Coro­na-Pan­de­mie

BFV-Prä­si­dent Rai­ner Koch zur Lage des Amateurfußballs

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Der Ligapokal-Wettbewerb des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) für die laufende Saison wird gestrichen. Foto: Pixabay
Der Ama­teur­fuß­ball befin­det sich wei­ter­hin im Lock­down. Was bedeu­tet das? Wie vie­le Sor­gen muss man sich um die Zukunft machen? Was den­ken und tun die Ver­bän­de? Was muss pas­sie­ren? Dr. Rai­ner Koch, Prä­si­dent des Baye­ri­schen Fuß­ball-Ver­ban­des (BFV) und 1. DFB-Vize­prä­si­dent Ama­teu­re, bezieht im Inter­view klar Stel­lung, wie der Baye­ri­sche Fuß­ball-Ver­band mit­teilt. Er betont, wo und war­um der Brei­ten­sport stär­ker ins Bewusst­sein rücken muss. Dar­über hin­aus erklärt er, wes­halb der Ama­teur­fuß­ball trotz aller Her­aus­for­de­run­gen mit Hoff­nung und ohne Angst nach vor­ne bli­cken sollte.

Herr Koch, wie beur­tei­len Sie die aktu­el­le Situa­ti­on des Ama­teur­fuß­balls im zwei­ten Lockdown?

Rai­ner Koch: Klar ist: Der Ama­teur­sport benö­tigt eine greif­ba­re Per­spek­ti­ve, ein Signal, wann wir wie­der zurück auf die Sport­plät­ze kön­nen – Schritt für Schritt, sehr ver­ant­wor­tungs­voll, mit den Hygie­nekon­zep­ten der Ver­ei­ne, die sich schon beim Re-Start im ver­gan­ge­nen Som­mer bewährt haben. Der Ama­teur­fuß­ball und der gesam­te Brei­ten­sport sind seit Beginn der Pan­de­mie ein ver­läss­li­cher Part­ner der Poli­tik. Der Sport hat sich immer zurück­ge­nom­men und in den Dienst der Covid-19-Bekämp­fung gestellt – und das trotz der immensen Zahl an Men­schen, die Fuß­ball in ihrer Frei­zeit spie­len. Wir haben nie eine Son­der­rol­le für uns bean­sprucht, son­dern unse­re Inter­es­sen im Sin­ne der Sache hin­ten ange­stellt. Jetzt muss der Ama­teur­fuß­ball mit sei­nen akri­bisch aus­ge­ar­bei­te­ten und nach­weis­lich nahe­zu per­fekt umge­setz­ten Hygie­nekon­zep­ten drin­gend von der Poli­tik als fes­ter Teil der Lösung gese­hen wer­den, wenn wir über Locke­run­gen sprechen.


War­um?

Rai­ner Koch: Den gesam­ten Brei­ten­sport in der Dis­kus­si­on völ­lig außen vor zu las­sen, wird sonst schlim­me Fol­gen für unse­re Gesell­schaft haben, spe­zi­ell bei den Kin­dern und Jugend­li­chen, wie zuletzt auch Ralf Rang­nick deut­lich gemacht hat. Kei­ner ver­steht es, wenn Wech­sel­un­ter­richt in Schu­len statt­fin­det, am Nach­mit­tag die Kin­der unter Auf­sicht und Ein­hal­tung etwaig not­wen­di­ger Regeln aber nicht an der fri­schen Luft gemein­sam trai­nie­ren dür­fen. Der orga­ni­sier­te Ver­eins­sport bie­tet hier einen sehr wich­ti­gen Anker. Spe­zi­ell der Fuß­ball hat als Frei­luft­sport nach­ge­wie­sen, mit sei­nen Kon­zep­ten kei­ne Risi­ko­quel­le zu sein.


Wie wich­tig ist der Amateursport?

Rai­ner Koch: Sehr – und zwar sowohl unter gesell­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten als auch im Sin­ne der all­ge­mei­nen Gesund­heits­för­de­rung. Wir wün­schen uns ein deut­lich stär­ke­res Bewusst­sein und mehr Sen­si­bi­li­tät für die Wich­tig­keit des Ama­teur­sports. Laut Stu­di­en der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO beweg­ten sich schon vor Coro­na rund 80 Pro­zent der Jun­gen und 88 Pro­zent der Mäd­chen in Deutsch­land sport­lich zu wenig. Brei­ten­sport muss also noch viel wich­ti­ger wer­den und darf nicht stief­müt­ter­lich behan­delt wer­den. Unse­re Sport­ver­ei­ne bie­ten eine her­vor­ra­gen­de Grund­la­ge, um dar­auf auf­zu­bau­en. Dies gilt es nach­hal­tig zu schüt­zen und zu fördern.


Laut eini­gen Medi­en geht die gro­ße Angst unter den Ver­ei­nen im Ama­teur­fuß­ball um.

Rai­ner Koch: Die Situa­ti­on für den Ama­teur­fuß­ball und sei­ne Ver­ei­ne ist schwie­rig und eine Ver­län­ge­rung des Lock­downs wür­de die Situa­ti­on natür­lich nicht ver­bes­sern. Es ist aber nicht ange­bracht, Unter­gangs­sze­na­ri­en an die Wand zu wer­fen und wei­te­re Ängs­te zu schü­ren. Dafür gibt es kei­ne vali­de, umfas­sen­de Fak­ten­grund­la­ge. Der DFB plant aktu­ell eine Umfra­ge unter Deutsch­lands Ama­teur­ver­ei­nen, um ein detail­lier­te­res Bild zu erhal­ten. Die Erfah­run­gen aus dem ver­gan­ge­nen Jahr waren in der Flä­che, dass wäh­rend des ers­ten Lock­downs ein erkenn­ba­rer Rück­gang an Neu­ein­trit­ten in Ver­ei­nen zu ver­zeich­nen war, wäh­rend die Zahl der Mit­glieds­aus­trit­te im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren rela­tiv sta­bil war. Nach dem Re-Start setz­te dann ein kla­rer Auf­hol­ef­fekt – auch bei der Aus­stel­lung von neu­en Spie­ler­päs­sen – ein, der durch den zwei­ten Lock­down wie­der gestoppt wurde.


Ren­nen den Ver­ei­nen die Mit­glie­der weg?

Rai­ner Koch: Wir stel­len fest, dass sich vie­le Mit­glie­der soli­da­risch zei­gen – vor allem im länd­li­chen Bereich. Signi­fi­kan­te­re Zah­len an Aus­trit­ten betref­fen nach unse­ren Beob­ach­tun­gen eher Groß­ver­ei­ne, die im All­tag bei­spiels­wei­se mit Kurs­an­ge­bo­ten arbei­ten. Kann der Kurs nicht mehr statt­fin­den, tre­ten vie­le aus, weil die grund­sätz­li­che Bin­dung der Per­son an den Ver­ein, der in die­sem Fall vor allem Dienst­leis­ter ist, gerin­ger ist. Das „klas­si­sche“ Ver­eins­mit­glied, das zum Bei­spiel zu einer Mann­schaft gehört, ist deut­lich weni­ger betroffen.


Wie fällt Ihr Blick nach vor­ne aus?

Rai­ner Koch: Wir soll­ten vor allem die Chan­cen sehen. Der ver­gan­ge­ne Som­mer hat gezeigt, dass sehr vie­le Men­schen vol­ler Begeis­te­rung auf die Sport­plät­ze zurück­ge­kehrt sind, um wie­der Fuß­ball zu spie­len, bekann­te Gesich­ter zu sehen, die ver­bin­den­de Kraft des Fuß­balls und des sozia­len Umgangs zu genie­ßen. Dank der Hygie­nekon­zep­te ist das bei­spiel­haft gelun­gen. Vie­le haben gro­ße Sehn­sucht danach, wie­der raus zu kom­men. Der Fuß­ball kann hier ein tol­les Ange­bot schaf­fen, gera­de für Kin­der und Jugend­li­che. Der orga­ni­sier­te Ver­eins­sport bie­tet dafür einen geschütz­ten Raum. Wir tun also gut dar­an, uns in die­sen har­ten Zei­ten davon lei­ten zu las­sen, wie­der Begeis­te­rung zu schaf­fen, statt uns von einer Furcht trei­ben zu las­sen, nur Scha­dens­be­gren­zung zu betrei­ben. Der Fuß­ball kann Vor­bild­funk­ti­on haben.


Inwie­fern ist der Ama­teur­fuß­ball aktu­ell finan­zi­ell in sei­ner Exis­tenz bedroht?

Rai­ner Koch: In einer Umfra­ge des BFV unter den baye­ri­schen Ver­ei­nen kam im Dezem­ber 2020 unter ande­rem her­aus, dass weni­ger Ver­ei­ne eine Bedro­hung ihrer Exis­tenz wahr­neh­men als noch im Früh­jahr 2020, als die Pan­de­mie neu war. Das wirt­schaft­li­che Pro­blem im Ama­teur­fuß­ball sind weni­ger die die feh­len­den Ein­tritts­gel­der der Spie­le. Belas­tend für die Etats ist, dass den Ver­ei­nen ihre Ver­an­stal­tun­gen wie Som­mer­fes­te oder Jugend­tur­nie­re als Ein­nah­me­quel­le feh­len. Auch Pach­ten für Ver­eins­gast­stät­ten spie­len zum Teil eine wich­ti­ge Rol­le. Wich­tig ist, dass die Ver­ei­ne per­spek­ti­visch wie­der ihre ori­gi­nä­ren Ange­bo­te machen kön­nen – näm­lich Sport zu trei­ben. Hin­sicht­lich der Finanz­hil­fen stellt sich das Bild je nach Bun­des­land unter­schied­lich dar. In Bay­ern wur­de bei­spiels­wei­se die Übungs­lei­ter­pau­scha­le ver­dop­pelt, in ande­ren Bun­des­län­dern gab es direk­te Hil­fen vom Land.


Kann der DFB finan­zi­ell helfen?

Rai­ner Koch: Finan­zi­el­le Direkt­hil­fen des DFB sind recht­lich nicht zuläs­sig. Sie wären in nach­hal­ti­ger, flä­chen­de­cken­der Form auch unrea­lis­tisch. Hypo­the­ti­sches Bei­spiel: Jeder Ver­ein wür­de 5.000 Euro erhal­ten, dann wäre das ange­sichts unse­rer knapp 24.500 Ver­ei­ne ein Gesamt­vo­lu­men von mehr als 122 Mil­lio­nen Euro – ohne lang­fris­ti­gen Effekt.


Was kön­nen der DFB und sei­ne Mit­glieds­ver­bän­de statt­des­sen tun?

Rai­ner Koch: Die Ver­bän­de müs­sen mit Pro­gram­men und Inhal­ten über­zeu­gen, gemein­sam mit den Ver­ei­nen Über­zeu­gungs­ar­beit für den Brei­ten­sport leis­ten. Der DFB hat mit Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern aus dem Ama­teur­be­reich den Mas­ter­plan Ama­teur­fuß­ball ent­wi­ckelt, der kon­kre­te Ver­bes­se­run­gen bis 2024 zum Ziel hat, um gezielt die posi­ti­ven Effek­te der EURO 2024 im eige­nen Land für den Brei­ten­sport zu nut­zen. Denn wir dür­fen nicht ver­ges­sen: Pro­ble­me und essen­zi­el­le Her­aus­for­de­run­gen hat­te der Ama­teur­fuß­ball bereits vor Coro­na. Bei­spiels­wei­se die Fra­ge: Wie blei­ben der Fuß­ball und sei­ne Ver­ei­ne attrak­tiv für Kin­der und nicht zuletzt auch für Ehren­amt­ler? Die Pan­de­mie ist wie in vie­len ande­ren Gesell­schafts­be­rei­chen ein Brenn­glas, das Miss­stän­de deut­li­cher macht und Dring­lich­kei­ten erhöht. Das ist dem DFB und sei­nen Mit­glieds­ver­bän­den bewusst und die­se Auf­ga­be gehen wir an der Sei­te der Ver­ei­ne wei­ter an. Mit Hoff­nung statt Angst. Damit sich das rie­si­ge Poten­zi­al des Ama­teur­sports in Zukunft wie­der ent­fal­ten kann.

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