ent­fal­ten, wenn sie von meh­re­ren Metern Ent­fer­nung betrach­tet wer­den. Inhalt­li­che Vor­ga­ben gab es keine.


Die Aus­stel­lung fin­det in einem Büro, also inmit­ten von Büro­ma­te­ri­al und teil­wei­se Büro­per­so­nal statt. Kann da Aus­stel­lungs­ge­fühl aufkommen?

Ger­hard Schlöt­zer: Kann im Muse­um Aus­stel­lungs­ge­fühl auf­kom­men, wenn der Vor­der­mann zwi­schen mir und dem Kunst­werk steht und mir den Blick ver­stellt? Ich weiß nicht, ob Men­schen da all­zu viel stö­ren. Das ein­zi­ge, das mich als Betrach­ter bei der Aus­stel­lung stört, ist, dass ich nicht nah an die Wer­ke her­an­tre­ten kann und drau­ßen vor dem Büro ste­hen blei­ben muss. Aber das ist ein Kom­pro­miss, den uns Coro­na aufzwingt.


Was ist “Zeich­nen mit Zei­chen”? Wie­so haben Sie sich für die­se Her­an­ge­hens­wei­se entschieden?

Ger­hard Schlöt­zer: Ich mache schon län­ge­re Zeit Zeich­nun­gen nach Musik­stü­cken. Von der Musik lei­he ich mir den Ges­tus beim Zeich­nen aus und fol­ge ihr. Ich wäh­le eine Abfol­ge von Stü­cken aus, unter deren Ein­druck die Zeich­nun­gen, die dabei ent­ste­hen, wach­sen, immer dich­ter wer­den und sich ver­än­dern, bis am Ende ein kom­ple­xes Netz­werk sich über­la­gern­der Lini­en das Papier bedeckt. 

Es ist eine Rei­se beim Zeich­nen – vom ers­ten Strich bis hin zu einer gefüll­ten Zei­chen­flä­che.
Man kann es ein biss­chen mit Tan­zen ver­glei­chen – die Spu­ren sei­ner Bewe­gun­gen nach Musik wer­den mit der Zeich­nung doku­men­tiert. Auch stel­le ich mir beim Zeich­nen immer die Fra­ge, wie ich mich zu dem, was bereits auf der Zei­chen­flä­che ist, sinn­voll ver­hal­te, damit ein Bild entsteht.

Letzt­lich soll ein Werk mei­nen Kon­ven­tio­nen von einem guten Werk, also Auf­bau, Struk­tur, Span­nungs­ver­hät­nis­se, ent­spre­chen, mich aber immer auch in neue Regio­nen füh­ren und mein Wis­sen davon, was ein gutes Bild sein könn­te, erwei­tern. Das ist auch ein Pro­zess, in dem ich ver­su­che, mich nicht zu langweiligen.

Pro­cess and Rea­li­ty, 2018. Foto: Ger­hard Schlötzer

Müs­sen Sie wäh­rend des Zei­chen­pro­zes­ses manch­mal Kor­rek­tu­ren am Werk vor­neh­men, wenn Sie fest­stel­len, dass Sie sich gestal­te­risch in der fal­schen Regi­on befinden?

Ger­hard Schlöt­zer: Nein, weil ich bei die­ser Art von Zeich­nung kei­ne Feh­ler machen kann. Die Zeich­nung kann lang­wei­lig wer­den oder span­nungs­arm, aber Feh­ler kann ich kei­ne machen. Das ist auch ein Grund, war­um ich nach Musik zeich­ne, um eben nicht in eine eige­ne ste­reo­ty­pe, ein­ge­lern­te Kör­per­me­cha­nik zu ver­fal­len. Ich brau­che einen ges­ti­schen Input von außer­halb, den ich mir aus ver­schie­de­nen Musik­stü­cken hole.


Das klingt, als ob Sie mit geschlos­se­nen Augen und nur mit der Musik im Ohr zeichnen.

Ger­hard Schlöt­zer: Es stimmt, es gibt Zeich­nun­gen, die fan­ge ich blind, rein aus dem Kör­per­ge­fühl her­aus, an. Aber irgend­wann, eher früh als spät, kommt natür­lich das Auge hin­zu.
Es gibt aber auch Fäl­le, wo ich ver­su­che, die­sen von Kon­ven­tio­nen gesteu­er­ten kon­trol­lie­ren­den Blick, also das Hin­zu­tre­ten all der Regeln, nach denen man ein Bild beur­tei­len kann, mög­lichst hin­aus­zu­schie­ben. Da ver­su­che ich, den Kom­po­si­ti­ons­pro­zess mög­lichst lan­ge offen zu las­sen, nicht zu schnell in Kon­ven­tio­nen zu kom­men, was ja unter ande­rem heißt, Tei­le des Bil­des mit­ein­an­der in Ver­hält­nis zu setzen.


Wie gelingt es Ihnen, Kon­ven­tio­nen auszuklammern?

Ger­hard Schlöt­zer: Ich arbei­te mit Kon­ven­tio­nen, das will ich gar nicht leug­nen, Kon­ven­tio­nen sind nichts Schlim­mes. Sie sind sozu­sa­gen das Ras­ter der Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten, die Bedin­gun­gen des Kul­tur­pro­zes­ses, in dem wir ste­hen. Ich fin­de es span­nend, in einem kul­tu­rel­len Pro­zess zu ste­cken und mich zum Vor­han­de­nen ver­hal­ten zu müs­sen. Aber das ist kom­pli­ziert, wes­we­gen auch die Zeich­nun­gen kom­plex wer­den. Immer wie­der ver­su­che ich, Gren­zen zu set­zen und zu schau­en, wo man sie über­schrei­ten kann.


Kön­nen Sie ein Bei­spiel dafür nennen?

Ger­hard Schlöt­zer: Ich ver­wen­de zum Bei­spiel bei vie­len Zeich­nun­gen der Serie „Zeich­nen mit Zei­chen“ qua­dra­ti­sche Bild­trä­ger, weil Qua­dra­te im Gegen­satz zu längs­recht­ecki­gen For­ma­ten nicht früh­zei­tig schon zu kom­po­si­to­ri­schen Ent­schei­dun­gen zwin­gen. So ein Qua­drat kann man wäh­rend des Zeich­nens auch mal um 90 Grad dre­hen und in die­ser Posi­ti­on wei­ter bear­bei­ten. Ande­rer­seits habe ich bei die­ser Serie aber auch eine Anfangs­be­din­gung ein­ge­führt, eine Ein­schrän­kung mei­ner Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, näm­lich die, nur Groß­buch­sta­ben des latei­ni­schen Alpha­bets, die Lied­ti­tel oder Lied­zei­len wie­der­ge­ben, zu ver­wen­den. Mei­ne selbst auf­er­leg­te Bedin­gung ist die Ver­wen­dung der geo­me­tri­schen For­men der Buch­sta­ben und ihre Rei­hen­fol­ge – mei­ne Frei­heit ist, dass ich das so groß und mit dem Ges­tus, den ich will, und an belie­bi­ger Stel­le der Zei­chen­flä­che tun kann. Ich kon­fron­tie­re also vor­ge­ge­be­ne Set­zun­gen mit Frei­heits­gra­den und schaue, was unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen rauskommt.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter:

http://www.bbk-oberfranken.de

https://gerhard-schloetzer.de/