Saurierskelett, Quagga und farbenfrohe Minerale
Museumsobjekte im neuen Licht im Naturkundemuseum
Abseits vom Touristentreiben und dem alltäglichen Stadtgeschehen liegt es, leicht versteckt, im Hofe des ehemaligen Jesuitenkollegs und wirkt zunächst etwas unscheinbar. Der Eindruck täuscht. Denn betritt man das Museum, bietet es extrem Spannendes und Seltenes.
„Haben Sie schon unseren neuen Saurier entdeckt?“, fragt die freundliche Dame im Kassenbereich nicht ohne einen Hauch von bescheidenem Stolz. Blick nach rechts. Ein riesiges Skelett eines Sauriers! Bei genauerem Nachlesen handelt es sich um einen ausgewachsenen Europasaurus holgeri – benannt nach seinem Entdecker Holger Lüdtke. Die hier ausgestellte Echse, die aus Europa stammt, ist eine Nachbildung des 1998 bei Goslar entdeckten Exemplars. Sie eröffnet seit Neuestem als Eyecatcher im Bamberger Naturkundemuseum eine spannende Entdeckungsreise durch überwiegend regionale Flora und Fauna, nämlich als Franken vor 154 Millionen Jahren noch tropisch war.
Der neue Sauriersaal
Über 150 Millionen Jahre hat er, der Europasaurus, auf dem ‚Buckel‘. „So zusammengesetzt, wie er bei uns steht, ist das einmalig“, betont Dr. Oliver Wings. Der studierte und promovierte Geowissenschaftler und Paläontologe hat seit 2022 die wissenschaftliche Leitung des Naturkundemuseums in Bamberg inne und mit dieser Funktion zahlreiche Aufgaben und genauso viel Verantwortung. Sein Ziel ist es, Neues aus Wissenschaft und Forschung zu vermitteln, Bestehendes zu bewahren und vieles, was schlummert, aus dem Dornröschenschlaf ins Blickfeld zu rücken.
Unter die Rubrik ‚Neu‘ fällt der Sauriersaal. „Mit dem Europasaurus haben wir hier in Bamberg ein extrem hochwertiges Modell mit vielen kleinen Knöchelchen, die wiederum unzählige anatomische Einzelheiten zeigen. Das Skelett ist so gut nachgebildet, dass es sogar zu Forschungszwecken sehr gut herangezogen werden kann.“ Oliver Wings freut sich über sein neues Stück – und das darf er auch. Der Saurier und sein Ambiente stellen in dem kleinen Saal eine weitere Bereicherung für das Museum dar und dienen gleichzeitig als Opener für die gesamte Sammlung. Der Museumsleiter und sein Team haben die Gesamtkomposition gut durchdacht. Sie wissen beispielsweise, dass das Europasaurus-Elterntier sein „Kleines“ vermisst. Deshalb möchte das Naturkundemuseum-Crew noch ein Jungtier dieser Art hinzufügen. Für das große Europasaurus-Exemplar hat die Spendenkampagne gefruchtet. Möge die Sammlung für das Saurier-Kind genauso effektiv sein! Spendenwillige sind also gefragt.
Übrigens kommt das Thema rund um verschiedene Saurierarten nicht von ungefähr, gibt es doch in Bamberg und Umgebung zahlreiche bemerkenswerte Fossilienfunde. Viele von ihnen befinden sich in verschiedenen Räumlichkeiten im Museum. Die meisten stammen aus Wattendorf, so auch das Flugsaurierfossil Balaenognathus. Dieses kann ebenfalls – samt einer computergestützten Rekonstruktion des Tieres, wie es damals ausgesehen haben könnte – im Sauriersaal bestaunt werden. Balaenognathus und Europasaurus stammen aus dem exakt gleichen Abschnitt der Jura-Zeit. „Der Jura ist die Epoche der Erdgeschichte, die vor etwa 201 Millionen Jahren begann und vor 145 Millionen Jahren endete. Unser in Bamberg nun zu bewundernder Europasaurus ist nur 211 Kilometer entfernt von hier gefunden worden. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass diese Gattung auch in unserer Gegend damals unterwegs war“, so der Museumsleiter. Auch Mobbl wird einen neuen Platz finden. Er darf aus seinem Nischendasein im Obergeschoss des Museums befreit werden und ebenfalls einen besonderen Platz im neuen Sauriersaal finden. Thalassemys, so sein wissenschaftlicher Name, ist die größte Meeresschildkröte weltweit und wie viele andere Objekte im Naturkundemuseum 154 Millionen Jahre alt. Dieses außergewöhnliche Fossil aus einem Kalksteinbruch aus Wattendorf wurde 2018 bei Ausgrabungen entdeckt.
Mit 140 Zentimetern Gesamtlänge und einer Panzerlänge von 82 Zentimetern hat er stattliche Ausmaße. Vermutlich handelt es sich tatsächlich um ein männliches Tier. Meeresschildkrötenmännchen haben relativ lange Schwänze, daher ist die Geschlechtsbestimmung hier – unter Vorbehalt – möglich. Spannend im Hinblick auf seine Bergungsgeschichte ist, dass das gute Stück, was jetzt so uniform aussieht, beim Auffinden in Hunderte von Einzelteilen zerbrochen war. Unter Oliver Wings langjährigem und wertgeschätztem Vorgänger Matthias Mäuser (Leiter des Naturkundemuseums von 1988 bis zu seinem frühen Tode 2021) puzzelte das ‚Mobbl-Team‘ bei Nacht mit einer UV-Lampe – unter dieser leuchten nämlich bei Dunkelheit die Knochen – in mühevoller Kleinstarbeit die einzelnen Teilchen zu einem großen Ganzen zusammen. Respekt vor dieser Leistung und dem außergewöhnlichen Fund!
Eine große Kalksteinplatte, die aus über 150 Ammoniten – stammend aus Ludwag – zusammengesetzt wird, ist derzeit noch im Aufbau. Komplettiert werden die Ausstellungsstücke durch eine Medienstation, an deren großem Bildschirm die Land-Meer-Verteilung und das Leben im Jura verfolgt werden kann.
Besonders schöne Stücke an prädestinierter Stelle
Weiter geht’s! Gleich hinter dem Sauriersaal, etwas erhöht, befindet sich ein Ausstellungsraum, in dem derzeit Minerale zu betrachten sind.
Diesen Raum möchte Oliver Wings umgestalten. Die Minerale sollen umziehen, sodass hier künftig einige der schönsten Objekte des Naturkundemuseums – momentan noch im Museum an unterschiedlichen Orten verstreut – einen würdigen Platz finden. Zu ihnen gehört ein Quagga, welches im letzten Winkel des Obergeschosses ein etwas trauriges Schattendasein fristet.
Traurig in doppelter Hinsicht: Zum einen übersehen es die meisten Besucherinnen und Besucher, zum andern ist diese Zebra-Unterart im letzten Jahrhundert ausgelöscht worden. Quaggas waren in Südafrika weit verbreitet. Im 19. Jahrhundert wurden sie wegen ihres Fleisches und Leder gejagt und gelten seit 1877 als ausgerottet.
„Unser Quagga ist ein besonders schönes Exemplar, dennoch nimmt es kaum einer wahr“, diese Mischform aus Zebra und Pferd liegt dem Museumsleiter sehr am Herzen. Bei dem Subjekt handelt sich um ein dermoplastisches (früher: „ausgestopft“) Tier. Das Quagga steht stellvertretend für den Forschungsauftrag, dem die Wissenschaftler im Naturkundemuseum nachgehen, nämlich der Dokumentation von Pflanzen- und Tierwelt, aber auch als Mahnung und Schutz unserer Lebenswelt. Das Quagga in Bamberg ist übrigens eines von weltweit nur noch 24 erhaltenen Tieren und ziert neben dem eingangs erwähnten Flugsaurier das 2022 neu kreierte Logo des Naturkundemuseums.
Eine historische Quelle beschreibt das Bamberger Quagga wie folgt: Es erweckt „den Eindruck eines lebenden Tieres“ und „wirkt auf die Besucher sehr anziehend. Gesichtsausdruck und Haltung spiegeln ein angesprochenes, leicht aufgeschrecktes Tier wider, das zwar mißtrauisch, aber doch gewillt ist, mit dem Anrufer-Besucher Kontakt aufzunehmen“ (Anton Kolb in: Ein „neues“ Quagga im Naturkunde-Museum). Besser kann es kaum beschrieben werden. Dieses Quagga ist aus Unterkühlungsgründen – es hat in nicht beheizbaren Räumen des Naturkundemuseums von Stuttgart gefroren und somit sehr gelitten – 1969 von Stuttgart in unsere Bamberger Räumlichkeiten umgezogen. Nun soll es sich noch wohler als die letzten 56 Jahre fühlen und einen würdigen Platz erhalten. Zum Quagga werden sich noch weitere ausgestorbene Tiere und Pflanzen gesellen.
Minerale-Sonderausstellung seit Mitte August
Der Highlights nicht genug! Seit 12. August und bis 15. Februar 2026 werden in den Räumen, die für Sonderausstellungen vorgesehen sind, besondere Minerale zu sehen sein. Unter dem Titel „Kristallmagie – verborgener Zauber dunkler Turmaline“ gibt die Sonderschau einen Einblick über die 20-jährige Forschungsreise durch das Innere tausender Turmalin-Kristalle. Turmaline sind Halbedelsteine, die aufgrund ihrer Farbenvielfalt und ihres Formenreichtums seit vielen hundert Jahren bei Edelstein- und Mineralienliebhabern großes Ansehen genießen. Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf bunte Farb- und Strukturformen freuen. Bislang galten nur die hellen Turmaline als wichtigste Schmucksteine. Seit einigen Jahren aber ist bekannt, dass die Kristalle der schwarzen Turmalinart genauso farbig aussehen können.
Der Trick dabei: Man muss sie sehr dünn schleifen. Mittels einer speziellen Fototechnik, die sehr kleine Objekte oder Details in extremen Nahaufnahmen sichtbar macht, konnte der Chemiker Dr. Paul Rustemeyer aus Gundelfingen (geb. 1952) diese schönen Strukturen sichtbar machen. In diesem Zusammenhang wurde die Ausstellung „Kristallmagie“ von ihm ins Leben gerufen. So ist die Ausstellung einerseits ein ästhetischer Augenschmaus, andererseits präsentiert sie die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über Entstehen und das Ende dieser Minerale.
Zu sehen sein werden große Bilder der Turmalin-Familie, über 400 Kristalle und etwa 1.500 Dünnschliffe, die hinterleuchtet sind. Oliver Wings ist schon neugierig auf, so wörtlich, „die Wirkung dieser ästhetischen Ausstellung mit ihren vielen farbenfrohen Kristallen in unseren historischen Räumlichkeiten“. Turmaline sind übrigens weltweit – also auch in Franken – zu finden. Im Rahmen der Ausstellung findet ein Begleitprogramm statt. So gibt es verschiedene Vorträge zum Thema Turmaline. Außerdem können Interessierte sich selbst im Dünnschleifen üben.
Ein Museum ohne Stillstand
Museumsleiter Oliver Wings und sein Team tun einiges, um die Attraktivität des ohnehin schon hochinteressanten Naturkundemuseums zu steigern. „Beide Räume, Sauriersaal und Artensterben, letzteres symbolisiert durch das Quagga, sind gewissermaßen unsere Flaggschiffe, mit denen wir gleich am Anfang eines Rundgangs gut punkten und Spannung sowie Neugierde auf das, was kommt, erzeugen können“, erklärt Oliver Wings die neue Konzeption. In diesem Atemzug sind nicht nur die Objekte hervorzuheben, sondern auch Maßnahmen, die einen Besuch erleichtern. So darf erwähnt werden, dass in Kürze Umbauarbeiten – beispielsweise wird ein Treppenlift installiert – stattfinden, um das Gebäude barrierefrei zu gestalten. Schließlich befindet sich das Museum in einem mehr als dreihundert Jahre alten ehemaligen Gebäudekomplex.
Versteinerungen in verschiedensten Formationen, der noch im Entstehen begriffene Sauriersaal, innovative Sonderraustellungen und – beides hier nicht erwähnt – die Würzburger Lügensteine oder allerhand Getier im berühmten Vogelsaal: Das Naturkundemuseum Bamberg wartet mit exzellenten biologischen und geologischen Ausstellungstücken auf. An dieser Stelle noch einmal ein Schwenk zum Kuriosen: Halten Sie doch bei Ihrem nächsten Besuch einmal Ausschau nach der Wunderkette, einem Kleinod aus 137 Kirsch‑, 15 Aprikosen- und einem Pflaumenkern. Oder nach unserem guten alten Poldi, dem Bamberger Altenburgbären. Derzeit befinden sich Poldi und auch der Löwe aus dem Vogelsaal allerdings auf „Beauty-Kur“. Aufgrund von Schadinsektenbefall hat Oliver Wings beide vor Kurzem zur Behandlung an die Zoologische Präparation der Staatssammlung in München mitgenommen. Gute Besserung und baldige Heimkehr!
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Spendenaufruf
Naturkundemuseum braucht Geld für Europasaurus-Skelett
Das Bamberger Naturkundemuseum möchte sich zwei Skelettabgüsse eines Europasaurus anschaffen. Dafür fehlt allerdings noch etwas Geld. Nun hat das Museum einen Spendenaufruf gestartet.
„Unser Haus gibt es zwar schon seit 233 Jahren, aber ein richtiges Dinoskelett fehlt uns bisher noch“, zitiert eine Mitteilung des Naturkundemuseums Bamberg seinen Leiter Oliver Wings. Darum plane er im Zuge der Sanierung und Neuausrichtung der Dauerausstellungen des Hauses die Anschaffung hochwertiger Skelettabgüsse des norddeutschen Dinosauriers Europasaurus. Dabei stehen sowohl die Knochen eines ausgewachsenen Exemplars als auch die eines Jungtiers auf der Wunschliste.
Die Anschaffungskosten für den erwachsenen (54.000 Euro) und jugendlichen (18.000 Euro) Europasaurus belaufen sich auf insgesamt 72.000 Euro. Doch für die Finanzierung des Skeletts des erwachsenen Exemplars fehlt noch Geld. Durch bereits zugesagte Förderungen von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und anhand mehrerer Spenden ist zwar bereits einiges an Finanzmitteln zusammengekommen. 10.000 Euro braucht das Museum aber noch.
Und: Die Zeit rast, schreibt das Museum. Denn ein Großteil der bewilligten Mittel müsse noch dieses Jahr ausgegeben werden, bevor sie verfallen. Deshalb startet das Naturkundemuseum nun einen öffentlichen Spendenaufruf. Weitere Informationen finden Sie hier.
Langhalsdinosaurier soll im Erdgeschoss stehen
Oliver Wings sagt: „Europasaurus ist ein bemerkenswertes Zeugnis der Erdgeschichte. Die hochwertigen Skelette werden alle Kinder und erwachsenen Besucherinnen und Besucher begeistern und so einen wertvollen Beitrag zur Bildungsarbeit des Museums leisten.“
Dieser Dinosaurier lebte in der späten Jurazeit, vor etwa 154 Millionen Jahren, und ist damit exakt gleich alt wie die Wattendorfer Plattenkalkfossilien, die das Museum beherbergt. Der zu erwerbende Europasaurus ist dabei nicht nur einer der wenigen überhaupt in Deutschland gefundenen Langhalsdinosaurier. Mit mehr als 95 Prozent original gefundenen Skelettteilen zählt er auch zu den vollständigsten Dinosaurier-Gattungen weltweit.
Stehen sollen die Skelette der Dinosaurier im neuen Ausstellungsraum im Erdgeschoss. Dort sollen die beiden Abgüsse mit einer Länge von etwa zwei beziehungsweise sechs Metern gemeinsam mit den Wattendorf-Fossilien, weiteren jurassischen Highlights wie lokalen Fischsauriern, einer vier Quadratmeter großen Platte mit etwa 150 Ammoniten und einer eigens entwickelten Touchscreen-Medienstation dauerhaft präsentiert werden.
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Alpkarakush kyrgyzicus
Neue Raubdinosaurierart: Naturkundemuseum Bamberg an Entdeckung beteiligt
Ein kirgisisch-deutsches Expeditionsteam, darunter Oliver Wings, Leiter des Naturkundemuseums Bamberg, hat bei Feldarbeiten im südwestlichen Kirgisistan die fossilen Knochen zweier Exemplare einer neuen Raubdinosaurierart gefunden. Der Fund ist einer der bedeutendsten in Zentralasien.
Raubdinosaurier (Theropoden) sind eine der wichtigsten Großgruppen der Dinosaurier, zu denen neben so bekannten Tieren wie Tyrannosaurus oder Allosaurus auch heutige Vögel gehören. Von ihnen sind aus der Zeit des Erdmittelalters, dem Zeitalter der Dinosaurier, eine Vielfalt von Gruppen bekannt. Ähnlich wie es Löwen heute überwiegend in Afrika und Tiger nur in Asien gibt, war zum Beispiel der Allosaurus im Jura in Nordamerika und im südwestlichen Europa verbreitet, während in China die ähnlich großen Metriacanthosaurier lebten. Bisher war der Wissenschaft laut einer Mitteilung des Bamberger Naturkundemuseums jedoch keine große Raubdinosaurierart aus der Region zwischen Zentraleuropa und Ostasien bekannt.
Ein neuer Fund habe die Datenlage nun aber erheblich verbessert. Alpkarakush kyrgyzicus heißt der erste in Kirgisistan gefundene theropode Dinosaurier. Die ersten Knochen des Fossils wurden bereits 2006 vom kirgisischen Paläontologen Aizek Bakirov entdeckt. Der Fundort liegt in den gebirgigen Wüstengebieten nahe der Stadt Taschkömür im Westen Kirgisistans. Die dortigen Ausgrabungen fanden in der Balabansai-Formation statt, deren Sedimente während der mittleren Jurazeit vor etwa 165 Millionen Jahren abgelagert wurden.
Während mehrerer Grabungskampagnen im Zeitraum von 2006 bis 2023 wurden Schädelknochen, Rücken- und Beckenwirbel, Fragmente des Schultergürtels und der Vordergliedmaßen sowie der fast vollständige Beckengürtel und die Hintergliedmaßen eines etwa acht bis neun Meter langen Raubdinosauriers geborgen. Es handelt sich dabei um eine neue Gattung und Art, die bisher unbekannte Merkmale aufweist.
Elterntier mit seinem Jungen
Besonders eindrucksvoll ist laut Museumsmitteilung seine extrem vorstehende Augenbraue am sogenannten Postorbitale, einem Schädelknochen hinter der Augenöffnung, die auf das Vorhandensein eines Horns an dieser Stelle hinweist. Andere einzigartige Merkmale finden sich an den Rückenwirbeln und am Oberschenkelknochen. Der Vergleich mit zahlreichen anderen Theropoden zeigt zudem, dass die neue Art ebenfalls zu den Metriacanthosauriden gehört, also nahe mit den großen Raubdinosauriern Ostasiens verwandt ist. Die Paläontologie vermutet den Ursprung der Metriacanthosauriden und anderer wichtiger Theropodengruppen in Südostasien. Von dort breiteten sie sich über Zentralasien und Europa auf andere Kontinente aus.
„Obwohl die Zugehörigkeit von Alpkarakush zu den Metriacanthosauriden nicht unbedingt eine Überraschung ist“, sagt Oliver Rauhut von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München, „schließt dieser Fund doch eine gewaltige Lücke in unserer Kenntnis der jurassischen Theropoden und führt zu wichtigen neuen Erkenntnissen zur Evolution und Biogeografie dieser Tiere.“
An derselben Fundstelle in Kirgisistan wurden auch die Überreste eines zweiten, etwas kleineren Exemplars von Alpkarakush kyrgyzicus gefunden. Untersuchungen des inneren Knochenaufbaus ergaben, dass es sich bei dem großen Exemplar um ein fast erwachsenes, mindestens siebzehn Jahre altes und sicherlich schon geschlechtsreifes Tier handelte, während das kleinere Individuum ein Jungtier ist. Möglicherweise war am Fundort vor 165 Millionen Jahren ein Elterntier mit seinem Jungen unterwegs.
Von allen wichtigen Knochen des Alpkarakush wurden im Rahmen der Arbeit zusätzlich digitale 3D-Modelle erstellt. „Diese Modelle sind jetzt online verfügbar und erlauben es Forschenden weltweit, sowohl Folgestudien durchzuführen als auch 3D-Drucke anzufertigen“, sagt Oliver Wings, Leiter des Naturkundemuseums Bamberg, der an der Ausgrabung beteiligt war.
Namensgebung der Raubdinosaurierart
Benannt ist die Raubdinosaurierart nach Alpkarakush, einem riesigen Vogel im mythologischen kirgisischen Manas-Epos, der den Helden in kritischen Momenten oft zu Hilfe kommt. Der Artname kyrgyzicus verweist direkt auf die Kirgisische Republik, dem Herkunftsort des neuen Raubsauriers.
Alpkarakush kyrgyzicus könnte sogar das erste in Kirgisistan ausgestellte Dinosaurierskelett überhaupt werden. Wenn sich genügend Unterstützung findet, ist die Aufstellung des rekonstruierten Skelettes inklusive aller originalen Knochen im Historischen Nationalmuseum in Bishkek geplant.
Die Arbeit ist das Resultat einer Forschungskooperation zwischen dem M.M. Adyshev Institut für Geologie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Kirgisischen Republik und zwei Abteilungen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München und Naturkundemuseum Bamberg) sowie der Friedenstein Stiftung Gotha. Eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Studie erschien nun in der Fachzeitschrift Zoological Journal of the Linnean Society.
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Neuer Leiter des Naturkundemuseums
Oliver Wings: „Paläontologie ist momentan eine der wichtigsten Wissenschaften“
Im August 2021 starb überraschend Matthias Mäuser, der damalige Leiter des Naturkundemuseums Bamberg. Nach einem Jahr der kommissarischen Leitung übernahm Oliver Wings die Stelle im August 2022. Wir haben mit dem Geowissenschaftler und Paläontologen über das Vermächtnis von Matthias Mäuser, Platzprobleme des Museums, heutiges und urzeitliches Artensterben und den Xinjiangtitan shanshanesis gesprochen.
Herr Wings, Matthias Mäuser starb am 24. August 2021 im Alter von 64 Jahren. Welche Lücke hinterließ er?
Oliver Wings: Matthias Mäuser hat das Museum über 30 Jahre lang geleitet und in der Zeit sehr viel bewirkt und gestaltet. Er hatte sehr gute Beziehungen in die Fachwelt, baute all unsere Dauerausstellungen auf und hat dafür zum Beispiel auch die Fossilienfundstelle bei Wattendorf erschlossen, nachdem sie unser geowissenschaftlicher Präparator Thomas Bechmann vor etwa 20 Jahren nordöstlich von Bamberg entdeckt hatte. Heute ist Wattendorf eine der wichtigsten Fossilienfundstellen Deutschlands. Kurz gesagt: Herr Mäuser hat eine sehr große Lücke hinterlassen. Da muss man sich, das heißt, da muss ich mich erst einmal reinarbeiten.
In welchem Zustand hat er das Museum hinterlassen?
Oliver Wings: Die meisten Naturkundemuseen, oder eigentlich fast alle Museen, haben drei große Probleme. Geld, Personal und Platz. Was die Finanzen angeht, sind wir im Naturkundemuseum glücklicherweise in einer Situation, die nicht ganz so prekär ist wie in anderen Häusern. Wir haben nämlich nicht die Stadt als Träger, sondern die Lyzeumstiftung, deren Zweck unter anderem die Förderung des Museums ist. Unser Etat kommt zudem von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayern, unser Haus ist eines von fünf Regionalmuseen, die direkt aus München unterstützt werden. Beim Personal hingegen sind wir, wie so viele andere auch, unterbesetzt. Wir könnten dem Publikum viel mehr bieten, zum Beispiel in Sachen Ausstellungen, Führungen oder Museumspädagogik, wenn wir mehr Personal hätten. Und was die Depots angeht – die platzen aus allen Nähten. Diese Situation hat sich vor allem durch die vielen tausend Funde aus Wattendorf sehr verschärft. Das war auch einer der ersten Baustellen, die ich nach meiner Einstellung angegangen bin, um zu sehen, wo und wie wir, zumindest kurzfristig, Entspannung bekommen können.
Das heißt?
Oliver Wings: Zum einen haben wir einen fast absoluten Sammlungsstopp verhängt. Wir könnten also derzeit, auch wenn wir wollten, in den bestehenden Depots keine größere Sammlung übernehmen. Das ist für ein Naturkundemuseum aber grundfalsch. Denn solche Häuser leben davon, zu sammeln und zu konservieren. Ein bisschen zusätzlichen Platz konnten wir gewinnen, indem wir bestimmte Sammlungsobjekte – zum Beispiel Tierpräparate –, die aufgrund fehlender wissenschaftlicher Daten, ihrer Häufigkeit und ihres schlechten Zustands wegen nicht wirklich aufhebenswert waren, ausgesondert haben. Einmal haben wir auch etwa zwei Tonnen altes Gestein weggeschmissen. Dabei handelte es sich um Fundstücke ohne besonderen Wert, von denen wenige Belegexemplare ausreichen und die man nicht schubladenweise vorrätig haben muss. Aber selbst den Platz, den wir so schaffen konnten, mussten wir sofort wieder mit anderen Dingen füllen.
Was wäre eine langfristig Lösung?
Oliver Wings: Ein neues Depot. Dazu planen wir bereits Gespräche mit der Stadt und den städtischen Museen, die nämlich das gleiche Problem haben. Aber bis so ein Gebäude fertig gebaut ist, würde es wahrscheinlich ein Jahrzehnt dauern.
Wenn Sie kein neues Depot bekommen, fällt das Museum dann zurück?
Oliver Wings: Es stagniert zumindest und muss sich weiterhin mit den bestehenden Depots zufriedengeben. Diese sind teilweise aber wirklich ungeeignet. Damit meine ich zum Beispiel Kellerräume unter dem Haus, die feucht und schimmlig sind und wo ständig die Gefahr von Wassereinbrüchen besteht. Wir müssen da einen Befreiungsschlag schaffen, auch wenn es nicht billig wird. Ich würde mich dabei auch über die Unterstützung der Stadt freuen, die sich bisher aus der Finanzierung des Museums komplett heraushält.
Welchen Ruf hat das Museum in der Fachwelt?
Oliver Wings: Wir haben Sammlungen, die international in der Fachwelt nachgefragt werden, wie unsere Insekten- oder Vogelsammlungen. Und an den Fossilien aus Wattendorf gibt es ebenfalls permanent großes wissenschaftliches Interesse. Wir haben dort beispielsweise 154 Millionen Jahre alte Saurier oder auch Quastenflosser gefunden. Unser bester Fund bisher ist übrigens eine neue Flugsaurier-Art, die seit einigen Monaten im Andenken am Matthias Mäuser Balaenognathus maeuseri heißt.
Sie sind seit 1. August 2022 der Leiter des Museums. Warum wollten Sie nach Bamberg?
Oliver Wings: Die Stadt hat die richtige Größe, ein aktives Kulturleben und tolles Bier, ich kenne sie schon aus meinen Studienzeiten in Erlangen. Das Museum selbst ist wegen seiner Sammlungen und Finanzlage reizvoll, außerdem hatte ich schon vor meinen Vorstellungsgesprächen angenehme Gespräche mit den Mitarbeitern, die nicht nur zeigten, wie sehr sich alle für das Museum engagieren, sondern auch, dass wir ähnliche Vorstellungen zur weiteren Entwicklung unseres Hauses haben.
Sie sind studierter Geowissenschaftler und Paläontologe. Was fasziniert Sie an diesen Disziplinen?
Oliver Wings: Schon als kleines Kind hatte ich eine Faszination fürs Sammeln. Damals ging ich noch ein bisschen wahlloser vor mit Dingen wie Briefmarken, Kronkorken, Münzen oder Bierdeckeln – aber auch schon mit ersten Fossilien. Bis auf Letzteres hat sich diese Sammelleidenschaft dann irgendwann erübrigt. Bei Fossilien ist die Faszination bis heute geblieben. Wenn ich beispielsweise einen versteinerten Ammoniten sehe, denke ich immer noch: Der hat vor vielen Millionen Jahren gelebt. Wie sah wohl seine Umwelt aus? Ich bin zu DDR-Zeiten in Erfurt aufgewachsen und hatte das Glück, damals über das Naturkundemuseum Erfurt an einer Arbeitsgemeinschaft namens „Junge Geologen“ teilnehmen zu können. Dort wurde ich bereits mit 13 Jahren zum ersten Mal an das wissenschaftliche Arbeiten und den Museumsalltag herangeführt und stellte fest, was man dabei für ein abwechslungsreiches und spannendes Arbeitsspektrum hat. Das war der Ansatz für mich, in diese Richtung weiterzugehen und zu studieren.
Ein Schwerpunkt Ihrer Forschungen sind die Dinosaurier der Jurazeit vor etwa 150 Millionen Jahren. Was war Ihr bester Fund bisher?
Oliver Wings: Da gibt es mehrere tolle Funde und neue Arten, aber der beste Fund war der Xinjiangtitan shanshanesis. Das war ein über 30 Meter langer Langhalsdinosaurier, der vor ungefähr 160 Millionen im heutigen China lebte. Ich habe das erste und einzige Exemplar davon zusammen mit meinem damaligen Grabungsteam 2009 entdeckt und mehrere Monate lang ausgegraben.
Paläontologie, die Wissenschaft von ausgestorbenen Lebewesen und Lebewelten, wird seit etwa 200 Jahren betrieben. Konnte sie sich mittlerweile zum Beispiel über die Jurazeit und ihre Lebewesen ein mehr oder weniger vollständiges Bild machen oder muss man sich zwangsläufig damit zufriedengeben, höchstens Bruchteile des damaligen Lebens entdecken zu können?
Oliver Wings: Niemals wird alles gefunden werden. Allein die Jurazeit dauert etwa 56 Millionen Jahre mit entsprechend vielen Generationen von Tieren und Pflanzen. Und wenn es nur ab und zu einmal einige Lebewesen schafften, als Fossilien erhalten zu bleiben – kann man die Vielfalt nie erschöpfend entdecken. Aber das heißt auch, dass man als Paläontologe immer etwas zu hat, auch noch in weiteren 200 Jahren. Die Chance allerdings, etwas komplett Neues oder Überraschendes zu finden, wird mit jedem Neufund ein wenig kleiner. Aber so weit sind wir nach knapp 200 Jahren paläontologischer Forschung auch noch lange nicht. Wattendorf ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Gerade einmal 20 Jahre bekannt, gab es so einen Fundort aus dieser Zeit in Deutschland vorher noch nicht und sehr viele Arten, die wir dort gefunden haben und finden, sind neu. Weltweit wird derzeit allein bei den Dinosauriern fast wöchentlich eine weitere neue Art beschrieben und manche davon kommen aus Bayern.
Gibt es Dinge, die man von der Zeit von vor 150 Millionen Jahren über die Gegenwart lernen kann?
Oliver Wings: Ich finde, Paläontologie ist momentan eine der wichtigsten Wissenschaften. Das liegt daran, dass wir als einzige Disziplin darauf zurückschauen, was in der Vergangenheit mit Ökosystemen passiert ist. So können wir zum Beispiel lernen, was die Auslöser waren für Umweltveränderungen, Umweltkatastrophen und das Artensterben. Solche Erkenntnisse können wir dann auf die Gegenwart übertragen.
Mit welchem Ergebnis?
Oliver Wings: Wir können Prognosen erstellen und die Relevanz bestimmter Biosphärenprozesse einordnen. Umwelt und Leben ändern sich und haben sich entsprechend geändert. Auch Klimaänderungen wie die derzeitige Erderwärmung, auf die wir übrigens auch in unserer Sonderausstellung „Versteinertes Wetter“ hinweisen, gab es schon immer in der Erdgeschichte, aber noch nie in der heutigen Geschwindigkeit. Da existiert ein großer zeitgeschichtlicher Zusammenhang, der nicht nur von der Biologie erforscht, sondern von der Paläontologie zusätzlich in den richtigen Rahmen gerückt wird. Wir können zeigen, dass es bisher fünf große Massenaussterben in der Erdgeschichte gab, zum Beispiel das der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Auch wissen wir oder können es zumindest vermuten, was die Gründe waren. Ich denke, wir befinden uns bereits im sechsten Massenaussterben, vor allem von Insekten und Vögeln. Der heutige Grund dafür ist allerdings ganz klar. Es gibt zu viele Menschen mit zu großem Ressourcenverbrauch und zu viel Verschmutzung.
Wie lief Ihr erstes Jahr als Leiter der Museums in der Publikumsgunst?
Oliver Wings: Ziemlich gut muss ich sagen. Das Museum ist schon ein touristisches Highlight in Bamberg. In den meisten Jahren besuchen etwa 20.000 Leute das Museum. Das hatten wir 2023 bereits im August geschafft.
Wodurch?
Oliver Wings: Die Ausstellung „So viel mehr als nur T. rex“, in der wir Anfang des Jahres paläontologische Illustrationen von Joschua Knüppe zeigten, hat viel Publikum angezogen, der neue Flugsaurier Balaenognathus maeuseri genauso – und dann kam jetzt im Sommer noch schlechtes Wetter hinzu. Langfristig würde ich mir eigentlich sogar wünschen, die Besucherzahlen zu verdoppeln. Ich denke, das ist in Bamberg realistisch.
Wie soll das gelingen?
Oliver Wings: Wir müssen mit unseren Funden wuchern, wie es so schön heißt. Wir müssen den Vogelsaal weiter promoten und auch die Dauerausstellungen stärker betonen. Derzeit sanieren wir unseren Ausstellungsraum im Erdgeschoss. Ich hoffe, dass wir spätestens Anfang nächsten Jahres beginnen können, den Raum zu füllen. Unsere fantastischsten Funde aus Wattendorf kommen hinein, eine mehrere Quadratmeter große Steinplatte mit Ammoniten wird gerade präpariert, und wenn es gut läuft und wir die Finanzierung zusammenbekommen, zeigen wir dort auch das erste Dinoskelett in Bamberg: einen Europasaurus. Das ist ein sehr kleiner Langhalsdinosaurier aus Niedersachsen, der genauso alt ist wie die Wattendorfer Fossilien. Wer sich mit Spenden am Erwerb des ersten Bamberger Dinos beteiligen möchte, kann sich gerne bei mir melden.