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Kesselhaus

Die Schön­heit des sinn­lo­sen Scheiterns

Aus­stel­lung Phil­ip Grözinger

Dem ein­ge­bau­ten Makel gemäß, dass alles Sein solang’ es strebt auf das eige­ne Ende zusteu­ert – was kann die Exis­tenz da ande­res sein als eine von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teil­te Sinn­lo­sig­keit? So sieht es der Ber­li­ner Maler Phil­ip Grö­zin­ger, erkennt dar­in aber auch das Poten­zi­al zur Schön­heit. Mor­gen kommt er mit sei­ner Aus­stel­lung „Die Schön­heit des sinn­lo­sen Schei­terns“ ins Kes­sel­haus. Das zen­tra­le Werk der Schau hat den Bam­ber­ger Rei­ter zur Hauptfigur.

„Mei­ner Mei­nung nach fast alles“, sagt Phil­ip Grö­zin­ger, den wir in sei­nem Ber­li­ner Ate­lier am Tele­fon erwi­schen, auf die Fra­ge was sinn­lo­ses Schei­tern sei. „Vom Urknall bis zum Zusam­men­bruch der Son­ne fällt ja alles in sich zusammen.“

Aber das Sinn­lo­se ist nicht zwangs­läu­fig sinn­ent­leert. Die sinn­lo­se Zeit bis zum unaus­weich­li­chen Schei­tern kann durch­aus mit sinn­haf­ten Din­gen gefüllt wer­den. „Dar­aus, dass wir uns vor­spie­geln, dass von uns Men­schen etwas übrig bleibt, um sozu­sa­gen die Uner­träg­lich­keit des Ster­bens erträg­li­cher zu machen, kann eine gewis­se Schön­heit ent­ste­hen. Ich fin­de es schön, dass man trotz der Belei­di­gung des Ster­bens, posi­ti­ve Aspek­te des Lebens anneh­men und zum Bei­spiel etwas kre­ieren kann. Dar­in liegt die Antriebs­fe­der für Neu­gier und Positives.“

Schei­tern bezie­hungs­wei­se das Ein­ge­ständ­nis die­ser fina­len Exis­tenz­per­spek­ti­ve kann auch eine Chan­ce sein. Oder viel­leicht sogar befrei­end. Ist der Druck, dem Dasein einen Sinn abge­win­nen zu wol­len, oder zu müs­sen, erst weg, lässt es sich sozu­sa­gen ganz frei aufspielen.

Eines die­ser sinn­haft-sinn­lo­sen Din­ge ist die Kunst. Sie spen­det Sinn, ist aber ihrer­seits von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt. Nie kann das Abge­bil­de­te ganz erfasst wer­den, weil es immer nur Abbil­dung bleibt.

„Ja, es gibt nicht das per­fek­te Kunst­werk“, sagt Phil­ip Grö­zin­ger. „Der Druck auf Kunst, rele­vant zu sein, zu erah­nen und zu ertas­ten, was gesell­schaft­lich auf uns zu kommt, ist groß und ver­ur­teilt sie zum Schei­tern. Denn sie wird immer über­rollt von der Gegen­wart und wird Ver­gan­gen­heit. Bei musea­ler Kunst kommt noch dazu, dass sie geschei­tert ist, weil sie zur Deko­ra­ti­on gemacht wurde.

Der Anspruch von Kunst soll­te dar­um eher sein, sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, weil Gesell­schaft sich wei­ter­ent­wi­ckelt. Schafft sie das nicht, hat sie fast schon die Auf­ga­be, in Schön­heit zu sterben.“

In Bam­berg bringt Phil­ip Grö­zin­ger sei­ne Gemäl­de in die­se Gefahr, wenn er sie ab 11. Juni im Kes­sel­haus aus­stellt. „Ich konn­te mich ent­schei­den zwi­schen der Vil­la Des­sau­er und dem Kes­sel­haus. Ich nahm das Kes­sel­haus, weil es mit sei­nen kah­len Beton­wän­den schon ein biss­chen die Atmo­sphä­re hat, die ich suche. Ich den­ke, mei­ne Gemäl­de sind stark genug, das aus­zu­hal­ten. Und wenn nicht, bin ich geschei­tert“, sagt er lachend, „dann habe ich alles rich­tig gemacht!“

Philip Grözinger
Phil­ip Grö­zin­ger, Foto: Oli­ver Mark Studio
Eine geschei­ter­te Welt

Ent­spre­chend neh­men sich Phil­ip Grö­zin­gers Gemäl­de nicht all­zu ernst. Sie spre­chen erns­te The­men an – vor allem Umwelt­zer­stö­rung ist all­ge­gen­wär­tig –, aber sie tun es ohne empör­te Auf­dring­lich­keit. Das Augen­zwin­kern­de und Ver­spiel­te ist Grö­zin­gers Mit­tel der Wahl.

Sei­ne qua­drat­me­ter­wei­ten Arbei­ten sind bevöl­kert von groß­äu­gi­gen, infan­ti­li­sier­ten Figu­ren. Die Far­ben sind bunt, grell oder kna­ckig dun­kel, die For­men ver­ein­facht und flä­chig. Aber die unei­gent­li­chen Abgrün­de, die solch ein Aus­ein­an­der­klaf­fen von lus­ti­ger Dar­stel­lung und düs­te­rem Dar­ge­stell­ten auf­rei­ßen, kön­nen viel ein­drück­li­cher wir­ken als eine unzwei­deu­ti­ge Zur­schau­stel­lung oder Anpran­ge­rung von Missständen.

Die Haupt­fi­gur des eigens für die Aus­stel­lung im Kes­sel­haus ange­fer­tig­ten Haupt­werks durch­streift eine zer­stör­te Umwelt. Ein comic­haft ver­frem­de­ter Bam­ber­ger Rei­ter reist im Zyklus eines fünf Meter brei­ten Tryp­ti­chons durch kaput­te Land­schaf­ten, in denen Zivi­li­sa­ti­on nur noch in Trüm­mern übrig ist. Die­se Welt ist gescheitert.

Die Gemäl­de pran­gern die Zer­stö­rung dabei aber nicht so sehr an, als dass sie sie mit eigen­ar­ti­gem Sur­rea­lis­mus und einer Mischung aus iro­ni­schem Under­state­ment und kind­lich-hei­te­rer Distanz ein­fach zei­gen. Sie schei­nen mit dem Schei­tern auf den ers­ten Blick sogar zu koket­tie­ren, was für die abge­bil­de­te Welt in gewis­ser Wei­se hie­ße, sich ins Schei­tern gefügt zu haben.

Natür­lich könn­te man an die­ser Stel­le sagen, die­se iro­nisch-kri­tisch anmu­ten­de Hal­tung in Grö­zin­gers Gemäl­den ist fahr­läs­sig und zag­haft im Ange­sicht der Dring­lich­keit der The­ma­tik; oder es ist zynisch, so grell­bunt mit dem Unter­gang zu spie­len, was wie­der­um die pri­vi­le­gier­te Posi­ti­on des nicht Betrof­fen­seins und Sich-raus­hal­ten-kön­nens voraussetzt.

Aber das wür­de ver­ken­nen, dass die Gemäl­de eben gera­de ein Resul­tat die­ser Hal­tung auf­zei­gen. Inhalt­lich geschieht das anhand der gezeig­ten zer­stör­ten Welt, die nicht geret­tet, son­dern auf­ge­ge­ben wor­den ist; gestal­te­risch durch die nied­li­chen For­men und Figu­ren, die kei­nen Anspruch auf knall­har­te Anpran­ge­rung haben, und auch kei­nen mehr haben müs­sen, weil es in einer Welt, in der das Kaputt­sein zum Nor­mal­zu­stand gewor­den ist, nichts mehr anzu­pran­gern gibt. Hier ist alles egal gewor­den. Das mag von vorn­her­ein so pro­gram­miert sein, alles mag von vorn­her­ein sinn­los sein, weil zum Schei­tern ver­ur­teilt, aber bis dahin kann man zumin­dest ver­su­chen, per­sön­li­chen Sinn zu fin­den. Ver­sucht man nicht ein­mal mehr das, ist das Schei­tern bereits ein­ge­tre­ten und wahr­haf­tig, anstatt zumin­dest schön, sinn­los gewesen.

Der Bam­ber­ger Rei­ter auf Reisen

So hat man ihn noch nicht gese­hen, den Bam­ber­ger Rei­ter – weder gestal­te­risch, noch hand­lungs­mä­ßig. Sein ecki­ger Kör­per, auf dem ein Block von gekrön­tem Kopf sitzt, erin­nert an eine Lego- oder Mine­craft­fi­gur (dazu mehr wei­ter unten). Außer­dem ist er in Grö­zin­gers Tryp­ti­chon von sei­nem Sockel hinuntergestiegen.

Auf dem ers­ten der drei Gemäl­de durch­streift er auf sei­nem Pferd eine kar­ge, von merk­wür­di­gen Gestal­ten bewohn­te Welt, die ihre bes­ten Tage hin­ter sich zu haben scheint. Ein klei­nes Häus­chen am Hori­zont, aus des­sen Schorn­stein Rauch­wol­ken auf­stei­gen, die zu einer über der gesam­te Brei­te des Gemäl­des hän­gen­den gif­ti­gen Wol­ke ange­wach­sen sind, deu­tet an, war­um die­se Welt nur noch in Res­ten existiert.

Der Rei­ter scheint der Sze­ne­rie aber mehr oder weni­ger gelas­sen gegen­über zu ste­hen, in sei­nem ecki­gen Gesicht ist ein Lächeln zu erken­nen; er hat die­ses Schei­tern akzep­tiert. Und auch der Laser­strahl, den er aus sei­nen Augen einer angrei­fen­den Smog­wol­ke, die zwei Arme hat, durch den pech­schwar­zen Kör­per schießt, scheint er nur der Voll­stän­dig­keit hal­ber, bereits im Weg­rei­ten begrif­fen, abzufeuern.

War­um soll­te er sich im Kampf gegen eine Wol­ke auch mehr als die­se Ali­bi-Mühe geben? Ihr scheint durch den Laser zwar Blut aus dem Hin­tern zu sprit­zen, aber der Kampf gegen eine mate­rie­lo­se Wol­ke ist aus­sichts­los und wird schei­tern. Also zieht er wei­ter. „Er ist ein Rei­sen­der, der Rei­ter“, sagt Phil­ip Grö­zin­ger, „er ist wie ein Wis­sen­schaft­ler, der leicht distan­ziert alles für sich beob­ach­tet, aber nicht bewer­tet. Die­ses von außen kom­men und die Welt sehen, wie sie ist, fin­de ich reiz­voll. Er reist durch die Welt und erkennt Din­ge. Er ist eine Erkenntnismaschine.“

Der Bam­ber­ger Rei­ter schei­ne Phil­ip Grö­zin­ger als Haupt­fi­gur solch einer Erkennt­nis­rei­se wie gemacht. „Ich fand das Mys­te­ri­um, dass nie­mand genau weiß, wer er ist, sehr inter­es­sant. Ich woll­te die­se Pro­jek­ti­ons­flä­che neh­men und sie anders auf­la­den und eine Mine­craft-Figur dar­aus machen. In mei­nen Arbei­ten geht es ganz oft auch um Ängs­te vor Com­pu­tern und künst­li­cher Intel­li­genz. Die­se Din­ge sind sehr kom­plex, sim­pli­fi­zie­ren aber gleich­zei­tig unse­re Daseins. War­um ver­brin­gen Leu­te so wahn­sin­nig viel Zeit damit, Mine­craft zu spie­len, dar­in Rea­li­tät zu ver­ein­fa­chen, nach­zu­bau­en und in die­sem Umfeld zu spie­len? Ist die Rea­li­tät so anstren­gend, dass man zur Ent­span­nung in eine ande­re, die in Mine­craft geschaf­fe­ne, flüch­ten muss?“

Betrach­tet man die gespen­ti­schen schwar­zen Figu­ren im Mit­tel­teil des Tryp­ti­chons (der Rei­ter hat hier kei­nen Auf­tritt), scheint es aller­dings auch mit die­ser Flucht in die spie­le­ri­sche Ent­span­nung nicht weit­her zu sein. Hier ist vom Men­schen nicht ein­mal mehr sei­ne mensch­li­che Form übrig­ge­blie­ben. All­zu hem­mungs­los hat er sich auf­ge­ge­ben, sich der Hoff­nungs­lo­sig­keit hin­ge­ge­ben und dabei sein Mensch­sein ein­ge­büßt. Der Rei­ter scheint bei sei­nen Rei­sen noch ganz gut drauf zu sein. Die­se Geis­ter sind nur noch ihre eige­nen Schatten.

Zur Ablen­kung oder Ent­span­nung ist ihnen ein Ball­spiel mit rot-oran­ge­nen Licht­ku­geln geblie­ben. Ihr Mine­craft. Die Licht­ku­geln könn­ten aber auch Eizel­len sein und das Spiel dar­in bestehen, die­se sper­mi­um­ar­ti­gen Schlan­gen­we­sen, die durch den Him­mel rasen, zur Befruch­tung hin­zu­hal­ten. Haben sie doch noch Hoff­nung? Oder, wenn man das Gemäl­de pes­si­mis­ti­scher aus­le­gen will, ver­su­chen die ent­mensch­lich­ten Geis­ter, die­se Ver­ei­ni­gung zu verhindern?

Die Mau­er, die sie zwi­schen sich und der kaput­ten Umge­bung hoch­ge­zo­gen haben, deu­tet auf Zwei­te­res hin. Es scheint Hoff­nung zu geben, aber nicht auf Ret­tung vor den mons­trö­sen Gestal­ten auf der ande­ren Sei­te der Mau­er, son­dern auf Ver­hin­de­rung der Fort­pflan­zung mit ihnen. Die Geis­ter möch­ten sicher­stel­len, dass nach ihnen nichts mehr kommt, also auch nichts, das noch erbar­mungs­wür­di­ger als sie selbst wäre.

Phil­ip Grö­zin­ger möch­te es dann aber doch posi­ti­ver ver­stan­den wis­sen. „Das kann man schon post­apo­ka­lyp­tisch sehen. Aber wir sind ja nicht nur ver­rückt. Es gibt ja auch die ande­re Sei­te. Wir sind krea­tiv und wir fin­den Lösun­gen, es gibt Empa­thie. Im Dunk­len ist auch das Helle.“

Solch einen Sil­ber­streif am Hori­zont zeigt der drit­te Teil des Tryp­ti­chons um die Aben­teu­er des Bam­ber­ger Rei­ters. Die Welt sieht immer noch düs­ter, zer­stört und geschei­tert aus.

Ein dunk­les Meer ist zu sehen, zwei Eis­ber­ge düm­peln dar­in und kön­nen eigent­lich nur schmel­zen, ein unbe­mann­tes Segel­schiff treibt rich­tungs­los im Was­ser, und die pech­schwar­ze Wol­ke aus dem ers­ten Tryp­ti­chon-Teil sieht mit ihren feu­ri­grot umran­de­ten Augen aus als sei sie jetzt nicht nur gif­tig, son­dern auch noch wütend. Und genau wie im ers­ten Teil ver­sucht sie mit ihren dün­nen Ärm­chen wie­der den Rei­ter, der eben­falls in die Sze­ne­rie zurück­ge­kehrt ist, anzugreifen.

Die­ser macht aber erneut von sei­nen Laser­strah­len Gebrauch. Aus zwei Waf­fen in sei­nen Hän­den feu­ert er sie ab. Der eine Strahl ballt sich in einer neu­en Licht­ku­gel oder Eizel­le, ein wei­te­rer Strahl bricht dar­aus her­vor und durch­bohrt der Wol­ke den Kopf. Blut ist dies­mal nicht zu sehen und ob die­ser Kampf zuguns­ten des Man­nes auf dem Pferd aus­ge­hen wird, ist auch nicht klar. Der Rei­ter scheint ohne­hin kurz davor, sei­ne Posi­ti­on am Hang von einem der Eis­ber­ge zu ver­lie­ren und ins Meer zu rutschen.

Aber eben die­ses Meer geht am Hori­zont in einen hel­len Strei­fen Licht über. Ver­steht man die drei Tei­le des Tryp­ti­chons als durch den Hand­lungs­bo­gen der Rei­se des Rei­ters ver­bun­den, steht am Ende die­ser Rei­se durch sinn­lo­ses Schei­tern also zumin­dest der hoff­nungs­vol­le Aus­blick auf den hel­len Horizont.

Aus­stel­lung „Poro­si­ty Play­ground“ im Kesselhaus

„Wir tra­gen kei­ne fer­ti­gen Kunst­wer­ke in den Ausstellungsraum“

Ange­führt von Kura­to­rin und Bild­haue­rin Not­bur­ga Karl zeigt eine namen­lo­se Kunst-Grup­pe noch bis Mit­te Novem­ber ihre Aus­stel­lung „Poro­si­ty Play­ground“ im Bam­ber­ger Kes­sel­haus. Das Beson­de­re: Kei­ne Aus­stel­lung ist wie die ande­re, denn die Kunst­wer­ke ent­ste­hen als Reak­ti­on auf den jewei­li­gen Aus­stel­lungs­ort erst vor Ort.

Seit 24. Okto­ber zei­gen Not­bur­ga Karl, Tho­mas Trinkl, Son­ja Engel­hard, Car­los de Abreu, Prav­do­liub Iva­nov und das Duo Dan Dry­er (Astrid Piethan und Jörg Koslow­ski) Skulp­tu­ren, Instal­la­tio­nen und Male­rei im Kes­sel­haus. In ihren Wer­ken neh­men die Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus ihrer Sicht über­kom­me­ne Wahr­neh­mungs- und Inter­pre­ta­ti­ons­me­cha­nis­men ins Visier und hin­ter­fra­gen das Zusam­men­spiel zwi­schen Werk, Mate­ria­li­tät und Ausstellungsort.

Anfang Sep­tem­ber haben wir Not­bur­ga Karl zum Inter­view über die Aus­stel­lung „Poro­si­ty play­ground“ getrof­fen, als im Sin­ne der Her­an­ge­hens­wei­se noch nicht ganz klar war, was zu sehen sein würde.


Frau Karl, wel­che Bedeu­tung hat der Titel der Aus­stel­lung „Poro­si­ty Playground“?

Not­bur­ga Karl: Poro­si­ty, also Durch­läs­sig­keit, etwas Porö­ses, kann sich auf meh­re­re Din­ge bezie­hen: Die Durch­läs­sig­keit im Kopf, also das, was bewusst geschieht, wenn man Kunst betrach­tet: Man stellt sich eine Mate­ria­li­tät vor oder eine fil­tern­de, fra­gi­le Zustands­form oder auch etwas im über­tra­ge­nen Sinn einen Über­gangs­zu­stand, der durch­läs­sig aber doch fil­ternd ist. Auch etwas, das mit einem nicht-visu­el­len Zugang zu tun hat. Davon aus­ge­hend kann die Art und Wei­se, Kunst zu sehen oder zu machen durch­läs­sig oder flie­ßend sein, was Inter­pre­ta­ti­on oder Bedeu­tungs­zu­wei­sung angeht. Play­ground spie­gelt unser Ansin­nen, uns als Künst­le­rin­nen und Künst­ler immer mit gro­ßer Offen­heit und Locker­heit auf Din­ge ein­zu­las­sen. Ein Möglichkeitsraum.


Was mei­nen Sie mit „nicht-visu­el­ler Zugang“?

Not­bur­ga Karl: Wir sind im All­tag dar­auf getrimmt, zu deco­die­ren. Eine rote Ampel bedeu­tet ste­hen­blei­ben, eine grü­ne Ampel los­ge­hen. Ob rot auch etwas ande­res in uns aus­lö­sen kann, Emo­tio­nen zum Bei­spiel, spielt dabei kei­ne Rol­le. Es hat sich ein­ge­schli­chen, dass wir so auch Kunst betrach­ten. Man schaut hin, denkt, man weiß Bescheid und schaut wie­der weg. Das geht bei unse­ren Arbei­ten nicht. Es braucht eine Zeit des Ein­las­sens, eine Art Bewusst­wer­dungs­pro­zess, damit sich die Behaup­tung, die wir in den Wer­ken for­mu­lie­ren, erhär­ten. Nur weil ein Raum wie das Kes­sel­haus ein Ort der Kunst ist, heißt das noch nicht, dass alles, was dort gemacht wird auto­ma­tisch auch Kunst ist. Uns inter­es­sie­ren auch exis­ten­zi­el­le Fra­gen wie: Was macht Kunst, wie kann sie sich eine Form oder Visua­li­tät geben – und was bedeu­tet das kon­kret fürs Kes­sel­haus, mit sei­ner star­ken Archi­tek­tur und sei­ner Geschich­te? Wir ver­su­chen, den Kunst­ort sozu­sa­gen auf null zurück­zu­set­zen, um ihn dann mit unse­ren Wer­ken in sei­nen Bedeu­tun­gen neu zu besetzen.


Sie gehen also davon aus, dass das Publi­kum die­se theo­re­ti­sche Sei­te der Aus­stel­lung durch­aus wahr­neh­men und nicht, wie beschrie­ben, hin und wie­der weg­schau­en wird?

Not­bur­ga Karl: Ja, das Publi­kum wird mer­ken, dass es beim Betre­ten der Aus­stel­lung viel­leicht auch erst­mal in ein Vaku­um tritt, in dem es sich des­ori­en­tiert füh­len könn­te, weil die mit­ge­brach­te Her­an­ge­hens­wei­se an Kunst und die bis­he­ri­ge Art und Wei­se, Kunst zu betrach­ten, nicht sofort greifen.


Ist es Teil des Ansin­nens der Aus­stel­lung, das Publi­kum zu des­ori­en­tie­ren oder viel­leicht sogar zu überfordern?

Not­bur­ga Karl: Ich fin­de es inter­es­sant, dass Sie des­ori­en­tie­ren mit über­for­dern gleich­set­zen. Eine neue oder ande­re Ori­en­tie­rung muss nicht auto­ma­tisch nega­tiv bewer­tet sein. Klar, es ist ein Ver­las­sen der Kom­fort­zo­ne. Viel­leicht ist es bes­ser, die mög­li­che Reak­ti­on des Publi­kums eher als ver­hal­tend oder zurück­tre­tend zu bezeich­nen. Des­ori­en­tie­ren klingt eher aggres­siv, so als ob wir die Leu­ten vor den Kopf sto­ßen oder sie in ihrer etwai­gen Unwis­sen­heit bloß­stel­len wol­len wür­den. Das wol­len wir nicht. Wir wol­len, dass die Leu­te von der Aus­stel­lung etwas haben. Wir haben der Aus­stel­lung viel­leicht eine ande­re Ver­füh­rungs­kunst gege­ben als die übli­chen Her­an­ge­hens­wei­sen bei Kunst­be­trach­tung – ein Aha-Erleb­nis, das sich viel­leicht auch erst zeit­ver­setzt einstellt.


Trotz­dem möch­te die Aus­stel­lung aber nicht so sehr mit Schau­wer­ten für die Sin­ne beein­dru­cken, als mit ihrer abs­trak­ten Theorie?

Not­bur­ga Karl: Eigent­lich hof­fen wir schon, die Leu­te auch auf der ästhe­ti­schen Ebe­ne zu errei­chen. In Kunst geht es immer auch um die Form. Wir wer­den zum Bei­spiel mit sowas wie Akus­tik oder Licht arbei­ten, was den Raum auch füllt und ihn sinn­lich wir­ken lässt. Wir wol­len den Raum nicht durch unse­re gro­ße Kunst­ges­te bekämp­fen, son­dern ihm eine neue Wir­kung und beglei­ten­de Kom­men­tie­rung verleihen.


Ein Teil die­ses Pro­gramms besteht dar­in, dass Sie als Künst­le­rin­nen und Künst­ler sich oft von kon­kre­ten Aus­stel­lungs­si­tua­tio­nen zu neu­en Arbei­ten inspi­rie­ren lassen.

Not­bur­ga Karl: Ja, das zeich­net unse­re Arbeits­wei­se aus. Wir neh­men den Raum nicht nur als aus­tausch­ba­ren Behäl­ter für Kunst wahr, son­dern ver­su­chen, ihm gerecht zu wer­den und las­sen uns von sei­ner Beschaf­fen­heit zu Wer­ken her­aus­for­dern. Dar­um gibt es auch die gan­ze Band­brei­te künst­le­ri­scher Dar­stel­lungs­for­men – bild­haue­risch, male­risch, instal­la­tiv, mul­ti­me­di­al, kon­zep­tu­ell und vie­les mehr.


Haben schon alle an der Aus­stel­lung Betei­lig­ten das Kes­sel­haus und die Beschaf­fen­heit sei­ner Aus­stel­lungs­flä­che gese­hen? Haben die Betei­lig­ten in die­sem Sin­ne schon ent­schie­den, was sie vor Ort enste­hen las­sen und aus­stel­len werden?

Not­bur­ga Karl: Alle Betei­lig­ten haben sich den Raum schon ver­ge­gen­wär­tigt. Was aus­ge­stellt wird, kann ich aber noch nicht sagen. Es ist ja nicht so, dass wir fer­ti­ge Kunst­wer­ke ein­fach so in den Aus­stel­lungs­raum hin­ein­tra­gen. Der Raum spricht gera­de bei drei­di­men­sio­na­len Arbei­ten immer mit. Vie­le uns­rer Wer­ke ent­ste­hen im Raum und mit dem Raum. Nicht alles passt in so einen Raum. Es gibt Arbei­ten und Ent­wür­fe im Vor­feld, die in Bezug auf den tat­säch­li­chen Ort aber dann erst über­prüft wer­den müssen.


Was macht das Kes­sel­haus für die­se Aus­stel­lung und die­se Art aus­zu­stel­len interessant?

Not­bur­ga Karl: Auf der einen Sei­te ist das ganz klar sei­ne Mate­ria­li­tät. Dazu rech­ne ich nicht nur den Beton, son­dern auch das Licht, die Stim­mung und Spu­ren vor­he­ri­ger Aus­stel­lun­gen oder Benut­zung. Und auf der ande­ren Sei­te spielt auch die Geschich­te des Kes­sel­hau­ses für die künst­le­ri­sche Annä­he­rung eine gro­ße Rol­le. Die Tat­sa­che, dass dort ein­mal die Heiz­kes­sel für das neben­an gele­ge­ne ehe­ma­li­ge Kran­ken­haus waren, ver­leiht dem heu­ti­gen Kes­sel­haus gleich eine gewis­se Aus­sa­ge. Die­ser his­to­ri­sche Hin­ter­grund, der in die­sem Raum mit­spricht, wirkt sich auf das aus, was man in ihn rein­trägt. Man könn­te sich also als Bild­haue­rin oder Bild­hau­er mit Dampf beschäf­ti­gen, dem ande­ren Aggre­gats­zu­stand von Was­ser. Die­ser Raum aller­dings bringt den Kon­text der nicht mehr sicht­ba­ren Kes­sel sofort ins Spiel. Ein ande­rer Raum wür­de das nicht.


Wis­sen Sie schon grund­sätz­lich, wie Sie sich dem Raum nähern werden?

Not­bur­ga Karl: Mei­ne Vor­stel­lun­gen gehen immer wie­der von Licht­si­tua­tio­nen aus, ich wer­de wohl mit Licht arbei­ten. Ein wan­dern­der Licht­ke­gel viel­leicht, der die Ober­flä­che strei­chelt. Jeden­falls wird es wohl mit der Decke zu tun haben. Haben Sie schon mal hoch geschaut? Sie hat einen selt­sam gleich­mä­ßi­gen Teint. Wir alle wer­den jeweils ande­re Sphä­ren des Rau­mes auf­grei­fen. Wenn ich zum Bei­spiel von der Decke nicht los­kom­me, immer wie­der hoch­schaue, muss ich damit wohl was machen. Außer­dem steht noch der Boden in all sei­ner Dop­pel­bö­dig­keit zu Ver­fü­gung oder die von oben hän­gen­den Dop­pel-Trich­ter und ihr bestim­men­des Volu­men, oder die Glas­fas­sa­de, oder Rost. Wir suchen nach Cha­rak­te­ris­ti­ka des Raums, und suchen nach groß­zü­gi­gen Ant­wor­ten auf die vor­ge­ge­be­ne Situation.


Was ist der Reiz an die­ser Herangehensweise?

Not­bur­ga Karl: Wahr­schein­lich ist es die Lust auf das Unge­wis­se, die in neu­en Kon­tex­ten wie Aus­stel­lungs­räu­men oder der Gefal­len dar­an, Gren­zen immer wie­der neu zu erfah­ren, zu the­ma­ti­sie­ren und zu ver­schie­ben. Das ist übri­gens ein grund­sätz­li­cher Anspruch, den wir aus der Avant­guar­de geerbt haben. Auch wol­len wir den Kon­text Kunst und ihre Aus­drucks­wei­sen immer wie­der von grund­auf infra­ge stel­len, um dann zu ihr hof­fent­lich zurück­zu­fin­den, um zu sagen, dass es immer noch sinn­voll ist, Kunst zu machen und sie in Räu­me zu stel­len. Wenn wir es hin­be­kä­men, dass das Kes­sel­haus für alle, die es schon ken­nen, ein ande­rer Ort wird, wo man sich auch mal ganz ande­res sich den­ken getraut, dann hät­ten wir schon was geschafft.


Wie sahen die Publi­kums­re­ak­tio­nen an den vor­he­ri­gen Orten, an denen Sie aus­stell­ten, aus?

Not­bur­ga Karl: Inter­es­siert, offen und dank­bar, weil es in der Aus­stel­lung ja tat­säch­lich so einen Ver­schie­be-Effekt in der Wahr­neh­mung geben kann – wenn man sich dar­auf ein­lässt, und weil es zugleich einen Kunst­dis­kurs gibt, in dem wir etwas bei­steu­ern. Wir sind auch sehr gesprächs­be­reit und ver­füg­bar. Die Aus­stel­lung wird Bam­berg auch zugu­te kommen.


War­um?

Not­bur­ga Karl: Wenn man Kunst anschaut, erfährt man ja nicht nur etwas über das Werk, son­dern auch etwas über sich. Ent­we­der fin­det man etwas von sich dar­in bestä­tigt oder infra­ge gestellt. Die Aus­stel­lung und ihre Her­an­ge­hens­wei­se ist viel­leicht etwas, das in Bam­berg noch nicht so oft zu sehen gewe­sen ist oder gemacht wur­de. In Bam­berg hat sich durch die Men­ge an ehr­wür­di­ger, alter Kunst – die ja übri­gens nicht immer alt war, son­dern kurz sehr zeit­ge­nös­sisch – bei vie­len das Bedürf­nis nach Bewah­ren aus­ge­löst. Was in der Spra­che der Kunst ver­han­delt wird, was in ihren Kon­text hin­ein­ge­dacht wer­den kann oder soll, ist aber in stän­di­ger Ver­än­de­rung und immer im Über­gang. Dadurch sind die Wer­ke, die wir aus­stel­len, erst­mal wie im Modus von Behaup­tun­gen oder Fra­gen zu ver­ste­hen, und sie sind noch nicht so aner­kannt bezie­hungs­wei­se abge­si­chert wie die Din­ge, die es in Anti­qui­tä­ten­lä­den gibt. Die größ­te Fra­ge betrifft übri­gens auch das Kes­sel­haus selbst und sein Poten­ti­al für Bamberg.


In der Aus­stel­lung wer­den neben Ihrem Bei­trag Wer­ke von Tho­mas Trinkl, Son­ja Engel­hard, Car­los de Abreu, Prav­do­liub Iva­nov und des Duos Dan Dry­er zu sehen sein. Nach wel­chen Kri­te­ri­en haben Sie als Kura­to­rin die aus­tel­len­den Künst­le­rin­nen und Künst­ler ausgewählt?

Not­bur­ga Karl: Für die­se Her­an­ge­hens­wei­se, die uns ver­bin­det, also so mit Räu­men zu arbei­ten, braucht es Gemein­sam­kei­ten in der Fra­ge­stel­lung, in der Suche, in der Lust am Betre­ten von unge­si­cher­tem Ter­rain – anhand sol­cher Gemein­sam­kei­ten habe ich aus­ge­wählt. Wir woll­ten auch Prav­do­liub Iva­nov aus Sofia dabei haben; er ist zu die­ser Zeit Inter­na­tio­na­ler Gast­pro­fes­sur für Diver­si­ty an der Uni­ver­si­tät Bam­berg. Ich als ver­ant­wort­li­che Kura­to­rin brau­che außer­dem noch das Bewusst­sein, mich dar­auf ver­las­sen zu kön­nen, dass die Wer­ke, die wir sehen wer­den, inter­es­sant sein wer­den, trotz der Unsi­cher­heit, die im Vor­feld besteht und die her­aus­for­dernd sein kann.


Ist es ein Trend in den aus­stel­len­den Küns­ten, die Rol­le der Künst­le­rin­nen und Künst­ler und ihrer Wer­ke zu redu­zie­ren und mehr die Inter­ak­ti­on zu beto­nen, mit dem Publi­kum oder, wie in die­sem Fall, dem Ausstellungsort?

Not­bur­ga Karl: Es gibt wohl eine Ent­wick­lung hin zu mehr Per­for­ma­ti­vi­tät und Kom­bi­na­ti­ons­for­men in den Küns­ten. Viel­leicht hängt es auch mit der prag­ma­ti­schen Fra­ge zusam­men, wo die gan­zen Wer­ken gela­gert wer­den sol­len, wenn sie so nicht oder nicht mehr gezeigt wer­den. Aber das Prin­zip des Rela­tio­na­len – also wie man sich zu was in Bezie­hung setzt – ist ins­ge­samt ein gro­ßes The­ma. Viel­leicht ist es eine Kon­se­quenz dar­aus, nicht so sehr von anfass­ba­ren Gren­zen aus­zu­ge­hen, son­dern mehr von Bezie­hungs­räu­men. Das ist für mich immer noch Bild­haue­rei. Es hat dann mög­li­cher­wei­se den Effekt, dass man die ein­zel­nen Künst­le­rin­nen und Künst­ler dahin­ter nicht mehr so deut­lich iden­ti­fi­zie­ren kann. Das ändert aber an deren Prä­senz und Ein­fluss nichts.

Aus­stel­lung „Poro­si­ty
Play­ground“

24. Okto­ber bis 28. November

Kes­sel­haus

http://kunstraum-jetzt.de/

Kunst­raum JETZT!

Ver­trags­ver­län­ge­rung Kesselhaus

Das Kes­sel­haus bleibt ein Ort für Kul­tur. Der Bam­ber­ger Ver­ein Kunst­raum JETZT! hat eine Nut­zungs­ver­trags­ver­län­ge­rung über wei­te­re fünf Jah­re unter­schrie­ben. Die ers­te Aus­stel­lung ist bereits ent­hüllt und beschäf­tigt sich mit der Fra­ge, wie das Kes­sel­haus aus­ge­baut wer­den könnte.

Das Kes­sel­haus kann damit für wei­te­re fünf Jah­re genutzt wer­den. Mit­te März unter­zeich­ne­te der Vor­stand die bereits vor zwei Jah­ren bean­trag­te Ver­trags-Ver­län­ge­rung mit der Stadt. Zur glei­chen Zeit eröff­ne­te Vor­stands­spre­cher Ulrich Kah­le die ers­te Aus­stel­lung im neu­en Jahr: Acht Künstler*innen haben, in Pla­kat­form, ihre Ideen zu Mög­lich­kei­ten der zukünf­ti­gen Gestal­tung des Kes­sel­hau­ses bei­getra­gen. Die teil­wei­se kon­kre­ten, teil­wei­se abs­trak­ten Ergeb­nis­se hän­gen anein­an­der­ge­reiht Rich­tung Lein­ritt an der Außen­wand der Shed­dach-Hal­le des Kes­sel­hau­ses. Die­se bis­her unge­nutz­te Hal­le möch­te der Kunst­raum JETZT! zum wei­te­ren zen­tra­len Aus­stel­lungs­ort im Kes­sel­haus umge­stal­ten. Wir haben mit Ulrich Kah­le gesprochen.

Herr Kah­le, vor zwei Wochen haben Sie den Nut­zungs­ver­trag des Kes­sel­hau­ses bis 2026 ver­län­gert. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Ulrich Kah­le: Ich habe eine gewis­se Genug­tu­ung gespürt. Um Pla­nungs­si­cher­heit zu haben, hat­ten wir die Ver­trags­ver­län­ge­rung ja schon im Okto­ber 2019 bean­tragt. Da es seit­dem aber kei­ne ent­spre­chen­den Schrit­te gab, haben wir von Aus­stel­lung zu Aus­stel­lung, also in gewis­ser Wei­se von der Hand in Mund gelebt. Aber jetzt haben wir wie­der Pla­nungs­luft für ein gutes Stück Zukunft.


Gab es Momen­te, in denen Sie nicht mehr an die­se Ver­län­ge­rung geglaubt haben?

Ulrich Kah­le: Nee, denn die Hoff­nung stirbt zuletzt. Aber es gab und gibt Stim­men oder Lager in die­ser Stadt, die die­se Ver­trags­ver­län­ge­rung nicht so ger­ne sehen. Auf der ande­ren Sei­te hat der Ober­bür­ger­meis­ter sich über den Ver­trag und die Pla­kat­aus­stel­lung echt posi­tiv geäußert.


Ande­re kul­tu­rel­le Akteu­re, wie FRANZ KAf­kA, konn­ten sich mit der Stadt nicht eini­gen. Trübt das die Freu­de über den Vertrag?

Ulrich Kah­le: Ich inter­pre­tie­re die Vor­gän­ge zwi­schen FRANZ KAf­kA und der Stadt nicht. Aber wenn KAf­kA wie­der etwas im Kes­sel­haus machen wol­len, wer­den wir die Letz­ten sein, nein zu sagen. Wir sind für Koope­ra­tio­nen offen. So tritt etwa im Mai das Thea­ter im Gärt­ner­vier­tel im Kes­sel­haus auf.

Wel­che Ver­trags-Bedin­gun­gen muss der Ver­ein Kunst­raum JETZT! erfüllen?

Ulrich Kah­le: Der Ver­trag sieht eigent­lich nur vor, dass nicht mehr als 99 Per­so­nen auf ein­mal im Kes­sel­haus sind. Das hat aus­schließ­lich bau­recht­li­che Grün­de. Aus­nah­me-Geneh­mi­gun­gen für mehr Publi­kum wur­den uns aber münd­lich zuge­si­chert. Ansons­ten gibt es kei­ne Vor­ga­ben. Wie wir das Kes­sel­haus nut­zen, ist unse­re Sache.


Was hat sich die Stadt ver­pflich­tet zu liefern?

Ulrich Kah­le: Sei­tens der Stadt gibt es kei­ne wei­te­ren Zusi­che­run­gen. Das ist leicht erklär­bar: Coro­na macht die Stadt­kas­sen leer und wie­weit sich die Kas­se durch ande­re Aktio­nen selbst geleert hat, stel­le ich dahin – das mögen ande­re klä­ren. Kul­tur ist seit jeher eine frei­wil­li­ge Leis­tung, die Geld kos­tet und bei der man am ehes­ten strei­chen kann. 


Was soll das Kes­sel­haus in den kom­men­den fünf Jah­ren sein?

Ulrich Kah­le: Wir möch­ten die Ent­wick­lung wei­ter­trei­ben, die wir schon immer vor­hat­ten: Wir wol­len das Kes­sel­haus als Kul­tur­ort ver­fes­ti­gen und ver­ste­ti­gen. Es gibt kei­nen mit die­sem still­ge­leg­ten Indus­trie­bau­kör­per ver­gleich­ba­ren alter­na­ti­ven Gegen­warts-Kunst-Raum in Bam­berg. Dar­an wol­len wir fest­hal­ten. Das Kes­sel­haus wei­ter zu betrei­ben, ist unser vord­ing­li­ches Ziel. Und lang­fris­tig wol­len wir die Eig­nung des Kes­sel­hau­ses durch Umbau­maß­nah­men ver­bes­sern, mehr Raum schaf­fen für ver­schie­dens­te Ver­an­stal­tun­gen neben der Kunst – Musik, Thea­ter, Diskussionsplattformen.


Die Pla­kat­aus­stel­lung zu Gestal­tungs­va­ri­an­ten des Kes­sel­hau­ses ist ein ers­tes neu­es Aus­stel­lungs­for­mat und mar­kiert außer­dem zehn Jah­re Aus­stel­lungs­be­trieb im Kes­sel­haus. Wie hät­te die Jubi­lä­ums­aus­stel­lung ohne Coro­na ausgesehen?

Ulrich Kah­le: Wir hät­ten bestimmt zunächst ein Fest gemacht. Mög­li­cher­wei­se wäre dann viel­leicht auch so eine Aus­stel­lung zustan­de gekom­men. Jetzt, in der Pan­de­mie­si­tua­ti­on, war es aber ein bewuss­tes Ziel, den ein­ge­la­de­nen Künst­lern ein Hono­rar in der Pan­de­mie­durst­stre­cke ver­schaf­fen zu kön­nen, was wir dann mit dem The­ma der Kes­sel­haus­aspek­te kur­zer­hand ver­bin­den konnten.


Die Aus­stel­lung zeigt Zukunfts­ideen des Kes­sel­hau­ses. Wel­che Vor­ga­ben haben Sie für die Pla­kat­ge­stal­tung gemacht? Umsetz­bar­keit scheint kein Kri­te­ri­um gewe­sen zu sein.

Ulrich Kah­le: Die ein­zi­ge Vor­ga­be war: „Was fällt euch zur Zukunft des Kes­sel­hau­ses ein?“ Mehr nicht.


Auch Ihr Ver­ein hat zwei Pla­ka­te bei­gesteu­ert. Die­se wer­den in der Zukunfts­ge­stal­tung des Kes­sel­haus konkreter.

Ulrich Kah­le: Ja, das ist ein Fin­ger­zeig, wo es mit dem Kes­sel­haus hin­ge­hen könn­te – so rea­lis­tisch wie mög­lich visua­li­siert, um den Leu­ten klar­zu­ma­chen, wel­ches Poten­zi­al in die­sem Gebäu­de steckt. Der Ideal­ent­wurf ist der Umbau der Shed­hal­le zu einer Kunsthalle.


Ist in die­sen Ent­wür­fen die mög­li­che Reak­ti­on der Stadt – mach­bar oder zu teu­er – schon miteingerechnet?

Ulrich Kah­le: Nein, so weit sind wir noch nicht gekom­men. Wobei die Stadt bis­lang eigent­lich nicht bereit war, dazu etwas zu sagen. Aber wir ver­su­chen schon unser Mög­lichs­tes, rea­lis­ti­sche Wege auf­zu­zei­gen. Aber es ist eben ein biss­chen pro­ble­ma­tisch in die­sen Zei­ten. Wenn der Bund 24 Mil­lio­nen für die Reno­vie­rung von St. Micha­el bereit­stellt, wird er nicht noch­mal zwei Mil­lio­nen fürs weit unschein­ba­re­re Kes­sel­haus am Fuß des Michels­berg bereit­stel­len. Aber das sind Din­ge, die man abwar­ten kann. Uns rennt ja die Zeit nicht davon, da wir in den nächs­ten fünf Jah­ren im Kes­sel­haus eine Men­ge machen kön­nen machen kön­nen, um ihm Auf­merk­sam­keit zu verschaffen.


Glau­ben Sie, dass in die­sen fünf Jah­ren schon Ent­schei­dun­gen fal­len, wie und ob das Kes­sel­haus umge­baut wer­den könnte?

Ulrich Kah­le: (lacht) Schwie­rig, aber war­um nicht? Ich sehe, abge­se­hen von den Finan­zen, kei­ne Grün­de, war­um das nicht mög­lich sein sollte.


Deu­tet sich bereits an, was nach Ablauf der fünf Jah­re mit dem Kes­sel­haus pas­sie­ren könnte?

Ulrich Kah­le: Wir sind zuver­sicht­lich, dann wei­ter zu sein und uns um die nächs­te Ver­trags­ver­län­ge­rung zu bemü­hen. Denn wir sehen gemein­sam mit vie­len Mit­strei­tern rea­lis­ti­scher­wei­se kei­nen ande­ren Stand­ort, der die räum­li­chen Qua­li­tä­ten des Kes­sel­hau­ses bie­tet und eine bes­se­re Lage hat.

Zehn Jah­re Kesselhaus

Belieb­ter Aus­stel­lungs­ort für die Kulturszene

In die­sem Jahr fei­ert das Kes­sel­haus sei­nen zehn­ten Geburts­tag als Aus­stel­lungs­ort, den es mit einer Open-Air-Aus­stel­lung begeht!

Zehn Jah­re ist es her, als sich im Früh­jahr 2011 ein klei­nes Häuf­lein Akti­vis­ten vom Kunst­ver­ein, dem BBK Ober­fran­ken, dem Archi­tek­tur­treff Bam­berg und dem dama­li­gen Bau­re­fe­ren­ten der Stadt, Micha­el Ilk, mit eige­ner Hän­de Arbeit dar­an­mach­ten, den brach lie­gen­den Indus­trie­raum im Kes­sel­haus auf­zu­räu­men. Und bei­na­he 40 Aus­stel­lun­gen und Events bewei­sen seit­her die Rich­tig­keit des ehren­amt­li­chen Enga­ge­ments für die­sen Ort mit sei­nen 225 Qua­drat­me­tern Flä­che, sie­ben Metern Höhe, durch­gän­gig ori­gi­na­len Ober­flä­chen und sei­ner zen­tra­len Lage am Lein­ritt als Aus­stel­lungs- und Ver­an­stal­tungs­flä­che. Denn: Das „Kes­sel­haus“ – bis 1984 genutz­te ehe­ma­li­ge Ener­gie­zen­tra­le des „Alten Kran­ken­hau­ses“ mit Kran­ken­haus­wä­sche­rei und Patho­lo­gie ¬–, am west­li­chen „Ein­gangs­tor“ zu Alt­stadt und Welt­erbe Bam­bergs gele­gen, birgt ein außer­or­dent­li­ches Poten­zi­al als leben­di­ger Kul­tur­ort. Es strahlt vor allem wegen der beson­de­ren funk­tio­na­len Archi­tek­tur der frü­hen 60er Jah­re und dem in Bam­berg sel­te­nen indus­tri­el­len Cha­rak­ter einen außer­ge­wöhn­li­chen Charme aus.


„Was mir zum Kes­sel­haus einfällt“

In die­sem Jahr fei­ert das Kes­sel­haus nun sei­nen zehn­ten Geburts­tag als Aus­stel­lungs­ort. Aber wie begeht man einen run­den Geburts­tag in Zei­ten von Coro­na? Ganz ein­fach: mit einer Open-Air-Ausstellung!

Die Idee dazu ist bereits im ers­ten Lock­down und dem damit erzwun­ge­nen Still­stand für die Kul­tur ent­stan­den. Bam­ber­ger Künstler:innen aus den Rei­hen des BBK Ober­fran­ken haben zum Pla­kat­wett­be­werb ein­ge­la­den, um das Kes­sel­haus mate­ri­ell zu unter­stüt­zen und damit für die Zukunft als Kul­tur­stand­ort zu sichern. Die Auf­ga­be bestand in der Gestal­tung eines Pla­ka­tes zum The­ma „Was mir zum Kes­sel­haus ein­fällt“, das als Ban­ner an der EG-Fas­sa­de des Kes­sel­hau­ses zum Lein­ritt open-air aus­ge­stellt wer­den soll. Ein beglei­ten­der eige­ner QR-Code erlaubt es allen Inter­es­sen­ten, sich auf der Web­site des Ver­eins ein­zu­klin­ken, um Nähe­res zu den Ent­wür­fen zu erfah­ren. Her­aus­ge­kom­men ist eine kun­ter­bun­te Mischung uto­pi­scher Vor­stel­lun­gen, augen­zwin­kern­de bis ernst­haf­te Anstö­ße an die Stadt Bam­berg bis hin zu ziem­lich kon­kret for­mu­lier­ten Vor­stel­lun­gen, die seit Anfang Febru­ar 2021 nun am vor­ge­se­he­nen Ort aus­ge­stellt sind.

Im Ein­zel­nen fin­det man nun eine Idee von Ger­hard Hagen, in einer Qua­si-Kari­ka­tur Bam­berg dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass die Rea­li­sie­rung einer Kunst­hal­le ana­log zur Lan­dung auf dem Mond eigent­lich nur einen „klei­nen“ Schritt dar­stel­len würde.

Peter Schop­pel hat ein Modell ent­wor­fen, das zeigt, wie ein auf­ge­wer­te­tes Kes­sel­haus aus­se­hen könn­te. Höchst rea­lis­tisch visua­li­siert Tho­mas Michel einen erfolg­ten Umbau des Kes­sel­hau­ses unter Wah­rung sei­ner prä­gnan­ten Gestalt und ent­wirft sehr reiz­vol­le Auf­ent­halts­qua­li­tä­ten im Außen­be­reich. Nina Gross folgt mit einer bun­ten Phan­ta­sie­an­sicht eines veri­ta­blen Aus­stel­lungs­hau­ses, die gleich­falls Wert auf Auf­ent­halts­qua­li­tä­ten als Anzie­hungs­punkt für Publi­kum legt: der Park­platz ist einer Wie­se gewi­chen und das Dach des Kes­sel­hau­ses begrünt. Chris­tia­ne Toewe wie­der­um schafft einen wuch­ti­gen Archi­tek­tur­kör­per, um ihn dann mit kräf­ti­gen rot-wei­ßen Bän­de­run­gen zu ver­se­hen, ähn­lich dem berühm­ten Leucht­turm „Roter Sand“ in der Weser­mün­dung – ein Welt­kul­tur­er­be übri­gens –, um dem unschwer erkenn­ba­ren Kes­sel­haus einen pro­gram­ma­ti­schen Leucht­turm­cha­rak­ter zu ver­lei­hen. Dag­mar Ohrn­dorf nimmt in ihrem Ban­ner Bezug auf die Akti­vi­tä­ten der Ver­gan­gen­heit und hat aus Frag­men­ten alter Aus­stel­lungs­pla­ka­te ein neu­es tän­ze­ri­sches Gesamt­bild kom­po­niert. Ger­hard Schlöt­zer, neben sei­nen foto­gra­fi­schen Fähig­kei­ten ein lei­den­schaft­li­cher und begab­ter Zeich­ner, prä­sen­tiert den Betrachter:innen mit peni­blen Blei­stifts­stri­chen sei­ne leicht nach­voll­zieh­ba­re Visi­on des Kes­sel­hau­ses mit auf­ge­setz­tem Dach­cafè und der zu einem Kiosk umfunk­tio­nier­ten Tra­fo­sta­ti­on an der Nord­spit­ze des Are­als inmit­ten einer publi­kums­freund­li­chen Frei­flä­che. David Grimm schließ­lich sieht das Kes­sel­haus als Funk­sta­ti­on, als geer­de­te Basis für inter­pla­ne­ta­ren Aus­tausch, als ein Labor für Rele­vanz, Funk­ti­on und Ver­ant­wor­tung von Kunst und Kul­tur im 21. Jahrhundert.

Stadt­wärts been­den die Open-Air-Aus­stel­lung zwei archi­tek­ten­ba­sier­te und com­pu­ter­gra­fisch auf­be­rei­te­te Ide­al­an­sich­ten eines umge­bau­ten Kes­sel­hau­ses, ein­mal das Inne­re des Shed­dach­be­reichs als veri­ta­ble Kunst­hal­le und zum ande­ren die Gesamt­schau des Kes­sel­hau­ses als Kunst­ort samt auto­frei­em Lein­ritt und Frei­trep­pen­an­la­ge am Fluss mit zuvor unge­ahn­ten Aufenthaltsqualitäten.

Allen aus­ge­stell­ten Künst­lern gemein ist ihre klar aus­ge­drück­te Hoff­nung auf eine kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­ent­wick­lung des Kes­sel­hau­ses als Kul­tur­ort. Denn nir­gends sonst fin­det sich in die­ser Stadt ein ande­rer, bes­ser geeig­ne­ter Ort als die­se städ­te­bau­lich irgend­wie ver­kann­te Bra­che am äußers­ten Westende des Sand­vier­tels – und dies nur den sprich­wört­li­chen Stein­wurf von St. Micha­el entfernt!