200. Todes­jahr E.T.A. Hoffmann

Aus­stel­lung „Unheim­lich Fantastisch“

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Unheimlich Fantastisch
Aus der Ausstellung "Unheimlich Fantastisch": Der Bamberger Arzt Dr. Christian Pfeufer untersucht die Zungenspitze von Carl Friedrich Kunz, Hoffmann zeichnet die Szene, Radierung nach einem Original, 1839, Foto: Gerald Raab, Staatsbibliothek Bamberg
Die Staats­bi­blio­thek Bam­berg zeigt noch bis zum 22. Okto­ber zum 200. Todes­jahr von E.T.A. Hoff­mann die Aus­stel­lung „Unheim­lich Fan­tas­tisch“. Auf Kul­tur­schaf­fen­de wie ihn geht zurück, dass in der roman­ti­schen Epo­che des 19. Jahr­hun­derts der Begriff des Uni­ver­sal­künst­lers auf­kam. Sei­ne lite­ra­ri­schen Wer­ke präg­ten eine lite­ra­ri­sche Gat­tung und sei­ne Gesell­schafts- und Kunst­kri­ti­ken beein­fluss­ten die ihri­ge. Zudem zeig­te er gro­ße Pro­duk­ti­vi­tät als Zeich­ner und Kom­po­nist. Maß­geb­li­chen Ein­fluss auf sei­ne Lauf­bahn als Künst­ler hat­te indes Bamberg.

„Obwohl es in Bam­berg das ETA Hoff­mann Thea­ter, das ETA Gym­na­si­um und den Hund „Berg­an­za“ im Hain gibt“, sagt Prof. Dr. Bet­ti­na Wag­ner, Direk­to­rin der Bam­ber­ger Staats­bi­blio­thek, „Orte also, an denen man sich E.T.A. Hoff­manns durch­aus bewusst wer­den könn­te, befürch­te ich, dass vie­le in der Stadt mit sei­nem unglaub­lich viel­sei­ti­gen Werk nicht ver­traut sind.“ Um dem ein wenig gegen­zu­steu­ern und anläss­lich des 200. Todes­jah­res des Autors, Zeich­ners, Kri­ti­kers, Kom­po­nis­ten und Juris­ten Ernst Theo­dor Wil­helm Hoff­mann Hoff­mann (1776 bis 1822) zeigt die Staats­bi­blio­thek die Aus­stel­lung „Unheim­lich Fantastisch“.

Zu sehen seit Ende Juli, prä­sen­tiert die Schau knapp 50 Stü­cke aus dem Bestand der Biblio­thek, die neben der Staats­bi­blio­thek Ber­lin die welt­weit größ­te Samm­lung zu Hoff­mann besitzt. Umrahmt wird das Gan­ze von Spe­zi­al-Füh­run­gen, zeit­ge­nös­si­scher Instal­la­ti­on und Konzerten.

Der Uni­ver­sal­künst­ler

Der Titel der Aus­stel­lung spielt zwar mit der vor­nehm­li­chen popu­lä­ren Wahr­neh­mung Hoff­manns, die Schau selbst legt ihren Schwer­punkt aber nicht allein auf ihn als Autor von Schau­er­ge­schich­ten. Der Spitz­na­me, den ihm Zeit­ge­nos­sen einst ver­lie­hen haben – Gespens­ter-Hoff­mann – kam im Ange­sicht sei­ner gen­re-defi­nie­ren­den Wer­ke wie des Romans „Die Eli­xie­re des Teu­fels“ oder der Erzäh­lung „Der Sand­mann“ durch­aus nicht von unge­fähr. Der All­roun­der Hoff­mann beschränk­te sich aber nicht nur auf die Dar­stel­lung fan­tas­ti­scher Welten.

„Sei­ne lite­ra­ri­sche Bedeu­tung für die Roman­tik“, sagt Bet­ti­na Wag­ner, „war dar­um so groß, weil er eigent­lich alle ihre Spiel­ar­ten ver­kör­per­te. Dunk­le und abwe­gi­ge The­men bear­bei­te­te er genau­so wie neue gesell­schaft­li­che Aspek­te, die durch die Selbst­be­ob­ach­tung und tech­ni­schen Fort­schritt zustan­de gekom­men waren.“

Als ein High­light der Aus­stel­lung bezeich­net Frau Wag­ner das Ori­gi­nal-Manu­skript der Hoff­mann-Erzäh­lung „Meis­ter Mar­tin der Küf­ner und sei­ne Gesel­len“, die eher in die Rich­tung eines Lust­spiels geht. „Das ist eines der weni­gen Werk­ma­nu­skrip­te, das erhal­ten geblie­ben ist.“

Wei­te­re Originale

Wei­te­re Ori­gi­na­le des Künst­lers ent­stam­men vor allem sei­nem zeich­ne­ri­schen Schaf­fen, einer wei­te­ren Säu­le sei­nes Werks. Das groß­for­ma­ti­ge Dop­pel­por­trät (sie­he unten) sei­ner selbst und sei­nes Freun­des Adal­bert Fried­rich Mar­cus, ein Arzt und Kunst­för­de­rer, nach dem spä­ter das Mar­kus­haus, die Mar­kus­brü­cke und der Mar­kus­platz in Bam­berg benannt wur­den, ist ein Bei­spiel dafür.

„Auch zei­gen wir eini­ge Kari­ka­tu­ren vor allem zeit­ge­nös­si­scher Poli­tik oder die des Bam­ber­ger Bür­ger­mi­li­tärs. Außer­dem befin­den sich Par­ti­tu­ren Hoff­manns in unse­rem Besitz, wie die­je­ni­ge sei­ner Oper „Dir­na“, mit denen wir auch sein musi­ka­li­sches Werk beleuch­ten wollen.“

Die­ses näher­te sich der Mate­rie von zwei Sei­ten an. So hat­te Hoff­mann als Musik­kri­ti­ker bei­spiels­wei­se urhe­be­ri­schen Ver­dienst an der Ent­ste­hung des Begriffs der Roman­ti­schen Musik. Dies bewerk­stel­lig­te er, indem er Wer­ke von Beet­ho­ven oder Mozart, eigent­lich zwei Inbe­grif­fe einer der Roman­tik vor­an­ge­gan­ge­nen Epo­chen, der Klas­sik, unter roman­ti­schen Gesichts­punk­ten ana­ly­sier­te. Hoff­mann ver­such­te als ers­ter, die Wir­kung die­ser Musik auf das Emp­fin­den des Publi­kums zu beschrei­ben, also wie sie wel­che Emo­tio­nen auslöst.

Außer­dem galt Hoff­manns künst­le­ri­sche Lei­den­schaft min­des­tens genau­so sehr der Musik wie der Lite­ra­tur und dem Zeich­nen. So kom­po­nier­te er mehr als 85 musi­ka­li­sche Wer­ke, von denen nur 34 erhal­ten sind – sie fan­den aber, beson­ders in sei­ner Bam­ber­ger Zeit, nicht immer soviel Aner­ken­nung, wie er es sich wünschte.

Der Jurist

Ernst Theo­dor Wil­helm Hoff­mann wur­de am 24. Janu­ar im ost­preu­ßi­schen Königs­berg gebo­ren. Der Fami­li­en­tra­di­ti­on gemäß schrieb er sich im jun­gen Alter von 16 Jah­ren für ein Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten ein. Wenn auch damals noch hob­by­mä­ßig, wid­me­te er sich zu die­ser Zeit bereits ers­ten lite­ra­ri­schen, zeich­ne­ri­schen und musi­ka­li­schen Unternehmungen.

Die­sen ging er zwar auch in der Fol­ge nach, räum­te ihnen aber vor­erst nicht den spä­te­ren Platz im Leben ein. Denn 1798 schloss Hoff­mann das juris­ti­sche Stu­di­um mit der Note „vor­züg­lich“ ab und sie­del­te nach Ber­lin über. Dort fand er eine Anstel­lung am Kammergericht.

Auch sei­ne Beför­de­rung zum Gerichts­as­ses­sor, ein Rich­ter auf Pro­be, und die damit zusam­men­hän­gen­de Ver­set­zung nach Posen hät­ten der Bei­be­hal­tung die­ser Kon­stel­la­ti­on aus pri­va­ter Krea­ti­vi­tät und beruf­li­chem Beam­ten­tum nicht im Weg gestan­den. Aber Anfang des 19. Jahr­hun­derts kamen sich die­se bei­den Hoff­manns – erst unge­wollt, dann aus Über­zeu­gung – bei zwei fol­gen­rei­chen Ereig­nis­sen doch in die Quere.

Zur Kar­ne­vals­zeit 1802 ver­teil­te eine vor­wit­zi­ge Grup­pe jun­ger Regie­rungs­be­am­ter – Hoff­mann war Teil davon – höh­ni­sche Kari­ka­tu­ren höher­ran­gi­ger Beam­ten – Hoff­mann hat­te sie gezeich­net. Die Pos­se und ihre Urhe­ber flo­gen auf und Hoff­mann wur­de zur Stra­fe in eine abge­le­ge­ne Klein­stadt ver­setzt. Dort begann er sich über­lie­fer­ter­ma­ßen zu langweilen.

1804 folg­te eine wei­te­re Ver­set­zung nach War­schau, das damals preu­ßisch war, und die Wie­der­auf­nah­me der Exis­tenz als künst­le­risch täti­ger Jurist. Aus die­ser Zeit stam­men Hoff­manns ers­te musi­ka­li­sche Erzeug­nis­se samt öffent­li­cher Auftritte.

Dann kam ihm aller­dings die Welt­ge­schich­te dazwi­schen. Napo­le­on nahm War­schau ein und zwang die dor­ti­ge Beam­ten­schaft, ent­we­der einen Eid auf ihn abzu­le­gen oder die Stadt zu ver­las­sen. Hoff­mann ent­schied sich zu gehen. Außer­dem nahm er die­se Ent­wick­lung zum Anlass, die Juris­te­rei vor­erst ruhen zu las­sen und nun ganz und gar Künst­ler zu werden.

Die Bam­ber­ger Zeit

Aller­lei Bewer­bun­gen um ver­schie­dens­te musi­ka­li­sche Stel­len führ­ten E.T.A. Hoff­mann 1808 zusam­men mit sei­ner Ehe­frau Mari­an­ne Thek­la Michali­na Rorer nach Bam­berg. Am ört­li­chen Thea­ter hat­te er die Zusa­ge für den Pos­ten des Kapell­meis­ters erhal­ten. Künst­le­risch war sei­ne Zeit in Bam­berg eine Zeit des Zu-sich-selbst-Fin­dens, frei von Rück­schlä­gen, nicht zuletzt pri­va­ter Art, war sie aber nicht.

„Hoff­mann hat­te sich an meh­re­ren Stel­len bewor­ben“, sagt Bet­ti­na Wag­ner. „Er hat­te auch ein Ange­bot aus Luzern und wäre auch ger­ne nach Leip­zig gezo­gen – bei­des wäre finan­zi­ell aber nur wenig ein­träg­lich gewe­sen. So kam er nach Bam­berg. Die­se Sta­ti­on ist auch inso­fern nen­nens­wert, weil es die süd­lichs­te Sta­ti­on sei­nes Lebens war.“ Nie sei er wei­ter weg von der ost­preu­ßi­schen Hei­mat gewesen.

Unheimlich Fantastisch
E. T. A. Hoff­mann, anti­kisch geklei­det, zeigt Adal­bert Fried­rich Mar­cus eine Wald­land­schaft, ahr­schein­lich die Umge­bung der Alten­burg, Gemäl­de, 1809 bis 1813, Foto: Gerald Raab, Staats­bi­blio­thek Bamberg 

„Es war die Zeit, in der er ver­sucht hat, Künst­ler zu wer­den, und so gese­hen war es sicher auch beglü­ckend für ihn, die­sen Traum vom frei­en Künst­ler und sei­ne Krea­ti­vi­tät aus­zu­le­ben zu können.“

Da er sich damals aber in ers­ter Linie als Kom­po­nist gese­hen habe und nicht als Autor, lie­ßen die ers­ten Irri­ta­tio­nen mit der neu­en Lebens­si­tua­ti­on und dem neu­en Lebens­plan nicht lan­ge auf sich war­ten. „Wenn er etwas Lite­ra­ri­sches pro­du­ziert hat, ist ihm alles ganz leicht aus der Feder geflos­sen. Den „Sand­mann“ hat er zum Bei­spiel in einer Woche nie­der­ge­schrie­ben. Er war unglaub­lich pro­duk­tiv und hat auch zu allen mög­li­chen Din­gen text­lich Stel­lung bezogen.“

Mit der Musik woll­te es aber nicht so ein­fach klap­pen. Sei­ne Kom­po­si­tio­nen für das Thea­ter tru­gen nicht genug finan­zi­el­len Erfolg ein und bald wur­de er vom Kapell­meis­ter zum Direk­ti­ons­ge­hil­fen zurückgestuft.

Kein Mensch mit gleich­mä­ßi­gem Seelenzustand

„In sei­ner Bam­ber­ger Zeit hat Hoff­mann vie­le Brie­fe und Tage­bü­cher geschrie­ben. Daher wis­sen wir, dass er sehr kri­tisch über das Bam­ber­ger Thea­ter und die dor­ti­gen Ver­hält­nis­se geschrie­ben hat. Aber wahr­schein­lich hat er das Haus mit sei­nen Kom­po­si­tio­nen auch über­for­dert. Er woll­te musi­ka­li­sche Neue­run­gen ein­füh­ren, was nicht so posi­tiv auf­ge­nom­men wur­de. Viel­leicht hat er auch aber auch ein­fach nicht kom­pro­miss­be­reit genug agiert“ – wie bei Napo­le­on, könn­te man sagen – auch aus dem Grund, dass Hoff­mann erneut ande­ren Din­gen den Vor­zug geben konn­te; dies­mal aller­dings nicht der Kunst­kar­rie­re all­ge­mein, son­dern der Literatur.

So stammt sei­ne ers­te lite­ra­ri­sche Ver­öf­fent­li­chung, die „Fan­ta­sie­stü­cke in Cal­lots Manier“, in denen unter ande­rem „Der gol­de­ne Topf“ und „Nach­richt von den neu­es­ten Schick­sa­len des Hun­des Berg­an­za“ ent­hal­ten sind, aus der Bam­ber­ger Zeit.

Auch das bereits genann­te „Die Eli­xie­re des Teu­fels“ sähe ohne Bam­berg anders aus. „Das Gru­sel­stück spielt in einem Klos­ter. Die Idee dazu kam Hoff­mann beim Besuch des Bam­ber­ger Kapu­zi­ner­klos­ters. Als Pro­tes­tant war ihm die­se Welt und ihre Atmo­sphä­re völ­lig fremd. Kurz gesagt: Bam­berg hat ihm den Namen gemacht als Autor von Fantasiestücken.“

Die­sen Namen brach­te er in der dama­li­gen Bam­ber­ger Gesell­schaft aller­dings ein wenig in Ver­ruf, als er sich in sei­ne Gesangs­schü­le­rin Julia Mark ver­lieb­te. Die­se Ver­liebt­heit soll aufs Pein­lichs­te auf­ge­fal­len sein und dann geriet Hoff­mann auch noch mit Julia Marks Ver­lob­ten in Konflikt.

„Ja, er war ver­liebt“, sagt Bet­ti­na Wag­ner, „aber unglück­lich. Die­ser eupho­ri­sche Zustand hob ihn zwar ein biss­chen aus dem All­tag her­aus, hat ihn aber auch zur Ver­zweif­lung gebracht. Wobei wir eigent­lich grund­le­gend davon aus­ge­hen soll­ten, dass er sicher kein Mensch war, der einen gleich­mä­ßi­gen See­len­zu­stand hatte.“

Ver­häng­nis­vol­ler Ausflug

Bei einem Aus­flug zum Schloss Wei­ßen­stein in Pom­mers­fel­den, den Hoff­mann, Julia Mark und ihr Ver­lob­ter 1812 im Ange­sicht der sich teil­wei­se zuwi­der­lau­fen­den emo­tio­na­len Ver­bin­dun­gen in die­ser Grup­pe bemer­kens­wer­ter­wei­se gemein­sam unter­nah­men, soll sich der Ver­lob­te der­art hef­tig betrun­ken haben, dass er stürz­te. Das nahm Hoff­mann zum Anlass, ihn als „Scheiß­hund“ zu beschimp­fen. „Der Ent­schul­di­gungs­brief, den er an Juli­as Mut­ter schrei­ben muss­te, ist bei uns im Bestand erhal­ten“, sagt Bet­ti­na Wagner.

Als Julia kurz dar­auf hei­ra­te­te und etwa zur sel­ben Zeit das Stel­len­an­ge­bot des Musik­di­rek­tors einer Opern­ge­sell­schaft ein­ging, zog Hoff­mann Bilanz. Er ent­schied sich zuzu­sa­gen und ver­ließ Bam­berg. „Dann ende­te sei­ne Bam­ber­ger Zeit nach knapp fünf Jah­ren. Dass heu­te unter ande­rem das ETA Thea­ter sei­nen Namen trägt, hät­te ihn, den­ke ich, amü­siert. Denn die Tat­sa­che, dass der Ort nach ihm benannt wur­de, an dem er gelit­ten hat und unter­schätzt wur­de, ist nicht ohne Ironie.“

Die Aus­stel­lung „Unheim­lich Fan­tas­tisch“, die die Staats­bi­blio­thek noch bis 22. Okto­ber zeigt, geht auf das gesam­te Spek­trum des Schaf­fens von E.T.A. Hoff­mann ein und wid­met sich auch sei­ner Bam­ber­ger Zeit.

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