Wenn juristischer Sachverstand auf unternehmerische Erfahrung trifft, dann lerne man voneinander, und am Ende profitierten alle Beteiligten davon: die streitenden Parteien, die Wirtschaft und der Rechtsstaat. So hat IHK-Vizepräsident Wilhelm Wasikowski die Tätigkeit eines Handelsrichters erklärt. Beim erstmals veranstalteten “Tag der Handelsrichter“ auf Kloster Banz wurden zahlreiche Handelsrichter aus allen Teilen Oberfrankens für Ihr langjähriges ehrenamtliches Wirken ausgezeichnet, wie die IHK für Oberfranken Bayreuth mitteilt.
Im Rahmen der Veranstaltung wurden mit Ralf-Dieter Thiehofe und Heribert Trunk zwei Persönlichkeiten aus dem IHK-Gremium Bamberg (Stadt und Landkreis Bamberg) für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement als Handelsrichter ausgezeichnet. Beide sind seit 2012 als ehrenamtliche Handelsrichter aktiv. Durchgeführt wurde die Veranstaltung von der IHK für Oberfranken Bayreuth gemeinsam mit der IHK zu Coburg.
Diese ganz besondere Tätigkeit lebe von Beständigkeit und von Menschen, die Jahr für Jahr ehrenamtlich Recht sprechen, ohne dass es dafür Applaus oder Schlagzeilen gibt, sagt Wilhelm Wasikowski, selbst seit 21 Jahren auch ehrenamtlicher Handelsrichter. Er ist nicht nur IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels, sondern selbst auch als Handelsrichter tätig. Seinen Worten zufolge gehören die Kammern für Handelssachen bei den Landgerichten zu den am wenigsten bekannten, aber wichtigsten Institutionen unserer Wirtschaft. Dort würden Menschen aus der Wirtschaft ihre Erfahrungen unentgeltlich und neben dem eigenen Beruf aus Überzeugung einbringen. „Fairness, Verlässlichkeit, Respekt vor den Regeln des Wettbewerbs, das ist kein Bild aus dem Geschichtsbuch, sondern gelebter Alltag“, so Wilhelm Wasikowski.
Handelsrichter, die wissen, wie ein Unternehmen tickt
Wenn Unternehmen um Lieferungen, Zahlungen oder Verträge streiten, dann benötige es einen Ort, der nicht nur Paragrafen kennt, sondern auch Bilanzen lesen kann. Genau das sei die Stärke der Kammer für Handelssachen. Berufsrichter säßen dort gemeinsam mit Handelsrichtern, die wüssten, wie ein Betrieb tickt, wie Lieferketten funktionieren und was ein Deckungsbeitrag ist. “Das ist keine Theorie aus dem Seminarraum, das ist Praxis am Verhandlungstisch“, macht der IHK-Vizepräsident deutlich. Für die Unternehmen bedeute dies konkret: „Verfahren, die oft schneller gehen und Entscheidungen, die näher an der Realität liegen.“
Handelsrichter – eine fränkische Erfindung
Tradition als Fundament, Rechtssicherheit als Voraussetzung und Innovation als Zukunft, so beschreibt Dr. Adrian Roßner, promovierter Landeshistoriker und CEO des Wissenschaftszentrums für Künstliche Intelligenz im Kloster Speinshart den Dreiklang, der die Arbeit der Handelsrichter ziemlich genau umfasst. Er spannt in launigen Worten einen weiten Bogen über mehrere Jahrhunderte oberfränkische Industriegeschichte und stellt dabei auch fest, dass das Amt des Handelsrichters eine fränkische Erfindung sei, die bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts zurückreiche.
Wie wertvoll kaufmännisches Wissen im Gerichtssaal ist, darüber berichtet Dr. Andreas Engel, Präsident der IHK zu Coburg. Er ist seit 22 Jahren als ehrenamtlicher Handelsrichter tätig. Er spricht von einem Rollenwechsel. Während man im eigenen Unternehmen die Verantwortung für Beschäftigte, Kunden, Investitionen, Verträge und wirtschaftliche Entscheidungen zu tragen habe, bleibe die unternehmerische Erfahrung im Gerichtssaal zwar wichtig, aber die Rolle sei eine andere, denn ein Handelsrichter sitze dort nicht als Interessensvertreter der Wirtschaft, sondern als Richter, unabhängig und dem Gesetz verpflichtet. Genau dieser Rollenwechsel mache das Amt so besonders: „Wir bringen unseren unternehmerischen Blick mit, aber wir müssen bereit sein, ihn aus einer neuen Perspektive zu betrachten.“
Unterschiedliche Erfahrungswelten kommen zusammen
Eine Kammer für Handelssachen funktioniere gerade deshalb so gut, weil dort unterschiedliche Erfahrungswelten zusammenkommen, brachte Andreas Engel das Erfolgsrezept der Handelsrichter-Tätigkeit auf den Punkt. Beide Seiten ergänzen sich. Der Jurist werde durch den Kaufmann nicht zum besseren Juristen. Und der Kaufmann werde durch die Robe nicht plötzlich zum Juristen. Aber beide brächten etwas ein, was die jeweils andere Seite so nicht mitbringen kann.
Die Anforderungen an Handelsrichter würden derzeit steigen, die Zahl der Streitverfahren gehe jedoch zurück. Das berichtet Andreas Bauer, Vizepräsident des Landgerichts Coburg. Als Gründe nennt er unter anderem, dass vermehrt außergerichtliche Vergleiche getätigt werden.
Ehrenamt mit herausragender Bedeutung für Gemeinwesen
IHK-Präsident Dr. Michael Waasner stellt die große Bedeutung des Ehrenamtes heraus. Ehrenamtliche Tätigkeiten hätten eine herausragende Bedeutung für das Gemeinwesen und seien eine starke Ressource für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, macht der IHK-Präsident deutlich. Deshalb könne ehrenamtliches Engagement nicht hoch genug geschätzt werden. „Ehrenamt ist von Natur aus sinnstiftend, lehrreich, befriedigend, es ist nicht nur fruchtbar für die Gemeinschaft, sondern auch für den Einzelnen.“
