Stadtecho-Fragebogen
Das Stadtecho fragt – Thomas Gröhling antwortet
In jeder Ausgabe des Stadtechos legen wir einer Bamberger Persönlichkeit einen Fragebogen vor. Diesmal hat Thomas Gröhling die Fragen beantwortet. Der gebürtige Bamberger ist bildender Künstler und arbeitet einerseits als freischaffender Bildhauer in seinem Atelier sowie auch im öffentlichen Raum an Schulen und bietet darüber hinaus Workshops an.
Sehr geehrter Herr Gröhling, was braucht gute Kunst?
Kunst braucht ein neugieriges Publikum, egal um welche Kunstform es sich handelt. Man muss sich die Zeit nehmen und Lust haben, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.
Woher kommt Ihre Begeisterung für die Bildhauerei?
Landschaft begeistert mich oder die Form und die Farbe der Natur. Das macht mich immer neugierig. Ein Beispiel ist meine aktuelle Arbeit mit den Tierstelen für mein Archeprojekt oder eine frühere Arbeitsweise, Landschaft als Skulptur zu gestalten.
Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Bildhauer geworden wären?
Ich denke, irgendwas mit Landschaftsarchitektur oder Architektur. Mich begeistert es, mit Raum zu arbeiten. Ich habe auch tatsächlich nach meiner Bildhauerausbildung und Studium ein Aufbaustudium an der Akademie der bildenden Künste gemacht: Kunst und öffentlicher Raum. Das ist der Bereich, mit dem man sich mit Stadträumen, Platzgestaltung etc. auseinandersetzt.
Was ist Ihre erste Erinnerung in Bezug auf Bildhauerei?
Wir hatten hinter dem Haus einen großen Lehmhaufen. Da habe ich als Kind schon mit Spachtel den Lehm geformt.
Gibt es einen wiederkehrenden Albtraum, der von Ihrem Beruf handelt?
Albtraum würde ich nicht sagen. Aber wenn man intensiv an einer Arbeit dran ist, wie zum Beispiel gerade an den Tierstelen, da kann es schon mal sein, dass ich nachts in Gedanken auch weiterarbeite. Das kann auch ein bisschen anstrengend sein.
Was fehlt der Kunstszene in Bamberg?
In Bamberg wäre es toll, wenn es eine feste Räumlichkeit für Ausstellungen und Veranstaltungen gäbe, die unterschiedlich bespielt werden können. Sozusagen ein Multikunstraum, wo verschiedene Kulturen und Kunstsprachen sich treffen könnten.
Worauf darf sie stolz sein?
In Bamberg gibt es so viele Ateliers von professionellen Künstlern, die zum Beispiel bei ARTUR dieses Jahr am 20. und 21. September geöffnet sind. Das ist eine Veranstaltung vom Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK). Dann gibt es noch eine tolle Kulturszene im Theaterbereich mit vielen kleinen Bühnen. Wenn man so durchs ganze Jahr schaut, gibt es so viel Veranstaltungen, die man zeitlich kaum bewältigen kann. Das ist doch toll.
Mit welcher großen Künstlerin oder welchem großen Künstler können Sie gar nichts anfangen?
Es gibt eigentlich keinen Künstler, über den ich sagen würde, ich kann mit der Kunst nichts anfangen. Außer sie wirkt auf mich sehr oberflächlich und ich komme in keine starke Auseinandersetzung. Es gibt so viele Kunstsprachen, die unterschiedliche Ansätze haben. Und man lernt immer neu dazu. Das finde ich komplett spannend. Es ist natürlich auch nicht ganz einfach, wenn man in eine Ausstellung geht und man denkt, man muss gleich alles sofort verstanden haben. Man muss sich schon auseinandersetzen mit den Arbeiten.
Haben Sie ein Vorbild?
Die Natur.
Wie sieht ihr Ausgleich zur Kunst aus?
Mit dem ausgleichen ist es nicht ganz so einfach. Eigentlich bin ich nahezu ständig am arbeiten. Ich bin gerne mit Freunden in der Natur unterwegs. Unterwegs sein und Reisen – das mache ich sehr gerne.
Haben Sie Routinen?
Routine ist schön, wenn man sie auch wieder unterbrechen kann. Die Hälfte des Jahres arbeite ich im Atelier. In der anderen Zeit arbeite ich an Schulen im öffentlichen Raum. Auch Beteiligungprojekte. Ich brauche die Abwechslung. Zu viel Routine ist bei mir nicht so gut. Auch bei den Materialien. Ich arbeite in Holz, Stein, Kunststoff – ganz unterschiedlich.
Wovon waren Sie zuletzt überrascht?
Ich mache oft Kunstprojekte an Schulen. Kinder und Jugendliche überraschen mich immer wieder, wenn sie gute Lösungen vom Bau eines Kunstwerks finden.
Was ist ihr größter Wunsch?
Fit zu bleiben und immer neugierig.
Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus?
Ich starte den Tag in Ruhe mit einem Milchkaffee auf dem Sofa. Dann den ganzen Tag ohne Unterbrechungen an meiner Arbeit zu stehen und weiter zu kommen. Und am Abend mit Freunden unterwegs zu sein.
Worüber haben Sie sich zuletzt geärgert?
Ich habe mir letztes Mal mit der Bohrmaschine in die Hand gebohrt. Das ist nur deswegen passiert, weil ich noch schnell was machen wollte. Bei sowas kann man sich wirklich ärgern.
Welchen Luxus leisten Sie sich?
Ich versuche, einmal im Jahr mindestens ein Monat zu reisen.
Wovor haben Sie Angst?
Die Zukunft der Welt schaut nicht gut aus. Deswegen auch dieses Thema mit der Arche. Das Verhalten der Menschen bedroht viele Tiere. Ich arbeite an Holzstelen mit Tierpaaren. Ein Teil der Tiere, die ich gemacht habe, sind schon ausgestorben oder werden aussterben. Wer weiß, was die Zukunft bringt, aber natürlich bleibe ich trotzdem optimistisch. Sonst würde es alles gar keinen Sinn machen.
Wann haben Sie zuletzt geflirtet?
Flirten ist doch was sehr schönes. Allein schon, wenn man jemanden anlächelt. Aber wenn, dann flirte ich ohne Absicht – ich bin verliebt und glücklich.
Was ist Ihr Lieblingsschimpfwort?
Letzthin ist bei mir an der Staubabsauganlage ein Schlauch geplatzt und ich hab ausgeschaut wie ein Müller. So ein Scheißdreck!
Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gern dabei gewesen?
Ich wäre gern bei Christo in Italien dabei gewesen: the Floating Piers. Bei dem Projekt, seine letzte Arbeit, konnte man auf Flößen zu den Inseln gelangen. So ist es mit manchen Ereignissen, man kann sie nicht mehr zurückholen. Das habe ich verpasst.
Was ist Ihre schlechteste Angewohnheit?
Ich lasse mein Gegenüber nicht aussprechen.
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Wenn man was vergessen hat.
Ihre Lieblingstugend?
Spontan und zuverlässig.
Ihr Hauptcharakterzug?
Ungeduld!
Wer vergibt zuerst, der Kopf oder das Gefühl?
Ich würde mich auf das Gefühl verlassen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei ihrem Gegenüber am meisten?
Wenn jemand nicht toternst ist und eine gewisse Lässigkeit mit sich bringt. Aber trotzdem zuverlässig ist.
Wer oder was hätten Sie sein mögen?
Ich bin eigentlich sehr zufrieden mit dem, was ich mache.
Was hätten Sie gerne erfunden?
Natürlich eine Wunschmaschine, dann würde ich mit den Wünschen versuchen, die Welt zu retten.
Wofür sind Sie dankbar?
Das es mir gesundheitlich gut geht. Dass ich für mich eine interessante Arbeit gefunden habe und dass ich bis jetzt neugierig bin.
Wie glauben Sie, würde Ihr Pendant von vor zehn Jahren auf Ihr heutiges Ich reagieren?
Mein Pendant beobachtet und denkt sich, warum macht man 5 Meter große Gänseblümchen oder eine 5 Meter große Wegwarte? Oder warum meißelt man eine Landschaft aus einem Stein? Manchmal bin ich selber überrascht, was ich in einer Zeit vor zehn Jahren alles so gemacht habe.
Gibt es etwas, das Ihnen das Gefühl gibt, klein zu sein?
Ich bin nicht besonders groß!
Der Klimawandel erschreckt mich, was das für eine enorme Dimension ist.
Was bedeutet für Sie Glück?
Im Atelier sein zu können und sich intensiv mit einer Arbeit zu beschäftigen. Zum Beispiel gerade mit meinem Archeprojekt. Energie und immer wieder den Ansporn zu haben, mit meiner Arbeit weiterzumachen. Oder mit meiner Freundin Zeit zu haben, mich mit Freunden zu treffen, unterwegs zu sein, zu tanzen.
Ihr Leben wird verfilmt. Welcher Schauspieler sollte Sie spielen?
Es muss kein Film sein, aber ich möchte gern von Franz Xaver Gernstl interviewt werden. Er hat ein Gespür für so schöne Geschichten.
Wie viele Apps sind auf Ihrem Smartphone? Und welche benutzen Sie am meisten?
Ich habe seit drei Wochen eine Solaranlage auf dem Dach der Werkstatt. Seitdem schaue ich am meisten in diese App und sehe, wieviel Kilowattstunden von der Sonne zu mir ins Atelier kommen. Mein Atelier ist klimaneutral.
Welches Problem werden Sie in diesem Leben nicht mehr in den Griff bekommen?
Ich arbeite gerade an einem Archeprojekt, bei dem ich Tierpaare auf Holzstelen bildhauerisch bearbeite und bemale. Die Dimension der Arbeit ist so groß, dass ich es in dem Leben wahrscheinlich nicht mehr hinbekomme. Allein schon die Tiere festzuhalten, die für immer verschwunden sind.
Ihr Lieblingsbuch, ‑album, ‑film?
Im Juli gehe ich auf ein Konzert in der Nähe von Würzburg: die Meute. Das höre ich gerade recht gerne. Oder Bukahara. Außerdem interessieren mich Dokumentarfilme oder Reiseberichte am meisten.
Ich kann nicht leben ohne
… Bratwurst.
Wovon haben Sie überhaupt keine Ahnung?
Irgendwie hat man von vielen Sachen keine Ahnung, muss sich aber ständig weiter mit neuen Technologien anfreunden. Entweder ich bekomme selbst hin oder ich frage meinen Sohn Luis.
Was ist Ihre Vorstellung von Hölle?
Sehr heiß, laut und endlos. Hoffentlich treffe ich Freunde.
Was war Ihr letzter Grund zu lachen?
Heute bei einem Bildhauerkurs. Ein Kind fragte mich, wie lange ich das schon mache – das Bildhauern. Ich sagte zu ihm 35 Jahre. Er sagt, dann bist Du schon ganz schön alt.
Was finden Sie langweilig?
Zu wie viel Verwaltungskram im Büro!
Ihre Heldinnen und Helden in der Wirklichkeit?
Jeder von uns, der sich für eine Gruppe einsetzt, die es sehr schwer hat.
Ihre Heldinnen und Helden in der Geschichte?
Alle Menschen, die sich für Freiheit stark gemacht haben.
Welcher war der schönste Moment in Ihrem Leben?
Sich auf einen schönsten Moment zu beschränken ist ganz schön schwierig. Ich finde, ich hab bis jetzt ziemlich viel Glück gehabt.
Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?
Menschen, die Andere unterdrücken. Und das hört nie auf.
Der amüsanteste Tischpartner in Ihrem Leben?
Philipp Sommer, Geschichten von früher, und aus dem Jetzt.
Was verabscheuen Sie am meisten?
Rechte Politik.
Welche Gabe möchten Sie besitzen?
Gebrauchsanweisungen zu verstehen. Schneller am Rechner was Neues zu installieren.
Stellen Sie sich vor, Sie könnten wählen – was für ein Tier würden Sie gerne sein?
Meine Katze bei mir daheim – der geht’s so prima!
Sind Sie der bessere Fahrer oder der bessere Beifahrer?
Bin eher der bessere Fahrer. Ich fahre nicht so gerne als Beifahrer.
Was bedeutet für Sie Freiheit?
Am Fluss zu sein, am Meer zu stehen, die Weite zu genießen. Ich bin sehr glücklich, dass wir in unserem Land Freiheit haben. Wir können uns äußern, wie wir wollen. Ich glaub, das ist vielen Menschen hier nicht klar.
Bier oder Wein?
Zu jedem Anlass anders genießen.
Aktivurlaub oder Chillen?
Einfach zwischendurch Zeit zu haben und nicht auf die Uhr schauen zu müssen.
Welchen Ort in Bamberg muss man besucht haben?
Auf der Regnitz durch Bamberg paddeln. Die Hainspitze beim Stadtteil Bug, die tollen Keller, Kneipe Galerie am Stephansberg und überhaupt tolle Musikkneipen.
Thomas Gröhling, Mai 2025
Kunstraum JETZT!
Vertragsverlängerung Kesselhaus
Das Kesselhaus bleibt ein Ort für Kultur. Der Bamberger Verein Kunstraum JETZT! hat eine Nutzungsvertragsverlängerung über weitere fünf Jahre unterschrieben. Die erste Ausstellung ist bereits enthüllt und beschäftigt sich mit der Frage, wie das Kesselhaus ausgebaut werden könnte.
Das Kesselhaus kann damit für weitere fünf Jahre genutzt werden. Mitte März unterzeichnete der Vorstand die bereits vor zwei Jahren beantragte Vertrags-Verlängerung mit der Stadt. Zur gleichen Zeit eröffnete Vorstandssprecher Ulrich Kahle die erste Ausstellung im neuen Jahr: Acht Künstler*innen haben, in Plakatform, ihre Ideen zu Möglichkeiten der zukünftigen Gestaltung des Kesselhauses beigetragen. Die teilweise konkreten, teilweise abstrakten Ergebnisse hängen aneinandergereiht Richtung Leinritt an der Außenwand der Sheddach-Halle des Kesselhauses. Diese bisher ungenutzte Halle möchte der Kunstraum JETZT! zum weiteren zentralen Ausstellungsort im Kesselhaus umgestalten. Wir haben mit Ulrich Kahle gesprochen.
Herr Kahle, vor zwei Wochen haben Sie den Nutzungsvertrag des Kesselhauses bis 2026 verlängert. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Ulrich Kahle: Ich habe eine gewisse Genugtuung gespürt. Um Planungssicherheit zu haben, hatten wir die Vertragsverlängerung ja schon im Oktober 2019 beantragt. Da es seitdem aber keine entsprechenden Schritte gab, haben wir von Ausstellung zu Ausstellung, also in gewisser Weise von der Hand in Mund gelebt. Aber jetzt haben wir wieder Planungsluft für ein gutes Stück Zukunft.
Gab es Momente, in denen Sie nicht mehr an diese Verlängerung geglaubt haben?
Ulrich Kahle: Nee, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber es gab und gibt Stimmen oder Lager in dieser Stadt, die diese Vertragsverlängerung nicht so gerne sehen. Auf der anderen Seite hat der Oberbürgermeister sich über den Vertrag und die Plakatausstellung echt positiv geäußert.
Andere kulturelle Akteure, wie FRANZ KAfkA, konnten sich mit der Stadt nicht einigen. Trübt das die Freude über den Vertrag?
Ulrich Kahle: Ich interpretiere die Vorgänge zwischen FRANZ KAfkA und der Stadt nicht. Aber wenn KAfkA wieder etwas im Kesselhaus machen wollen, werden wir die Letzten sein, nein zu sagen. Wir sind für Kooperationen offen. So tritt etwa im Mai das Theater im Gärtnerviertel im Kesselhaus auf.
Welche Vertrags-Bedingungen muss der Verein Kunstraum JETZT! erfüllen?
Ulrich Kahle: Der Vertrag sieht eigentlich nur vor, dass nicht mehr als 99 Personen auf einmal im Kesselhaus sind. Das hat ausschließlich baurechtliche Gründe. Ausnahme-Genehmigungen für mehr Publikum wurden uns aber mündlich zugesichert. Ansonsten gibt es keine Vorgaben. Wie wir das Kesselhaus nutzen, ist unsere Sache.
Was hat sich die Stadt verpflichtet zu liefern?
Ulrich Kahle: Seitens der Stadt gibt es keine weiteren Zusicherungen. Das ist leicht erklärbar: Corona macht die Stadtkassen leer und wieweit sich die Kasse durch andere Aktionen selbst geleert hat, stelle ich dahin – das mögen andere klären. Kultur ist seit jeher eine freiwillige Leistung, die Geld kostet und bei der man am ehesten streichen kann.
Was soll das Kesselhaus in den kommenden fünf Jahren sein?
Ulrich Kahle: Wir möchten die Entwicklung weitertreiben, die wir schon immer vorhatten: Wir wollen das Kesselhaus als Kulturort verfestigen und verstetigen. Es gibt keinen mit diesem stillgelegten Industriebaukörper vergleichbaren alternativen Gegenwarts-Kunst-Raum in Bamberg. Daran wollen wir festhalten. Das Kesselhaus weiter zu betreiben, ist unser vordingliches Ziel. Und langfristig wollen wir die Eignung des Kesselhauses durch Umbaumaßnahmen verbessern, mehr Raum schaffen für verschiedenste Veranstaltungen neben der Kunst – Musik, Theater, Diskussionsplattformen.
Die Plakatausstellung zu Gestaltungsvarianten des Kesselhauses ist ein erstes neues Ausstellungsformat und markiert außerdem zehn Jahre Ausstellungsbetrieb im Kesselhaus. Wie hätte die Jubiläumsausstellung ohne Corona ausgesehen?
Ulrich Kahle: Wir hätten bestimmt zunächst ein Fest gemacht. Möglicherweise wäre dann vielleicht auch so eine Ausstellung zustande gekommen. Jetzt, in der Pandemiesituation, war es aber ein bewusstes Ziel, den eingeladenen Künstlern ein Honorar in der Pandemiedurststrecke verschaffen zu können, was wir dann mit dem Thema der Kesselhausaspekte kurzerhand verbinden konnten.
Die Ausstellung zeigt Zukunftsideen des Kesselhauses. Welche Vorgaben haben Sie für die Plakatgestaltung gemacht? Umsetzbarkeit scheint kein Kriterium gewesen zu sein.
Ulrich Kahle: Die einzige Vorgabe war: „Was fällt euch zur Zukunft des Kesselhauses ein?“ Mehr nicht.
Auch Ihr Verein hat zwei Plakate beigesteuert. Diese werden in der Zukunftsgestaltung des Kesselhaus konkreter.
Ulrich Kahle: Ja, das ist ein Fingerzeig, wo es mit dem Kesselhaus hingehen könnte – so realistisch wie möglich visualisiert, um den Leuten klarzumachen, welches Potenzial in diesem Gebäude steckt. Der Idealentwurf ist der Umbau der Shedhalle zu einer Kunsthalle.
Ist in diesen Entwürfen die mögliche Reaktion der Stadt – machbar oder zu teuer – schon miteingerechnet?
Ulrich Kahle: Nein, so weit sind wir noch nicht gekommen. Wobei die Stadt bislang eigentlich nicht bereit war, dazu etwas zu sagen. Aber wir versuchen schon unser Möglichstes, realistische Wege aufzuzeigen. Aber es ist eben ein bisschen problematisch in diesen Zeiten. Wenn der Bund 24 Millionen für die Renovierung von St. Michael bereitstellt, wird er nicht nochmal zwei Millionen fürs weit unscheinbarere Kesselhaus am Fuß des Michelsberg bereitstellen. Aber das sind Dinge, die man abwarten kann. Uns rennt ja die Zeit nicht davon, da wir in den nächsten fünf Jahren im Kesselhaus eine Menge machen können machen können, um ihm Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Glauben Sie, dass in diesen fünf Jahren schon Entscheidungen fallen, wie und ob das Kesselhaus umgebaut werden könnte?
Ulrich Kahle: (lacht) Schwierig, aber warum nicht? Ich sehe, abgesehen von den Finanzen, keine Gründe, warum das nicht möglich sein sollte.
Deutet sich bereits an, was nach Ablauf der fünf Jahre mit dem Kesselhaus passieren könnte?
Ulrich Kahle: Wir sind zuversichtlich, dann weiter zu sein und uns um die nächste Vertragsverlängerung zu bemühen. Denn wir sehen gemeinsam mit vielen Mitstreitern realistischerweise keinen anderen Standort, der die räumlichen Qualitäten des Kesselhauses bietet und eine bessere Lage hat.
Levi Strauss Museum
Buttenheim meets Pop Art
Bedingt durch die Pandemie geht die Buttenheimer Kunstreihe „ART in B – Kunst in Buttenheim“ im Levi Strauss Museum etwas leiser als gewohnt in die nächste Runde. Im Mittelpunkt stehen auch in diesem Jahr wieder international bekannte Künstler.
ART in B ist auch ein Forum für Ideen, zur Weiterentwicklung und Stärkung von Geist und Seele der Gemeinde, zur Stiftung von Identität und zur Ergänzung des gesellschaftlichen Lebens – weit über die Grenzen Buttenheims hinaus.
„Buttenheim meets Pop Art“ ist der Titel der diesjährigen Schau. Sie präsentiert einen bunten Mix an Werken verschiedener renommierter Künstler. Vertreten sind David Tollmann, Udo Lindenberg, Ulrike Langen, James Rizzi, Martin Sonnleitner, Herman Reichold und Patrik Preller.
Frisch und farbenfroh wird so zum Beispiel mit den Monstern von Patrik Preller, den detailreichen Bildern von James Rizzi, dem individuellen Stil von Udo Lindenberg, Martin Sonnleitners Portraits von berühmten Rock Stars, den intensiven und großformatigen Werken von David Tollmann, Ulrike Langens Siebdrucken auf Aluminiumplatten oder den humorvoll-hintersinnigen Werken von Herman Reichold einer derzeit für Kunst und Kultur schweren Zeit die Stirn geboten.
Die Werke sind bis zum 4. Juli 2021 im Levi Straus Museum ausgestellt. Abhängig von den Inzidenzwerten ist die Ausstellung zu den Öffnungszeiten im Levi Strauss Museum zu besichtigen, der Eintritt ist frei. Das Levi Strauss Museum bittet um Voranmeldung per Mail unter levi-strauss-museum@buttenheim.de oder telefonisch unter 09545–442602.
Weitere Informationen:
Zehn Jahre Kesselhaus
Beliebter Ausstellungsort für die Kulturszene
In diesem Jahr feiert das Kesselhaus seinen zehnten Geburtstag als Ausstellungsort, den es mit einer Open-Air-Ausstellung begeht!
Zehn Jahre ist es her, als sich im Frühjahr 2011 ein kleines Häuflein Aktivisten vom Kunstverein, dem BBK Oberfranken, dem Architekturtreff Bamberg und dem damaligen Baureferenten der Stadt, Michael Ilk, mit eigener Hände Arbeit daranmachten, den brach liegenden Industrieraum im Kesselhaus aufzuräumen. Und beinahe 40 Ausstellungen und Events beweisen seither die Richtigkeit des ehrenamtlichen Engagements für diesen Ort mit seinen 225 Quadratmetern Fläche, sieben Metern Höhe, durchgängig originalen Oberflächen und seiner zentralen Lage am Leinritt als Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche. Denn: Das „Kesselhaus“ – bis 1984 genutzte ehemalige Energiezentrale des „Alten Krankenhauses“ mit Krankenhauswäscherei und Pathologie ¬–, am westlichen „Eingangstor“ zu Altstadt und Welterbe Bambergs gelegen, birgt ein außerordentliches Potenzial als lebendiger Kulturort. Es strahlt vor allem wegen der besonderen funktionalen Architektur der frühen 60er Jahre und dem in Bamberg seltenen industriellen Charakter einen außergewöhnlichen Charme aus.
„Was mir zum Kesselhaus einfällt“
In diesem Jahr feiert das Kesselhaus nun seinen zehnten Geburtstag als Ausstellungsort. Aber wie begeht man einen runden Geburtstag in Zeiten von Corona? Ganz einfach: mit einer Open-Air-Ausstellung!
Die Idee dazu ist bereits im ersten Lockdown und dem damit erzwungenen Stillstand für die Kultur entstanden. Bamberger Künstler:innen aus den Reihen des BBK Oberfranken haben zum Plakatwettbewerb eingeladen, um das Kesselhaus materiell zu unterstützen und damit für die Zukunft als Kulturstandort zu sichern. Die Aufgabe bestand in der Gestaltung eines Plakates zum Thema „Was mir zum Kesselhaus einfällt“, das als Banner an der EG-Fassade des Kesselhauses zum Leinritt open-air ausgestellt werden soll. Ein begleitender eigener QR-Code erlaubt es allen Interessenten, sich auf der Website des Vereins einzuklinken, um Näheres zu den Entwürfen zu erfahren. Herausgekommen ist eine kunterbunte Mischung utopischer Vorstellungen, augenzwinkernde bis ernsthafte Anstöße an die Stadt Bamberg bis hin zu ziemlich konkret formulierten Vorstellungen, die seit Anfang Februar 2021 nun am vorgesehenen Ort ausgestellt sind.
Im Einzelnen findet man nun eine Idee von Gerhard Hagen, in einer Quasi-Karikatur Bamberg darauf aufmerksam zu machen, dass die Realisierung einer Kunsthalle analog zur Landung auf dem Mond eigentlich nur einen „kleinen“ Schritt darstellen würde.
Peter Schoppel hat ein Modell entworfen, das zeigt, wie ein aufgewertetes Kesselhaus aussehen könnte. Höchst realistisch visualisiert Thomas Michel einen erfolgten Umbau des Kesselhauses unter Wahrung seiner prägnanten Gestalt und entwirft sehr reizvolle Aufenthaltsqualitäten im Außenbereich. Nina Gross folgt mit einer bunten Phantasieansicht eines veritablen Ausstellungshauses, die gleichfalls Wert auf Aufenthaltsqualitäten als Anziehungspunkt für Publikum legt: der Parkplatz ist einer Wiese gewichen und das Dach des Kesselhauses begrünt. Christiane Toewe wiederum schafft einen wuchtigen Architekturkörper, um ihn dann mit kräftigen rot-weißen Bänderungen zu versehen, ähnlich dem berühmten Leuchtturm „Roter Sand“ in der Wesermündung – ein Weltkulturerbe übrigens –, um dem unschwer erkennbaren Kesselhaus einen programmatischen Leuchtturmcharakter zu verleihen. Dagmar Ohrndorf nimmt in ihrem Banner Bezug auf die Aktivitäten der Vergangenheit und hat aus Fragmenten alter Ausstellungsplakate ein neues tänzerisches Gesamtbild komponiert. Gerhard Schlötzer, neben seinen fotografischen Fähigkeiten ein leidenschaftlicher und begabter Zeichner, präsentiert den Betrachter:innen mit peniblen Bleistiftsstrichen seine leicht nachvollziehbare Vision des Kesselhauses mit aufgesetztem Dachcafè und der zu einem Kiosk umfunktionierten Trafostation an der Nordspitze des Areals inmitten einer publikumsfreundlichen Freifläche. David Grimm schließlich sieht das Kesselhaus als Funkstation, als geerdete Basis für interplanetaren Austausch, als ein Labor für Relevanz, Funktion und Verantwortung von Kunst und Kultur im 21. Jahrhundert.
Stadtwärts beenden die Open-Air-Ausstellung zwei architektenbasierte und computergrafisch aufbereitete Idealansichten eines umgebauten Kesselhauses, einmal das Innere des Sheddachbereichs als veritable Kunsthalle und zum anderen die Gesamtschau des Kesselhauses als Kunstort samt autofreiem Leinritt und Freitreppenanlage am Fluss mit zuvor ungeahnten Aufenthaltsqualitäten.
Allen ausgestellten Künstlern gemein ist ihre klar ausgedrückte Hoffnung auf eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Kesselhauses als Kulturort. Denn nirgends sonst findet sich in dieser Stadt ein anderer, besser geeigneter Ort als diese städtebaulich irgendwie verkannte Brache am äußersten Westende des Sandviertels – und dies nur den sprichwörtlichen Steinwurf von St. Michael entfernt!
Audiorundgang mit dem TiG
W:ORTE: Flanieren mit Literatur und Musik im Ohr
Das Theater im Gärtnerviertel (TiG) bietet ab dem heutigen Samstag den kulturellen Audiorundgang „W:ORTE“ durch das Gärtnerviertel an. Per App kann man sich unterwegs literarische Texte, Gedichte und Musik – eingesprochen und eingespielt von Mitgliedern des Ensembles – anhören. Die Straßen werden zum Kunstort. TiG-Chefin Nina Lorenz hat mit dem Webecho einen Ausblick unternommen.
Frau Lorenz, wie sind Sie auf die Idee zum literarischen Wortweg gekommen?
Nina Lorenz: Die erste Idee kam von Lena Kalt und Lina Hofmann, beide Kostüm- und Bühnenbildnerinnen beim TiG, und sah so aus, Schaufensterinstallationen anzubieten und dazu eine Führung oder einen Audioguide zu gestalten. Diese Idee hat mich fasziniert und darauf aufbauend haben wir sie gemeinsam weiter entwickelt. Als klar war, dass Olga Seehafer und Jakob Fischer die musikalische Gesamtkomposition übernehmen, ein Großteil des Schauspielensembles die Texte einspricht und wir diese gemeinsam mit Toningenieur Michel Spek aufnehmen können, war der Audioweg geboren. Den schönen Titel W:ORTE hat Werner Lorenz entwickelt.
Sie beschreiben “W:ORTE” als Kunstprojekt. Um was geht es genau?
Nina Lorenz: Es geht um das Öffnen der Sinne – Hören, Sehen, Riechen, Fühlen.
Um das Gehen – in Bewegung kommen, sich die eigene Stadt ergehen, sie wahrnehmen aus einer anderen Perspektive, die durch Worte und Töne, durch Literatur und Musik angereichert wird.
Es geht auch darum, sich einzulassen auf den Sound der Stadt – um vielleicht ein Teil der Stadt zu werden, geleitet von der Kunst. Mit dem TiG-Ensemble im Ohr entstehen die Bilder nicht nur auf den Straßen, sondern auch im Kopf.
Wodurch unterscheidet sich der Rundgang von touristischen Rundgängen?
Nina Lorenz: Wir bieten keine klassische Stadtführung zu den Sehenswürdigkeiten Bambergs an, sondern gehen eher unbekanntere Wege und beleben diese mit Wort und Musik. Wir bleiben dem TiG-Prinzip treu, das bedeutet, wir erschließen mit jedem neuen Projekt neue Orte, lassen uns von ihnen inspirieren und verwandeln alltägliche Orte in Theaterstätten. In diesem Fall wird das Gärtnerviertel insgesamt und werden die Wege darin zu einem Kunstort.
Wie viele und welche Stationen hat der Weg?
Nina Lorenz: Der Weg hat insgesamt 19 Stationen, umfasst etwa anderthalb Stunden oder 6000 Schritte durchs Gärtnerviertel. Die Texte werden entweder an den Stationen direkt gehört und man verweilt dabei vor Gebäuden, Geschäften, Spielplätzen, Brücken, oder werden während des Gehens erlebbar gemacht. Man kann jederzeit den Rundgang unterbrechen und wieder aufnehmen, wie es für den eigenen Gehrhythmus am besten ist. Startpunkt ist das TiG-Büro in der Josephstraße 7.
Bitte nennen Sie drei Beispiele, was es wo zu hören beziehungsweise zu sehen gibt?
Nina Lorenz: Zu sehen gibt es immer was – die Stadt bildet den Rahmen dazu. Ebenso gibt es von Lena Kalt und Linda Hofmann gestaltete Schaufensterinstallationen. Zu hören gibt es zum Beispiel auf der Luitpoldstraße einen Monolog aus „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi, als sich Anna auf dem Weg zum Bahnhof befindet. An der Landesjustizkasse Bamberg ist Kafka zu erleben und an der Gärtnerei Niedermaier ein Erlebnisbericht von Michael Niedermaier über den Versuch der Stadt Bamberg, 1970 eine mehrspurige Schnellstraße durch das Gärtnerviertel zu bauen und wie die Gärtner dies seinerzeit verhindert haben. Zwischendrin gibt es einen Song von „Be an Animal“ von und mit Olga Seehafer und Jakob Fischer und vieles mehr.
Unterwegs gibt es auch Schaufenster-Installationen. Was erwartet das Publikum hierbei?
Nina Lorenz: Die Installationen unterstützen die Geschichten, die an dieser Stelle erzählt werden und können im besten Falle die Fantasie anregen.
Folgt “W:ORTE” wie ein Theaterstück einer Handlung oder einem Spannungsbogen?
Nina Lorenz: Der Spannungsbogen entsteht durch die Musik und durch die dramaturgische Durchmischung von literarischen Texten, Gedichten, O‑Tönen von Bamberger Bürgerinnen und Bürgern und Musik. Im klassischen Sinne eine durchgehende Handlung ist nicht vorhanden. Jeder literarischer Beitrag ist in sich abgeschlossen. Dennoch ergibt alles in allem in Kombination mit der Musik einen Spannungsbogen und eine Darstellung von Leben in seinen unterschiedlichen Facetten.
Vor der Teilnahme an “W:ORTE” muss man die App Hearonymus herunterladen. Sie ist genau wie die Teilnahme kostenfrei. Die Finanzierung soll durch Spenden gesichert werden. Wieso setzen Sie auf Freiwilligkeit anstatt auf festgelegte Preise?
Nina Lorenz: Da es zur Zeit keinen Vorverkauf bei den Vorverkaufsstellen gibt, uns die technischen Möglichkeiten eines online Kartenverkaufes nicht zur Verfügung stehen, haben wir uns für die Finanzierung auf Spendenbasis nach dem Pay-as-you-wish-Verfahren entschieden. Wir sind außerordentlich froh über die Unterstützung von „Hearonymus Audioguide“, die es uns ermöglicht hat, den Audioweg über eine professionelle App anzubieten.
Wann ist “W:ORTE” für Sie ein Erfolg?
Nina Lorenz: Sobald die ersten Zuhörer*innen mit dem TiG-Ensemble im Ohr durch die Straßen ziehen – schon ab da ist es ein Erfolg für uns. Die Zuschauer*innen können nicht zu uns ins Theater kommen, aber wir können zu ihnen kommen – und wenn wir es schaffen, mit diesem Audioweg den Kontakt zu halten und zu zeigen, dass wir auch in der Pandemie weiterhin für da sind, machen wir das Kunsterlebnis auch in diesen schwierigen Zeiten möglich. Unser Publikum kann trotz Krise unsere Schauspieler*innen hören und fühlen. Das allein ist ein Riesenerfolg.
Weitere Informationen:
Haus Marteau
Interview mit dem Künstlerischen Leiter Prof. Christoph Adt
In Haus Marteau, der Internationalen Musikbegegnungsstätte des Bezirks Oberfranken, würde normalerweise jetzt das Kursjahr 20 //21 mit den Meisterkursen für verschiedene Instrumentengattungen und Gesang laufen. Pandemiebedingt sind die Kurse bis Ende Februar ausgesetzt. Prof. Christoph Adt, der Künstlerische Leiter des Hauses, äußert sich im Interview mit dem Bezirk Oberfranken zur europaweit einzigartigen Künstlervilla in Lichtenberg.
Was zeichnet Haus Marteau besonders aus?
Prof. Christoph Adt: Die Lage und die Prominenz des Hauses ermöglichen Kurse auf höchstem künstlerischen Niveau. Es ist ein wunderschöner Platz, ein optimal mit Klavieren ausgestattetes Haus, das intensive künstlerische Arbeit alleine schon durch seine äußeren Gegebenheiten unterstützt. Etwa 40 Meisterkurse mit international renommierten Künstlern laden junge Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt ein, wichtige Schritte auf ihrem Weg zu weiterer Exzellenz zu gehen.
Schon wenn ich hier aus dem Fenster schaue, schafft das eine beruhigende, konzentrierende Atmosphäre.
Unser großer Vorteil ist die Authentizität, die das vom Hausherrn Henri Marteau gestaltete und ausgestattete Haus mitbringt, gepaart mit einer großen Nähe zwischen Meister und Schüler. Was ich hier bei den relativ kleinen Kursen so gut finde, ist die ganz starke, ernste Zuwendung von erfahrenen Künstlern zu den Studierenden. Ich bin viel im Gespräch mit den Dozentinnen und Dozenten und höre immer wieder, wie wichtig ihnen ein enger Austausch ist, der eine große Nähe schafft.
Haus-Marteau-Konzerte sind ja oft so berührend, weil sie so intim sind, weil sie uns Augenblicke schenken, die in dieser Form nicht reproduzierbar sind.
Der Saal, der jetzt dazu kommt, gibt uns die Chance, dass sich das noch stärker festigen kann, dass wir entsprechend weiteres Publikum zu diesen Kursen und zu unseren Konzerten gewinnen.
Welche Schwerpunkte setzen Sie in der künstlerischen Arbeit für Haus Marteau?
Prof. Christoph Adt: Der Schwerpunkt liegt in der Exzellenz der Meisterkurse. Dieser Schwerpunkt wird bleiben. Er wird aber ergänzt durch die neuen Möglichkeiten, die sich durch den Saalbau erschließen: eine stärkere Erkennbarkeit in der oberfränkischen Region wird möglich sein.
Wir könnten uns zum Beispiel vorstellen, dass die Konzertreihe Haus Marteau auf Reisen auch einmal eine ganz kurze Reise macht und im Sommer an dem lauschigen, wunderbar ruhig gelegenen Frankenwaldsee in Lichtenberg gastiert. Dort sind sowohl sehr kleine als auch größere Veranstaltungen denkbar.
Ich würde auch gerne neue Musikfarben ins Haus bringen.
Warum sollten eine junge Künstlerin oder ein junge Künstler ins Haus Marteau kommen?
Prof. Christoph Adt: Haus Marteau ermöglicht künstlerische Begegnung auf einem exzellenten, internationalen Niveau. Weltweit ist Haus Marteau eine Adresse. Man schreibt das als junger Künstler in seine Vita, wenn man in Haus Marteau war.
Wenn es nicht zusammenpassen würde, dass die Kurse gut sind und die Kursabsolventen Karriere machen, könnte man so etwas nicht machen.
Haus Marteau steht für Kontinuität der Qualität. Die international erfolgreiche Pianistin Alice Sarah Ott erwähnte jüngst in einem Gespräch, sie sei auch in Haus Marteau gewesen – als Elfjährige. Jetzt ist sie Anfang 30 und spielt auf der ganzen Welt.
Welche Neuerungen bringt der Neubau des Konzertsaals in Haus Marteau mit sich?
Prof. Christoph Adt: Haus Marteau ist seit 1982 eine glückliche Insel für jeweils kleine Gruppen, bisher durch die räumlichen Gegebenheiten sehr beschränkt. Viele Konzertbesucher mussten sich mit Hörplätzen zufriedengeben.
Unser neuer Konzertsaal bringt eine zusätzliche Komponente in das Geschehen in Haus Marteau, er hat eine große Ausstrahlung und Anziehungskraft. Ich finde ihn wirklich spektakulär. Die Granitspitzen schaffen eine tolle Raumatmosphäre, ich glaube, nur für die Akustik eines solchen Saals hätte es auch viele andere Möglichkeiten gegeben.
Dieser akustisch und gestalterisch außergewöhnliche Saal ermöglicht eine Vergrößerung der Primärarbeit.
Wir können zum Beispiel zwei Kurse gleichzeitig veranstalten, die sich ergänzen, miteinander korrespondieren und dadurch künstlerisch ganz neue Möglichkeiten erarbeiten. Denkbar wäre ein Klavierkurs in Zusammenarbeit mit einem Gesangskurs, die über die Woche immer wieder gemeinsame und eigene Kursabschnitte haben. Oder zwei Kurse, die sich dem gleichen Instrument widmen und bei denen die Dozentin beziehungsweise der Dozent mal den einen, mal den anderen Kurs betreut.
Was liegt Ihnen im Hinblick auf Haus Marteau besonders am Herzen?
Prof. Christoph Adt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Dieser Satz von Martin Buber gilt ganz besonders für Kunst, für alle künstlerische Kommunikation, naturgemäß ganz besonders für Musik. Hier möchte ich – besonders und ausdrücklich in unserer Zeit, die durch Maßnahmen gegen die Corona-Infektionsgefahr Begegnungen erschwert und Einsamkeit verstärkt – nach Kräften unterstützen. Wir haben solang es irgend ging unsere Kurse weitergeführt.
Begegnungen durch Konzerte sind genauso wenig ersetzbar wie Begegnungen durch Gespräche. Ich denke, dass wir mit dem, was wir hier in Haus Marteau machen, etwas für die Menschlichkeit tun. Begegnung heißt, dass der Künstler tatsächlich mit dem Publikum kommuniziert und das Publikum kommuniziert zurück, und das geht nur in Präsenz.
Als Musiker sind wir ja darstellende Künstler. Wenn wir eine Brahms-Sonate spielen, dann ist das zunächst einfach ein Werk. Die Sonate wurde im 19. Jahrhundert komponiert, ist 170 Jahre alt – und trotzdem: Durch die Darstellung der Künstler, die in der Gegenwart leben, wird sie ins Heute transportiert und schafft Begegnung zwischen Spielenden und Personen, die zuhören. Die Personen, die zuhören, sind kaum weniger wichtig als die spielende Person. Die spielende Person spielt anders, wenn das Spiel anders reflektiert wird.
Umso bedeutsamer ist es, dass wir überhaupt Publikum haben und die Künstler nicht nur auf Kacheln zu sehen sind.
Nehmen wir als Beispiel den Henri Marteau-Violinwettbewerb. Auch hier setzen wir auf Präsenz und Authentizität. Alle Vorspiele sind live. Allein die Tatsache, dass für die erste Runde bis zu 120 Leute aus der ganzen Welt hierherkommen, ist für uns ein wunderbarer Multiplikator: Da ist diese Wahnsinns-Villa und dort habe ich diese Musik gemacht. Seit 2008 hat der Bezirk die Trägerschaft für den Wettbewerb übernommen, mit der Organisation und Durchführung durch die Hofer Symphoniker steht der Wettbewerb auf stabilen Füßen. Das ist mir wichtig.
Und die Tatsache, dass wir den Wettbewerb mit einem Galakonzert zusammen mit den Symphonikern beschließen, ist natürlich ein Gewinn: So tragen wir die Arbeit des Hauses noch stärker in die Region.
Wie werden junge Menschen zu exzellenten Künstlern?
Prof. Christoph Adt: Ich finde es wichtig für junge Instrumentalisten und Sänger, dass sie keine Scheuklappen aufhaben, sondern dass sie sich beschäftigen mit Kunst, mit Literatur, mit der Natur. Ich möchte den jungen Menschen sagen: Geht raus, geht in die Oper, geht ins Theater, setzt euch mit der Regie auseinander. Das gehört dazu, zum Künstlersein.
Welche drei Ratschläge geben Sie jungen Instrumentalisten und Sängern mit auf dem Weg?
Prof. Christoph Adt: Ganzheitlich leben – fleißig üben – sich empathisch für die Mitmenschen einsetzen.
Erzbischöfliches Ordinariat
Hauptabteilungsleiterin Dr. Birgit Kastner im Interview
Seit November ist Dr. Birgit Kastner die neue Ordinariatsrätin und Hauptabteilungsleiterin Kunst und Kultur des Erzbischöflichen Ordinariats Bamberg. Die Kunsthistorikerin kennt die Strukturen des Dombergs aus ihrer Zeit als Dombergkoordinatorin von 2013 bis 2016 bestens. Wir haben mit ihr über Kirche und Kunst gesprochen.
Dr. Kastner, worin bestehen Ihre Aufgaben als neue Ordinariatsrätin und Hauptabteilungsleiterin Kunst und Kultur?
Birgit Kastner: Als Hauptabteilungsleiterin Kunst und Kultur unterstehen mir das Diözesanmuseum, die Domtouristik, die Kunstdenkmalpflege und die Bibliothek des Metropolitankapitels, das heißt die wissenschaftliche Bibliothek. Als Ordinariatsrätin bin ich Mitglied der Ordinariatskonferenz, dem obersten Entscheidungsgremium des Erzbistums. Spektakulär ist, dass in diesem bisher nur mit Männern besetzten Gremium nun drei Frauen Mitglied sind. Das Erzbistum Bamberg folgt damit dem Anliegen des „Synodalen Wegs“, das heißt des Reformprozesses, der unter anderem die Stärkung der Position der Frau in der katholischen Kirche verfolgt. Das Hauptaugenmerk meiner Stelle liegt seinerseits darauf, die Rolle der katholischen Kirche und des Erzbistums Bamberg in der Gesellschaft präsent zu halten und unser kulturelles Erbe zu bewahren und zu vermitteln.
Was bereitet Ihnen mehr Freude: Die Verwaltungsaufgaben als Ordinariatsrätin oder die kulturelle Arbeit der Hauptabteilungsleiterin?
Birgit Kastner: Beides hat faszinierende Aspekte, die für die Gesamttätigkeit sehr wichtig sind. Der Bereich als Ordinariatsrätin, wo ich an großen Prozessen des Bistums teilhaben kann, ist faszinierend und hat eine große Verantwortung, denn in diesem Bereich habe ich die Möglichkeit, die Rolle von Kunst und Kultur im Erzbistum zu stärken und gestalterisch an Strukturprozessen oder Neuausrichtung mitwirken. Als studierte Kunsthistorikerin liegt mir der tägliche Umgang mit der Kunst und die Erhaltung und Vermittlung von Kulturerbe natürlich besonders am Herzen. Am meisten freue ich mich darauf, Akzente mit zeitgenössischer Kunst zu setzen, Kontakt mit zeitgenössischen Kulturschaffenden zu haben. Ich möchte, dass es einen Dialog gibt zwischen zeitgenössischer Kunst und dem, was wir im Bestand haben, also in Museum und Kirchen.
Sie haben die Stelle seit Anfang November 2020 inne. Wie sieht Ihr Fazit bisher aus?
Birgit Kastner: Als ich die Stelle antrat, war meine erste Amtshandlung, wegen der Corona-Pandemie das Diözesanmuseum schließen zu müssen. Unter Pandemiebedingungen kann man nicht mit herkömmlichen Erwartungen arbeiten, entsprechend schwer ist ein Fazit. Wie der gesamte Kulturbetrieb fahren auch wir auf Sicht.
Wird sich eine Handschrift in der kulturellen Ausrichtung des Erzbistums erkennen lassen? Welche Linien möchten Sie verfolgen?
Birgit Kastner: Mir ist es wesentlich, unser kulturelles Erbe zukunftsfähig zu machen. Das heißt, Kontextualisierung und Resonanzen zu schaffen zwischen dem, was die Kirche aus ihrer mehrere tausend Jahre alten Geschichte mitbringt und dem, was Kirche, Kunst und Kultur heute bedeutet.
Via Lewandowskys letztjährige Installation “Good/God” zwischen den Türmen des Doms hat im wahrsten Sinne des Wortes in die Stadt hineingestrahlt. Planen Sie Ausstellungen in ähnlicher Größenordnung?
Birgit Kastner: Ausstellungen, die mit einem so großen kuratorischen und finanziellen Aufwand einhergehen, sind Ausstellungen, die nicht jedes Jahr stattfinden können. Was ich wegweisend an dieser Ausstellung fand, war der Dialog mit zeitgenössischer Kunst und unserem Sammlungsbestand. Das soll auf alle Fälle wiederholt werden, das gehört zu meinen festen Vorsätzen. Kunst und Kultur des Erzbistums soll nicht nur im Bamberger Diözesanmuseum verortet und sichtbar sein, sondern die Hauptabteilung soll an vielen Stellen sichtbar werden. “Good/God” war ganz signifikant ein Zeichen, das in die Stadt hinaus gestrahlt hat. Wir werden auch in Zukunft den Austausch und den Dialog mit zeitgenössischen Künstlern suchen, auch um über das Erzbistum hinaus sichtbar zu sein.
Wie groß ist die Bereitschaft der zeitgenössischen Kunst, mit der Kirche, die nicht unbedingt für das Zeitgenössische steht, zu kooperieren?
Birgit Kastner: Das halte ich für eine Fehleinschätzung. Sehr viele zeitgenössische Künstler sind bekennende Christen oder arbeiten im sakralen Raum. Zahlreiche documenta-Künstler zum Beispiel oder hier in Bamberg Markus Lüpertz oder Rui Chafes.
Kunst zu erzeugen, ist sehr oft die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Schicksal – Fragen, die sich aufgrund ihres existenziellen Charakters sehr oft mit Glauben auseinandersetzen.
Gerade im Bereich der sakralen Kunst gibt es sehr viele zeitgenössische Themen wie Kirchenfenster, Kirchenausstattung oder viele prominente Beispiele moderner Kirchenarchitektur. Die Kirche hat eine große Tradition als Auftraggeber für Kunst. Die Verbindung zwischen Kunst und Kirche, die Rolle der Kirche für Kunst und Gesellschaft war für Europa über Jahrhunderte identitätsstiftend. An diese Rolle gilt es anzuknüpfen.
Was ist kulturell in der Hauptabteilung Kunst und Kultur für 2021 geplant?
Birgit Kastner: Wir werden 2021 keine neuen Ausstellungen haben. Wir werden die Zäsur der personellen Neuaufstellung und der Schließungen zur Neukonzeption nutzen. Ich stelle mich zusammen mit meinen Abteilungsleitungen neu auf. Wir arbeiten intensiv daran, alternative Möglichkeiten der Kunst- und Kulturbegegnung zu schaffen, das ist unser Hauptaugenmerk. Zum Beispiel entwickeln und erweitern wir unsere digitalen Angebote. Wir prüfen, was wir online umsetzen können. Als Hauptabteilungsleiterin Kunst und Kultur bin ich auch für das Heinrichsfest verantwortlich – dabei fragen wir uns, wie wir dieses Format in die Zukunft bringen oder es pandemietauglich machen können.
Extrameile für Kunst
Spendenempfänger des Benefizlaufs stehen fest
Mit dem Benefizlauf „#extrameilefuerkunst“ am 31. Dezember vergangenen Jahres organisierte der Stadtverband für Sport einen besonderen Jahresabschluss. Sportlerinnen und Sportler waren aufgerufen, die Laufschuhe zu schnüren und möglichst viele Kilometer zu laufen. Jetzt stehen die Kunst- und Kulturschaffenden, die sich auf Spenden aus dem Benefizlauf freuen können, fest.
Die unter der Leitung von Wolfgang Reichmann, erster Vorsitzender des Stadtverbandes für Sport, zusammengestellte Jury hat sich für folgende Kulturschaffende entschieden: Die Kulturfabrik (Kultur- und Kunstprogramme gemeinsam mit Menschen mit Handicap zur Integrations- und Kulturarbeit), Nevfel Cumart (Schriftsteller, Referent, Übersetzer, Journalist, Literaturlesungen unter anderem auch in Schulen), Stephan Bach (Schauspieler und Mitglied im Theater im Gärtnerviertel), Nina Lorenz (mit dem Theater im Gärtnerviertel bietet sie Kultur auf höchstem Niveau), Gerrit Zachrich (seit 20 Jahren Leitung des Odeon- und Lichtspielkinos mit Filmen auf hohem Niveau), Martin Neubauer (als Soloselbstständiger Leiter des Brentano-Theaters), Werner Kohn (Fotograf, in zahlreichen Bamberg-Büchern vertreten), Dirk Bayer (Theaterpädagoge, Erziehungsarbeit vor allem in Schulen), Michael Cleff III. (Maler, hat sich vor allem durch Portraits einen Namen gemacht). Jeder von ihnen darf sich über 1.000 Euro freuen.
Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen
Wolfgang Reichmann: „Mit dieser Summe soll den von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffenen Künstlern zumindest ein bisschen geholfen werden. Und das zu Recht, denn durch die Pandemie ist die Existenz vieler Selbstständiger in großer Gefahr. Zudem konnten wir den Sportsgeist wecken, vor allem nach den „gewichtsträchtigen“ Feiertagen um Weihnachten. Allerdings bitte ich – auch im Namen der gesamten Jury – um Nachsicht, dass nicht alle, die wir auf dem Zettel hatten und die durchaus eine Unterstützung benötigt hätten, zum Zuge kommen konnten.“ Der Jury gehörten neben dem ersten Vorsitzenden des Stadtverbandes folgende Personen an: der Dritte Bürgermeister der Stadt Bamberg Wolfgang Metzner, die städtische Referentin für Kultur und Welterbe Ulrike Siebenhaar, Carmen Eberhardt vom Hauptgeldgeber und Automobilzulieferer Brose sowie Wolfgang Heyder, Veranstaltungsmanager und Sportfunktionär. Nachdem Wolfgang Reichmann die frohe Kunde an die Empfänger der Spende übermittelte, wurde der ehemalige Lehrer von den liebevoll und zum Teil euphorisch verfassten Reaktionen förmlich überwältigt. „Wir haben mit dem Spendenlauf, das ist ganz deutlich geworden, voll ins Schwarze getroffen. So war es für die vielen Läuferinnen und Läufer, die Sponsoren und die Helfenden vom Stadtverband und von unserem Kooperationspartner FC Eintracht Bamberg eine Win-Win-Situation.“
Das große Ziel des Laufes war eine Gesamtlaufstrecke von 5.000 Kilometern gewesen. Es hatte vor dem Lauf geheißen, wenn diese Marke erreicht werde, spende der Automobilzulieferer Brose 5.000 Euro. Zudem stellte die Metzgerei Böhnlein aus Bamberg spontan am Lauftag 3.000 Euro und der Wirtschaftsclub Bamberg als Laufpate 1.000 Euro zur Verfügung. Das Endergebnis übertraf alle Erwartungen bei Weitem. Zum Zeitpunkt der finalen Ergebnisermittlung am Neujahrsabend notierten die Zähler 13.849,05 Kilometer mit 1.160 Teilnehmenden.
Extrameile für Kunst
„Keine Spende geht verloren“
Nach dem Silvester-Benefizlauf wollten mehrere Privatpersonen zugunsten der Kunst spenden. Der Stadtverband für Sport teilte mit Verweis auf seine Satzung mit, dass diese Einzelspenden nicht angenommen werden könnten. Nun wurde eine Lösung gefunden.
Der vom Stadtverband für Sport am 31. Dezember vergangenen Jahres durchgeführte Benefizlauf „#extrameilefuerkunst“ geht in die Verlängerung. Mehrere Spendenangebote von Privatpersonen beziehungsweise entsprechende Anfragen liegen dem Stadtverband vor, „die Spendenbereitschaft lässt nicht nach und ist ungebrochen. Und noch heute, fünf Tage nach dem Lauf, erreichen uns Mitteilungen über Laufstrecke und Laufdistanz sowie Spendenzusagen“, zeigte sich Wolfgang Reichmann gestern überglücklich.
Bereits am Sonntag hatte der Vorsitzende des Stadtverbandes für Sport betont, dass die Spendenbereitschaft zeige, dass der Verband mit dem Spendenlauf den Nerv der Sportlerinnen und Sportler getroffen habe. Zudem sei sie ein Beleg dafür, dass der Sport und die Kultur zusammengehören. „Sie sind gut gemeint. Und wir persönlich finden es toll, dass Menschen für die aufgrund Corona in Not geratenen Kunstschaffenden spenden wollen. Diese Bereitschaft schätzen wir sehr. Allerdings können wir die Einzelspenden nicht annehmen. Der Stadtverband muss sich an seine Satzung halten.”
Diese Satzung nennt die Aufgaben des Stadtverbandes, in denen die Verteilung von Spenden an Kulturschaffende nicht abgedeckt ist. Zudem dürfen Mittel des Stadtverbandes nur für die satzungsgemäßen Aufgaben verwendet werden. Eine Nichtbeachtung dieser Regel würde die Gemeinnützigkeit in Frage stellen. Als Ausnahme wird der Stadtverband für Sport nur die Spenden über den Stadtverband abwickeln, die als sportlicher Anreiz im Vorfeld vereinbart waren, die 5.000 Euro von der Firma Brose und die als Wettpate angekündigten 1.000 Euro vom Wirtschaftsclub Bamberg. Als einzige Ausnahme werden noch 3.000 Euro der Metzgerei Böhnlein hinzugenommen, die die Firma kurz nach dem Lauf ankündigte zu spenden. „Diese drei Spenden haben wir im Sinne des Sports und der Kultur als direkte Hilfe angenommen. Aber mehr geht leider beim besten Willen nicht, mehr können wir rechtlich nicht verantworten. Hierfür darf ich um Verständnis bitten”, so Reichmann.
Jetzt wurde jedoch eine Lösung gefunden, wie Einzelspenden der Kunst zugeführt werden können.
Der erste Vorsitzende des Stadtverbandes macht auf die Möglichkeit aufmerksam, die dem Stadtverband angebotenen Spenden der Stadt Bamberg zuzuleiten. „Diese hat im vergangenen Jahr das Projekt „Köpfe für die Kultur“ initiiert. Dort können Spendenwillige mit ihrem Gesicht zeigen, dass ihnen die Kultur am Herzen liegt. Wie es geht, ist einfach. Sie spenden Geld und lassen sich fotografieren. Mit ihrem Bild setzen die Spenderinnen und Spender ein Zeichen und unterstützen Künstlerinnen und Künstler für Projekte. Somit geht kein Euro verloren.“
Spendenkonto „Köpfe für Kultur“ steht zur Verfügung
Ulrike Siebenhaar, Referentin für Kultur und Welterbe der Stadt Bamberg: „Die Initiative des FC Eintracht Bamberg und des Stadtverbands Sport Bamberg, und vor allem der „Laufwille“ und die Begeisterung der vielen Sportlerinnen und Sportler in Bamberg, ist einfach großartig und ich danke sehr dafür. Auch wenn mittlerweile viele Förderprogramme von Bund und Land erfolgreich angelaufen sind, stehen nach wie vor viele Künstlerinnen und Künstler vor dem Nichts und wissen auch noch nicht wie es weitergeht. Ich danke auch den Spendern und Sponsoren, die den Benefizlauf so großzügig unterstützen. Die Stadt Bamberg hat im Frühsommer zur Unterstützung der lebendigen Kulturszene Bambergs das Spendenkonto „Köpfe für Kultur“ eingerichtet. Wer die Bamberger Kunst weiterhin direkt unterstützen möchte, kann gerne auch dort spenden.“ Mehr Informationen gibt es online unter https://www.koepfe-fuer-kultur.de
Die Bankverbindung für Spenden lautet: Sparkasse Bamberg, IBAN: DE71 7705 0000 0000 0057 77, Verwendungszweck: Köpfe für Kultur, extrameilefuerkultur. Der Stadtverband macht in diesem Zusammenhang auf den korrekten Verwendungszweck aufmerksam: Spender müssten unbedingt den Begriff ´extrameilefuerdiekunst‘ anfügen. Nur wenn dieser angegeben sei, könne das Kulturreferat die Spenden dem Benefizlauf vom 31. Dezember zuordnen. Und nur dann sei sichergestellt, dass die Kunstschaffenden, die von einer Jury ausgewählt werden, die im Zuge des Spendenlaufes eingegangenen Spendengelder auch erhalten. In den nächsten Tagen wird die Jury verbindlich feststehen und über die Vergabe der Spenden aus dem Benefizlauf entscheiden.
Extrameile für Kunst
Spendenlauf brachte mehr als 13.000 Kilometer
Das Endergebnis des vom Stadtverband für Sport organisierten Spendenlaufs zugunsten der Kunst liegt vor. Alle Erwartungen wurden bei der gestrigen Veranstaltung bei Weitem übertroffen.
Das finale Ergebnis, das um 19:27 Uhr feststand, hatte eine Dimension, die niemand erwartet hatte: Insgesamt wurden 13.849,05 Kilometer gelaufen, dem Ruf des Stadtverbandes folgten 1.160 Teilnehmende. Stadtverbands-Vorstandschef Wolfgang Reichmann konnte es nicht fassen: „Wenn ich diese Zahlen sehe, dann bin ich einfach nur überglücklich und fassungslos, aber im positiven Sinne.” Unterstützt wurde der Stadtverband für Sport vom FC Eintracht Bamberg als Kooperationspartner. Dessen Vorstandsmitglied Sascha Dorsch zeigte sich sprachlos: „Was an Silvester und Neujahr passiert ist, hat mich verstummen lassen. Nie hätten wir mit dieser Resonanz gerechnet. Wir haben so viele Dankesmails bekommen, ich denke, wir haben da einen Nerv getroffen. Von daher bin ich wirklich berührt, wie stark sich die Stadt und die Region hier mit den Kunstschaffenden solidarisch zeigen. Ich habe im persönlichen Gespräch öfter gehört, dass es den Läufern/innen eine Herzensangelegenheit war, den Kunstschaffenden ein Zeichen zu geben, dass sie nicht alleine sind und viele Sportler und Bürger der Stadt hier helfen wollen.”
Beim „#extrameilefuerkunst“ rief der Stadtverband am 31. Dezember Sportlerinnen und Sportler auf, die Laufschuhe zu schnüren und zusammen mindestens 5.000 Kilometer zu laufen. Die Laufbereitschaft war kaum noch zu toppen, so dass der Stadtverband mit seinem Kooperationspartner FC Eintracht Bamberg am Lauftag um 15:38 Uhr in Jubelstürme ausbrach: „Da wurde die magische Zahl durch bockstarke 60 Kilometer von Daniel Hofstätter geknackt, der Kerl lief nämlich sage und schreibe 60 Kilometer. Unglaublich”, so ein völlig perplexer Wolfgang Reichmann. Jetzt sind vom Automobilzulieferer Brose 5.000 Euro fällig – diese hatte das Unternehmen in Aussicht gestellt, wenn 5.000 Kilometer gelaufen werden. „Mit dieser Summe soll den von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffenen Kunstschaffenden geholfen werden. Dass die Aktiven uns jedoch, um es locker zu formulieren, die Bude eingerannt haben, ist Wahnsinn. Viele aus unserem Team haben am Silvestertag noch nach 22 Uhr gezählt, und am Neujahrstag wurden bis kurz vor 19 Uhr die eingegangenen Meldungen ausgewertet. Man darf nicht vergessen, dass sogar noch am frühen Abend des 1. Januar gelaufene Kilometer gemeldet wurden.”
„Gefühlt ist ganz Bamberg und die Region auf den Beinen”
Um 9 Uhr am Silvestertag ging es los mit dem Erfassen der ersten eingegangenen Meldungen. Kurz nach 13 Uhr hieß es aus dem Zählzentrum: „Wahnsinn…! Gefühlt ist ganz Bamberg und die Region auf den Beinen. Mittlerweile stehen wir bei 2.800 Kilometer. Nur noch 2.200 km bis zum großen Ziel.” Gegen 15 Uhr meldete der Moderator der Facebookseite: „Fast 4.000 Kilometer schon. Leute, ihr seid wahnsinnig, wir arbeiten aktuell an vier Rechnern parallel und kommen nicht mehr hinterher. Danke an alle Läufer*innen.”
Eine Vielzahl von aufmunternden Dankesworten
Bis dahin waren nicht nur Bamberg und die Region beim Laufen, sondern auch Menschen außerhalb der Weltkulturerbestadt: Erlangen, Nürnberg, aus dem Allgäu, Lörrach, Karlsruhe, Berlin, Cottbus – die Meldungen der gelaufenen Kilometer zugunsten der Kunstschaffenden kannten keine Grenzen. Die Folge: die Vorstandsmitglieder des Stadtverbandes – Wolfgang Grader, Robert Hatzold, Heinz Kuntke, Wolfgang Reichmann und Mäx Zillibiller sowie die den Verband in Webangelegenheiten unterstützende Sibylle Kretzschmar – hatten beim Auszählen alle Hände voll zu tun. „Völlig klar ist auch, dass der Stadtverband ohne die Mitarbeit des FC Eintracht Bamberg das alles niemals hätte stemmen können. Nicht vergessen dürfen wir daher dessen Leute Abi Baskaran, Sascha Dorsch und Niklas Rajczyk”, dankt Vorsitzender Reichmann neben seinen Vorstandsmitgliedern auch den Helfern des FCE.
Alle, die mitgearbeitet haben, können Geschichten erzählen: Von Maximilian, der die ersten Kilometer zum Bäcker und zurückgelaufen ist, um dann noch gute acht Kilometer zusätzlich beizusteuern und – wohl auf den Hund gekommen – von diesem begleitet wurde, dessen vierbeinige Kilometer jedoch nicht angerechnet wurden. Vom kleinen Joschua, der einen Kilometer lief, was der Stadtverband kommentierte mit: „Was sagt Jack im Film Titanic? Weil jeder Tag zählt. In diesem Fall zählt jeder Kilometer”. Von Peter, der mit seinem Arbeitskollegen Robert vier Kilometer lief und dann alleine fast zehn weitere Kilometer folgen ließ. Von Thomas, der seine Leistung von gut 21 Kilometern selber als „kleinen Beitrag” bezeichnete. Von Ben aus der U12 des FC Eintracht Bamberg mit gut zehn Kilometern. Von Stefanie, die gegen 11 Uhr als 100. laufende Person erfasst wurde. Von Jasmin, die als gebürtige Bambergerin ihren Beitrag von gut acht Kilometern im Allgäu beisteuerte. Von Thomas, für den es aus dienstlichen Gründen eine Pflicht war, mitzulaufen und der gute 15 Kilometer auflegte. Von Sven, der einen Marathon mit 42 Kilometern beisteuerte. Von Natalie, die in der Datenbank als tausendste Teilnehmende erfasst wurde. Die Liste der unglaublich erbrachten Laufleistungen ließe sich schier endlos fortführen. „Aber nicht nur die gemeisterten Kilometer wurden gemeldet, uns erreichten auch eine Vielzahl von aufmunternden Dankesworten. Daher auf diesem Weg nochmals großes Kompliment an alle Läuferinnen und Läufer, verbunden mit der Zusicherung, dass wir sie tatsächlich alle gelesen haben”, lässt Reichmann wissen.
Hektischer Jahreswechsel
Der ehemalige Lehrer hat zudem noch eine Bitte an alle Laufenden: „Bei so einer extrem großen Resonanz und bei einem im Verhältnis betrachtet kleinen Team dauerte das Zählen und Erfassen deutlich länger als vorgesehen. Vielleicht ging auch mancher Post auf Facebook unter, vielleicht ist mancher Name nicht korrekt geschrieben worden, vielleicht wurde auch die eine oder andere Laufleistung der verkehrten Person zugeteilt. Das passiert nun mal, hierfür bitte ich im Namen des Stadtverbandes und unseres Partners FC Eintracht Bamberg um Nachsicht.“ Auch für Sascha Dorsch waren die letzten Tage arbeitsintensiv: „Das war der hektischste Jahreswechsel, den ich je erlebt habe. Ich war zwei Tage unter „Strom”. Danke auch mal an meine Familie, dass sie solche Aktionen immer mitträgt – es sind übrigens auch alle mitgelaufen. Sie wissen ja, dass der Papa da etwas spinnt”.
Triathlet Chris Dels generiert 1.000 Euro Prämie
Dem Ruf zu Laufen folgten auch viele bekannten Gesichter der Region. Triathlet Chris Dels gewann eine Wette gegen den Wirtschaftsclub Bamberg: Der 36-Jährige lief 20 Kilometer am Stück, dafür gibt es zu den 5.000 Euro der Firma Brose zusätzlich 1.000 Euro vom Wirtschaftsclub. Dessen Vorsitzender Wilfried Kämper zahlt das Geld gerne aus, denn „eines der Grundanliegen des Wirtschaftsclubs Bamberg ist die Unterstützung und die Zusammenarbeit aller Unternehmer in Bamberg. Dies gilt natürlich auch besonders in der aktuellen Situation.“ Seinen Beitrag zu den 5.000 Kilometern leistete unter anderem auch Wolfgang Metzner – Bambergs dritter Bürgermeister hatte Wochen vor dem Lauf seine Zusage gegeben und lief mit. „Alleine jedoch werde ich die 5.000 Kilometer nicht schaffen”, hieß es vor Weihnachten in der humorvoll verpackten Zusage. Metzners Amtskollege Jonas Glüsenkamp hatte sich ebenfalls in die Schar der Aktiven eingereiht. Stadtverbandsvorstandsmitglied Robert Hatzold augenzwinkernd: „Vielleicht ist der Lauf neben dem Dienen einer guten Sache für Jonas Glüsenkamp und Wolfgang Metzner auch eine Abwechslung zur bestimmt nicht immer vergnügungssteuerpflichtigen Kommunalpolitik”.
Fußball Bayernligist FC Eintracht Bamberg leistete seinen Beitrag und ließ seine Spieler Simon Kollmer, Tobias Linz, Marc Reischmann und Tobias Ulbricht Fußballschuhe mit Laufschuhen tauschen und schickte sie auf die Strecke. Damit jedoch nicht genug: Flügelflitzer Linz lief gut zehn Kilometer im Trikot des Drittligisten TSV 1860 München, was den ehemaligen FCE-Fußballer Alexander Deptalla zu einer weiteren Spende von 100 Euro veranlasste. Am Start waren zudem unter anderem die ehemalige Langstreckenläuferin Ingalena Heuck, Kabarettist Mäc Härder, Nachwuchsspieler und Mitarbeitende aus der Verwaltung von Basketball Bundesligist Brose Bamberg, Jonas Ochs von „Bambägga“, Landtagsabgeordnete Ursula Sowa und Stadträtin Daniela Reinfelder.
Fachjury entscheidet im Januar über die Verteilung der Gelder
Wie genau lief der Tag ab? Am Silvestertag konnten ab 5 Uhr am Morgen bis 21 Uhr am Abend alle Teilnehmenden ihr läuferisches Vorhaben in Angriff nehmen. Die Laufstrecke und die Uhrzeit konnte selbst bestimmt werden. Von der Strecke oder vom Ziel musste sozusagen ein Beweisfoto von dem Läufer mit den Angaben zu den zurückgelegten Kilometern an den Stadtverband für Sport gesendet werden, welches auf der Facebookseite veröffentlicht wurde. Neben der sportlichen Leistung galt es jedoch auch, die aufgrund der Corona-Pandemie verhängten staatlichen Regelungen zu beachten. Stadtverbandsvorsitzender Wolfgang Reichmann: „Wer gelaufen ist, hat sich völlig korrekt verhalten, denn Individualsport war und ist ja erlaubt. Nur an die Ausgangssperre zwischen 21 Uhr und 5 Uhr musste sich gehalten werden.” Jetzt geht es darum, die Spendensumme von 6.000 Euro, die sich durch zusätzliche Spenden noch erhöht, zu verteilen. Hierfür wird derzeit eine mehrköpfige Jury zusammengestellt. Diese soll noch in diesem Monat entscheiden, wer aus dem Finanztopf in welcher Höhe unterstützt wird.