Mit­glie­der des Bewer­bungs­teams im Interview

Host-Town Bam­berg

6 Min. zu lesen
Host-Town
Hinten von links Host-Town-Botschafterinnen und -Botschafter: Andreas Schwarz, Daniela Kicker, Chris Dels, Melanie Huml, David Ochs, Jonas Ochs; vorne von links Maxi Ley, Medaillenkandidat für Berlin, sowie ein Teil des Host Town-Bewerbungsteams: Robert Bartsch, Claudia John (Stadträtin), Matthias Pfeufer, Foto: Charlotte Moser, goolkids
Im Okto­ber 2021 hat­te sich Bam­berg als Host-Town einer Natio­nen-Dele­ga­ti­on der Spe­cial Olym­pics World Games Ber­lin 2023 bewor­ben. Im Janu­ar 2022 kam die Zusa­ge, im Juni 2023 sind die Spie­le. Bis dahin muss noch eini­ges orga­ni­siert wer­den. Wobei es den Bam­ber­ger Hosts vor allem dar­um geht, Inklu­si­on eine grö­ße­re Auf­merk­sam­keit zu ver­schaf­fen und Teil­ha­be damit dau­er­haft im öffent­li­chen Bewusst­sein zu verankern.

Seit 1968 fin­den alle vier Jah­re die Spe­cial Olym­pics World Sum­mer Games statt. Mit mehr als 170 teil­neh­men­den Natio­nen sind sie die größte Sport­ver­an­stal­tung für Men­schen mit geis­ti­ger und mehr­fa­cher Behin­de­rung. Von 17. bis 25. Juni 2023 wer­den die Wett­be­wer­be in Ber­lin ausgetragen.

Um die Dele­ga­tio­nen die­ser Natio­nen unter- und Inklu­si­on der Bevöl­ke­rung näher­zu­brin­gen, wur­den deutsch­land­weit Kom­mu­nen als Host-Towns aus­ge­wählt. Bam­berg ist eine davon. Vier Tage lang vor Beginn der Spie­le in Ber­lin wird Bam­berg Gast­ge­ber­stadt für eine Grup­pe von Sport­le­rin­nen, Sport­lern und ihres Orga­ni­sa­ti­ons­teams sein.

„Das Mot­to der Host-Town Bam­berg lau­tet „Bam­berg l(i)ebt Inklu­si­on““, sagt Robert Bartsch, Mit­glied des Host Town-Bewer­bungs­teams und Pro­jekt­lei­ter des För­der­krei­ses gool­kids. „Das „liebt“ ist die Gegen­wart, aber die Zukunfts­vi­si­on heißt „Bam­berg lebt Inklusion“.“

Als bekannt wur­de, dass Bam­berg als Host Town aus­ge­wählt wor­den war, habe man sich natür­lich sehr gefreut. Aber Robert Bartsch, der sich mit gool­kids schon lan­ge für die Inklu­si­on von Men­schen mit Behin­de­rung durch Sport ein­setzt, und Dr. Mat­thi­as Pfeufer, Bam­bergs Sport­re­fe­rent und eben­falls Bewer­bungs­team-Mit­glied, ver­spre­chen sich von der Aus­wahl als Gast­ge­ber­stadt vor allem einen Schub für Inklu­si­on, der auch nach den Tagen der Spe­cial Olym­pics World Games anhal­ten soll.

Wir haben mit den bei­den über das Host Town Pro­gramm, noch anste­hen­de Auf­ga­ben und Chan­cen für die Inklu­si­on gesprochen.

Herr Bartsch, Herr Pfeufer, wie sind Sie auf die Idee gekom­men, Bam­berg zur Bewer­bung als Host-Town anzumelden?

Robert Bartsch: Eines Tages im Früh­jahr 2021 bekam ich je eine Email von Nico­le Orf, der Behin­der­ten­be­auf­trag­ten der Stadt Bam­berg, und von Peter Mül­ler, ihrem Pen­dant im Land­kreis. Sie schick­ten mir die Aus­schrei­bung der Spe­cial Olym­pics in Ber­lin. Da stand: Wir suchen 170 Gast­ge­ber­städ­te für die Natio­nen, die an den Spie­len teil­neh­men. Die­se Mail ver­ban­den sie mit der Fra­ge, ob die­ses Host-Town-Pro­jekt denn nicht etwas für Bam­berg und sei­ne Inklu­si­ons­ver­ei­ne wie gool­kids wäre.

Dar­auf­hin habe ich mit Micha­el Hemm von der Lebens­hil­fe Kon­takt auf­ge­nom­men und ihm vor­ge­schla­gen, den Stadt­rat zu über­zeu­gen, Bam­berg als Host-Town zu bewer­ben. Die Lebens­hil­fe könn­te die Orga­ni­sa­ti­ons­be­rei­che Kul­tur und Begeg­nung über­neh­men und gool­kids die sport­li­chen Aspek­te des Host-Town-Pro­jekts. Das war unser gemein­sa­mer Plan. Der nächs­te Schritt war ein Ter­min bei Mat­thi­as Pfeufer, von dem ich wuss­te, dass er ein offe­nes Ohr für Inklu­si­on hat. Ich wuss­te, wenn es mir gelingt, ihn zu über­zeu­gen, wird er das Pro­jekt nicht auf die lan­ge Bank schie­ben. Ich stell­te ihm das Pro­jekt vor – aber nicht nur die Bewer­bungs­mög­lich­keit, son­dern auch das, was wir dahin­ter sehen. Wir betrach­ten die­se vier Tage nächs­tes Jahr näm­lich als Mög­lich­keit, mehr Begeis­te­rung, viel­leicht sogar eine Begeis­te­rungs­wel­le für Inklu­si­on zu erzeu­gen. Wir haben nicht nur an die Host-Town gedacht, son­dern auch dar­an, anhand des Pro­jekts gesell­schaft­li­che Inklu­si­on zu verbessern.

Muss­ten Sie sich von Herrn Bartsch lan­ge über­zeu­gen las­sen, Herr Pfeufer?

Mat­thi­as Pfeufer: Nein, über­haupt nicht. Robert hat damit bei mir offe­ne Türen ein­ge­rannt. Ich habe mich schon an frü­he­ren Wir­kungs­stät­ten inten­siv mit dem The­ma Inklu­si­on beschäf­tigt – wenn auch mit dem Schwer­punkt der schu­li­schen Inklu­si­on. Seit ich bei der Stadt Bam­berg arbei­te, bin ich aller­dings beim The­ma ein biss­chen drau­ßen gewe­sen – auch auf­grund der Ände­rungs­un­wil­lig­keit des baye­ri­schen Schul­sys­tems. Da geht wenig vor­wärts. Auch aus kom­mu­na­ler Rich­tung kann wenig bei­getra­gen wer­den, weil wir für die aller­meis­ten Schu­len nur eine Ver­wal­tungs­auf­ga­be haben. Der Bereich Sport und Inklu­si­on, um den es bei Host-Town aber geht, liegt viel stär­ker in kom­mu­na­ler Ver­ant­wor­tung und kann mehr gestal­tet werden.

Was bedeu­tet das?

Mat­thi­as Pfeufer: Das Host-Town Pro­gramm hat in Bam­berg ein Feld eröff­net, in dem vie­le Orga­ni­sa­tio­nen und Initia­ti­ven, gool­kids ist sicher­lich ein Para­de­bei­spiel dafür, sehr viel bewir­ken kön­nen. Wir haben hier die Mög­lich­keit, die Res­sour­cen, die in den Men­schen ste­cken – jeder kann etwas und hat die Mög­lich­keit, sich gesell­schaft­lich ein­zu­brin­gen – über das Feld des Sports beson­ders zu heben. Es ging uns, wie gesagt, von Anfang an nicht nur um die­se vier Tage des Gast­ge­ber­s­eins, son­dern auch dar­um, die­se Tage zu nut­zen, um Inklu­si­on in der Stadt­ge­sell­schaft selbst­ver­ständ­li­cher zu machen – weg von einem The­ma, mit dem man sich nur zu beson­de­ren Anläs­sen schmückt.

Robert Bartsch: Alle Welt redet von Inklu­si­on, macht aber meis­tens nur Schau­fens­ter­ge­schich­ten. Ent­schei­dend ist, etwas zu tun, das Nach­hal­tig­keit ermög­licht. Wir müs­sen Chan­ce nut­zen, aus dem Event her­aus eine grö­ße­re Brei­te zu erzielen.

Wie sehen Sie die Chan­cen, dass das The­ma Inklu­si­on auch am 26. Juni 2023, wenn die Spie­le vor­bei sind und die Dele­ga­ti­on abge­reist ist, in der Brei­te der Öffent­lich­keit bestehen wird?

Robert Bartsch: Ein Selbst­läu­fer ist es nicht, dar­über sind wir uns im Kla­ren. Aber vom Bauch­ge­fühl her bin ich mir rela­tiv sicher, dass es uns gelingt, emo­tio­na­le Höhe­punk­te zu set­zen und wenigs­tens eine gewis­se Brei­te in der Öffent­lich­keit zu errei­chen. Zu spe­ku­lie­ren, wie weit das die kom­plet­te Stadt mit­reißt, wäre viel­leicht ein biss­chen ver­mes­sen, aber wir set­zen uns kei­ne Grenzen.

Was mei­nen Sie mit emo­tio­na­len Höhepunkten?

Robert Bartsch: Ich den­ke da zum Bei­spiel an ein fröh­lich-bun­tes und unge­zwun­ge­nes Fest in der KUFA mit unse­ren und den Ath­le­tin­nen und Ath­le­ten, die zu Besuch kom­men, und mit Men­schen kreuz und quer aus der Gesellschaft.

Mat­thi­as Pfeufer: Zusätz­lich zu emo­tio­na­len Höhe­punk­ten, die es braucht, um Betrof­fe­nen Öffent­lich­keit zu geben, ist auch Nach­hal­tig­keit nötig. Ent­schei­dend über den 26. Juni hin­aus ist dar­um, dass wir nicht nur auf die­ses eine Host-Town-Ereig­nis abzie­len. Wir wol­len in den nächs­ten ein­ein­halb Jah­ren bis zu den Spie­len bestimm­te Events schon vor­her so set­zen, dass wir sie als dau­er­haf­te Ver­an­stal­tun­gen im Ver­an­stal­tungs-Kalen­der Bam­bergs ver­an­kern kön­nen. Regel­mä­ßi­ge Ver­an­stal­tun­gen zum Euro­pa­tag am 5. Mai, der gleich­zei­tig auch der Euro­päi­sche Pro­test­tag zur Gleich­stel­lung von Men­schen mit Behin­de­rung ist, wäre ein Bei­spiel. Für solch eine Nach­hal­tig­keit wäre es auch wich­tig, über ein­zel­ne sport­li­che Ver­an­stal­tun­gen zu mehr regel­mä­ßi­gen inklu­si­ven Trai­nings­an­ge­bo­ten zu kom­men, Sport­le­rin­nen und Sport­ler mit Behin­de­rung also mit­ein­zu­be­zie­hen in das ganz nor­ma­le Leben eines Sport­ver­eins. Ich hat­te in den letz­ten Mona­ten vie­le Gesprä­che mit Sport­ver­ei­nen dazu und spü­re da eine gro­ße Bereitschaft.

Wodurch hat sich Bam­berg als Host-Town qualifiziert?

Robert Bartsch: Ich den­ke, das lag einer­seits dar­an, dass wir schon früh­zei­tig vie­le städ­ti­sche Koope­ra­ti­ons­part­ner prä­sen­tie­ren konn­ten. Und ich den­ke, dass auch das gool­kids-Sport­fest am 25. Sep­tem­ber 2021 und die Begeis­te­rung an die­sem Tag sich rum­ge­spro­chen haben. Wir hat­ten vie­le inklu­si­ve Sport­ar­ten, Live-Musik und Tanz. Und an die­sem Tag war auch ein Ver­tre­ter der Spe­cial Olym­pics zu Gast, der außer­dem Mit­glied im Baye­ri­schen Aus­wahl-Gre­mi­um der Host-Towns war. Ihn haben wir ein biss­chen ins Pro­gramm ein­ge­bun­den und er konn­te uns ken­nen­ler­nen. Wir konn­ten ihn begeis­tern und leben­dig zei­gen, wel­che Begeis­te­rung wir erzeu­gen kön­nen, wenn sich Sport, Kul­tur und Gesell­schaft ver­bin­den. Es wur­de sogar gemun­kelt, dass Bam­berg, nicht zuletzt durch die brei­te Begeis­te­rung in der Stadt und im Stadt­rat, eine der bes­ten Bewer­bun­gen in Bay­ern abge­ben hat­te. Das wür­de natür­lich nie jemand bestä­ti­gen, aber was die Emo­tio­na­li­tät angeht, ist uns, glau­be ich, ein gro­ßer Wurf gelungen.

Was ist bis 13. Juni 2023, wenn die Dele­ga­ti­on in Bam­berg ein­trifft, noch alles zu tun?

Mat­thi­as Pfeufer: Ganz kon­kret haben wir ein loka­les Orga­ni­sa­ti­ons­team geschaf­fen, auch unter Betei­li­gung des Land­krei­ses, das sich Ende Febru­ar zum ers­ten Mal getrof­fen hat. Momen­tan sind vie­le Rah­men­be­din­gun­gen aber noch nicht klar. Was wir tun wer­den, ist, den Weg vor­zu­zeich­nen, den Ver­an­stal­tungs­ka­len­der mit dem The­ma Host-Town zu bespie­len und zu schau­en, ob wir aus der Per­spek­ti­ve der Inklu­si­on im Sport einen Bei­trag leis­ten können. 

Wer­den Sie auch ver­su­chen, die Bevöl­ke­rung ins Pro­jekt Host-Town einzubinden?

Mat­thi­as Pfeufer: Um die Fra­ge beant­wor­ten zu kön­nen, was geeig­net ist, um Inklu­si­on in der Regi­on wei­ter vor­an­zu­brin­gen, brau­chen wir die Exper­ti­se der Betrof­fe­nen und mög­lichst vie­le Impul­se von außen, aus der Bevöl­ke­rung. Eine Gele­gen­heit dazu haben wir bei der zurück­lie­gen­den Gesund­heits­mes­se in Bam­berg wahr­ge­nom­men. Dort haben wir eine Ideen­bör­se eröff­net, bei der die Leu­te Vor­schlä­ge, wie Inklu­si­on in Stadt und Land­kreis vor­an­ge­bracht wer­den kann, ein­brin­gen konn­ten. Und da ist schon eini­ges zusam­men­ge­kom­men. Wir schei­nen also in bestimm­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung durch­aus einen Nerv zu tref­fen und ein Bedürf­nis zum Mit­ma­chen aus­zu­lö­sen. Letzt­end­lich müs­sen wir nur noch sehen, was umsetz­bar ist.

Robert Bartsch: Ich sehe auch Ideen­po­ten­zi­al in der Bevöl­ke­rung oder bei Ver­ei­nen und Sport­ver­ei­nen und Schu­len. Und wer pro­fes­sio­nel­le Hil­fe braucht, weiß, dass er sich an uns von gool­kids oder an die Stadt und den Land­kreis wen­den kann. Übri­gens: Die Bevöl­ke­rung ist auf­ge­ru­fen, zu unse­rem Mot­to Gestal­tungs­vor­schlä­ge zu einem pas­sen­den Logo zu machen. Damit wol­len wir errei­chen, dass die Bevöl­ke­rung einen grö­ße­ren Anteil neh­men kann und sich als Teil des Host-Town-Pro­jekts fühlt.

Wird man die Dele­ga­ti­on in den vier Tagen vor den Spie­len sozu­sa­gen als Teil des Stadt­bilds antref­fen können?

Mat­thi­as Pfeufer: Genau, das Ziel ist tat­säch­lich, Begeg­nungs­mög­lich­kei­ten viel­fäl­ti­ger Art zu schaf­fen. Das Kul­tur­fest in der KUFA wäre eine sol­che Mög­lich­keit. Die Leu­te sol­len aber auch direkt in die Stadt gehen – ein mög­li­ches Inklu­si­ons­fest auf dem Max­platz könn­te da funk­tio­nie­ren. Es gibt aber auch Ideen, in wel­cher Form sich auch der Land­kreis mit sei­nen Bür­gern ein­brin­gen kann. Wo wir aber auf­pas­sen müs­sen ist, dass wir die Dele­ga­ti­on und ihre vier Tage in Bam­berg nicht kom­plett mit Ter­mi­nen zupflas­tern. Wir kön­nen kein zu dich­tes Pro­gramm auf­stel­len, zumal die Sport­le­rin­nen und Sport­ler ja auch noch etwas trai­nie­ren wollen.

Weiterer Artikel

Wir tre­ten auf und tre­ten ab…

„Die Äh-Werker“ ver­las­sen die Büh­ne endgültig

Nächster Artikel

Stu­die

Hält Wut von der Coro­na-Imp­fung ab?